15 Minuten Lesezeit 22 Juni 2020
Marathonlauf Wettlauf um die Zeit

„Durch Corona weiß jetzt jeder, wie wichtig Biotechnologie ist“

Von

EY Deutschland

Wegbereiter des Wandels

15 Minuten Lesezeit 22 Juni 2020

Wird COVID-19 die Finanzierungslage der Biotech nachhaltig verändern? Ein Gespräch mit Oliver Schacht, Präsident von BIO Deutschland.

Die Corona-Krise beherrscht unseren Alltag, die Medien und die Wirtschaft. Und die Pandemie beherrscht auch viele Unternehmen der Biotechnologie, die mit Hochdruck daran arbeiten, der Pandemie durch einen Impfstoff medizinisch Herr zu werden. Oliver Schacht, PhD, arbeitet seit 25 Jahren in der Biotech-Branche und ist Präsident des Branchenverbandes BIO Deutschland e.V. Im Interview erklärt Schacht, warum die Branche trotz Wettbewerb jetzt dennoch zusammenhalten muss und vor welchen Herausforderungen sie abseits von COVID-19 steht.

Herr Schacht, losgelöst von wirtschaftlichen Einbußen und menschlichen Schicksalen: Ist eine Pandemie wie die Corona-Krise aus Sicht der Forschung betrachtet nicht der Jackpot?

Oliver Schacht: Es ist sicherlich durchaus extrem befriedigend, wenn man im Bereich von Infektionsforschung und Infektionsdiagnostik, Impfstoffen und Medikamenten arbeitet und das seit Jahren oder Jahrzehnten als Mission hatte. Dann ist es natürlich schön zu sehen, wenn inzwischen auch dem Letzten in unserem Land klargeworden ist, wie wichtig so ein Beitrag sein kann. Wir hätten uns sicherlich gewünscht, dass das nicht nur aufgrund einer solchen akuten Krisensituation passiert, aber es ist eine extrem spannende Zeit.

Bekommt die Biotechnologie aus Ihrer Sicht damit endlich die Aufmerksamkeit, die sie verdient?

Zumindest in den vergangenen Wochen und Monaten ist das sicherlich so. Ich bin seit 25 Jahren in der Biotech-Branche und kann mich nicht daran erinnern, dass es jemals so lange, tagtäglich immer zur besten Sendezeit um wissenschaftliche, klinische und auch biotechnologische Themen gegangen wäre. In der Biotechnologie selbst weiß man, dass viele Bereiche unseres Lebens ohne sie gar nicht funktionieren würden. Damit aber auch in der breiten Öffentlichkeit durchzudringen, ist schon besonders.

Meine Sorge ist, dass sehr schnell vergessen wird, dass es auch bei der nächsten Pandemie und der nächsten Krise wieder nicht ohne Biotechnologie gehen wird.
Oliver Schacht
Präsident BIO Deutschland

Ich befürchte, dass wenn die akute medizinische Krise abgeklungen ist und wir uns wieder mehr um die Öffnung der Wirtschaft und der Gesellschaft kümmern, dass wir dann sehr schnell wieder über Maschinen- und Anlagenbau, Automobilindustrie, Dienstleistung und Gastronomie reden und sehr schnell vergessen wird, dass es auch bei der nächsten Pandemie und der nächsten Krise nicht ohne Biotechnologie gehen wird. Aber vielleicht bleibt ja etwas hängen.

  • Oliver Schacht, PhD: Finanzexperte im Biotech-Business

    Oliver Schacht studierte an der European School of Business in Reutlingen und London und absolvierte seinen PhD an der Universität Cambridge. Seit 1998 führt er Biotechnologie-Unternehmen für Molekulardiagnostik und ist außerdem Präsident des Branchenverbandes BIO Deutschland e.V. Neben seiner Expertise als langjähriger Branchenkenner zeichnet sich Oliver Schacht durch seine Erfahrung bezüglich der Entwicklung und Umsetzung kommerzieller Strategien und Finanzierungsmaßnahmen aus, zu denen auch zwei Börsengänge gehören, die er mit durchgeführt hat. 

Wie könnte man dafür sorgen?

Um etwas Positives vorwegzuschicken: Wir können uns glücklich schätzen, in Deutschland zu leben. Die Corona-Krise ist hier im internationalen Vergleich auch und insbesondere von der Politik extrem professionell und gut gemanagt worden. Man kann immer mit dem Finger zeigen und sagen: „Wir haben damals 78 Tage Zeit verloren!“ Es hat aber einfach niemand so kommen sehen.

