4 Minuten Lesezeit 7 Juni 2021
Junges Mädchen umarmt einen großen Baumstamm

Messen wir Unternehmenserfolg künftig in °C?

Von Nicole Richter

Leiterin Climate Change and Sustainability Services & Co-Leiterin EYCarbon, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Ist passionierte Verfechterin nachhaltigen Unternehmertums. Setzt sich für Transparenz im Berichtswesen ein.

4 Minuten Lesezeit 7 Juni 2021

Unternehmen sollen ihren Beitrag zum Erreichen der Klimaziele leisten. Die Devise: Tu Gutes und rede darüber. Aber wie gelingt das?

Überblick

  • Gesetzgeber, Kunden und Investoren fordern von Unternehmen einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz.
  • Transparenz über „grüne“ Berichterstattung wird zur Pflicht.
  • Fehlende einheitliche Standards erschweren die Vergleichbarkeit und Prüfung der Klimaanstrengungen.

Der Klimawandel ist die große Herausforderung unserer Zeit. Mit dem Pariser Klimaschutzabkommen bekennt sich die Weltgemeinschaft zum anthropogenen Einfluss auf das Weltklima und die damit verbundenen Risiken für das Erdsystem. Mit dem Ziel, die negativen Auswirkungen der Erderwärmung auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, wurde auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse das 2 °C-Ziel definiert. Möchte sich die Weltgemeinschaft vor irreversiblen Systemveränderungen schützen, ist jedoch die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 °C notwendig, um folgenschwere Kipppunkte nicht zu erreichen.

Diese große Entscheidung der Weltgemeinschaft ändert alles. Die Ambition wird auf nationale Klimaziele (NDCs) übertragen und diente auch als juristische Grundlage für die jüngste Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts in Bezug auf die nicht gewährleistete „verhältnismäßige Verteilung von Freiheitschancen über die Generationen“ durch das mittlerweile angepasste nationale Klimaschutzgesetz.

Der zu erwartende negative Einfluss des Klimawandels auf Natur und Gesellschaft und die damit einhergehenden regulatorischen Verschärfungen setzen Investoren vermehrt unter Druck. Dass klimawandelbedingte physikalische und transitionale Risiken (z. B. Extremwetterereignisse oder steigende Bepreisung) immer wesentlicher werden, verleiht CO2-Emissionen eine neue Materialität in der Beurteilung von Investmentportfolios und Finanzprognosen. Die nun herleitbare Messbarkeit des finanziellen Einflusses von CO2 auf Geschäftsmodelle wird damit zum Indikator für unternehmerischen Erfolg.

Schon heute berichten viele Unternehmen über Nachhaltigkeitsthemen wie Umweltbelange, Arbeitsschutz und Menschenrechte oder soziales Engagement – doch im Vergleich zu den Finanzkennzahlen machen solche Angaben mit etwa 10 Prozent nur einen sehr kleinen Teil der Bilanz aus. Hinzu kommt ein Problem: Die Angaben sind oft wenig detailliert. Viele Unternehmen beschränken sich darauf aufzuzeigen, wie sich der Klimawandel auf ihre Produktion, Standorte oder Beschäftigten auswirkt. Wesentliche Fragen bleiben dabei ungeklärt: Wie beeinflussen wiederum die Produkte und die Produktion des Unternehmens die Umwelt und die Gesellschaft? Welchen Beitrag leistet das Unternehmen zum Klimaschutz? Zahlreiche voneinander abweichende Standards erschweren zudem einen direkten Vergleich. Wer als Investor vor der Frage steht, ob Autohersteller A oder B klimafreundlicher wirtschaftet, wird in den Berichten nur bedingt eine Antwort finden.

Die steigende Materialität von CO2 birgt neue Herausforderungen

Die Vergleichbarkeit von CO2-Kennzahlen in ihren Qualitäten und Erhebungsansätzen ist derzeit nur eingeschränkt möglich. Ein gutes Beispiel dafür ist der Carbon Footprint von Produkten, der weder national noch international einheitlich geregelt ist. Diesen Berechnungen liegen oftmals unterschiedliche Systemgrenzen, Annahmen und Primärdatenanteile zugrunde.

