4 Minuten Lesezeit 9 April 2020
Eisenbahnbrücke bei regnerischem Wetter

„Die Corona- und die Klimakrise werden unterschiedlich wahrgenommen”

Von

Prof. Dr. Tobias Straumann

Wirtschaftshistoriker

4 Minuten Lesezeit 9 April 2020

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Der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann erklärt, wie die Welt mit unterschiedlichen Krisen umgeht und wie sie krisenfester werden kann.

Zwei Dinge haben die Corona-Krise und der Klimawandel mindestens gemein: Ihre Auswirkungen sind wirtschaftlich wie gesellschaftlich verheerend und sie betreffen die ganze Welt. Im Interview vergleicht Prof. Dr. Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich, den Umgang der internationalen Gemeinschaft mit unterschiedlichen Krisentypen und erklärt, wie Krisenfestigkeit erreicht werden kann.

EY: Weder das Platzen der Dotcom-Blase 2001/2002, die Finanzkrise 2007/2008, noch der Extremsommer 2018, geschweige denn die Corona-Pandemie wurden von den maßgeblichen Entscheidern in Wirtschaft und Politik antizipiert. Weshalb ist das so?

Tobias Straumann: Wir werden immer wieder überrascht, weil die Geschichte grundsätzlich unberechenbar ist. Wir gehen immer davon aus, dass die Zukunft die Verlängerung der Vergangenheit ist, und in der Regel stimmt das auch. Aber eben nicht immer.

Gibt es grundsätzliche Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten bei der Risikowahrnehmung von Dekarbonisierung und Klima auf der einen und Pandemien auf der anderen Seite?

Eindeutig. Pandemien sind wie Erdbeben kurzfristige Erschütterungen, die sich zeitlich schwer prognostizieren lassen, aber mit großer Sicherheit immer wieder ereignen können. Sie sind auch zeitlich begrenzt. Die negativen Folgen des Klimawandels sind hingegen schleichend und tendenziell unumkehrbar, selbst wenn wir die Ziele der Klimakonferenzen erreichen würden. Entsprechend ist es viel schwieriger, die Unterstützung der Bevölkerung für einschneidende Maßnahmen zu gewinnen.

  • Zur Person: Tobias Straumann

    Tobias Straumann studierte Geschichte, Soziologie und Wirtschaft- und Sozialgeschichte in Zürich, Paris und Bielefeld. 1995 promovierte er bei Rudolf Braun an der Universität Zürich mit der Arbeit  „Die Schöpfung im Reagenzglas. Eine Geschichte der Basler Chemie (1860–1920)“. 1995–2000 arbeitete er als Journalist in Zürich, Zug und New York.

    2005–2006 war er Oberassistent am Institut de l’histoire économique et sociale der Universität Lausanne. 2007 wurde er Privatdozent an der Universität Zürich. Seine 2010 erschienene Habilitationsschrift befasst sich mit dem Wechselkursregime kleiner europäischer Staaten im 20. Jahrhundert. Von 2009 bis 2018 war Straumann Lehrbeauftragter an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel.

    Seit Frühjahr 2014 ist er Titularprofessor an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich und leitet den Masterkurs Applied History.

Funktioniert bei Corona die internationale Zusammenarbeit besser als bei der Klimakrise? Und gibt es historische Vorläufer für eine derartige Kooperation?

Die internationale Zusammenarbeit funktioniert weder bei der Bekämpfung des Coronavirus noch bei der Eindämmung des Klimawandels, aber aus unterschiedlichen Gründen. Beim Coronavirus schaut jedes Land aus einem Überlebenstrieb für sich selbst, beim Klimawandel sind wir mit dem Trittbrettfahrer-Problem konfrontiert: Es lohnt sich, die anderen machen zu lassen, weil man von deren Maßnahmen profitiert, ohne selber etwas zu unternehmen.

Es gab in der Geschichte seltene Momente von gelungener internationaler Kooperation. Vorbildlich war der Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Es herrschten jedoch besondere Bedingungen, die heute nicht gegeben sind. Erstens waren die USA wirtschaftlich und militärisch so überlegen, dass sie die Mittel hatten, großzügig zu sein. Zweitens haben die westdeutschen und französischen Politiker verstanden, dass es nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs eine neue Form der Kooperation brauchte.

Die internationale Zusammenarbeit funktioniert weder bei der Bekämpfung des Coronavirus noch bei der Eindämmung des Klimawandels, aber aus unterschiedlichen Gründen.
Prof. Dr. Tobias Straumann
Wirtschaftshistoriker

Braucht es eine neue Demutshaltung, wenn es um die Prognostizierbarkeit von Katastrophen geht?

Davon bin ich überzeugt. Nur wenn man zugibt, dass man große Krisen nicht antizipieren kann, ergreift man die richtigen Vorsorgemaßnahmen.

Was bedeutet Krisenfestigkeit?

Krisenfestigkeit ist gegeben, wenn Puffer und Vorräte vorhanden sind, die einem Zeit geben, während der Krise wirksame Maßnahmen zu entwickeln. Je nach Bereich sehen diese Puffer anders aus: Bei einer Finanzkrise braucht es höhere Kapitalpuffer für die Banken, bei einer Pandemie braucht es große Vorräte an Masken, Desinfektionsmittel und Beatmungsgeräten oder Militärspitäler, die schnell aktiviert werden können.

Auf lange Sicht unvermeidbare Klimakatastrophen wie Dürren oder Überschwemmungen benötigen frühzeitig entsprechende Investitionen von öffentlicher Hand in schützende und vorsorgende Infrastruktur. Die Unternehmen müssen höhere Liquiditätsreserven aufbauen und eine gewisse Lagerhaltung zulassen, auch wenn dies kostet, und ihre Lieferketten diversifizieren, soweit das möglich ist.

Krisenfestigkeit ist gegeben, wenn Puffer und Vorräte vorhanden sind, die einem Zeit geben, während der Krise wirksame Maßnahmen zu entwickeln.
Prof. Dr. Tobias Straumann
Wirtschaftshistoriker

Ist Panik produktiv? Brauchen wir Panik als Motor, um Systeme grundlegend strukturell zu verändern oder antworten wir auf Krisen mit Aktionismus?

Panik ist nur dann produktiv, wenn wir wissen, was wir tun müssen. Wenn es brennt und wir keine Feuerwehr haben, ist Panik nicht produktiv. Deswegen ist es so wichtig, dass wir die erwähnten Puffer, Vorräte und Infrastrukturen haben.

Lässt sich bereits in Teilen absehen, wie wir in Zukunft rückblickend auf die Krise schauen werden? Wie wird das Coronavirus in die (Wirtschafts-)Geschichte eingeordnet werden? Was hat sich verändert, was werden wir gelernt haben?

Ich glaube, die größte Veränderung wird kultureller Natur sein. Wir modernen Menschen im reichen Westen lernen gerade, dass das Gefühl der Unverwundbarkeit trügerisch ist. Eine Pandemie kann uns alle jederzeit treffen. Wirtschaftshistorisch wird man wohl die große Lehre ziehen, dass Booms nicht nur durch Zinserhöhungen und Finanzkrisen beendet werden können, sondern auch durch völlig unerwartete externe Schocks wie Pandemien und Klimakatastrophen.

Fazit

Nicht alle Krisen sind vorhersehbar oder zeitlich festzulegen. Während der Klimawandel ein schleichender Prozess ist, treffen Pandemien wie die Corona-Krise die Welt plötzlich. Um im Fall der Fälle richtig reagieren und passende Maßnahmen ergreifen zu können, brauchen Politik und Wirtschaft vor allem Zeit, sagt der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann.

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