Dennoch würde heute kaum jemand dem Wunsch widersprechen, wir hätten in Deutschland nicht nur eine Handvoll Biotech-Leuchttürme, sondern dreißig oder vierzig weitere Unternehmen mit der entsprechenden Größe, kritischen Masse und dadurch auch mit den Möglichkeiten, schnell und wirksam unterstützen zu können.

Finanzmittel für die Biotech-Branche

2 Mrd. €

werden über das Co-Investment-Vertriebssystem zur Verfügung gestellt, vor allem für Start-ups. Doch in der Biotechnologie kommt davon kaum etwas an.

Eine Mitgliederbefragung durch BIO Deutschland hat ermittelt, welche Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz an der Bekämpfung von COVID-19 beteiligt sind.

Mehr als 50 Biotech-Unternehmen in Deutschland beteiligen sich an dem Thema – ein breiter Mix aus allen Bereichen, von der Diagnostik über Medikamente bis zu Impfstoffen. Da sind auch sehr viele Unternehmen dabei, die einfache Dienstleistungen, Reagenzien oder sonstige Services in dem Bereich anbieten.

Ehrlicherweise muss man sagen, dass global gesehen die großen Player den Ton angeben. In Deutschland sind wir schlechter aufgestellt, weil wir die Branche 20, 30 Jahre lang unterfinanziert haben. In den vergangenen Jahren ist zwar viel passiert. Doch wenn man merkt, dass von den Mitteln, die über das Co-Investment-Vertriebssystem zur Verfügung gestellt werden – die berühmten zwei Milliarden Euro für Start-ups –, in der Biotech aufgrund der Definitionen nach wie vor kaum etwas ankommen wird, ist das natürlich in der Konzeption schwierig.

Wir sind hinsichtlich der Rahmenbedingungen in den vergangenen Jahren tendenziell ein Stück vorangekommen, aber da könnte man sehr viel mutiger und entschlossener agieren.
Oliver Schacht
Präsident BIO Deutschland

Mit welchen Anstößen könnte sich Deutschland hier besser positionieren?

Das sind dieselben Themen und Forderungen, die wir seit 10, 15, 20 Jahren immer wieder an die Politik stellen. Es kann nicht Aufgabe der Politik sein, Unternehmen zu finanzieren. Das fordern wir auch nicht.

Die Rahmenbedingungen müssten aber so gestaltet sein, dass es für institutionelle Investoren, für Pensionskassen, aber auch für Privatanleger, die in der Lage sind und Interesse haben, große Mengen an Kapital unterzubringen, attraktiver wird, auch steuerlich attraktiver. Damit sie zumindest einen Teil ihres Anlagevermögens Anlageklassen wie Venture Capital oder vielleicht auch Life-Sciences-Unternehmen zur Verfügung stellen. Hinsichtlich dieser Rahmenbedingungen sind wir in den vergangenen Jahren tendenziell ein Stück vorangekommen, aber da könnte man sehr viel mutiger und entschlossener agieren.

Das gilt auch für das Thema steuerliche Forschungsförderung. Es gab noch nicht einmal eine BIO Deutschland, da haben wir diese schon gefordert. Jetzt haben wir eine Forschungsförderung, bei deren Ausgestaltung – zumindest nach erster Einschätzung – es jedoch sehr unwahrscheinlich ist, dass in 2021 für die allermeisten Biotech-Unternehmen irgendetwas herumkommt. Die Definition geht wieder Richtung Frühphasen und Grundlagenforschung und nicht in klinische Entwicklung und fertiges Produkt, das dann Patient und Gesundheitssystem nutzen soll. Dieser Punkt ist ausgenommen von der steuerlichen Forschungsförderung.

In Österreich oder auch in Frankreich dagegen steht ein gewisser Prozentsatz an Aufwendungen dafür zur Verfügung. In den USA wiederum werden Biotech-Unternehmen im Impfstoff-Bereich mal eben mit dreistelligen Millionenbeträgen unterstützt.

Dutzende von Unternehmen arbeiten unter Hochdruck an einem Covid-19-Impfstoff. Wie stehen die Chancen für sogenannte RNA-Vakzine?

So berechtigt die Hoffnungen an vielen Stellen sind, wenn es bei irgendeinem RNA-Ansatz (RNA: Ribonukleinsäure) für die Vakzine läuft, dann ist transtechnologisch davon auszugehen, dass auch andere Player mit dem letztlich technologisch fundamental vergleichbaren identischen Ansatz der RNA-Vakzinen auch gute Chancen haben.

