6 Minuten Lesezeit 17 August 2021
Kinder rennen auf einer Wiese

E-Mobilität: Was der ladende Kunde der Zukunft braucht

Autoren
Björn Schaubel

Partner, Automotive Manufacturing and Mobility, Strategy and Transactions I Deutschland

Unterstützt seine Mandanten bei der Transformation vom traditionellen Player in der Automobilindustrie zu Mobilitätsdienstleistern der Zukunft. Lebt mit seiner Frau und seinen 2 Söhnen in Stuttgart.

Maximilian Ebner

Director Automotive & Transportation, EY-Parthenon GmbH | Deutschland, Schweiz, Österreich

Ist ehrgeiziger Vorkämpfer für eine moderne Welt, die sich technologischen Fortschritt zu Nutze macht, um nachhaltig die Welt zu verbessern

6 Minuten Lesezeit 17 August 2021

Das Laden von Elektrofahrzeugen verlagert sich in den (halb-)öffentlichen Raum. Das erfordert eine entsprechende Infrastruktur.

Überblick:

  • „Parkladen“ wird künftig das Tanken ersetzen; die Ladezeit wird nicht neben dem Zapfhahn, sondern mit Einkaufen, Restaurantbesuchen usw. verbracht.
  • Dabei tritt das Laden in den Hintergrund – es ist „überall, einfach, sorglos“ möglich und lässt sich nahtlos in den Alltag integrieren.
  • Mit der Ankunft der „Ladenomaden“ wird „Parkladen“ en vogue, was die Nachfrage an (halb-)öffentlich verfügbarer Ladeinfrastruktur  überproportional steigert.

295 Prozent mehr Elektrofahrzeuge (EV) als im Vorjahr wurden im Jahr 2020 laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) zugelassen – ein Rekordwert. Die etablierten Automobilhersteller nutzen das gegenwärtige Momentum und drücken bei der Elektrifizierung ihrer Flotten mächtig aufs „Strompedal“. Der Siegeszug der E-Mobilität – beschleunigt durch ein verändertes Mobilitätsverhalten in der Corona-Pandemie – ist unaufhaltsam. 

Die Gründe sind bekannt: ein attraktiveres Produktangebot mit Modellbreite, sinkenden Anschaffungskosten und steigenden Reichweiten sowie eine verschärfte Regulierung und staatliche Kaufanreize wie Umweltbonus, Innovationsprämie und steuerliche Förderung. Obwohl die durchschnittliche Fahrtstrecke mit einem Pkw einer Studie des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) zufolge nur etwa 30 Kilometer pro Tag beträgt, halten maßgeblich zwei Bedenken Interessenten vom Kauf eines EV ab: die „Reichweitenangst“ und eine unzureichende Anzahl  Ladepunkte. 

Ladeinfrastruktur

590.000

Elektrofahrzeuge waren zu Beginn des Jahres in Deutschland zugelassen. Bis 2030 sollen es 7 bis 10 Millionen werden.

Damit kommt dem Ausbau einer flächendeckenden und bedarfsgerechten Ladeinfrastruktur eine Schlüsselrolle zu, um das von der Bundesregierung ausgegebene Ziel von 7 bis 10 Millionen zugelassenen EVs in Deutschland bis 2030 zu erreichen. Zu Beginn des Jahres 2021 waren es laut KBA erst circa 590.000. Dabei ist es zwingend erforderlich, dass das Ladeangebot den „ladenden Kunden der Zukunft“ in den Mittelpunkt stellt und Förderungen nicht am Kundenbedarf vorbeizielen.

Pain Point der Mobilität gelöst: Parken ersetzt Tanken 

Über ein Jahrhundert war unser Mobilitätsverhalten davon geprägt, mit unserem Automobil die individuelle Freiheit zu genießen – bis wir notgedrungen eine Tankstelle aufsuchen mussten, um den Tank für die nächste Fahrt oder Reise zu füllen. Mit den ersten EVs entstand in Anbetracht ihrer geringen Batteriekapazität und Reichweite plötzlich die sogenannte Reichweitenangst. Heute ist das Laden einer der Hauptgründe, weshalb sich Menschen gegen ein EV entscheiden. 

Den ladenden Kunden der Zukunft dagegen erwartet nicht nur eine ausreichende Reichweite, sondern das Aufladen wird sich auch nahtlos in seinen Alltag integrieren. Hier findet ein Paradigmenwechsel statt: Während heute im Durchschnitt alle zwei Wochen getankt wird – meist mit Aufleuchten der Reservetank-Leuchte –, führt das beständige Laden – durchschnittlich 1,2-mal pro Tag mit leicht steigender Tendenz für das Jahr 2030 – dazu, dass dem Fahrer in der Regel noch eine Restladekapazität von circa 68 Prozent zur Verfügung steht. Im Gegensatz zum Tanken, das typischerweise eine dedizierte Tankfahrt und das aktive Tanken als unproduktiven Zusatzaufwand erfordert, wird Laden kein Selbstzweck mehr sein, sondern eine Nebensächlichkeit, die überall und beiläufig geschieht, während der Kunde sein Auto parkt und seine eigentlichen Interessen verfolgt („Parkladen“).

