5 Minuten Lesezeit 21 Januar 2021
Mann auf einem Baum baut ein Baumhaus

„Unternehmen berichten zurückhaltend über Ziele zur Klimaneutralität“

Unternehmen müssen über ihre Klimaziele berichten. Nicole Richter skizziert, wie sie das tun und wo noch Baustellen sind. 

Überblick
  • EY-Studie zeigt: Zwei Drittel der deutschen Unternehmen verfolgen klar definierte Ziele, um die CO2-Emissionen zu senken.
  • „Grünes“ Reporting beginnt mit integriertem Denken und Handeln im Unternehmen.
  • Unternehmen müssen sich als Folge der EU-Taxonomie ab 2021/22 auf verschärfte Anforderungen an ihre Klimaberichterstattung einstellen. 

Europa soll bis 2050 klimaneutral sein. Damit kommt auf die deutsche Wirtschaft zusätzlich zur Digitalisierung eine weitere große Herausforderung zu, die viele Bereiche komplett verändern wird. Die EY-Studie „Wie deutsche Unternehmen sich im Kampf gegen den Klimawandel positionieren“ analysiert die nichtfinanziellen Erklärungen (NFE) von 105 deutschen Unternehmen – und fokussiert dabei für 2019 vor allem den Klimaschutz und die Reduktion von CO2-Emissionen. 

Rund 90 Prozent dieser Unternehmen berichten über Klimaschutz und die Reduzierung der CO2-Emissionen. Zwei Drittel verfolgen klar definierte Ziele, um die CO2-Emissionen zu senken. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Nur selten nehmen Unternehmen zum Beispiel ihre Lieferketten und den Energieverbrauch ihrer Produkte in den Blick. Nicole Richter, Leiterin Climate Change and Sustainability Services & Co-Leiterin EYCarbon bei EY, spricht im Interview sowohl über die Anstrengungen als auch über den Nachholbedarf von Konzernen auf dem Weg Richtung Klimaneutralität.

EY: Frau Richter, die EU will mit dem Green Deal erreichen, dass Europa als erster Kontinent 2050 klimaneutral wird. Was heißt klimaneutral eigentlich?

Nicole Richter: Im Grunde bedeutet Klimaneutralität, dass man gar keine CO2-Emissionen mehr ausstößt – also weder in der Produktion noch dadurch, dass jemand Strom aus fossilen Brennstoffen bezieht. Statt aus fossilen Brennstoffen soll Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen werden. Eine bilanzielle Klimaneutralität erreichen Unternehmen durch ein Zusammenspiel aus maximaler Energieeffizienz und der Umstellung auf erneuerbare Energien. Unvermeidbare Emissionen, die nicht durch Einsparungen oder erneuerbare Energien reduziert werden können, können unter Zuhilfenahme von Kompensationsmaßnahmen auf Null gestellt werden. 

Schon 90 Prozent der deutschen Unternehmen haben Klimaschutz auf der Agenda und berichten darüber.
Nicole Richter
Leiterin Climate Change and Sustainability Services & Co-Leiterin EYCarbon | Deutschland, Schweiz, Österreich

Gibt es Standards, um den viel zitierten CO2-Fußabdruck eines Unternehmens zu erfassen und ihn in der nichtfinanziellen Berichterstattung darzustellen?

Richter: Ja, für das Klimareporting werden Emissionsquellen nach sogenannten Scopes kategorisiert. Scope 1 umfasst die direkten Emissionen, die innerhalb eines Unternehmens anfallen. Dazu zählen beispielsweise die Emissionen stationärer Anlagen oder des Fuhrparks. Scope 2 beschreibt alle Emissionen durch bezogene Energien wie Strom und Fernwärme. Die Scope 3-Emissionen entstehen entlang der Wertschöpfungskette, etwa bei der Fertigung bezogener Produkte oder bei der Nutzung von Produkten sowie bei Geschäftsreisen. Die Abgrenzung nach Scopes basiert unter anderem auf dem Greenhouse Gas Protocol (GHC Protocol). Das ist der international anerkannte Standard für die Klimaberichterstattung.

Für die aktuelle Studie haben Sie und Ihr Team sich angesehen, was deutsche Konzerne 2019 zum Klimaschutz in ihre Berichte geschrieben haben. Was hat Sie am meisten überrascht?

Richter: Zunächst haben wir festgestellt, dass schon 90 Prozent der Unternehmen Klimaschutz auf der Agenda haben und darüber berichten. Messbare Ziele zur CO2-Reduktion setzen sich bislang zwei Drittel der Unternehmen, für die das Thema wichtig ist. Allerdings berichten die Unternehmen zurückhaltend über Ziele zur Klimaneutralität. Lediglich ein Drittel der Unternehmen, für die Klimaschutz ein wichtiges Thema ist, strebt bereits heute Klimaneutralität innerhalb des Unternehmens an.

Spannend fanden wir zwei Punkte. Erstens konzentrieren die Unternehmen sich bei ihren Zielen hauptsächlich auf Scope 1- und Sope 2-Emissionen, während nur knapp ein Viertel zu Scope 3 berichtet. Uns hat auch überrascht, dass Unternehmen über Nachhaltigkeitsrisiken grundsätzlich sehr zurückhaltend berichten, obwohl diese nach dem CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz (CSR-RUG) eine Pflichtangabe in der nichtfinanziellen Erklärung sind.

Was bedeutet das konkret?

Richter: Nur 8 von 105 Unternehmen berichten bislang über Nachhaltigkeitsrisiken. Daraus schließen wir, dass Nachhaltigkeitsrisiken noch keinen hohen Stellenwert in der Risikoberichterstattung haben. 

Klimaschutz

29%

der Konzerne, die Klimaschutz für wichtig halten, streben Klimaneutralität bis spätestens 2050 an.

