10 Minuten Lesezeit 24 Juni 2020
Windräder im Meer mit Sicht vn aus den Wolken

„Wir brauchen dringend eine Green Cloud“

Für Umwelt und Digitalisierung war der Corona-Shutdown ein Glücksfall. Was muss nun passieren, damit der Wandel auch nachhaltig bleibt? 

Keine Nachhaltigkeit ohne Digitalisierung. Es geht nicht nur darum, wie nachhaltig Digitalisierung an sich ist, sondern welche Rolle sie beim Thema Nachhaltigkeit spielen kann. Dieser Denkansatz, der bereits die „Umweltpolitische Digitalagenda“ des Bundesumweltministeriums (BMU) prägt, liegt auch der jüngsten Studie zugrunde, die das EYCarbon-Team zusammen mit dem Wuppertal Institut für das BMU erarbeitet hat. Im Fokus: die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Digitalisierung und Umwelt. Wie sich die Erfahrungen des Shutdowns für die Gestaltung der Zukunft nutzen lassen, darüber sprechen die EY-Berater Nadja Gläser und Thomas Losse-Müller im Interview.

EY: Frau Gläser, Herr Losse-Müller, haben Sie die Ergebnisse Ihrer Studie so erwartet?

Nadja Gläser: Am Anfang von Corona hieß es: „Jetzt werden wir unsere Klimaziele erreichen!“ Uns war aber klar: Sobald die Maßnahmen gegen die Pandemie gelockert werden, steigen die Umweltbelastungen wieder. Gleichzeitig erlebte die Digitalisierung während der Krise einen großen Schub. Das wollten wir sichtbar machen: Was ist im Digitalbereich passiert? Was bedeutet das für die Umwelt? Und vor allem: Was müssen wir tun, damit die positiven Umweltwirkungen verstetigt werden können?

Was müssen wir tun?

Thomas Losse-Müller: Digitalisierung kann Umweltauswirkungen reduzieren, doch sie hat selbst auch welche. Wollen wir eine umweltgerechte Digitalisierung, müssen wir den Energie- und Ressourcenverbrauch von Hardware, Software und Cloud-Diensten reduzieren. Ein anderes Thema ist Transparenz. Datenerhebung und Datenaustausch geben uns Klarheit über die Bedürfnisse der Menschen, den Zustand der Umwelt und die Nutzung der Infrastrukturen. Mit Blick auf die Chancen des neuen Konjunkturpakets der Bundesregierung ging es auch darum zu klären: Was sind die zu erwartenden Umweltwirkungen? Und wie kann Digitalisierung bei diesen Maßnahmen ganz konkret unterstützen?

Videokonferenzen

120 %

mehr digitale Meetings gab es durch Corona.

Wie lässt sich verhindern, dass die Gesellschaft einfach wieder dort weitermacht, wo sie vor Corona aufgehört hat?

Losse-Müller: Die ersten Ergebnisse der Zwischenbilanz zeigen, dass Verhaltensänderungen möglich sind. Die Menschen haben in der Corona-Krise bisher zögerlich genutzte digitale Lösungen für das Homeoffice quasi über Nacht akzeptiert. Das ist eine große Chance. Jetzt kommt es darauf an, durch kluge Maßnahmen die Chancen für den Umweltschutz zu nutzen. Das BMU setzt sich zum Beispiel dafür ein, die Abschreibungsmöglichkeiten für die Digitalisierung der Wirtschaft zu erweitern. Und mit Investitionsprogrammen für eine „Green Cloud“ können energieeffiziente und besonders klimafreundliche Cloud-Infrastrukturen für Verwaltungen, den Bildungsbereich und Unternehmen ausgebaut werden.

