5 Minuten Lesezeit 3 November 2021

Neue Themen, andere Zeithorizonte – und der dringende Bedarf an Fachkräften: Das sind die Folgen der CSRD für das Risikomanagement.

Innenraum eines grünen Gebäudes

Wie die neue CSR-Berichterstattung das Risikomanagement verändern wird

Autoren
Nicole Richter

Leiterin Climate Change and Sustainability Services & Co-Leiterin EYCarbon, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Ist passionierte Verfechterin nachhaltigen Unternehmertums. Setzt sich für Transparenz im Berichtswesen ein.

Yvonne Meyer

Partner Climate Change and Sustainability Services, Ernst Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Yvonne Meyer ist Spezialistin für Nachhaltigkeitsberichterstattung. Als erfahrene Wirtschaftsprüferin begleitet sie sehr engagiert ihre Mandanten bei vielen Fragestellungen in diesem Kontext.

5 Minuten Lesezeit 3 November 2021

Neue Themen, andere Zeithorizonte – und der dringende Bedarf an Fachkräften: Das sind die Folgen der CSRD für das Risikomanagement.

Überblick

  • Die neuen EU-Vorschriften zu nichtfinanzieller Berichterstattung verändern auch das Risikomanagement.
  • Künftig sind mehr Risiken zu betrachten und über längere Zeiträume zu bewerten.
  • Gerade die Erweiterung um Outside-In-Perspektiven und neue Anspruchsgruppen dürfte für großen Fachkräftebedarf sorgen.

Eigentlich sollten Unternehmen nichtfinanzielle Risiken inzwischen viel breiter erfassen und steuern: Denn schon seit 2014 ist in der Europäischen Union die erste CSR-Richtlinie in Kraft getreten. Damals steckte darin die Erwartung, dass Unternehmen ihre Angaben zu nichtfinanziellen Themen, zu Nachhaltigkeitsaspekten und zu ihren eigenen Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft besser überwachen und steuern. Auch das Risikomanagement hätte dadurch auf ein breiteres Fundament gestellt werden können: weg von der rein finanziellen Bewertung von Risiken, hin zu einem umfassenderen Verständnis. Laut der damaligen Leitlinie würde das zu „sachkundigerer Entscheidungsfindung“ führen, zum besseren Einbeziehen von ESG-Risiken (Environmental, Social und Governance, also den drei Elementen von Nachhaltigkeit) in die strategische Planung und damit auch zu besseren Zugängen zu Finanzierung.

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Webcast - Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD)

Haben Sie Interesse daran, mehr über die zentralen Elemente der CSRD und deren Auswirkungen auf Unternehmen und ihre Berichterstattung zu erfahren? Mehr dazu in diesem Webcast.

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Vier Jahre später hat sich EY 105 nichtfinanzielle Erklärungen für das Berichtsjahr 2018 angeschaut, um zu überprüfen, ob die Richtlinie wirklich zu einer erweiterten ESG-Berichterstattung geführt hat. Das Ergebnis war ernüchternd: Nur in acht Fällen gingen die Erklärungen über berichtspflichtige ESG-Risiken hinaus. Ein tief verankertes Umdenken in den Unternehmen war den Berichten nicht zu entnehmen – auch weil die Richtlinie immer noch drei wesentliche Schlupflöcher ermöglichte. Sie hatte ein kurzfristiges Verständnis von Risiko, eine sehr hohe Berichtsschwelle und sie erlaubte die Nettoberichterstattung zu Umweltrisiken anstelle einer detaillierten Einzelbetrachtung.

Die neue CSRD soll die Schwächen der ersten Richtlinie ausmerzen

Nun, im Herbst 2021, liegt ein Entwurf für eine überarbeitete Version der Richtlinie vor, die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Damit steigt die Zahl der berichtspflichtigen Unternehmen und die vorgeschriebenen Umfänge wachsen deutlich. Auch das Risikomanagement wird sich anpassen müssen. In dieser Folge der CSRD-Serie geht es eben um diese Auswirkungen auf das Risikomanagement in Unternehmen. Drei Aspekte sind besonders wichtig: nichtfinanzielle Folgen von Risiken, neue Zeithorizonte und die Erweiterung des Blickwinkels auf Folgen für die gesamte Umwelt des Unternehmens.