Laden wird kein Selbstzweck mehr sein, sondern eine Nebensächlichkeit, die beiläufig geschieht.

Möglich macht dies die Allgegenwärtigkeit von Strom. Das eröffnet gänzlich neue Lademöglichkeiten. Neben der Tankstelle wird Laden plötzlich auf jedem Parkplatz denkbar – egal ob privat (zu Hause oder am Arbeitsplatz) oder im öffentlichen bzw. halböffentlichen Raum, etwa auf Parkplätzen beim Lebensmitteleinzelhandel, von Fachmarktzentren, Restaurants, Fitnessstudios, Kinos oder Museen. Laden findet auf (Kunden-)Parkplätzen statt, getreu dem Motto: Parken = Laden. „Parkladen“ wird künftig ein Vorteil des Stromers gegenüber dem Verbrenner sein und kein Hinderungsgrund mehr. Damit löst es den jahrhundertealten Schmerzpunkt des Autofahrens: das Tanken.

Die Ankunft der „Ladenomaden“

Grundsätzlich bevorzugen EV-Besitzer das Laden an Standorten mit längeren Parkdauern („beiläufiges Parkladen“) und einer sicheren Verfügbarkeit eines Ladepunktes zu attraktiven Preisen. Das trifft in erster Linie auf das private Laden zu – egal ob zu Hause oder beim Arbeitgeber. Denn neben einer durchschnittlichen Parkdauer von 8 bis 12 Stunden und einem eigenen Stellplatz ist Nachtstrom für Privathaushalte außerhalb der Spitzenzeiten meist günstiger als Tagesstrom und Gewerbestrom aufgrund größerer Abnahmemengen meist günstiger als Strom für Privathaushalte. Heute werden noch etwa 82 Prozent der gesamten Ladenachfrage privat bedient.

Allerdings ändert sich mit zunehmender EV-Penetration (Electric Vehicle) das Kundenprofil eines durchschnittlichen EV-besitzers. Einerseits verringern sich die Zugangsmöglichkeiten zur privaten Ladeinfrastruktur und andererseits erhöht sich die Bereitschaft für das öffentliche Laden. Während 2020 noch 88 Prozent der EV-Besitzer Zugang zu einer privaten Lademöglichkeit hatten, wird 2030 der wichtigste Use Case für jeden vierten Kunden (circa 23 Prozent) nicht zugänglich sein. Damit wächst eine Kundengruppe heran, die nicht mehr wie heute vornehmlich einen festen Ort zum Laden hat, sondern deren Ladeverhalten sich flexibel an die Reise anpasst und immer dort stattfindet, wo sich die Gelegenheit bietet. „Ladenomaden“ werden einen immer größeren Anteil der EV-Nutzer ausmachen.

„Parkladen“ außer Haus wird en vogue

Mit der Nachfrage der Ladenomaden wird ein entsprechendes Angebot notwendig – abseits vom Zuhause, der Arbeit oder der Schnellladestation, die eine gesonderte „Tankfahrt“ erfordert. Der Anteil des halböffentlichen oder öffentlichen Ladens wird nach EY-Berechnungen  bis 2030 signifikant steigen. Im Straßenraum um 9 Prozentpunkte, auf Kundenparkplätzen um 5 Prozentpunkte gegenüber dem Jahr 2020. EY prognostiziert, dass der Anteil des Strombedarfs durch halböffentliches oder öffentliches Laden bis 2030 mit 40 Prozent zwei Drittel so hoch sein wird wie der durch privaten Ladestationen mit 60 Prozent. 

Insbesondere im städtischen Raum kommt dem halböffentlichen oder öffentlichen Laden beim Aufbau einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur eine Schlüsselrolle zu. Denn angesichts der hohen Bevölkerungsdichte und des knappen Raumes ist der Zugang zu einem privaten Ladeplatz aufgrund technischer, wirtschaftlicher oder rechtlicher Restriktionen oftmals nur eingeschränkt möglich. Während im ländlichen Raum nur rund 10 bis 15 Prozent der Einwohner im öffentlichen Straßenraum parken, tut das in Metropolen einer Studie der Deutschen Energie-Agentur zufolge in etwa die Hälfte. Diese Ladenomaden erwarten möglichst immer und überall die Möglichkeit aufzuladen – am besten an den wichtigsten Punkten ihres Lebens, die sich nahtlos in den Alltag integrieren lassen.