Neben den klassischen Fragen zu Carbon Accounting steht die doppelte Materialität zunehmend im Fokus der Diskussion. Diese sieht vor, neben einer rein ökonomischen Betrachtung den Einfluss auf Gesellschaft und Natur mitzudenken. Die Nichtberücksichtigung ökologischer und sozialer klimawandelbedingter Risken birgt die Gefahr, dass die Dekarbonisierung des eigenen Geschäftsmodells einen negativen Einfluss auf andere Stakeholder hat und damit weniger nachhaltig wirkt.

Dies führt auch zu einem weiteren Aspekt des Offenlegens von Klimainformationen: dem Aufzeigen der Fähigkeit, das eigene Geschäftsmodell mittelfristig an eine dekarbonisierte Ökonomie anzupassen. Es geht also nicht nur darum, CO2-Zahlen zu berichten. Vielmehr wird von Unternehmen verlangt, dass sie offen Auskunft über ihre Anpassung und das Management von klimawandelbedingten Risiken und Chancen erteilen. Neben dem Setzen ambitionierter und wissenschaftsbasierter Klimaziele dienen Szenarioanalysen dazu, strategische Entscheidungen innerhalb des Unternehmens zu unterstützen.

Disclosure 2.0 – beyond „Checking the Box”

Aufgrund der neu zugeordneten Materialität von CO2 stellen sich neue Herausforderungen an die Erhebung von CO2-Emissionen. Gestern noch ein klassisches „Checking the Box“-Reporting, kann die CO2-Intensität eines Produkts heute den Beschaffungsprozess eines Unternehmens stark beeinflussen. Daher ist es wichtig, neben der Verbesserung der Datenqualität die Vergleichbarkeit und Robustheit von Klimainformationen zu stärken.

Dies gilt auch für die klimawandelbedingte Kosten- und Gewinnprojektion in Szenarioanalysen und für die finanzielle Abschätzung von Risiken und Chancen. Investoren nutzen diese Informationen, um bewerten zu können, inwieweit Unternehmen heute schon fähig sind, das eigene Geschäftsmodell mittelfristig an eine dekarbonisierte Ökonomie anzupassen – also zu prüfen, ob Unternehmen zukunftsfähig sind und wie hoch das Risiko gescheiterter Wertanlagen ist.

Angesichts der Vielzahl unterschiedlicher Berichtsmethoden drängen internationale Investoren und Unternehmen vermehrt auf eine steigende Transparenz und regulatorische Rahmungen für das CO2-Reporting. Insbesondere in Kombination mit Digitalisierung skizziert die EU bereits heute durch Forschung und Entwicklung am digitalen Produktpass und dem Product Environmental Footprint, wie elementar eine gute, valide Datenlage in Unternehmen ist.

Mit dem Pariser Klimaschutzabkommen folgen auf die freiwilligen Commitments von Unternehmen starke regulatorische Veränderungen für die deutsche Industrie. Die regulatorische Abbildung dieser neuen Materialität findet sich bereits in steigenden CO2-Preisen, der EU-Taxonomie und dem EU Green Deal wieder. Doch welche Anforderungen resultieren daraus für ein zeitgemäßes Reporting?

Internationale Investoren und Unternehmen drängen auf einen weltweit einheitlichen Standard für die Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Einheitliche Standards für die Berichterstattung gefordert

Aus regulatorischer Sicht werden Unternehmen zukünftig durch die EU-Taxonomie dazu aufgefordert, über Mitigation und Anpassung an den Klimawandel zu berichten. Zudem werden im Rahmen der Überarbeitung der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) in der EU ab 2023 verbindliche Berichterstattungsstandards für alle Kapitalgesellschaften geschaffen. Perspektivisch könnten somit heute noch freiwillige Frameworks wie die der Science-Based Targets Initiative zukünftig verpflichtend sein.

EYCarbon

Die Dekarbonisierung treibt die nächste große Transformation voran, die unsere Wirtschaft und Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit umgestaltet. Um die Herausforderungen der Dekarbonisierung zu meistern und die Chancen zu nutzen, haben wir EYCarbon gegründet.

