3 Minuten Lesezeit 11 Dezember 2018
Ein Mann im Anzug geht durch einen Tunnel an einer Stadtstraße

Wie die Ablösung des IBOR die Bewertungs- und Risikomanagement-Infrastrukturen herausfordert

Von

Shankar Mukherjee

Ernst & Young – United Kingdom Financial Services Advisory Partner

Banking & Capital Markets transformation leader. Passionate believer in the ability of better risk management to drive business growth.

3 Minuten Lesezeit 11 Dezember 2018

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Der Übergang von den Interbankenzinssätzen (Interbank Offered Rates, kurz IBORs) zu alternativen Referenzzinssätzen (Alternative Reference Rates, kurz ARRs) erfordert Veränderungen für die Bewertungs- und Risikomanagement-Prozesse.

Zwei wesentliche strukturelle Unterschiede gibt es zwischen den ARRs von den IBORs. Der erste ist die annähernde Risikolosigkeit der ARRs, zum Beispiel der in US-Dollar denominierten Secured Overnight Financing Rate (SOFR) oder der in Schweizer Franken denominierten Swiss Average Overnight Rate (SARON). Im Gegensatz dazu basieren die IBORs auf unbesicherten Finanzierungen – sie beinhalten daher Risikoprämien, die in den ARRs nicht enthalten sind. Zweitens werden die IBORs für mehrere feste Laufzeiten angegeben, während es sich bei den aktuell vorgeschlagenen ARRs in erster Linie um Tagesgeld-Referenzzinssätze handelt. Von diesen wesentlichen strukturellen Unterschieden hängt das ARR-IBOR-Basisrisiko ab, das Firmen messen und managen müssen. Bei den auf besicherten Finanzierungen basierenden ARRs können außerdem Unterschiede in der Marktliquidität und der Dynamik von Angebot und Nachfrage nach zusätzlichen Sicherheiten am Markt für Repo-Geschäfte zum ARR-IBOR-Basisrisiko beitragen.

Diese Unterschiede können zu Marktwerttransfers führen, wenn die abgelösten IBOR-Sätze in laufenden Transaktionen einfach durch den alternativen risikofreien Zinssatz in der aktuellen Form als Referenzzinssatz oder „Fallback“ ersetzt werden.

Um dieses Risiko zu steuern, muss der Spread für die ARRs genau bemessen sein, um einen erheblichen potenziellen Werttransfer und die damit verbundenen rechtlichen und Reputationsrisiken zu mindern. Während an der Bestimmung passender Spreads für die ARRs noch gearbeitet wird, dürften die Ausgabe verschiedener ARR-basierter Futures und die Evolution des ARR-Swap-Marktes die Marktteilnehmer bei der Preisfindung durch marktimplizierte Basisspreads zwischen ARRs und IBORs unterstützen.

Unternehmen, die sich derzeit auf den Handel mit neuen Cash- und Derivateprodukten auf der Basis von ARRs vorbereiten, sollten unverzüglich handeln und Front-to-Back-Prozesse für die Erfassung und Bestätigung von Geschäften, die Margenkalkulation und Abwicklung sowie die Kurvenkonstruktion und Kursbildung implementieren. Um das Risiko von ARR und seine Basis gegenüber den IBOR-Sätzen zu steuern, müssen in Ermangelung empirischer Daten außerdem Proxy-Variablen für historische Marktdaten bestimmt werden. Diese Marktdaten können in verschiedenen Risikomodellen verwendet werden, wie zum Beispiel zur Ermittlung des Value at Risk, für Kontrahentenrisiko-Analysen (wie potenzielle künftige Risikoexpositionen oder Bewertungsanpassungen), risikobasierte Margen, Aktiv-Passiv-Management (Asset-Liability Management, kurz ALM) und Stresstests.

Desk-Mandate sind zu überprüfen und zu aktualisieren, wobei die Positionsgrenzen entsprechend der Markttiefe der Produkte mit den neuen Referenzzinssätzen angemessen festgelegt werden müssen. Möglicherweise müssen neue Verfahren implementiert werden, um das Liquiditätsrisiko am Markt für Zinsderivate in Verbindung mit längerfristigen Engagements insgesamt zu überwachen, bei denen sich die Markttiefe über Benchmarks hinweg verschieben kann. Mit der Entwicklung der ARR-Märkte werden diese von zentralen Kontrahenten immer häufiger für die Kalkulation der Zinsen auf gebuchte Variation Margins und die Diskontierung von Swap-Cashflows herangezogen werden. Entsprechend müssen die Diskontkurven aktualisiert werden.

Es ist möglich, dass die IBORs abgelöst werden und die Liquidität der Derivate sich auf andere Benchmarks verlagert. Infolgedessen müssen Unternehmen ihre ALM-Hedging-Strategien einer Prüfung unterziehen und ihre Grenzen neu abstecken, um das möglicherweise höhere Basisrisiko zu managen, das sich aus der Asymmetrie der Credit Spreads oder den veränderten Laufzeiten von Anlage-, Anleihe- und Hedging-Produkten ergibt. Wenn die IBORs abgelöst werden, sollten Unternehmen außerdem ein Auge auf ein eventuelles Aktiv-Passiv-Basisrisiko haben, wenn die Fallback-Bestimmungen bestimmter Alt-Cash-Produkte von denen der Sicherungsinstrumente für die Derivate abweichen.

Selbst wenn die IBORs nicht abgelöst werden, muss das Bewertungsrisiko durch aktive Überwachung der Liquidität längerfristiger Altpositionen mit IBORs gemanagt werden. Es ist außerdem zu überprüfen, ob die Bewertungsanpassungen die Bid-Ask-Spreads noch korrekt abbilden und inwieweit eine Veräußerung solcher Positionen infrage kommt.

Um die weitreichenden Auswirkungen auf die Bewertungs- und Risikomanagement-Infrastrukturen vollkommen zu verstehen, muss auch der Bestand an IBOR-Modellierungen im gesamten Unternehmen überprüft werden. Erst dann wird sich zeigen, wie stark die relevanten IBORs nicht nur für Zinsderivateprodukte, sondern auch in anderen Bereichen wie im Kreditvergabe- und Hypothekengeschäft für das Aktiv-Passiv-Management und für das Konzept von Liquiditätstransferpreisen genutzt werden. Nur wenn die Vorlaufzeit so lang wie möglich ist, können Unternehmen den erheblichen Arbeitsaufwand planen, der erforderlich ist, um Modelle in der neuen ARR-Umgebung zu ändern, zu entwickeln oder zu validieren. Die Umsetzung muss vor Ende 2021 abgeschlossen sein, wenn die Panel-Banken nicht mehr verpflichtet sind, die IBOR-Sätze zu melden.

Dieser Artikel wurde ursprünglich bei Risk.Net veröffentlicht.

Fazit

Der Übergang von den Interbank Offered Rates (IBORs) zu Alternative Reference Rates (ARRs) erfordert eine Überprüfung der Produkt- und Preisstrategien und die Bewältigung erheblicher Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Bewertungs- und Risikomanagement.

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Shankar Mukherjee

Ernst & Young – United Kingdom Financial Services Advisory Partner

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