4 Minuten Lesezeit 3 Mai 2021
Ein Blick auf die Seilbrücke, die Berge verbindet

Warum wir alle umdenken müssen, um Mobilität neu zu erfinden

Autoren
Thomas Losse-Müller

Partner Politik und Öffentlicher Sektor, Strategy and Transactions, Leitungsteam EYCarbon | Deutschland

Berät Institutionen und Organisationen zu den großen Transformationsthemen Digitalisierung, Mobilität und Energiewende. War Finanzstaatssekretär und Chef der Staatskanzlei in Schleswig-Holstein.

Nadja Gläser

Senior Managerin, Smart Infrastructure – Smart City, Politik und öffentlicher Sektor, Strategy and Transactions | Deutschland

Berät Städte, Netzwerke und Unternehmen zu Smart City, Smart Mobility und Digitalisierungsstrategien. Fokussiert auf integrierte Ansätze für die nachhaltige Entwicklung von Städten.

Andrea Weinberger

Director Automotive Strategy and Transactions | Deutschland, Schweiz, Österreich | Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

Zielt als Sparringspartner ihrer Mandanten auf kritisch gedachte Strategien und deren Umsetzbarkeit. Lebt mit Lebenspartner und zwei Hunden bei Stuttgart, verbringt ihre freie Zeit gern in der Natur.

4 Minuten Lesezeit 3 Mai 2021

Für eine klimafreundliche Mobilität reichen ein paar E-Autos und Biokraftstoffe nicht aus. Die gesamte Struktur muss sich ändern.

Überblick
  • Der Klimawandel verlangt nach strukturellen Veränderungen der Mobilität in Städten.
  • Partnerschaften zwischen Mobilitätsanbietern, Infrastrukturdienstleistern, Software-Unternehmen und Kommunen sind essenziell.
  • Wer das Auto aus der Stadt verbannen will, muss Alternativen parat haben.

Kleine Atempause für das Klima: Im Vergleich zum Vorjahr sank der Ausstoß an Treibhausgasen nach Berechnungen des Umweltbundesamtes um 70 Millionen Tonnen oder knapp 9 Prozent – der stärkste Rückgang seit der Wiedervereinigung. Deutschland hat seine Klimaziele 2020 geschafft. Ein Grund zum Jubeln oder gar sich entspannt zurückzulehnen, ist das aber nicht. Denn ohne den Corona-Lockdown mit heruntergefahrener Produktion und deutlich weniger Urlaubs- und Berufsverkehr hätte Deutschland sein Klimaziel verfehlt. Neben dem Bau- und dem Gebäudesektor sieht die Bundesregierung vor allem beim Verkehr Nachholbedarf. 

Klimaziele 2020 dank Corona erreicht

– 8,7 %

Treibhausgasemissionen hat Deutschland laut Emissionsdaten des Umweltbundesamtes für das Jahr 2020 im Vergleich zu 2019 verzeichnet.

Mit mehr Elektroautos oder ein paar Prozentpunkten mehr Biomasse im Tank ist die Sache nicht getan. Strukturelle Veränderungen müssen her. Strukturwandel ist ein großes Wort. Ihn zu fordern ist leicht, aber ihn umzusetzen ist eine hochkomplexe Aufgabe. Strukturwandel in der Mobilität hat so viele Facetten, dass keine Branche und keine Kommune dies im Alleingang stemmen kann: von mehr Raum für Fußgänger und Radfahrer über einen komfortablen und bezahlbaren öffentlichen Nahverkehr bis hin zu guter Ladeinfrastruktur und smarten Logistiklösungen.

Chancen für innovative Mobilitätslösungen im Umbruch erkennen

Für die Automobilindustrie war der Klimawandel und seine Folgen lange ein ungeliebtes Thema. Jahrzehntelang hat die Branche hierzulande vom Erfolg ihrer hochwertigen Autos profitiert und war zu Recht stolz auf ihre Ingenieursleistungen. Auch wenn der Abschied von den guten alten Zeiten schwerfällt, muss dies kein Grund sein, die bevorstehenden Veränderungen ausschließlich als Bedrohung aufzufassen.

Veränderung ist eine Konstante. Schon in den vergangenen Jahren musste die heimische Automobilindustrie erkennen, dass die Konkurrenz, etwa aus Fernost, ihr mit nachgeahmten Produkten auf den Fersen war. Die Qualität reichte zwar nie an das Original heran, aber dafür war der Preis unschlagbar günstig. Bei Elektrofahrzeugen haben sich einige Konkurrenten aus den USA und China inzwischen einen Vorsprung erarbeitet, der nur mit Mühe aufzuholen ist. Was tun?