Die Städte wollen die Verkehrswende und nachhaltige Mobilität, aber die Corona-Krise stellt die Nutzung des ÖPNV vor riesige Herausforderungen.
Nadja Gläser
Managerin, Smart Infrastructure – Smart City, Politik und öffentlicher Sektor, Strategy and Transactions | Deutschland

Gläser: Mit dem Shutdown Mitte März sind die Emissionen im Verkehr rapide gesunken. Das Verkehrsaufkommen in Deutschland ist stark zurückgegangen – sowohl im Individual- als auch im Kollektivverkehr. Den öffentlichen Personennahverkehr stellt dies jedoch vor ein großes Dilemma, da die Menschen Bus und Bahn kaum noch nutzen. Der ÖPNV und das stationäre Carsharing haben massiv gelitten. Die Menschen in den Städten wollen die Verkehrswende und eine nachhaltige Mobilität, doch die Corona-Krise stellt den ÖPNV vor riesige Herausforderungen.

Studien zeigen, dass es etwa drei Monate braucht, um menschliche Routinen zu ändern. Wenn sich also jetzt wieder alle daran gewöhnt haben, mit dem Auto zu fahren, wird ein Umdenken schwierig. Das lässt sich nur auffangen, indem man den ÖPNV komfortabler für seine Kunden gestaltet. Diese Forderung gab es schon vor Corona und sie ist noch wichtiger geworden. Die Digitalisierung könnte hier kurzfristig den ÖPNV unterstützen. Mithilfe KI-basierter Auslastungssteuerung sehen die Menschen zum Beispiel, welche Busse und Bahnen besonders ausgelastet sind. Weiterer Vorteil: Die Abstandsregeln ließen sich so besser einhalten.

Gleichwohl könnte der Personenverkehr auf den Straßen laut Zwischenbilanz mit kurzfristigen Maßnahmen um 8 Prozent gesenkt werden. Wäre das hilfreich?

Gläser: Definitiv. Aus meiner Erfahrung mit Projekten in Europa kann ich sagen, dass selbst eine Reduzierung von 3 Prozent im Autoverkehr zu Stoßzeiten signifikant zu einem besseren Verkehrsfluss beiträgt. 8 Prozent Reduzierung für den Personenverkehr ist eine Menge – das würden wir alle merken. Die Zwischenbilanz zeigt auch, dass Arbeitnehmer davon ausgehen, in Zukunft mehr von zu Hause aus zu arbeiten.

Videokonferenzen mit fünf Mitarbeitern, die nicht stattdessen durchschnittlich 10 Kilometer mit dem Auto oder dem ÖPNV zur Arbeit fahren, sind deutlich nachhaltiger.
Thomas Losse-Müller
Partner Politik und Öffentlicher Sektor, Strategy and Transactions, Leitungsteam EYCarbon | Deutschland

Losse-Müller: Wir müssen davon ausgehen, dass vor allem der Freizeitverkehr wieder zunehmen wird. Die Menschen wollen sich sehen und begegnen. Freizeitverkehr hat mit fast 60 Prozent einen höheren Anteil am Gesamtverkehr als Berufsverkehr und Geschäftsreisen zusammen. Viele Menschen glauben, das sei umgekehrt. Deshalb ist es schon sinnvoll, den Schulterschluss mit der Industrie, den Wirtschaftsunternehmen und den Verbänden zu suchen und das Homeoffice – und wenn es nur für einen Tag pro Woche ist – auf die Agenda zu setzen. Dann müssen wir sehen, wie sich der Energieverbrauch für Videokonferenzen zum CO2-Ausstoß der eingesparten Kilometer verhält.

Aber ein einfaches Rechenmodell zeigt schon die Potenziale: Videokonferenzen mit fünf Personen, die nicht stattdessen durchschnittlich 10 Kilometer mit dem Auto oder dem ÖPNV zur Arbeit fahren, sind deutlich nachhaltiger.

Dennoch bleibt hinsichtlich des Stromverbrauchs und der Wärmeabgabe von Serveranlagen die Frage: Wie viel Energie kostet Digitalisierung im Verhältnis zur Energieeinsparung? 