Dabei wird es drei grundsätzliche Erwartungshaltungen bei den Kunden geben, je nach Use Case und Standort: 

  1. Das Laden zu Hause oder beim Arbeitsgeber erfordert praktische und erschwingliche Hardware mit Zugang zum günstigsten Strom. 
  2. Das Laden auf Fernstrecken oder in Notfällen muss vor allem schnell gehen.
  3. Das „Parkladen“ verlangt einen maximal bequemen Zugang zur Ladestation, damit das Laden im Hintergrund des eigentlichen Vorhabens geschehen kann und sich auch kürzere Standzeiten lohnen.

Laden passiert im Hintergrund – „überall, einfach, sorglos“

Um „Parkladen“ jederzeit zu ermöglichen, erwartet der ladende Kunde der Zukunft einen reibungslosen Ablauf (User Journey) im Hintergrund, der sich nahtlos in den Alltag intergieren lässt – „überall, einfach und sorglos“.

Dieser Ablauf lässt sich in drei Schritten skizzieren: 

Schritt 1: Planen

Bei einer Fahrt von A nach B übernimmt künftig das Fahrzeug oder die Lade-App die vollständige Planung der Route inklusive optimaler Ladepunkte auf der Basis entweder vorab ausgewählter oder durch künstliche Intelligenz identifizierter Nutzerpräferenzen – und zwar im Hintergrund. Nähere Informationen über den Standort, die Ladepreise, die Ladeleistung, die Verfügbarkeit von regenerativem Strom und zusätzlichen Services wie Gastronomieangeboten und Einkaufsmöglichkeiten sind in Echtzeit abrufbar. 

Der ausgewählte Ladepunkt wird automatisch reserviert, um Wartezeiten aufgrund von Nichtverfügbarkeiten (belegt, außer Betrieb) zu vermeiden. Mit der Buchung wird die Navigation vollautomatisch ausgelöst, wobei ständig die zeit- und kostenoptimale Route im Hintergrund in Echtzeit ermittelt wird. Im Falle einer Verspätung, einer Routen- oder einer generellen Planänderung bucht das Fahrzeug oder die Lade-App den Ladepunkt kurzerhand um. Vor Ort kann der gebuchte Ladepunkt mithilfe präziser Navigation, aktueller Bilder und standardisierter Beschilderung schnell und genau angesteuert werden.

Schritt 2: Laden

Am richtigen Ladepunkt angekommen, initiiert das Fahrzeug oder die Lade-App über Kommunikation mit der Ladesäule automatisch den Ladevorgang – eine manuelle Authentifizierung und Identifizierung ist nicht mehr notwendig. Durch induktives Laden oder Laderobotik muss der Fahrer nicht einmal mehr das Ladekabel ein- und ausstecken. Während des Ladevorgangs ist der Fahrer auch außerhalb des Fahrzeugs vollständig über den Fortschritt informiert und erhält verlässliche Prognosen über (Rest-)Ladedauer, -leistung und -kosten. Gleichzeitig wird der Ladevorgang unter Berücksichtigung des individuellen Nutzerverhaltens sowie der Energienachfrage und des -angebots des lokalen Netzes optimiert („Smart Charging“). 

Schritt 3: Bezahlen

Mit Abschluss des Ladevorgangs wird der Bezahlprozess automatisch zum vorab angezeigten Preis ausgelöst – entweder mit einer bestehenden Vertragsbeziehung (anbieterübergreifend über Roaming-Technologie) oder ad hoc (komfortabler Anmeldeprozess durch NFC-Technologie) durch hinterlegte Daten im Fahrzeug oder auf dem Smartphone.

Fazit

E-Mobilität wird zukünftig durch das „Parkladen“ bestimmt. Es rückt die Bedürfnisse des Kunden in den Mittelpunkt und bietet ein Erlebnis, das das Tanken um Längen schlägt. Wesentlicher Treiber ist die steigende Anzahl an „Ladenomaden“; diese benötigen Angebote an attraktiven Standorten in ausreichender Dichte. Dem Ausbau der in den Alltag eingebundenen (halb-)öffentlichen Ladeinfrastruktur kommt damit eine entscheidende Rolle zu. Die Akteure sollten sich überlegen, wie gut sie auf diese Veränderungen vorbereitet sind: Haben sie ihren Kunden verstanden und in den Mittelpunkt ihrer Strategie gestellt? Welches Ladeangebot rentiert sich für sie? Und wo liegt ihre Daseinsberechtigung – geografisch wie in der Wertschöpfungskette?

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