5 Minuten Lesezeit 21 Juni 2019
Rinspeed Auto

„Die Autowelt von morgen ist ein Mobilitätsökosystem“

Das Auto als Kino oder Lounge? Im Interview spricht Peter Fuß über Roboter-Busse, digitale Plattformen und wer künftig noch tanken fährt.

EY: In Science-Fiction-Filmen können Autos fliegen. Ein Blick in die Städte zeigt, wie weit wir davon entfernt sind: Autos stehen mehr als dass sie sich bewegen, Parkplätze sind Mangelware, es droht der Verkehrs-Kollaps. Umweltauflagen und Fahrverbote sollen die Luftverschmutzung eindämmen. Hersteller und Zulieferer, aber auch große Technologiekonzerne investieren daher viel Geld in Elektroautos und autonomes Fahren. Wie werden wir künftig unterwegs sein?

Peter Fuß: Es wird in Zukunft nicht die eine Mobilität geben. Ob in der Stadt, im Speckgürtel oder auf dem Land, ob für Singles oder Familien – das Angebot wird vielschichtiger werden und sich den Bedürfnissen der Nutzer anpassen. In vielen Städten wird der Verkehr heute schon stark reguliert, aus Platzmangel oder aus umweltpolitischen Zwängen. Gerade Städte sind daher offen für neue Lösungen wie Car sharing, Elektrobusse, autonom fahrend Shuttle oder Elektro-Roller. Auch die Kunden verändern sich. Die jüngere Generation ist nicht mehr so emotional mit dem Auto verbunden. Sie gibt ihr Geld eher für das neueste Smartphone aus als für den Führerschein. Sie möchte nutzen, sich aber nicht binden.

Wenn der Roboter fährt und sich das Auto mit der Umwelt vernetzt, braucht es dann noch Lenkrad, Gaspedal und Bremse?

Das Auto von morgen gleicht vielleicht eher einem Wohnzimmer mit gemütlichen Ledersesseln, Schlafliege, Holzfußboden und Kaffeemaschine. Um zu zeigen, was künftig möglich sein wird, arbeiten wir seit 2013 mit der Schweizer Ideenschmiede Rinspeed zusammen. EY bringt eine jahrelange Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit Herstellern und Zulieferern sowie aktuelle Trends aus unserem weltweiten Netzwerk ein. Rinspeed setzt die Visionen mit seinem technischen Know-how in immer neue Konzeptfahrzeuge um.

Auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas wurde der „Snap“ vorgestellt. Das elektrisch angetriebene Fahrzeug kann mit verschiedenen, austauschbaren Aufbauten kombiniert werden. Morgens bringt es als autonomer Shuttle Menschen zur Arbeit. Danach nutzen es Paketzusteller als Logistikfahrzeug. Am Nachmittag wird der „Snap“ zur mobilen Arztpraxis, ehe er pünktlich zum Feierabend wieder als Shuttle zur Verfügung steht.

Autonomes Fahren

66 %

der Fahrer sind bereit, ihr Auto von einem Autopiloten steuern zu lassen, wenn sie das Steuer im Notfall übernehmen können.

Wenn der Roboter fährt und sich das Auto mit der Umwelt vernetzt, braucht es dann noch Lenkrad, Gaspedal und Bremse?

Das Auto von morgen gleicht vielleicht eher einem Wohnzimmer mit gemütlichen Ledersesseln, Schlafliege, Holzfußboden und Kaffeemaschine. Um zu zeigen, was künftig möglich sein wird, arbeiten wir seit 2013 mit der Schweizer Ideenschmiede Rinspeed zusammen. EY bringt eine jahrelange Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit Herstellern und Zulieferern sowie aktuelle Trends aus unserem weltweiten Netzwerk ein. Rinspeed setzt die Visionen mit seinem technischen Know-how in immer neue Konzeptfahrzeuge um.

Auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas wurde der „Snap“ vorgestellt. Das elektrisch angetriebene Fahrzeug kann mit verschiedenen, austauschbaren Aufbauten kombiniert werden. Morgens bringt es als autonomer Shuttle Menschen zur Arbeit. Danach nutzen es Paketzusteller als Logistikfahrzeug. Am Nachmittag wird der „Snap“ zur mobilen Arztpraxis, ehe er pünktlich zum Feierabend wieder als Shuttle zur Verfügung steht.

Wann wird der erste „Snap“ auf der Straße zu sehen sein?

Die Fahrzeuge, die wir mit Rinspeed entwickeln, sind Konzeptfahrzeuge  für Messen oder Präsentationen. Wir wollen damit zeigen, was möglich ist, Zukunft anfassbar machen und Denkanstöße geben. Wir haben nicht vor, selbst zum Autobauer zu werden. Das können andere viel besser.

Wem gehört solch ein Fahrzeug der Zukunft eigentlich? Und wer fährt an die Ladesäule zum Tanken?