Doch bis heute hat es auf der Welt noch nie RNA-Vakzinen gegeben und es hat auch noch nirgends auf der Welt jemand geschafft, einen Impfstoff gegen irgendein Coronavirus zu entwickeln. Dabei ist es nicht so, dass man es nicht versucht hätte. Es gibt viele gute Gründe, warum wir heute viel weiter sind als vor 10, 15 Jahren, aber wir können nicht mit hundertprozentiger Sicherheit damit rechnen, dass es am Ende überhaupt einen Impfstoff geben wird.

  • Die Idee hinter RNA-Vakzinen

    Hauptaufgabe der Ribonukleinsäure (RNA) ist in tierischen und menschlichen Zellen die Bildung von Proteinen, also Eiweißen. Dafür bekommt die RNA eine Anleitung von der DNA (Desoxyribonukleinsäure), dem Erbgut. Die DNA ist bildlich gesprochen ein Buch, aus dem von der mRNA (messenger RNA) eine Seite abgeschrieben und an anderer Stelle abgelegt wird. RNA-Vakzine (Impfstoff) besteht nicht aus inaktiven Erregern, die eine Immunreaktion hervorrufen, sondern aus Eiweißstoffen, die Bestandteil des jeweiligen Erregers sind. In den Körperzellen dient die RNA-Impfung als Kopiervorlage, von der das Immunsystem lernt und sich so für den Fall einer tatsächlichen Infektion wappnet. RNA-Impfstoffe können synthetisch und damit schnell und in großer Menge hergestellt werden, bisher existiert allerdings – auch unabhängig von Corona – noch kein einziger.

Entstehen beim Wettbewerb um den Impfstoff auch Kooperationen oder versucht jedes Unternehmen möglichst für sich, Erster zu werden?

Es gibt durchaus Kooperationen. Die Impfstoffentwickler wissen, dass es selbst für die allergrößten auf der Welt alleine nicht zu stemmen ist. Die Produktionsseite fährt schon mit Grund bereits die Kapazitäten hoch und sagt: Wenn es dann schief geht, haben wir zwar Investitionen in den Sand gesetzt, aber wenn wir erfolgreich sind, dürfen wir nicht erst sequenziell nach erfolgreicher Entwicklung darüber nachdenken, wie die industrielle Produktion in großen Stückzahlen zu schaffen ist.

Wenn der US-Fiskus Hunderte Millionen US-Dollar für Produktionskapazitäten zur Verfügung stellt, ist es per se nicht verwerflich zu sagen: Dann hätte ich auch gerne die Möglichkeit, entsprechende Mengen zu bestellen.
Oliver Schacht
Präsident BIO Deutschland

Dann wird es also eher ein Wettlauf: Wer darf als Erster?

Ich denke, am Ende geht es aus wie das Hornberger Schießen. Jeder wird etwas vom Impfstoff bekommen und es werden auch politische Mechanismen greifen. Das wird, denke ich, heißer gekocht, als es gegessen wird.

Aber nochmal: Wenn ich in den USA sitze und der amerikanische Fiskus bereit ist, Hunderte Millionen US-Dollar für Produktionskapazitäten zur Verfügung zu stellen – und zwar heute und auf Risiko – ist es per se nicht verwerflich zu sagen: Dann hätte ich auch gerne die Möglichkeit, entsprechende Mengen zu bestellen.

Da darf sich in Europa keiner beklagen, denn wir könnten genauso sagen: Wir stellen jetzt einem Unternehmen ein paar Hundert Millionen Euro zur Verfügung und helfen, hier Produktionskapazitäten hochzuziehen. Das wäre am Ende vielleicht die günstigere und bessere Option, als den Zug zu verpassen. Und wir haben das ja auch kürzlich gesehen mit dem Reservieren von bis zu 400 Millionen Impfdosen für Europa.

Diese Frage dürfte aber doch auch schon aufgekommen sein?

Ich hatte dazu gerade eine spannende Diskussion mit der Europäischen Kommission. Dort wird in der Direktion für Technologie und Innovation darüber nachgedacht, wie man die Möglichkeiten der Europäischen Investitionsbank (EIB) über Venture-Debt-Darlehensmöglichkeiten inklusive der Möglichkeiten von Forgiveness, also einer Erlassung der Rückzahlungspflichten für den Fall, dass Projekte eben in der Klinik oder in der Entwicklung zum Beispiel scheitern, ausbauen könnte. Die EIB hat historisch immer bis zu 25 Millionen Euro zur Verfügung. Das ist zwar viel Geld, aber was muss passieren, wenn der Impfstoff tatsächlich nächstes Frühjahr da wäre? Dann brauche ich nicht eine Million, nicht zehn Millionen, nicht 100 Millionen Impfdosen, sondern Milliarden! Das hat es in der Welt so noch nicht gegeben.

