9 Minuten Lesezeit 24 Februar 2020
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Covid-19: So bauen Sie eine krisensichere Lieferkette auf

Von

EY Global

Multidisciplinary professional services organization

9 Minuten Lesezeit 24 Februar 2020

Personalmangel, Einschränkungen der Lieferwege, Änderungen im Kaufverhalten – wie bereiten Sie sich auf eine plötzliche Krise vor?

China und der Rest der Welt sind nach wie vor vom Ausbruch von COVID-19 (neuartiges Coronavirus) betroffen, und viele weitere werden von engagierten Gesundheitsfachleuten, die unermüdlich rund um die Uhr arbeiten, wieder gesund gepflegt. Millionen Menschen werden aufgrund von Vorsichtsrichtlinien und Reisebeschränkungen regional und weltweit vertrieben. Die globalen Verkehrswege aller Arten von Transportmitteln sind sowohl für Unternehmen als auch für alltägliche Pendler vorübergehend gestört.

Eine Pandemie dieses Ausmaßes hat Unternehmen und ganze Branchen überrumpelt. Die Schockwelle zieht durch die Unternehmen und ihre Lieferketten. Viele Unternehmen erhalten von ihren Konsumenten plötzlich kein klares Nachfragesignal mehr. Der Corona-Ausbruch hat Kaufverhalten und Kaufmuster völlig verändert. In zahlreichen Branchen ist die Nachfrage erheblich gesunken oder hat sich auf Online-Kanäle verlagert.

Aufgrund von Gesundheitsrisiken und Personalausfällen ringen die Hersteller darum, ihre normale Betriebskapazität zu halten. Im Nachgang temporärer Fabrikschließungen kann es dabei zu Personalknappheit kommen. Bei vielen Unternehmen treten Störungen in Logistikzentren und auf Lieferwegen auf, weil Standorte nur eingeschränkt operieren können oder ganz geschlossen werden. Diese Auswirkungen bekommen alle Unternehmen zu spüren, vom kleinen Zulieferer aus der dritten Reihe bis hin zum Milliarden-Dollar-Konzern. Viele von ihnen werden sich wahrscheinlich erst Jahre später davon erholen.

Dieser Artikel verfolgt ein zweifaches Ziel:

  • Er soll als Reflexionspunkt für Führungskräfte dienen, die an der Erholung ihres Unternehmens arbeiten, indem er ihnen Erkenntnisse liefert, die diesen Prozess beschleunigen können.
  • Er ist auch als ein Aufruf zum Handeln gedacht. Er richtet sich an Unternehmen, die derzeit nicht in der Lage sind, einem großen, unvorhersehbaren Ereignis wie dem aktuellen Ausbruch des Coronavirus standzuhalten. Damit einher geht der Appell, eine krisensichere Lieferkette aufzubauen, um auf künftige Störfälle vorbereitet zu sein.
Geschäftsleute stehen in der Fabrik und diskutieren über Produktverbesserungen
(Chapter breaker)
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Kapitel 1

Auswirkungen auf die Lieferketten

Beispielfälle und Erkenntnisse: Wer ist von den aktuellen Umständen am meisten betroffen?

Der Covid-19-Ausbruch hat verschiedene Branchen getroffen, aber nicht alle in gleichem Maße geschädigt. Zu den stark in Mitleidenschaft gezogenen Wirtschaftszweigen gehören die Automobil-, die Reise-, die Konsumgüter-, die Elektronik- und die Einzelhandelsbranche. Hier finden Sie einige Beispiele.

Ein marktführender Automobilhersteller musste sieben seiner Fabriken in Südkorea schließen, weil qualifizierte Lieferanten nicht in der Lage waren, Komponenten für die Herstellung von Kabelbäumen für ihre Fahrzeuge zu liefern. Diese Zulieferer befinden sich zufällig in der Provinz Hubei, wo die Regierung während des Corona-Ausbruchs eine vollständige Ausgangssperre durchgesetzt hat. Dieses Problem hat 40 % der gesamten Netzwerkproduktion dieses globalen Automobilherstellers unmittelbar beeinträchtigt. So musste etwa die Einführung eines neuen Modells ausgesetzt werden.

Dieser Automobilhersteller sucht nun also nach alternativen Lieferanten für diese kritischen Komponenten. Dabei könnte sich die Beschaffungszeit in die Länge ziehen. Da die Lieferanten die Qualitätsmanagementanforderungen nach ISO/TS 16949 erfüllen müssen, werden die Fabriken in Südkorea in naher Zukunft vermutlich geschlossen bleiben. Eine größere Anzahl qualifizierter Unterlieferanten und alternativer Quellen an verschiedenen Standorten hätte zwar nicht all diese Risiken beseitigt, aber immerhin eine gewisse Auslastung der Kapazitäten gesichert.

