4 Minuten Lesezeit 27 Mai 2019
Junger Mann fährt mit E-Scooter über Brücke

Mobilität von morgen: Wie Deutschland die Verkehrswende schafft

Autoren

Constantin Gall

Managing Partner Transaction Advisory Services & Leiter Mobility | Deutschland, Schweiz, Österreich

Constantin Gall blickt auf über 14 Jahre Erfahrung in der Transaktionsberatung und Automobilbranche zurück. Er selbst ist ein Autoenthusiast, der gerne mit Familie und Freunden reist.

Bernhard Lorentz

Leiter Government & Public Sector | Deutschland, Schweiz, Österreich

Political Animal und professioneller Optimierer des Staates mit Leidenschaft für Wirkung. Begeisterter Berliner, wo er mit Familie lebt und Hockey spielt – nach 15 Jahren Rugby-Bundesliga

4 Minuten Lesezeit 27 Mai 2019

Soll das Großprojekt gelingen, müssen viele Partner an einem Strang ziehen und umdenken. Das fängt bei jedem Einzelnen von uns an.

Das Konzept der autofreundlichen Stadt der 1960er Jahre hat ausgedient. Staus und die ständige Suche nach einem Parkplatz sind für viele Autofahrer ein tägliches Ärgernis. Nicht nur in Deutschland drohen die Städte am wachsenden Verkehr zu ersticken. Die Luftverschmutzung ist schon seit Jahren ein Dauerthema. Viele Städte sehen sich gezwungen, Diesel-Fahrverbote zu verhängen.

Sind neue Verkehrskonzepte die Lösung?

Immer mehr Menschen zieht es in die Städte mit ihren spannenden Jobs, unzähligen Einkaufsmöglichkeiten, Kulturangeboten und Restaurants. Bis 2050 werden 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Allein der Personenverkehr in den Städten wird sich bis 2050 verdoppeln. Gütertransporte, angefangen mit den Paketdiensten bis zum Lieferverkehr für Geschäfte und Restaurants, sind da noch gar nicht mit eingerechnet. Der öffentliche Nahverkehr ist vielerorts jetzt schon am Limit. Mehr denn je sehen sich die Städte gezwungen, über neue Verkehrskonzepte nachzudenken. Wohlklingende, aber wenig konkrete Ratschläge wie mehr Digitalisierung helfen da nicht weiter. Ebenso wenig lassen sich erfolgreiche Konzepte aus anderen Städten einfach kopieren, da sich die Rahmenbedingungen vielerorts unterscheiden. Gefragt sind individuelle und praktikable Lösungen, mit gleichzeitig nachhaltiger Wirkung

Klar ist, dass der Individualverkehr in Städten reduziert werden muss – dies nicht nur wegen der Umweltwirkungen, sondern auch schlicht wegen Flächenmangel. Die Zeiten, in denen die meisten allein mit ihrem Auto zur Arbeit fahren, werden bald der Vergangenheit angehören. Diese Verkehrswende erfordert ein Umdenken – nicht nur von Städten und Mobilitätsdienstleistern, sondern von jedem Einzelnen von uns. Um die Autofahrer zu überzeugen, ihre über Jahre und Jahrzehnte gelebten Verhaltensmuster zu verändern, müssen neue Mobilitätskonzepte einen klaren Vorteil bieten. Sie müssen bequem, schnell, sicher und bezahlbar sein. Der Fokus auf die Innenstädte greift hierbei zu kurz. Angesichts des steigenden Pendlerverkehrs müssen auch die Speckgürtel und Metropolregionen einbezogen werden.

Den Städten geht es bei neuen Mobilitätskonzepten vor allem um weniger Individualverkehr.
Prof. Dr. Bernhard Lorentz
Leiter Government & Public Sector | Deutschland, Schweiz, Österreich
Mit einer App durch ganz Deutschland

Wer heute sein Auto stehen lässt und alternative Wege sucht hat es nicht immer leicht: Busse und Bahnen, Carsharing, Mietfahrräder, Taxis oder Mitfahrgelegenheiten nutzen ihre eigenen, meist geschlossenen Systeme. Um die Angebote zu vergleichen und die individuell optimale Lösung zu finden, müsste jeder Nutzer Dutzende Apps auf sein Smartphone laden und durchforsten.

Statt vieler einzelner sind übergreifende Konzepte gefragt, die private Anbieter, den öffentlichen Nahverkehr und die dazugehörige Infrastruktur transparent und nutzerfreundlich verknüpfen. Für die Fahrgäste sollen in Zukunft wenige Klicks genügen, um ohne eigenes Auto durch das ganze Land zu reisen. Hier wird Digitalisierung konkret. Schließlich lassen sich die verfügbaren Kapazitäten und die Nachfrage der Endkunden am sinnvollsten über zentrale Plattformen steuern. Das setzt neben gemeinsamen Technologien und Schnittstellen die politische Bereitschaft voraus, öffentliche und private Angebote zu bündeln.

Die Frage ist nur: Wer macht‘s? Für die Städte hätte es viele Vorteile, die Steuerung selbst in die Hand zu nehmen. Sie behielten damit nicht nur die Zahlungsströme in der Hand. Aus den gewonnenen Daten über Auslastung, Verkehrsfluss und Bewegungsprofile ließen sich Verkehrsströme in Echtzeit steuern. Außerdem machen die Daten Rückschlüsse auf Lücken im öffentlichen Nahverkehr, benötigte Radwege sowie ungenutzte oder überlastete Parkplätze möglich und könnten somit die Stadt- und Verkehrsplanung verbessern.  

