4 Minuten Lesezeit 11 Dezember 2020
Parkplatz für Elektrofahrzeuge

Warum die Autoindustrie viel Antrieb für neue Antriebe braucht

Autoren
Constantin Gall

Managing Partner Strategy & Transactions and Automotive Industry Practice Leader | Europe West

Hat jahrzehntelange Erfahrung in der Strategie- und Transaktionsberatung sowie in der Automobilbranche. Ist auch privat ein Autoenthusiast und geht mit Familie und Freunden auf Reisen.

Bernhard Lorentz

Managing Partner Markets, Leiter EYCarbon und Government & Public Sector | Deutschland, Schweiz, Österreich

Political Animal und professioneller Optimierer des Staates mit Leidenschaft für Wirkung. Begeisterter Berliner, wo er mit Familie lebt und Hockey spielt – nach 15 Jahren Rugby-Bundesliga.

4 Minuten Lesezeit 11 Dezember 2020

Kommt das Ende des Verbrennungsmotors schon 2035? Fest steht: Härtere Emissionsziele werden für die gesamte Wertschöpfungskette Realität.

Überblick

  • Aktuell entsteht in der Regulatorik eine Dynamik wie nie zuvor, Nachhaltigkeitsthemen werden zum Erfolgsfaktor.
  • Jedes Unternehmen sollte seine Position für die Mobilität 2030 definieren und in umsetzbare Transformationspläne übersetzen.
  • Für einen schnellen Erfolg und die Belebung der deutschen Schlüsselindustrie sollten Politik, Autohersteller und Infrastrukturbetreiber zusammenarbeiten.

Der Vorstoß von Markus Söder kam überraschend: Ab 2035 sollen nach dem Vorbild Kaliforniens keine Autos mit klassischem Verbrennungsmotor mehr verkauft werden dürfen, forderte der bayerische Ministerpräsident unlängst. Aus der EU-Kommission waren zuletzt ähnliche Überlegungen zu hören, andere Länder haben bereits Fakten geschaffen: Frankreich, Großbritannien und Kanada wollen ab 2040 keine Verbrenner mehr zulassen. In Schweden, Dänemark, den Niederlanden, Slowenien oder Israel gilt das ab 2030, in Norwegen bereits ab 2025. Die chinesische Regierung hat zwar kein konkretes Ziel benannt, fördert aber massiv den Umstieg auf Elektroautos. Sobald Joe Biden als nächster US-Präsident im Januar 2021 sein Amt antritt, werden auch die USA wieder ins Pariser Klimaschutzabkommen eintreten – Ankündigungen wie die aus Kalifornien werden dann wahrscheinlich keine vereinzelten bleiben.

Nicht nur in Bayern, dem Heimatland namhafter Automobilhersteller, dürfte Söders Vorstoß für manchen Schreckmoment gesorgt haben. Zwar ließ er rhetorisch ein Hintertürchen offen, indem er ausdrücklich von „Verbrennern mit fossilen Kraftstoffen“ sprach. Verbrennungsmotoren lassen sich auch ohne fossile Brennstoffe, etwa mit synthetischen und damit klimaneutralen Kraftstoffen aus Wasser und Kohlendioxid betreiben.

Doch die Marschrichtung ist klar – ob Richtung 2035 oder 2030. Während die Hersteller noch daran arbeiten, die aktuellen und für 2026 nochmals verschärften Abgasgrenzwerte einzuhalten und ihr künftiges Antriebsportfolio zu definieren, rückt das Ende des klassischen Verbrennungsmotors näher – näher als bislang geplant. Für Länder und Industrien führt kein Weg an diesen Diskussionen vorbei, wenn sie die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens erreichen wollen. Es geht darum, diese Ziele in konkrete Strategien und Umsetzungspläne zu gießen – gerade auch für die Automobilindustrie.

Es ist jetzt umso wichtiger, durch klare Positionierung die Investments dort zu tätigen, wo die Zukunft des Unternehmens liegen soll.

Eine Frage der Positionierung

Automobilhersteller und Zulieferer stehen vor vielen Herausforderungen. Allein die Ausrichtung auf künftige Antriebstechnologien ist komplex genug, aber bei Weitem nicht das einzige Thema, das bewältigt werden muss: Hinzu kommen autonomes Fahren, die wachsende Bedeutung von Software im Fahrzeug, Konnektivität und ein Kostendruck, der sich durch die Corona-Krise noch verschärft hat.

Dadurch wird die Frage nach einer funktionierenden Strategie für grundlegende Transformationen bei begrenzten Investitionsmitteln noch zentraler und komplexer. Es ist jetzt umso wichtiger, durch klare Positionierung die Investments dort zu tätigen, wo die Zukunft des Unternehmens liegen soll. Die Antwort darauf ist nicht für alle Unternehmen die gleiche. So ist die Elektrifizierung in der Branche zwar ein zentrales Thema, aber es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, sie für das eigene Unternehmen zu übersetzen. Nicht alle Automobilhersteller bauen bei der Gestaltung nachhaltiger Mobilität allein auf vollelektrische Antriebe, sondern beziehen auch Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe ein.