Beschaffungsexperten sollten Strategien für einzelne Kategorien entwickeln, um ein gesundes Verhältnis zwischen Kosten und Risiken zu erreichen. Zunächst sollte die Planung der Modelle und Plattformen neu aufgestellt werden; danach geht es ans Tagesgeschäft der Beschaffung. Hier helfen moderne Technologien, zu schnellen Ergebnissen zu kommen.

Ein führendes globales Unternehmen für Aktivbekleidung hat in den letzten fünf Jahren eine Online-Omnichannel-Strategie verfolgt. Dabei hat es aus seinem traditionellen Offline-Geschäftsmodell heraus erfolgreich einen neuen Online-Vertriebskanal entwickelt. Heute macht der Direktvertrieb mehr als 25 % aus. Aktuelle Ereignisse und ein verändertes Verbraucherverhalten haben das Offline-Geschäft jedoch erheblich beeinflusst. Mehr als die Hälfte der Ladengeschäfte musste schließen. Das Bekleidungsunternehmen plant, das Online-Geschäft zu steigern. Dabei helfen soll nicht nur eine agile interne Zusammenarbeit für Ad-hoc-Marketing-Events; auch eine nahtlose Verbindung zwischen Online- und Offline-Bestand soll ermöglicht werden, um so den Verlust im Offline-Geschäft zu mindern. Teil des Krisenmanagements ist auch eine neue Logistikstrategie. Diese beinhaltet die Diversifizierung des Logistiknetzwerks und der Partner auf der letzten Meile.

Die Luftfahrtindustrie gehört zu den Branchen, die die Krise am schwersten getroffen hat. China ist der größte internationale Markt für ausgehende Flüge und der zweitgrößte Gesamtluftverkehrsmarkt der Welt. Angesichts der geltenden Reisebeschränkungen rechnen Branchenanalysten für die chinesische Luftfahrtindustrie mit stark rückläufigen Zahlen im Vergleich zu den Vorjahren. Neben den Fluggesellschaften, die mit der Anpassung an die Situation kämpfen, spüren auch die Kerosinlieferanten die Auswirkungen. Die asiatischen Kerosinpreise sind zurückgegangen. Die Gewinne der Raffinerien sind auf den niedrigsten Stand der letzten 2,5 Jahre gefallen. Hintergrund ist die Befürchtung, dass das Coronavirus die Nachfrage beeinträchtigen wird. Die Rohölproduzenten prüfen nun, wie sie ihre Produktion im Ernstfall zurückfahren können. Dieser Fall verdeutlicht, wie wichtig es ist, Angebot und Nachfrage auch unter Druck agil ausgleichen zu können.

Die Planer von Wertschöpfungsketten erstellen Nachfrageprognosen traditionell mithilfe von Zeitreihen auf der Grundlage der bisherigen Verkaufshistorie. Wenn es jedoch zu abrupten Marktverschiebungen, Wetterumschwüngen oder Naturkatastrophen kommt, sind vergangene Verkaufszahlen eine schlechte Vorhersagevariable für zukünftige Verkäufe. Einer der führenden globalen Getränkehersteller hat seine Kühlschränke in Eckläden, Restaurants und Supermärkten modernisiert. Er hat die Geräte mit IoT-Technologie (Internet der Dinge) ausgestattet und eine visuelle Nachfrageerkennung eingebaut. Mit solchen Technologien kann das Unternehmen den Lagerbestand in den Vertriebskanälen besser überwachen und besser auf ein Ereignis wie den Ausbruch des Coronavirus reagieren, selbst wenn die Händler keine aktuellen Prognosen liefern können.

Ein globaler Originalgerätehersteller (OEM) in der Unterhaltungselektronik stellt sich auf eine längere Produktionsunterbrechung ein, da die lokalen Regierungen die Fabrikschließungen über den ursprünglichen Termin vom 10. Februar hinaus verlängert haben. Das Unternehmen produziert massiv in China, wo die Belegschaft hauptsächlich aus aus Einheimischen und Wanderarbeitern besteht. Wenn die Fabriken wieder öffnen können, rechnet das Unternehmen nicht damit, dass die Belegschaft komplett an den Arbeitsplatz zurückkehrt.