Es gibt keinen Überblick über die Rechenzentren in Deutschland und ihre Gesamtkapazität.
Thomas Losse-Müller
Partner Politik und Öffentlicher Sektor, Strategy and Transactions, Leitungsteam EYCarbon | Deutschland

Losse-Müller: Wichtig ist es, Cloud-Strukturen mit nachhaltiger bzw. erneuerbarer Energie zu versorgen. Dafür gibt es zum Beispiel das Investitionsprogramm „Green Cloud“. Das Internet ist keine virtuelle „Wolke“. Hinter der Cloud stehen Rechenzentren und Server von Unternehmen und Behörden, welche die „Denkarbeit“ der Digitalisierung leisten. Rechenzentren haben sich zu einer Schlüsselindustrie der Wirtschaft entwickelt und zählen teilweise zur kritischen Infrastruktur.

Doch bislang existieren hier keine gesetzlichen Anforderungen an eine Mindestenergieeffizienz und kaum Anreize zum sparsamen Umgang mit Energie und Rohstoffen. Das führt dazu, dass die Leistungskapazitäten der Rechenzentren nur unzureichend genutzt werden. Deshalb brauchen wir klare und vor allem wirksame Strategien und Regeln, um den hohen Energie- und Ressourcenbedarf von Rechenzentren zu reduzieren. Doch davor muss eine einheitliche Erfassung erfolgen – eine solche Übersicht über die Zentren und ihre Gesamtkapazität in Deutschland gibt es bislang nicht.

Die Digitalisierung kann ein viel besseres, transparenteres Bild des Zustands der Welt, der Natur und der Umwelt liefern.
Thomas Losse-Müller
Partner Politik und Öffentlicher Sektor, Strategy and Transactions, Leitungsteam EYCarbon | Deutschland

Wie kann die Digitalisierung noch dabei helfen, die Umwelt zu schützen?

Losse-Müller: Die Digitalisierung kann ein viel besseres, transparenteres Bild des Zustands der Welt, der Natur und der Umwelt liefern. Dementsprechend können bei Bedarf auch relativ schnell Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, um eine negative Umwelteinwirkung möglichst gering zu halten.

Über Satellitenfernerkundung lässt sich der Zustand der Natur schon relativ genau ablesen. Selbst Google Maps kann Auskunft darüber geben, wie es um die Ökosysteme von Orten, Dörfern oder Feldern steht. Hochauflösende Satellitenbilder können helfen, Agrarräume naturverträglicher zu organisieren. Und ein Monitoring hilft insbesondere mit Blick auf Umwelt- und Klimaanforderungen in der Agrar- und Forstwirtschaft.

Gläser: Ein anderes Beispiel ist der Verkehr: Hamburg hat etwa seine Verkehrsinfrastruktur für den Individualverkehr schon relativ stark digitalisiert. Die Senatsverwaltung hat einen tagesaktuellen Überblick darüber, wie sich der Autoverkehr seit Corona entwickelt hat, wie er wieder anzieht und wie viel Prozent noch bis zum Vorkrisenniveau fehlen. Auch hier sehen wir: Transparenz und der schnelle Datenaustausch zwischen den beteiligten Behörden helfen enorm, um besser zu planen und zu steuern. 

Für digitale Plattformen zur Stärkung des lokalen Einzelhandels haben die Städte kein Geld – auch das Wissen fehlt.
Nadja Gläser
Managerin, Smart Infrastructure – Smart City, Politik und öffentlicher Sektor, Strategy and Transactions | Deutschland

Stichwort Online-Handel: Die Zahlen zeigen, dass nachhaltige Produkte weiterhin gefragt sind. Doch fehlt ein Angebot regionaler oder lokaler Anbieter. Was wurde versäumt?

