6 Minuten Lesezeit 11 Dezember 2019
Eine Surferin reitet eine Welle

Drei M&A-Wellen verändern das Segment der Bezahldienste

Von

Kai-Christian Claus

Global Payments Leader, Geschäftsführer EY Innovalue | Deutschland, Schweiz, Österreich

Unterstützt als strategischer Berater die führenden Unternehmen in der globalen Payments-Industrie. Ist Enthusiast mit viel Leidenschaft und Energie.

6 Minuten Lesezeit 11 Dezember 2019

Die Konsolidierung des Bezahldienstmarktes treibt Mergers & Acquisitions voran. Banken müssen sich entscheiden: Expandieren oder verkaufen? 

Dieser Artikel erschien zuerst in unserem  #Payments-Newsletter, Ausgabe 23.

Der Markt für bargeldlose Bezahldienste wandelt sich rasant. Aus einem zersplitterten Markt, in dem nur Banken aktiv waren, wurde ein globaler Markt, der von wenigen großen Playern dominiert wird. Diese Konsolidierung befeuert Mergers & Acquisitions (M&A). Allein 2018 gab es mehr als 70. Und das ist nur der Beginn einer größeren Entwicklung in diesem Bereich. Wir nennen sie die „drei Wellen der Konsolidierung“:

Banken stehen unter Verkaufsdruck

Lange Zeit boten ausschließlich Banken Systeme für bargeldloses Bezahlen in Ladengeschäften und Onlineshops an. Dadurch können sie nicht nur die Beziehung zu ihren Kunden festigen, sondern sie generieren auch zusätzliche Umsätze – und erhalten Zugriff auf Transaktionsdaten. Nun aber setzt der rapide Umbruch des Marktes die Banken unter Druck. Darum setzen viele Institute auf Konsolidierung und verkaufen die entsprechenden Bereiche. Meist verläuft diese Entwicklung in drei Wellen:

  1. Erste Welle: Verkauf inländischer Assets
  2. Zweite Welle: Konsolidierung regionaler Assets
  3. Dritte Welle: weltweite M&A global führender Payment-Dienstleister

Erste Welle: Verkauf inländischer Assets

Startschuss für die Konsolidierungsphase ist der Verkauf von Assets, die sich vor allem auf den heimischen Markt der Banken konzentrierten. Oft sind die Verkäufer Banken, die Bezahldienste in traditioneller Form anboten: als Service für Kunden, die im Ladengeschäft mit Karte zahlen.

Sie verkaufen, weil sie Bezahldienste nicht mehr als Teil ihres Kerngeschäfts sehen. Erfolgreiche Bezahldienste zeichnen sich durch Innovationsfreude, Größenvorteile und modernste Prozesse aus. Wollen Banken nicht investieren, ist es daher sinnvoll, sich aus diesem Markt zurückzuziehen. Käufer sind in der Regel internationale Anbieter von Bezahldiensten oder Finanzinvestoren, die nach Expansionsmöglichkeiten und nach passenden Plattformgesellschaften für eine weitere Konsolidierung suchen.

In Deutschland ist diese Phase bereits weit vorangeschritten. Früher besaßen neben den Sparkassen und Volksbanken auch die Deutsche Bank, die Commerzbank und die HypoVereinsbank eigene Bezahldienstangebote. Heute sind es nur noch die Sparkassen (Payone) und Volksbanken (VR Payment, früher: CardProcess).

Zu den bedeutendsten Verkäufen zählen die folgenden:
  • Concardis: Die Deutsche Kreditwirtschaft verkaufte den Bezahldienstspezialisten 2017 an die Finanzinvestoren Advent und Bain.
  • EasyCash: Die Deutsche Bank verkaufte die Tochtergesellschaft 2002 an den Bezahldienstleister Ingenico.

Auch andere bedeutende deutsche Marktteilnehmer wurden an internationale Investoren verkauft:

  • TeleCash: 2003 vom US-Unternehmen First Data gekauft
  • InterCard: 2015 vom Terminal-Hersteller Verifone übernommen

In vielen europäischen Ländern schreitet der Konsolidierungsprozess in unterschiedlichem Tempo voran. In Großbritannien, Irland und Skandinavien hat die erste Welle bereits ihre volle Wucht entfaltet. Anders sieht es in Frankreich und Spanien aus. Die Märkte in diesen Ländern sind stark fragmentiert, das Bezahldienstgeschäft befindet sich weiterhin größtenteils in den Händen von Banken.

Wir von EY gehen davon aus, dass in Deutschland die erste Konsolidierungsphase bald abgeschlossen sein und sich danach in anderen europäischen Ländern fortsetzen wird, vor allem in großen und stark zersplitterten Märkten wie Spanien, Frankreich und Italien. Nationale Dienstleister in Europa, die nicht über eine ausreichende Größe verfügen, werden während der zweiten und dritten Phase unter Druck geraten. Große europäische Marktteilnehmer sind auf der Jagd nach weiteren Möglichkeiten zur Konsolidierung.

Zweite Welle: regionale Konsolidierung

In der zweite Welle versuchen Käufer aus der ersten Welle, zusätzliche Assets in angrenzenden Regionen zu erwerben, um sie mit den bereits erworbenen Unternehmen zu vereinen. Ihr Ziel ist es, nationale oder internationale Marktführer aufzubauen, die durch Synergien und Skalierung einen Wettbewerbsvorteil haben.