Wenn Fabriken nach vorübergehenden Stilllegungen die Produktion wieder hochfahren, müssen sich Hersteller auf ihren Arbeitskräftemangel und -nachschub konzentrieren. Die Reisebeschränkungen und die gesundheitlichen Auswirkungen des Coronavirus haben dazu geführt, dass weniger Wanderarbeiter an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

Viele Unternehmen mussten ihre Kapazitätsauslastung aufgrund von Personalmangel reduzieren. Umso wichtiger ist es, sich auf eine höhere Produktionseffizienz, starke Erträge und eine hohe Qualität des ersten Durchlaufs zu konzentrieren. Selbst nach der Wiedereröffnung von Fabriken haben die meisten Standorte immer noch Mühe, 50 % ihrer früheren Kapazität zu erreichen. Es wird von entscheidender Bedeutung sein, sich auf das Management der Ersatzteilverfügbarkeit zu konzentrieren, da das Unternehmen wahrscheinlich auf Wartungsstrategien verzichten wird. So kann wertvolle Produktionszeit gewonnen werden, um die Nachfrage zu befriedigen. Ein größerer Ausfall in Verbindung mit fehlenden Ersatzteilen kann ähnliche Auswirkungen haben wie ein vollständiger Werksstillstand. Auch die Programme für Umwelt-, Gesundheits- und Arbeitsschutz (EHS) des Unternehmens müssen neu bewertet werden, und zwar im Hinblick auf ihre Wirksamkeit in einer Krise, wie sie der Ausbruch einer Pandemie darstellt.

Container am Dock verschiffen
(Chapter breaker)
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Kapitel 2

Aufbau einer belastbaren Lieferkette

Es ist ein feines Gleichgewicht zwischen den gegenwärtigen Bemühungen des Staates und einer langfristigen Basis für Resilienz erforderlich.

Die Unternehmen stehen vor der schwierigen Aufgabe, sich von diesem Virenausbruch zu erholen. Deshalb muss jetzt eine ernsthafte Diskussion darüber geführt werden, wie verhindert werden kann, dass die nächste unvorhersehbare Flutwelle die gleichen Auswirkungen hat.

Aus den Entwicklungen dieser Pandemie und den Lehren aus früheren Krisen ergeben sich einige wichtige Pfeiler, die Unternehmen beim Aufbau einer krisensicheren Lieferkette stützen können:

1. Erstellen Sie End-to-End-Risikobewertungen Ihrer Lieferketten und priorisieren Sie dabei kritische Schwerpunktbereiche

Kurzfristig sind Reaktionsfähigkeit und Schnelligkeit alles. Beziehen Sie Ihre Partner im Ökosystem der Lieferkette proaktiv mit ein, also etwa Lieferanten und Logistikdienstleister, und führen Sie einen Risikogesundheits-Check durch:

  1. Ermitteln Sie die Nachfrageschwankungen und Lagerbestände, um festzustellen, wo kritische Lücken in Bereitstellung, Produktionskapazität, Lagerhaltung und Transport bestehen.
  2. Definieren Sie gemeinsame Ziele und eine umsetzbare, kurzfristige und ergebnisorientierte Resilienzstrategie. Achten Sie dabei auf mögliche Ereignisse, die das Ökosystem Ihrer Lieferketten zusammenbrechen lassen könnten. Versuchen Sie, die Möglichkeiten zusätzlicher Lieferantenpools, Produktions- und Vertriebsnetze auszuloten und ebenso effektiv wie effizient zu nutzen.
  3. Erstellen Sie Aktionspläne auf der Grundlage von Szenarioanalysen, um die Auswirkungen von Katastrophen zu begrenzen. Dabei hilft Ihnen ein faktenbasiertes Dashboard, das die wichtigsten, aufeinander abgestimmten Leistungskennzahlen (KPIs) anzeigt. So sorgen Sie unternehmensweit für eine größere Sichtbarkeit Ihres Ökosystems, damit Ihr Unternehmen seine Pläne bei Bedarf dynamisch neu ausrichten kann.

2. Entwickeln Sie einen belastbaren Risikomanagementprozess und stellen Sie Ihr Lieferantennetz breiter auf

Unternehmen sollten ihre Lieferkettennetzwerke vom Endverbraucher zurück bis ins letzte Lieferantenglied skizzieren. Für jeden Lieferkettenknoten, jedes Lager, jede Fabrik, jeden Lieferanten und jede Transportart sollten Unternehmen eine Methodik zur Risikomessung festlegen.