Umfassendes Nachhaltigkeitsverständnis nun auch im Risikomanagement

Die CSRD verändert das Verständnis davon, was in der Unternehmensberichterstattung überhaupt ein Risiko konstituiert. Bisher wurde darunter alles verstanden, was direkt das Finanzergebnis des Unternehmens beeinflusst: Wie viel Umsatz würde ausfallen, wenn eine Regierung ihre Umweltregulierung verändert? Wie viele zusätzliche Mannstunden sind nötig, wenn ein Arbeiter an einer Maschine sich wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen verletzt und ausfällt?

Die künftig zu beschreibenden Risiken sind ausdifferenzierter und sie legen zusätzlich zur Finanzperspektive mehr Wert als bisher auf negative Auswirkungen auf die Umwelt und Soziales – Risiken werden nicht mehr nur in ihrem materiellen Gegenwert gemessen. 

Ein Beispiel sind Risiken durch die Klimakrise, unterschieden nach vier Kategorien: 

  1. Akute physikalische Risiken wie beispielsweise Überflutungen, die künftig häufiger auftreten.
  2. Chronische physikalische Risiken, die unter anderem durch steigende Temperaturen langfristig entstehen.
  3. Übergangsrisiken, die durch die Umstellung auf eine kohlenstoffärmere Wirtschaft entstehen, beispielsweise weil die Politik schneller als geplant Emissionswerte begrenzt.
  4. Haftungsrisiken, die zwar immer schon bestanden, aber nun teils mehr werden, unter anderem durch neue klimabezogene juristische Klagen.

Eine Kernfrage wird die Entscheidung darüber sein, ab wann ein Risiko für Umwelt, Soziales oder Governance entsteht. Diese Bewertung wird schwieriger und es braucht mehr vernetzte Expertise im Unternehmen als bisher.

Bisher konnte eine Argumentation lauten, dass nur dann Risiken entstehen, wenn in der Summe die Finanzlage des Unternehmens bedroht ist. Dabei galt ein Risiko als abgebaut, wenn beispielsweise eine Versicherung sicherstellte, dass sie einspringt, wenn das Unternehmen für Umweltschäden aufkommen muss. 

Eine Kernfrage wird die Entscheidung darüber sein, ab wann ein Risiko für Umwelt, Soziales oder Governance entsteht. Diese Bewertung wird schwieriger und es braucht mehr vernetzte Expertise im Unternehmen als bisher.

Differenziertere Zeithorizonte erfordern mehr Zusammenarbeit

Komplizierter wird diese Bewertung auch, weil die CSRD künftig neue Zeithorizonte in der Bewertung von Risiken vorschreibt. Bisher bezog sich diese Abschätzungen auf ein Jahr, bald sind kurz-, mittel- und langfristige Urteile nötig. Das erschwert die Bewertung besonders in innovationsstarken Umfeldern, wie beispielsweise dem Umweltschutz. Langfristige technische Verbesserungen sind aus aktueller Sicht kaum abschätzbar. Wichtiger werden deshalb Szenario-Analysen, wie sie von der „Task Force on Climate-related Financial Disclosures“ (TCFD) ausformuliert werden – einer Expertenkommission des Finanzstabilitätsrats der G20 zur Ausarbeitung von Leitlinien zur Berichterstattung klimabezogener Risiken.

Eine belastbare Einschätzung dieser komplexen Szenarien und Simulationen kann aber nur gelingen, wenn sich die Zusammenarbeit verändert. Zur angemessenen Beurteilung dieser verlängerten Zeithorizonte sollten sich Unternehmen künftig intern häufiger abstimmen und besser vernetzen und die vielen ineinandergreifenden Rädchen strukturiert betrachten, die zur angemessenen Beurteilung dieser verlängerten Perspektiven führen.