Weniger Verkehr – leicht gemacht

Mit digitaler Technik lässt sich zudem das Verkehrsaufkommen reduzieren. Beispiel Parkplatzsuche: Je nach Zählweise machen die endlosen Runden um den Block zwischen 18 und 30 Prozent des gesamten Verkehrs in den Städten aus. Intelligente Parkkonzepte, wie sie etwa die Stadt Bonn einsetzt, melden über Sensoren im Boden freie Parkplätze und leiten den Fahrer über eine App gezielt dorthin. Das spart den Autobesitzern Zeit, Nerven und Kraftstoff. Weniger Verkehr und Abgase machen die Stadt für ihre Bewohner lebenswerter. Gleichzeitig müssen sich die Städte dann wieder Konzepte überlegen, wie sie verhindern, dass angesichts der entspannteren Parksituation wieder mehr Pkw in die Innenstadt fahren.

Die Städte selbst und ihre Eigenbetriebe als Parkraumbewirtschafter, die EY zu Smart Parking berät und begleitet, könnten mit derart intelligenten Parksystemen Berechnungen zufolge nicht nur mehr als ein Fünftel der Kosten für Ticketautomaten, Wartung und Kontrollen sparen. Auch die laufenden Einnahmen könnten um bis zu ein Drittel steigen, wenn die Ticketpreise je nach Auslastung variieren, vorhandene Parkplätze optimal ausgenutzt und Falschparker über das Echtzeit-Monitoring sofort entlarvt werden.  

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Verkehrswende ist der Einsatz selbst fahrender und abgasfreier Fahrzeuge. Auch wenn die Entwicklung autonomer und emissionsfreier Fahrzeuge noch in der Testphase steckt, zeigen Pilotprojekte und Studien bereits das enorme Potenzial. Eine Studie des International Transport Forum (ITF) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kommt zu dem Ergebnis, dass in Portugals Hauptstadt Lissabon neun von zehn Pkw obsolet werden, würden alle Stadtfahrten von autonomen Shuttle-Bussen übernommen.

Bessere Luft in Städten

Angesichts der Debatte um Fahrverbote wegen zu hoher Stickoxidwerte setzen einige Städte bereits auf digitale Sensoren zur Messung der Luftqualität. Statt mit wenigen Messpunkten werden über die gesamte Stadt verteilt in Echtzeit Daten erfasst und an eine zentrale Datenplattform weitergeleitet. Eine Künstliche Intelligenz (KI) kombiniert diese mit Wetter- und Verkehrsdaten und schlägt Gegenmaßnahmen vor, um Straßensperrungen zu vermeiden. So könnten beispielsweise bei erhöhter Schadstoffbelastung die Preise für Busse und Bahnen billiger gemacht oder der Verkehr umgeleitet werden. Solche Maßnahmen erfordern von den Städten strategische Überlegungen, die nicht nur den Verkehr einbeziehen, sondern auch die Energiewirtschaft und die Industrie. Es geht darum, Prioritäten zu setzen bei der Nutzung von Flächen und die Zuständigkeiten neu zu denken. EY konnte hier im Zuge kommunaler Digitalisierungs- und Smart City-Strategien bereits einige deutsche Städte beraten.

Verkehrswende als Gemeinschaftswerk

Wollen wir uns in Zukunft bequem und kostengünstig fortbewegen, müssen und werden neue Mobilitätskonzepte entstehen, in denen die bestehende Infrastruktur und vorhandenen Fahrzeuge effizienter genutzt werden. Damit die Verkehrswende gelingt, müssen viele Partner an einem Strang ziehen: Bund, Länder, Stadtverwaltung, Unternehmen, Energieversorger, wichtige Verbände und die Automobilhersteller. Ausschlaggebend für den Erfolg wird sein, alle Akteure an einen Tisch zu bringen und überparteilich und transparent zu koordinieren.

In Hamburg entwickelt ein EY-Team beispielsweise einen Mobilitätsmarktplatz für Mitarbeiter in Unternehmen. Dieser koordiniert Angebot und Nachfrage und zeigt effiziente wie kostengünstige Lösungen auf. Und schließlich bringen wir die öffentliche Hand, Mobilitätsanbieter und Unternehmensvertreter zusammen, um neue, innovative Angebote zu schaffen. Diese sollen auf die Bedürfnisse der Unternehmen zugeschnitten sein und Hand in Hand gehen mit verkehrs- und abgasreduzierenden Maßnahmen der Stadtentwicklung.

Nur wenn Verwaltung, Wirtschaft und Bürger in den Kommunen frühzeitig und umfassend eingebunden sind, werden die Konzepte auch akzeptiert und ihre Umsetzung vorangetrieben. Dabei muss es genug Raum geben für Diskussionen, aber auch den politischen Willen, klare Entscheidungen zu treffen.

Fazit

Die Verkehrswende ist ein Gemeinschaftswerk. Nur wenn Industrie, Politik, Städte und Gemeinden, aber auch jeder Einzelne seinen Beitrag leistet, wird die neue Mobilität ein Erfolgsmodell.

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Constantin Gall

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Constantin Gall blickt auf über 14 Jahre Erfahrung in der Transaktionsberatung und Automobilbranche zurück. Er selbst ist ein Autoenthusiast, der gerne mit Familie und Freunden reist.

Bernhard Lorentz

Leiter Government & Public Sector | Deutschland, Schweiz, Österreich

Political Animal und professioneller Optimierer des Staates mit Leidenschaft für Wirkung. Begeisterter Berliner, wo er mit Familie lebt und Hockey spielt – nach 15 Jahren Rugby-Bundesliga