Diese Welle startete in Europa vor einigen Jahren. In den vergangenen Monaten hat sie erheblich an Fahrt aufgenommen; mehrere Firmen versuchen, die Marktführerschaft zu erringen. Im Januar 2019 beschloss der Eigentümer des Bezahlanbieters Nets, Hellman&Friedman, diesen mit der zu Advent and Bain gehörenden Concardis zu fusionieren. Gleichzeitig treibt Wordline die Konsolidierung im belgischen und im niederländischen Markt voran. Der letzte große Schritt war 2018 der Kauf von SIX Payment Services, dem Schweizer Marktführer.

Im Januar 2019 fusionierten BS Payone und Ingenico Payment Services (früher EasyCash) zu Payone, dem neuen Marktführer in der DACH-Region. Auch in Italien schreitet die Konsolidierung voran: die Investoren Advent, Bain und Clessidra kauften gemeinsam fünf italienische Bezahldienste und vereinten sie zu Nexi. Das neue Unternehmen ging im April 2019 an die Börse.

Damit sind auf dem europäischen Markt weniger als zehn Teilnehmer verblieben. Es scheint wahrscheinlich, dass die regionale Konsolidierung an Fahrt aufnimmt. Die Konsolidierung in der DACH-Region wird vermutlich innerhalb der kommenden 12 bis 18 Monate vollständig abgeschlossen sein.

Dritte Welle: transkontinentale M&A

Die dritte Welle findet global statt. Die regionalen Marktführer, die aus der zweiten Welle hervorgegangen sind, beginnen damit, weltweit Wettbewerber ähnlicher Größe zu übernehmen. Ihr Ziel ist, durch weitere internationale Skalierung ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, nachhaltige Profitabilität sicherzustellen und die Erwartungen ihrer Investoren zu erfüllen.

Im E-Commerce-Geschäft hat dieser globale Prozess bereits begonnen. Ein Beispiel dafür ist der Kauf des britischen Marktführers Worldpay durch den amerikanischen Erwerber Vantiv für rund 9,9 Milliarden US-Dollar Mitte 2018. Die beiden Unternehmen wurden miteinander vereint und machten Worldpay zum größten Erwerber der Welt. Im August 2019 wurde wiederum Worldpay übernommen. Der Fintech-Anbieter FIS kaufte das Unternehmen für 43 Milliarden US-Dollar. Bereits im Januar 2019 war Fiserv, ein anderer globaler Finanzdienstleister, durch den Kauf von FirstData für 22 Milliarden US-Dollar in den Markt der Bezahldienstgeschäfte eingetreten. Die beiden letztgenannten Transaktionen spiegeln, dass eine globale Konsolidierung im Fintech-Bereich stattfindet, die über das Segment der Bezahldienste hinausreicht.

Doch die zweite Welle dauert an. Denn noch bieten sich auf verschiedenen Kontinenten Möglichkeiten für weitere Konsolidierungen. Im E-Commerce-Segment wird sich die dritte Welle sehr bald verstärken. Im stationären Geschäft wird sie erst in ein paar Jahren an Geschwindigkeit zulegen.

Expandieren oder verkaufen? Banken müssen sich jetzt für eine künftige Strategie entscheiden

Konsolidierungswellen verändern in hohem Tempo die Branche der Bezahldienstleister – und schaffen so einen globalen Markt, der von einigen wenigen Anbietern dominiert wird.

Diese Entwicklungen verdeutlichen, wie wichtig es für Banken geworden ist, die Strategie für ihre Bezahldienste auf den Prüfstand zu stellen. International hält der Trend zu Konsolidierungen an. Diese erfordern hohe Investitionen und spezifisches Know-how. Daher können nach unserer Erfahrung nur wenige Banken solche Expansionen zu einem erfolgreichen Ende führen. Für alle anderen Banken gilt: Sie sollten zwei strategische Optionen für ihre Bezahldienste gegeneinander abwägen: 

  • Entweder sie gehen Partnerschaften mit anderen Banken, Dienstleistern oder Investoren ein, um ihr bestehendes Angebot so auszubauen, dass es die notwendige Größe erreicht.
  • Oder sie verkaufen die bestehenden Angebote und streben stattdessen Vertriebspartnerschaften mit führenden Dienstleistern an.

Für welche Strategie sich eine Bank entscheiden sollte, hängt von ihren Zielen und den individuellen Umständen ab. Entscheidend ist, dass Banken jetzt handeln und über die Zukunft ihrer Bezahldienste nachdenken. Wer in dieser kritischen Zeit diesen Geschäftsbereich vernachlässigt, verpasst die Gelegenheit zu zusätzlichen Umsätzen und riskiert, Kunden an Wettbewerber zu verlieren, die solche Dienste anbieten.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in unserem #Payments-Newsletter, Ausgabe 23; Die Autoren sind Jan Lettow, Director bei EY Innovalue, und Lars Putensen, Senior Associate bei EY Innovalue.

Fazit

Drei Konsolidierungswellen verändern in rapidem Tempo das Segment der Bezahldienste und schaffen einen globalen Markt, der von wenigen Playern dominiert wird. Banken, die sich nicht auf eine klare Strategie für ihre Bezahldienste festlegen, verpassen die Chance auf zusätzliche Umsätze und riskieren, Kunden an Wettbewerber zu verlieren. 

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Kai-Christian Claus

Global Payments Leader, Geschäftsführer EY Innovalue | Deutschland, Schweiz, Österreich

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