Es bringt nichts, mit der Gießkanne vielen kleinen Unternehmen jeweils ein bisschen zu geben. Das ist zwar schön für Statistiken, aber wenn wir das Problem lösen wollen, müssen wir eine Auswahl von a priori wahrgenommenen Gewinnern setzen, die dann mit allem ausgestattet werden, was es braucht, um den Impfstoff durch die Entwicklung, Klinik und dann auch in die Produktion und Distributionslogistik zu bringen, denn das kostet ebenfalls noch einmal richtig Geld.

Corona-Impfstoff

80 Mio.

Bürgerinnen und Bürger in Deutschland zu impfen, ist selbst bis 2022 optimistisch.

Unterm Strich klingt durch, dass wir auch lernen müssen, mit diesem neuen Coronavirus zu leben.

Absolut. Selbst wenn wir erfolgreich sind und es im nächsten Frühjahr einen zugelassenen Impfstoff gäbe, den man dann anfängt, in großen Mengen zu produzieren: Nach meiner Einschätzung wird man keine 80 Millionen Bundesbürger im Laufe des Jahres 2021 durchimpfen können. Sind ein paar Millionen Impfdosen da, fangen wir mit Beschäftigten im Gesundheitswesen, Krankenhäusern, Pflegeheimen, Altenheimen, in der öffentlichen Infrastruktur, mit Beschäftigten im öffentlichen Nahverkehr, bei der Polizei, bei Lehrern und alten Menschen an. Bis die breite Mitte der Bevölkerung durchgeimpft wäre, halte ich selbst 2022 für optimistisch. Die Hoffnung, mit einem Impfstoff wird von einem Tag auf den anderen der Schalter umgelegt und alles ist gut, wird ja so nicht eintreten.

So groß Umsatz und Stückzahlen in Bezug auf COVID-19 sind: Das frisst Laborkapazitäten und Budgets aus dem Gesundheitswesen, die an anderer Stelle erstmal nicht zur Verfügung stehen.
Oliver Schacht
Präsident BIO Deutschland

Inwiefern ist die Biotech-Branche durch die Corona-Pandemie auch von Schwierigkeiten betroffen?

Das betrifft aktuell fast alles, was eben nicht mit COVID-19 zu tun hat. Es gibt eine Reihe von Biotech-Unternehmen in Deutschland, die nahezu ihre gesamte Belegschaft in Kurzarbeit geschickt haben. Zahnarztpraxen waren quasi wochenlang geschlossen, somit versiegte auch die Arbeit der dazugehörigen Labordienstleister. Sämtliche Operationen, die nicht absolut akut und überlebenswichtig waren, sind verschoben oder abgesagt worden. Wir sehen jetzt schon wieder Licht am Ende des Tunnels, und es geht im Juni schon wieder aufwärts.

Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen die 2019 im Schnitt pro Monat 400.000 RNA Prep Kits verkauft haben. Inzwischen ist die Produktion auf acht Millionen pro Monat hochgefahren und geht weiter Richtung 20 Millionen. Das ist eine Verzwanzigfachung der Volumina. Doch so groß Umsatz und Stückzahlen in Bezug auf COVID-19 sind: Das frisst Laborkapazitäten und Budgets aus dem Gesundheitswesen, die an anderer Stelle erstmal nicht zur Verfügung stehen. Von daher ist es ein gemischtes Bild.

Ich gehe davon aus, dass im zweiten Quartal bei vielen Biotech-Unternehmen, die mit kommerziellen Produkten am Markt sind und die nicht unmittelbar in diesem Umfeld positioniert sind, die Zahlen zurückgehen.
Oliver Schacht
Präsident BIO Deutschland

Mit welcher Prognose?

Wie in der gesamten Volkswirtschaft wird auch in der Biotech das zweite Quartal 2020 deutlich schwieriger und schlechter als das erste. Januar und Februar waren noch fast normal, selbst im März hat es noch gedauert, aber im April und Mai war zu spüren, dass sich vieles verlangsamt hat. Allerdings sehen wir seit Anfang Juni durchaus wieder positive Tendenzen und das dritte Quartal sollte wieder deutlich nach oben zeigen.