Wer sich nicht schnell genug anpasst und dabei nach vorn schaut, wird enden wie die Dinosaurier und keine Rolle mehr spielen.

Ein führender Bahnkonzern ergriff die Flucht nach vorn, als die Wettbewerber ebenfalls mit guten Lokomotiven auf Kundenfang gingen. Das Unternehmen entwickelte ganz neue, wasserstoffbetriebene Züge und vermarktete diese als Komplettservice: Der Kunde bekommt den vollgetankten Wasserstoffzug auf der Schiene und braucht sich weder um die Wasserstoffproduktion noch um die Logistik zu kümmern. Alles ist inbegriffen. Das ist nur ein Beispiel, wie Unternehmen Veränderungen als Chance erkannt haben. Die Techniker und Tüftler in diesem Land werden Mobilitätslösungen erfinden, die auch in 15 oder 20 Jahren noch Spaß machen, aber die Umwelt und die Menschen nicht mehr belasten. Wer sich jedoch nicht schnell genug anpasst und dabei nach vorn schaut, wird enden wie die Dinosaurier und keine Rolle mehr spielen.

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Für die Automobilindustrie ist der Strukturwandel unbestritten eine immense und kostenintensive Herausforderung. Doch die Startbedingungen sind nicht schlecht: Die Branche verfügt über gut ausgebildete Mitarbeiter und ist hochinnovativ. Mit Blick auf Know-how und Finanzen ist jedoch klar: Nicht alles lässt sich alleine stemmen. Partnerschaften zwischen Herstellern und Zulieferern, aber auch mit Infrastrukturbetreibern, Software-Anbietern, Startups und Kommunen können Kapazitäten und Wissen bündeln, woraus schließlich neue Geschäftsmodelle erwachsen. Bisher sind gute Beispiele rar – auch weil bislang verantwortliche Organisatoren dieser neuen Ökosysteme fehlen.

Strukturwandel und die Mobilität der Zukunft beginnen im Kopf

Zum Strukturwandel gehört auch, dass jeder Einzelne von uns umdenken muss. Die Gesellschaft kann es sich nicht länger leisten, die immer knapper werdenden Flächen in der Stadt exklusiv und kostenlos Menschen mit Autos zur Verfügung zu stellen. Öffentlicher Raum in der Stadt hat einen Wert und braucht daher einen Preis. Manchmal hilft nur ein gewisser Zwang, indem etwa fossile Kraftstoffe oder das Parken in den Innenstädten teurer werden. Wichtiger und zielführender als jede Erziehung ist es jedoch, wenn Angebote aus sich heraus überzeugen: der umweltfreundliche Wagen im Autohaus, ein bequemer und zuverlässiger Nahverkehr oder sichere Fahrradwege.

Wer den Verkehr in den Innenstädten reduzieren will – und das ist ganz klar der Trend –, muss Alternativen parat haben. Unternehmen in München, Stuttgart, Frankfurt, Köln oder Hamburg könnten Coworking Spaces in der Peripherie für ihre Mitarbeiter anbieten, damit diese nicht mehr in die Innenstadt zur Arbeit pendeln müssen. Städte, die über eine City-Maut nachdenken, sollten als Alternative einen komfortablen, sicheren und preiswerten Nahverkehr sowie verkehrsgünstig gelegene und gut angebundene Umstiegsmöglichkeiten parat haben. Wer Zonen nur für Fußgänger und Radfahrer einrichtet, sollte sich Gedanken machen, wie die Geschäfte und Bewohner beliefert werden und die Handwerker zu ihren Kunden kommen.

Es bewegt sich etwas. Erste Leuchtturmprojekte, Städte, Unternehmen und Initiativen testen neue Mobilitätskonzepte. Es sind zaghafte Anfänge. Auch wenn es wegen der Pandemie gerade nicht leichtfällt: Für die anstehenden Veränderungen täte mehr Aufbruchstimmung in der deutschen Automobilindustrie gut.

Fazit

Für eine klimafreundliche Mobilität reichen ein paar E-Autos und mehr Biokraftstoff im Tank nicht aus. Die gesamte Struktur muss sich verändern. Das beginnt beim Umdenken für jeden Einzelnen und kann auch mal beim Durchfahrt-verboten-Schild enden. Innenstädte ohne Autoverkehr sind möglich und geben Städten neue Wachstumsmöglichkeiten. Aber sie brauchen attraktive Mobilitätsalternativen, einen Plan und gute Partner.

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Andrea Weinberger

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Zielt als Sparringspartner ihrer Mandanten auf kritisch gedachte Strategien und deren Umsetzbarkeit. Lebt mit Lebenspartner und zwei Hunden bei Stuttgart, verbringt ihre freie Zeit gern in der Natur.