Losse-Müller: Da kommen viele Faktoren zusammen. Es gibt viele regionale oder lokale Anbieter, aber die muss man kennen und proaktiv aufsuchen. Viele Verbraucher wünschen sich einen Zusammenschluss von lokalen Einzelhändlern und Produzenten. Doch es fehlt eine Plattform, die einen Überblick über die Angebote liefert und den Kunden eine komfortable Nutzung ermöglicht.
Eines der größten Probleme: Es sind zu viele Akteure involviert – wer macht da den Anfang? Eigentlich ist es ein klassisches Dilemma, das wir auch im Kontext der Smart City beobachten: Man braucht eine Instanz, die den Prozess steuert und die Akteure koordiniert. Dabei muss auch geklärt werden, für wen die Plattform den größten wirtschaftlichen Nutzen bringt, ob die Kommune oder der Landkreis das Angebot für ihre Bürger organisieren.

Die Stadt könnte zum Beispiel sagen: Der lokale Einzelhandel muss seine Produkte auf einer städtischen Plattform anbieten können, die zum Beispiel die Wirtschaftsförderung der Stadt aufsetzt. Die Ziele der Stadt sind dabei vielfältig: Sie möchte ihren Lebenswert halten, die Stadt soll prosperieren, sie braucht die Gewerbesteuereinnahmen und kann es sich nicht leisten, dass die Menschen nur noch bei Online-Anbietern kaufen, die dort keine Steuern zahlen. Unsere Zwischenbilanz zeigt, dass die Bürger solchen Ansätzen offen gegenüberstehen. 

Online-Transaktionen

60 %

höher lag der Anteil des digitalen Einkaufens als vor der Corona-Pandemie.

Gläser: Ja, und es gibt bereits spannende Ansätze. Zum Beispiel vom Mindener Tageblatt, das nach neuen Geschäftsmodellen und neuen Anwendungsfällen für den Verlag suchte. Als der Shutdown kam, haben die Verantwortlichen beschlossen: Die lokalen Einzelhändler können sich bei uns melden und wir bauen eine lokale Einzelhandelsplattform auf. Das Mindener Tageblatt nutzte sein bestehendes Verteilernetzwerk für die Zeitung und organisierte darüber auch die Logistik der Einzelhändler. Das ist eine tolle Idee, die zeigt: Man muss auf Bestehendem aufbauen.

Die vorgestellte Studie ist eine Zwischenbilanz. Was ist Ihre Hoffnung für eine abschließende Bilanz in der Zukunft?

Gläser: Ich hoffe, dass man den jetzigen Digitalisierungsschub dafür nutzen wird, digitale Angebote noch nachhaltiger zu gestalten und die Digitalisierung der Verwaltung stärker voranzubringen.

Das plakativste Thema ist wahrscheinlich das Homeoffice: Dafür braucht es nicht notwendigerweise ein Gesetz, aber vielleicht können sich Unternehmensverbände und regionale Initiativen zusammenfinden, die das vor allem als Chance für die CO2-Reduzierung sehen. Wenn es gelänge, die Virtualisierung der Arbeit tatsächlich auch für Nachhaltigkeit zu nutzen, dann hätten wir schon einiges erreicht.

Losse-Müller: Wichtig für den Diskurs ist nicht nur die Frage, wie Digitalisierung nachhaltig gestaltet werden kann, sondern vor allem die Frage, wie sie helfen kann, ambitionierte Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. 

Fazit

Zusammen mit dem Wuppertal Institut hat EY in einer Studie die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Umweltpolitik und Digitalisierung analysiert. Die „Zwischenbilanz“ liefert Zahlen über geänderte Routinen der Menschen in ihrem Kaufverhalten, ihrer Mobilität und ihrem Arbeitsleben. Wichtigste Erkenntnis: Die Digitalisierung hat durch Corona einen kräftigen Schub bekommen. Politik und Gesellschaft müssen nun dafür sorgen, dass sie weiter an Dynamik gewinnt.