Es ist nicht so, dass die Branche stillsteht, aber ich gehe davon aus, dass im zweiten Quartal dieses Jahres bei vielen Biotech-Unternehmen, die mit kommerziellen Produkten am Markt und nicht unmittelbar in diesem Umfeld positioniert sind, die Zahlen zurückgehen.

Wenn es zur Jahresmitte, so wie derzeit absehbar, wieder besser wird, was auch immer dann das „neue Normal“ ist, dann geht’s. Aber wenn wir noch ein weiteres Quartal oder gar bis Jahresende im Shutdown wären – oder in eine zweite Welle liefen – dann hätten wir ein Problem. Findet bei klinischen Studien zwei, drei Monate kein Enrollment statt, ist das ärgerlich, aber nicht dramatisch. Wenn Studien ganz abgesagt werden oder es ein halbes oder ganzes Jahr dauert, bis wieder Normalität einkehrt, dann wird das Unternehmen in Situationen bringen, in denen sie schon hätten Meilensteine erreichen müssen, aber nicht konnten. Gleichzeitig laufen die operativen Kosten weiter und sie bräuchten neue Finanzierungsrunden. Dann könnte es schwierig werden.

Sie arbeiten selbst im Bereich von Antibiotika-Resistenzen. Bleibt hier die Nachfrage stabil?

Unser Hauptprodukt ist ein Test für akute, lebensbedrohende Lungenentzündung, bakteriell oder durch Pilze verursacht, nicht durch Viren. Wenn ich weiß, dass zwischen 15 und 25 Prozent aller COVID-19-Patienten, die auf Intensivstationen behandelt werden, sich innerhalb weniger Tage eine bakterielle Co-Infektion einfangen und laut Studien bis zu 50 Prozent aller Todesfälle nicht durch das Virus, sondern durch eine bakterielle Co-Infektion verursacht wurden, entweder in Form einer Lungenentzündung oder Sepsis, dann ist das nach wie vor relevant. Wir haben auch Tests für Infektionen im Bereich orthopädischer Implantate, die sind im Moment eher kein Thema, weil auch diese OPs nicht sattfinden. Unser Unternehmen hat noch keinen Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, stattdessen arbeiten wir sehr flexibel.

Für manchen systemkritischen Bereich ließen sich auf nationaler Ebene Mittel finden, um wieder bestimmte Dinge in Europa produzieren zu können.
Oliver Schacht
Präsident BIO Deutschland

Die Abhängigkeit von Indien und China als Hauptlieferanten von Medikamenten wurde durch die Corona-Krise noch deutlicher. Wird es diesbezüglich ein Umdenken geben?

Punktuell sicher, denn die Corona-Krise hat das Problem massiv verstärkt und beschleunigt, weil ganz drastisch klar geworden ist, wie abhängig wir sind. Durch die Diskussion in den vergangenen Jahren auch außerhalb der Life Sciences ist schon der eine oder andere Trend erkennbar, dass Unternehmen bestimmte Dinge auch wieder zurückholen. Es wäre aber naiv zu glauben, dass wir alles, was in den vergangenen 20 Jahren nach China oder Indien outgesourct wurde, jetzt wieder in Deutschland ansiedeln. Zum einen, weil es sich ökonomisch schlicht nicht sinnvoll darstellen lässt, und zum anderen, weil es auch von den Skaleneffekten her zu klein und national wäre.

Aber man täte in vielen Bereichen sicherlich gut daran, darüber nachzudenken, sich nicht ausschließlich auf China oder Indien zu verlassen, sondern als EU oder auch in Verbindung mit osteuropäischen Partnern zu gucken: Wo lassen sich zumindest Backup-Infrastrukturen aufbauen? Für manchen systemkritischen Bereich ließen sich da auf nationaler Ebene Mittel finden, um wieder bestimmte Dinge in Europa produzieren zu können. Doch dass generell alle Antibiotika wieder in Deutschland produziert werden, wird nicht passieren. 

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Fazit

Die Welt sehnt sich nach einem Impfstoff gegen SARS-CoV-2, Teile der Biotech-Branche laufen deshalb seit Monaten auf Hochtouren. Andere Bereiche bleiben dafür aktuell auf der Strecke. Oliver Schacht, PhD, Präsident des Branchenverbands BIO Deutschland, erläutert im Interview, warum in der Biotechnologie gerade alle Unternehmen mehr oder weniger kämpfen: gegen einen Erreger, um Auswege aus der Corona-Krise oder für bessere Rahmenbedingungen zur Finanzierungssituation.

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