3. Implementieren Sie digitale und automatisierte Fertigungsmöglichkeiten, gepaart mit einer starken Fertigungsqualität

Nutzen Sie Automatisierungs- und IoT-Lösungen für intelligente Fertigungsabläufe, um die Abhängigkeit von arbeitsintensiven Prozessen zu verringern. Ein starkes, durch Digitalisierung ermöglichtes Programm für hervorragende Fertigungsqualität kann die Standardisierung täglicher Arbeiten und Arbeitshilfen ermöglichen. So weicht der Druck, sich auf bestimmte Personen verlassen zu müssen, um einen Arbeitsschritt auszuführen. IoT-Fähigkeiten können dazu beitragen, ein digitales Ökosystem von verbundenen Systemen zu fördern, das den Benutzern relevante und aktualisierte Daten liefert. So können sie jederzeit gut fundierte Entscheidungen treffen. Automatisierte Fertigungsfunktionen ermöglichen es einem Unternehmen, einen Fertigungsbetrieb mit austauschbarem Personal zu betreiben und den Personalbedarf zu reduzieren.

4. Passen Sie die strategischen Prioritäten Ihrer Beschaffung an

Mithilfe zeitnaher Überprüfungen verwandeln Sie Ihre Beschaffung in eine Wertschöpfungsfunktion. Sie passen die strategischen Prioritäten der Kategorie an, um neue Geschäftsbeziehungen mit den Lieferanten zu definieren und so die allgemeinen Ziele des Unternehmens in der Lieferkette zu erreichen. Ein agiles Beschaffungssystem wird auch für mehr Resilienz sorgen, indem es auf verschiedene Technologien zurückgreift. Diese helfen, die strategischen Prioritäten jeder Kategorie anhand verschiedener Variablen wie Kosten, Qualität, Lieferung, Innovation usw. zu berechnen. Führen Sie digitale Beschaffungstechnologien ein, um von einem sozialen Lieferantennetzwerk zu profitieren. Die Implementierung eines sozialen Netzwerks für Lieferanten in der Beschaffung und im Lebenszyklusmanagement von Lieferanten kann die Beschaffungskapazitäten und die Zusammenarbeit der Lieferanten unter schwierigen Bedingungen stärken.

5. Investieren Sie in agilere, kollaborativere Planungs- und Fulfillmentfähigkeiten

Heute ist die Kunst des Möglichen, die Technologien bringen, endlos. Sie ermöglichen mehr Agilität und Zusammenarbeit innerhalb des Unternehmens sowie zwischen Geschäftspartnern. Neue Technologien haben großen Einfluss darauf, wie Unternehmen Nachfragesignale verstehen und wie schnell sie darauf reagieren können: Von IoT-Geräten zur Nachfrageerfassung und der Verfolgung von Warenlieferungen, bis hin zu hoch entwickelten Prognoselösungen und sozial-medialer Nachfrageverhaltensbeobachtung. Diese Fähigkeiten sind für die Unternehmensleistung selbst unter normalen Geschäftsbedingungen äußerst wichtig; Kommt es zu einer Pandemie wie dem Ausbruch des Coronavirus, den wir heute erleben, stärken sie die Resilienz der Lieferkette.

Die aktuelle Covid-19-Pandemie hat in allen Sektoren Störungen mit unterschiedlichen Auswirkungsgraden verursacht. Für Unternehmen ist die Zeit gekommen, die zahlreichen Hindernisse und Herausforderungen, die noch immer im Weg stehen, schnell zu bewerten, sich zu erholen und rasch zu reagieren. Angesichts des Chaos der Erholungsphase kann es leicht passieren, dass man die eigentliche Ursache und die Lücken innerhalb einer Lieferkette übersieht, die das Unternehmen während dieser unvorhersehbaren Krise überhaupt erst zum Stillstand gebracht hatten. Der Aufbau einer widerstandsfähigen Lieferkette wird in den kommenden Jahren im Mittelpunkt der Diskussionen stehen.

Fazit

Ein Pandemieausbruch von der Größenordnung des Coronoavirus hat Unternehmen und ganze Branchen überrascht, sodass schwere Schockwellen durch Unternehmen und ihre Lieferketten laufen. Auf der Grundlage der Entwicklung dieser Pandemie und der Erkenntnisse aus früheren Krisen zeigt dieser Artikel einige wichtige Pfeiler auf, auf die sich Unternehmen beim Aufbau einer widerstandsfähigeren Lieferkette stützen können.

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