Woran liegt das – und vor allem: Warum sollte sich etwas verändern?

Richter: Klassische Risikomanagementsysteme haben für die Berichterstattung ein vergleichsweise kurzfristiges Risikoverständnis von einem bis maximal fünf Jahren, mittelfristig von bis zu zehn Jahren. Klimarisiken wirken dagegen teilweise viel längerfristiger. Physische Risiken wie Standortrisiken durch Starkregen oder andere Wettergefahren können sich – auch in Deutschland – perspektivisch entwickeln. Das sollten Unternehmen bereits heute antizipieren.

Andererseits müssen sie nur über sehr hohe und sehr wahrscheinliche Risiken berichten. Langfristige Nachhaltigkeitsrisiken sind aber schwer zu greifen, und bisher werden Unternehmen von ihren Stakeholdern vor allem am Erreichen konkreter Ziele gemessen. Das erklärt vielleicht auch die Zurückhaltung.

Wenn wir uns jedoch die Klimaziele ansehen, die Deutschland und Europa bis 2050 erreichen wollen, sind dies Perspektiven, die Unternehmen schon jetzt einnehmen sollten, wenn sie ihre Existenz sichern möchten. Gerade kürzlich hat die EU die Zielsetzung für 2030 hinsichtlich der Einsparung an CO2-Emissionen von 40% auf mindestens 55% gegenüber 1990 verschärft.

Mit Blick auf die von der Politik geforderte CO2-Reduktion: Wohin werden sich Unternehmen entwickeln?

Richter: Ich sehe drei Szenarien. Es gibt Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell transformieren müssen, weil sie sehr CO2-intensiv arbeiten und der CO2-Bepreisung unterliegen. Dazu gehören viele Industriebetriebe. Dann wird es Firmen geben, die den Übergang zur Klimaneutralität zu einer Erfolgsgeschichte machen. Das dritte Szenario umfasst Unternehmen, die mit Neuentwicklungen auch neue Geschäftsmodelle etablieren.

Sie sprachen an, dass Unternehmen relativ selten über Scope 3-Emissionen berichten. Warum ist das so?

Richter: Das liegt ein Stück weit in der Natur der Sache: Diese Emissionen können die Unternehmen nicht direkt beeinflussen, denn sie haben in der Regel keine Informationen zu vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsketten in ihrem eigenen System verfügbar. Dazu brauchen sie die Unterstützung ihrer Lieferanten, die Daten bereitstellen müssen. 

Wie fließen Daten überhaupt zusammen?

Richter: Ein Bericht kann nur abbilden, was an Informationen verfügbar ist. Reporting allein kann das nicht leisten. Gut und glaubwürdig darzustellen, auf welchem Klimapfad sich das Unternehmen bewegt, erfordert integriertes Denken und Handeln.

Da muss, vereinfacht gesagt, der Buchhalter mit dem Ingenieur reden. Dafür sollten Unternehmen ihre Strukturen ändern. Es ist hilfreich, zunächst auf die großen Treiber zu fokussieren, um dann Schritt für Schritt ein integriertes CO2-Berichterstattungssystem aufzubauen. Jedes Unternehmen braucht seine eigene Lösung. Es ist aufwändig und es existieren noch keine standardisierten Softwarelösungen.

Die EU-Taxonomie-Verordnung sieht vor, dass Unternehmen ab 1. Januar 2022 in ihrer nichtfinanziellen Erklärung Pflichtangaben zu ökologisch nachhaltigen Wirtschaftstätigkeiten machen müssen. Wie können Konzerne sich darauf vorbereiten?

Richter: Mit der Verordnung will die EU zum Erreichen ihrer vorgesehenen Umweltziele beitragen. Investoren soll transparent gemacht werden, mit welchen Investitionen Unternehmen ihre ökologisch nachhaltigen Tätigkeiten finanzieren. Davon verspricht man sich, dass mehr Geld in „grüne“ Aktivitäten fließt, die im Einklang mit den EU-Klimazielen stehen – das wird die nichtfinanzielle Berichterstattung wesentlich beeinflussen. Die geforderten Pflichtangaben sind umfassend: Anteil des Umsatzes, der mit Produkten aus nachhaltigen Aktivitäten erzielt wird, Anteil der Investitionen und Betriebsausgaben im Zusammenhang mit nachhaltigen Aktivitäten. Die Angaben werden 2022 verpflichtend. Sie sind dann erstmals rückwirkend für 2021 zu machen.

Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie ein „grünes“ Reporting spätestens 2021 etablieren und/oder optimieren sowie ihre Klimaschutzziele einschließlich CO2-Reduktion präzisieren und transparent machen sollten. Insgesamt müssen sich Unternehmen beim Klimaschutz auf weiter steigende Anforderungen und Erwartungen von Investoren und Stakeholdern an ihre nichtfinanziellen Erklärungen einstellen. 

Fazit

Die EU, und damit auch Deutschland, will bis 2050 weitgehend klimaneutral sein. Der Green Deal hat das Ziel, die Emission von Treibhausgasen auf null zu reduzieren. Dieses Vorhaben wird eine große Transformation antreiben und Märkte sowie Unternehmen verändern. In ihren nichtfinanziellen Erklärungen (NFE) beschreiben Unternehmen auch ihre Klimaziele. Diese konzentrieren sich vor allem auf die Reduktion der CO2-Emissionen, die aus eigener Produktion und aus dem Bezug von Energien resultieren. Weitgehend ausgespart bleiben Emissionen entlang der gesamten Lieferkette: Die Datenlücken an diesem Punkt zu schließen, gehört zu den Aufgaben, um die steigenden Anforderungen von Politik, Gesellschaft und Investoren zu erfüllen.