Die CSRD gibt vor, dass Unternehmen nicht mehr nur bewerten, welche Risiken auf das Unternehmen einwirken, sondern auch, welche Risiken das Unternehmen extern auslöst. Diese Ergänzung um eine „Inside-Out-Perspektive“ macht ebenfalls neue Bewertungsmethoden und deutlich wachsendes Fachwissen zur Beurteilung von differenzierten Risiken für unterschiedliche Anspruchsgruppen nötig. Auch das erfordert eine umfangreichere Vernetzung und einen konstanteren Prozess zur Risikobeurteilung.

Mehr Fachleute nötig, neue Chancen möglich

Bereits jetzt deutet sich an, dass es im Risikomanagement an Fachleuten für ESG-Themen fehlt – vereinfacht gesagt: Menschen mit hohem Interesse an Nachhaltigkeit sahen sich bisher eher selten in der Risikobewertung von Unternehmen. Dieser Fachkräftemangel wird die Branche rund um die CSRD-Einführung prägen. 

Wenn aber das Risikomanagement in vielen Unternehmen auf eine breitere Basis gestellt wird, dann liegt darin auch eine Chance. Derzeit lebt das Risikomanagement noch zu häufig von Ad-hoc-Prozessen, die Risiken teilweise zu unstrukturiert einmalig jährlich abfragen, kaum abstimmen und dann bis zur nächsten Bewertungsrunde nicht durchgängig beobachten.

EYCarbon

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Die CSRD ist auch ein Anstoß zu einer systematischeren Auseinandersetzung mit Risiken und damit letztendlich mit der Unternehmensstrategie sowie deren Auswirkungen auf das eigene Ergebnis und die Unternehmensumwelt. Es wird künftig diese einmaligen Bestandsaufnahmen nicht mehr geben, stattdessen müssen Risiken überall im Unternehmen mitgedacht werden: in Lieferketten wegen sozialer Probleme an Standorten von Zulieferern, in der Produktion wegen Umweltbelastungen und Arbeitsbedingungen, im Verkauf wegen schlechterer Reputation durch Diskussionen über Produktionsbedingungen. In der Summe werden durch die neue Direktive viele nötige Veränderungen angestoßen – die es ohnehin braucht.

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Download: Auf Kurs Klimaschutz: Entwicklungen und Ziele deutscher Unternehmen

Eine Analyse der nichtfinanziellen Erklärungen 2020

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Fazit

Die von der EU geplanten neuen Vorschriften zur CSR-Berichterstattung werden das Risikomanagement in Unternehmen verändern. Risiken werden künftig nicht mehr nur finanziell betrachtet, sondern auch mit Hinblick auf ihre Auswirkungen auf Soziales und Governance bewertet. Außerdem müssen neben der bisherigen Ein-Jahres-Perspektive stärker mittel- und langfristige Auswirkungen in den Blick genommen werden. Das Risikomanagement wird sich breiter vernetzen und die eigenen Kompetenzen erweitern müssen. Durch den steigenden Fachkräftebedarf zu diesen Fragen könnten einige Unternehmen Probleme bei der Suche nach Fachleuten zum Thema Nachhaltigkeit bekommen.

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Nicole Richter

Leiterin Climate Change and Sustainability Services & Co-Leiterin EYCarbon, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Ist passionierte Verfechterin nachhaltigen Unternehmertums. Setzt sich für Transparenz im Berichtswesen ein.

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Partner Climate Change and Sustainability Services, Ernst Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Yvonne Meyer ist Spezialistin für Nachhaltigkeitsberichterstattung. Als erfahrene Wirtschaftsprüferin begleitet sie sehr engagiert ihre Mandanten bei vielen Fragestellungen in diesem Kontext.