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Für Unternehmen bedeutet das, dass sie ihre künftige Bilanzierung umstellen müssen. Nichtfinanzielle Angaben werden in Zukunft die Hälfte der Berichterstattung einnehmen. Transparent, nachvollziehbar und vergleichbar sollen Klimaziele, konkrete Maßnahmen zum Klimaschutz, Fortschritte und Rückschritte beschrieben werden. Dabei zählt nicht nur, was in der Vergangenheit erreicht wurde. Wie bei Bilanzen, die in den vergangenen Jahren sukzessive um die Zukunftssicht erweitert wurden, wird es auch in der Klimaberichterstattung um Prognosen gehen. Schaffen wir es, unser CO2-Etappenziel zu erreichen? Welche Risiken sehen wir? Fragen, die Unternehmen in Zukunft beantworten müssen.

Springen wir nun in das Jahr 2030, um uns vorzustellen, wohin uns die aktuelle regulatorische Entwicklung führen wird und was dies für nichtfinanzielles Reporting bedeuten könnte:

  • Doppelte Materialität: Die Gerichtsbarkeit von Staaten und Unternehmen, die sich nicht an die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens halten, wird zunehmen. Die Wissenschaft Attribution Science kann heute schon nachweisen, wie viel Prozent eines durch Naturkatastrophen verursachten Schadens menschengemacht ist. Dies wird zwangsläufig zu einem Reporting im Sinne der doppelten Materialität führen (oder auch doppelte Wesentlichkeit).
  • Ganzheitliche Nachhaltigkeitsbetrachtung: Der klimawandelbedingte Druck auf Wasserreserven und Biodiversität wird das Verständnis für geteilte Risiken stärken. Was heute noch CO2 ist, werden morgen voraussichtlich Wasserbepreisung und Artenverlust sein. Einige Unternehmen beginnen bereits, den Ansatz eines Fair Share an einem globalen Ressourcenbudget wie bei den sogenannten Science-Based Targets auf weitere ökologische Dimensionen zu übertragen. Partiell möglich ist dies beispielsweise im Sinne der Planetary Boundaries oder der Science-Based Targets for Nature. Nach 2021 wird das Carbon Disclosure Project voraussichtlich die Datenabfrage in einem ganzheitlichen Fragebogen bündeln und zudem Fragen zur Biodiversität aufnehmen.
  • Die Grenzen der Verantwortung: Das Lieferkettengesetz von morgen wird einen Großteil der vorgelagerten Wertschöpfungskette betreffen und neben sozialen Aspekten eine Vielzahl ökologischer Kriterien abbilden.

Messen wir also Unternehmenserfolg künftig in °C?

Nein, dies tun wir bereits heute. Zukünftig heißt es „CO2 + x“, denn durch die Regulierung wird die Materialisierung heute noch nicht erfasster sozialer und ökologischer Risiken entlang der eigenen Wertschöpfung folgen. Eine große Chance für all die Unternehmen, die bereit sind, bestehende Prozesse zu transformieren und durch technische Innovation auszugestalten.

  • Co-Autor: Janosch Birkert

    Janosch Birkert ist Senior Consultant für Climate Change & Sustainability Services bei EY. Als Umweltingenieurwissenschaftler berät er vor allem in den Bereichen Science-Based Targets, Scope 3-Accounting, TCFD und bei der Entwicklung von ganzheitlichen Nachhaltigkeitsstrategien. Zu seinen Kunden gehören privatwirtschaftliche Unternehmen (Automotive, Pharma, Life-Science) ebenso wie die öffentliche Hand.

Fazit

Gesetzgeber, Kunden und vor allem Investoren fordern von Unternehmen, einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Sie sollen realistische Klimaziele aufstellen und transparent über Maßnahmen und Fortschritte berichten sowie Prognosen erstellen. Wer seine Klimarisiken nicht kennt und minimiert, wird es am Kapitalmarkt künftig schwer haben. Erste Schritte in Richtung einheitlicher Standards sollen für Transparenz und Vergleichbarkeit sorgen.

Über diesen Artikel

Von Nicole Richter

Leiterin Climate Change and Sustainability Services & Co-Leiterin EYCarbon, Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft | Deutschland

Ist passionierte Verfechterin nachhaltigen Unternehmertums. Setzt sich für Transparenz im Berichtswesen ein.