Auch die Frage der Positionierung stellt sich an dieser Stelle und führt zwangsläufig auch zur Marke, zum Produktportfolio und zum Kundenerlebnis. Für eine ganzheitliche Strategie zur klimaneutralen Mobilität braucht es auch eine Position zu Dekarbonisierung und Nachhaltigkeit der gesamten Wertschöpfungskette. Wie schnell und wie stark will ein Unternehmen hier agieren? Wie schnell sollen Maßnahmen ergriffen werden, zum Beispiel hinsichtlich „grüner“ Stromerzeugung, dem Einkauf von Rohstoffen, dem Emissionsausstoß der Produktion oder einer geeigneten „Offsetting-Strategie“? Diese Fragen reichen auch in die Nutzungsphase hinein – zum Beispiel in Bezug auf Recycling oder Kreislaufwirtschaft. Nur mit Antworten kann ein Unternehmen seine Position im Hinblick auf die Ziele für 2030 ganzheitlich gestalten und – noch viel wichtiger – auch stringent umsetzen.

Gelingen kann diese gemeinsame Kraftanstrengung, wenn es mehr Miteinander als Gegeneinander geben wird, und wenn die Akteure ihre gemeinsamen Chancen erkennen und nutzen.

Gemeinsam mehr erreichen – Partnerschaften in der Automobilindustrie

Neben dem Pariser Klimaschutzabkommen, nationalen Regelungen zu Emissionen oder auch dem Stopp des Verbrennungsmotors bei Neuzulassungen, sind Gemeinden und Kommunen zentrale Gestalter der künftigen Mobilität. Bereits heute nehmen Kommunen zunehmenden Einfluss auf die Mobilität durch Regulatorik: City Maut und Dieseleinfahrverbote sind Beispiele dafür. Doch noch mehr als heute können Städte und Kommunen ganzheitlich Mobilität gestalten, um einen echten Beitrag zur Verminderung der Treibhausgase zu leisten. Sie haben die Hoheit über die Infrastruktur, zum Beispiel durch Flächenbewirtschaftung oder Gebühren, die die Auslastung von Straßen, Schienen, Radwegen und Parkplätzen steuern.

Kommen Energieversorger und Anbieter von Infrastrukturen mit an Bord und denken Städte und Kommunen Mobilitätsbedürfnisse ganzheitlich, dann ist ein bislang ungeahnter Schub bei diesen Themen möglich. Mit Chancen für alle Beteiligten: Bürger, Unternehmen, Städte – und für unsere Umwelt. Gelingen kann diese gemeinsame Kraftanstrengung, wenn es mehr Miteinander als Gegeneinander geben wird, und wenn die Akteure ihre gemeinsamen Chancen erkennen und nutzen.

Strategie in der Automobilbranche: vom Papier zum Plan von Paris

Die Unternehmen in der Automobilindustrie müssen viele Dinge gleichzeitig bewältigen, in hohem Tempo und mit hoher Dringlichkeit. Umso wichtiger ist es, die strategischen Entscheidungen klar auszurichten und diese in umsetzbare Pläne zu übersetzen. Beginnen wir damit, die Veränderungen hin zu einer nachhaltigeren Mobilität auch als strategische Chance zu betrachten, als einen Baustein der unternehmerischen Ausrichtung.

Eine Strategie auf dem Papier oder in Präsentationen ist dafür wichtig und ein erster Schritt, aber am Ende ist eine konsequente Umsetzung entscheidend. Dafür benötigen die Unternehmen der Automobilbranche noch weitaus mehr richtige Partnerschaften. Es braucht Diskurs in den Unternehmen, mit der Politik und mit geeigneten Partnern. Denn allein ist die Transformation nicht zu stemmen.

Co-Autorin: Andrea Weinberger, Director Automotive Strategy and Transactions für Deutschland, Schweiz, Österreich

Fazit

Noch nie gab es in Mobilitätsfragen so viel Dynamik und ernstzunehmenden Willen zur Veränderung wie heute. Das zeigt sich deutlich in verschärften Regularien wie CO2- Ausstoßziele, Einfahrverbote in Städte, weniger Parkplätze. Die Automobilindustrie muss darauf schnell reagieren und sich neu positionieren. Neben der Umstellung auf neue Antriebstechnik und der Anpassung an veränderte Kundenwünsche gilt es, die gesamte Wertschöpfungskette zu dekarbonsieren und Regulatorik-Ziele in umsetzbare Transformationspläne zu übersetzen. Damit dies gelingt, sollten Politik, Autohersteller, Zulieferer und Infrastrukturbetreiber gemeinsam die Veränderung vorantreiben und näher zusammenrücken.

Über diesen Artikel

Autoren
Constantin Gall

Managing Partner Strategy & Transactions and Automotive Industry Practice Leader | Europe West

Hat jahrzehntelange Erfahrung in der Strategie- und Transaktionsberatung sowie in der Automobilbranche. Ist auch privat ein Autoenthusiast und geht mit Familie und Freunden auf Reisen.

Bernhard Lorentz

Managing Partner Markets, Leiter EYCarbon und Government & Public Sector | Deutschland, Schweiz, Österreich

Political Animal und professioneller Optimierer des Staates mit Leidenschaft für Wirkung. Begeisterter Berliner, wo er mit Familie lebt und Hockey spielt – nach 15 Jahren Rugby-Bundesliga.