Die Autowelt von morgen ist ein Mobilitäts-Ökosystem, in dem viele Partner ihren Beitrag leisten: Die Hersteller etwa bauen die Hardware, Technologiekonzerne entwickeln digitale Anwendungen, Städte schaffen Infrastruktur und Energieversorger die Ladestationen. Nahverkehrsbetreiber sorgen für Fahrpläne und Taktung, Flottenbetreiber organisieren Parken, Reinigen und Tanken, Banken kümmern sich um die Finanzierung, Versicherer regulieren Schäden und so fort. Gut möglich, dass die Fahrzeuge nicht mehr einer Person gehören, sondern vielen Nutzern gemeinsam oder Investoren. Die Eigentümer könnten durch Weitervermietung sogar an den Erlösen beteiligt werden.

 

Das Zusammenspiel so vieler Akteure muss organisiert werden. Wie kann das funktionieren?

Über Plattformen. Das Dilemma aber ist: Eine Plattform fällt nicht vom Himmel. Einer muss anfangen und möglichst viele Mitstreiter finden, um alle Funktionen abzudecken. Ist der Plattformbetreiber zu dominant, könnten andere Anbieter davor zurückschrecken, aus Angst, vereinnahmt zu werden und ihre Kundenbasis zu verlieren. EY hat mit „Tesseract“ daher selbst eine Mobilitäts-Plattform entwickelt, die auf Blockchain-Technologie basiert. Darin werden alle Fahrzeuge und Fahrten protokolliert und die nutzungsabhängigen Zahlungen für Hardware, Parkplatz oder Versicherung an die einzelnen Eigentümer, Betreiber und Serviceanbieter abgewickelt. Mit „Tesseract“ wollen wir einen Anschub geben und es unseren Kunden und anderen Anbietern erleichtern, auf dem Markt Fuß zu fassen und darauf aufzubauen.

  • Tesseract – Die EY-Plattform für integrierte Mobilität

    EY Tesseract ist unsere blockchain-basierte Plattform für die vernetzte und autonome Mobilität von morgen. Sie verknüpft einzelne Fahrzeuge, Flotten, Transportdienstleistungen und Mobilitäts-Angebote. Die genutzten Fahrzeuge und zurückgelegten Strecken werden digital in der Blockchain mitgeschrieben. So lassen sich Transaktionen automatisch zwischen den Besitzern, Anbietern und Dienstleistern abrechnen. Mit dieser übergreifenden Plattform können Fahrzeughersteller, Mobilitätsanbieter, Städte, Energieversorger oder Infrastrukturbetreiber gemeinsam neue Geschäftsmodelle rund um die Mobilität der Zukunft erschließen.

Ist in solchen Mobilitäts-Ökosystemen noch Platz für die traditionellen Automobilhersteller?

Durchaus. Um von A nach B zu kommen, benötigen wir weiterhin Fahrzeuge. Deshalb stimmen wir auch nicht in den Chor derjenigen ein, die den Niedergang der Autoindustrie besingen. Sicher ist aber, dass sich das Geschäftsmodell verändern wird. Künftig zahlen die Nutzer nicht für das Material des fahrbaren Untersatzes, sondern für Mobilität.

Die Autoindustrie bekommt dabei Konkurrenz von mehreren Seiten: Technologiekonzerne sind als neue Spieler auf dem Markt. Ihre Stärke ist die starke Bindung an ihre Kunden. Die traditionellen Autobauer hingegen haben nicht gelernt, direkt mit den Endkunden zu interagieren. Dafür hatten sie ihre Händler. Druck kommt auch aus China, wo viel Geld und Know-how in Elektromobilität fließt. Schließlich sind viele Zulieferer dazu übergegangen, in Eigenregie Elektroantriebe zu entwickeln. Sie werden damit vom einstigen Partner zu Konkurrenten der Hersteller. Doch die Autos der Zukunft brauchen durch ihren kürzeren Lebenszyklus mehr Service. Wenn sich die Fahrzeuge dann nicht mehr über Fahrspaß oder Technik definieren, müssen sich die Hersteller zudem die Frage stellen, welches Mobilitätserlebnis sie ihren Kunden bieten. Hier liegt viel Potenzial für die etablierten Autohersteller. Sie müssen es nur richtig nutzen.

Fazit

Die Mobilität der Zukunft ist vernetzt, autonom und smart – und sie hat bereits begonnen. Neue Lösungen wie Car sharing, autonome Shuttle oder Elektro-Roller verändern die Art und Weise, wie wir uns fortbewegen. Gemeinsam mit dem Schweizer Unternehmen Rinspeed entwickelt EY Prototypen, welche die Mobilität von Morgen erlebbar machen.
Im Interview gibt Peter Fuß einen Ausblick auf Technologien, Konzeptfahrzeuge und Mobilitäts-Ökosysteme, in denen sich Hersteller, Technologiekonzerne, Städte und weitere Akteure künftig organisieren. 

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