Blockchain: Chance oder Bedrohung?

Von

EY Global

Multidisciplinary professional services organization

6 Minuten Lesezeit 25 April 2018

Blockchain ist mehr als nur ein Datensicherheitsprotokoll. Es könnte die Art und Weise, wie Branchen und Individuen Geschäfte machen, von Grund auf verändern.

Blockchain und die Ausbreitung des Internet of Things revolutionieren Lieferketten, Zahlungen und Einnahmequellen. Doch Unternehmen, die diese rasant entstehenden Technologien nicht in den Griff bekommen, setzen sich zahlreichen unbekannten Gefahren und Risiken aus. Was müssen Unternehmensverantwortliche wissen?

Was ist Blockchain?

  • Kurz gesagt: Blockchain ist eine Art des digitalen Daten- und Geldtransfers, der praktisch nicht zu hacken ist – sozusagen eine dreifach gesicherte Buchführung für die digitale Ära.
  • Aktuell ist Sicherheit das größte Sorgenkind beim digitalen Transfer sensibler Daten. Blockchain kann diese Ängste beseitigen.
  • Oder wie es The Economist ausdrückt, ist Blockchain „ein scheinbar banaler Prozess, der aber die Fähigkeit besitzt, die Zusammenarbeit zwischen Menschen und Unternehmen grundlegend zu verändern“.

Wie Blockchain funktioniert: dezentrale, gegenseitige Kontrolle

Muss ein Angreifer nur einen Computer oder nur ein Gerät hacken, um an Ihre Daten zu kommen, ist seine Aufgabe ziemlich einfach. Doch was, wenn er Millionen von Computern hacken muss?

„Blockchain ist eine Datenbank und ein Netzwerk“, sagt Obreahny O’Brien, der das Business Solution Development für Blockchain in unserem Bereich Strategic Insights and FinTech Strategy verantwortet. „Es erlaubt den Daten- und Werttransfer über ein dezentrales System, das sichere, verschlüsselte Transaktionen gleichzeitig auf vielen Computern nahezu in Echtzeit ausführt, dokumentiert und vergleicht.“

Keine einzelne Maschine speichert alle Informationen, die es für den Informationsgewinn oder die Wertschöpfung aus einer Transaktion braucht. Und um das System mit einem betrügerischen Transfer zu überlisten, müsste man mehr als die Hälfte der Geräte im Netzwerk unter seine Kontrolle bringen.

Das bedeutet: Je mehr Bausteine mit der Blockchain-Software laufen, desto sicherer wird sie.

Chance #1: Wie Sie transnationale Geschäfte optimieren

Blockchain kann viele Aspekte der Buchhaltung und der Compliance vereinfachen, teilweise sogar automatisieren. Die Gründe: Informationen lassen sich einfach austauschen, alle Transaktionen automatisch nachverfolgen. Damit wird es einfacher, mit neuen Kunden weltweit Geschäfte zu machen und die Wirtschaftsprüfung noch genauer abzuschließen. Wirtschaftsprüfer können sich deshalb auf nicht-automatisierte Prüfelemente konzentrieren.

„Blockchain wird als Mechanismus in der Öl- und Gasbranche immer bedeutender, um operative Kosten zu senken. Noch wichtiger ist allerdings, dass Blockchain den gesamten Vertragsprozess wandeln kann. Denn es ermöglicht eine sichere Zusammenarbeit unterschiedlichster Akteure“, sagt Fay Shong, unser Leiter des Sektors Oil & Gas Strategy.

Blockchain galt ursprünglich als Basistechnologie der virtuellen Währung Bitcoin. Folglich ist es wahrscheinlich, dass neue Devisenmärkte für solche Währungen entstehen, die die Kosten für transnationale Geschäfte weiter senken.

Chance #2: Warum sich die Einführung von IoT lohnt

Das IoT (Internet of Things oder Internet der Dinge) bringt eine neue Geräte- und Netzwerkgeneration hervor, in der sich die digitale und physische Welt vermischen. Im Zentrum dieser Transformation steht es, Daten in Echtzeit zu sammeln, zu übermitteln und zu analysieren.

„Die Öl- und Gasbranche setzt zunehmend auf Sensortechnologie in allen Up- und Downstream-Anlagen. Blockchain kann Transaktions- und Buchhaltungsdaten direkt auf den Geräten speichern und die Verarbeitungszeiten erheblich verkürzen. Dadurch sind die Geräte direkt mit den entsprechenden Serviceverträgen verknüpft“, sagt Shong.

Bisher bestand die Herausforderung nicht nur darin, sensible Daten sicher zu übertragen. Datenlieferanten sollten am besten auch noch diese Daten bereitstellen. Und zwar auf eine für sie möglichst kosteneffiziente Weise.

„Blockchain erlaubt es, Daten sicher und in Echtzeit zu übertragen. Und zwar auf bisher nie gekannte Weise“, sagt O’Brien. Dank der Sicherheit und Kosteneffizienz könnten nun „Mikrobits an Daten verkauft und dafür Mikrozahlungen erhalten werden – und zwar fast in Echtzeit“.

So kann jeder – vom größten Unternehmen bis zum Individuum – zum Datenprovider werden und sich dafür bezahlen lassen. Das dürfte die Verwendung von IoT-Geräten vervielfachen. Denn intelligente Geräte sind nicht mehr nur teure, neue Gadgets, sie werden zur möglichen Einnahmequelle.

Chance #3: Wie Sie Ihr Geschäft verändern

Blockchain ermöglicht einen sicheren IoT-Datentransfer und sichere Zahlungen. Das eröffnet dem cleveren Geschäftsmann zahllose neue Möglichkeiten.

Beispielsweise „kann ein Traktor mit einem Sensor ausgestattet werden“, sagt O’Brien. „Dieser kann Daten zu Boden- oder Wetterverhältnissen praktisch in Echtzeit erfassen.“ Damit erhält der Bauer nicht nur wesentlich mehr Informationen, mit denen er Strategien entwickeln kann, um die Ernte zu optimieren. Er könnte diese Daten auch an Dritte verkaufen, die damit zum Beispiel Ertragsprognosen für mögliche Investitionen entwickeln.

Möglicherweise bewegt man sich also nicht mehr länger nur in seinem ursprünglichen Geschäftsfeld. O’Brien beschreibt es folgendermaßen: „Der Traktorhersteller oder der Bauer sind nicht mehr nur Produzenten landwirtschaftlicher Geräte beziehungsweise von Feldfrüchten, sondern Informationslieferanten.“

Das wiederum dürfte die verfügbare Datenmenge in jedem Lebens- und Geschäftsbereich enorm erhöhen. Wer daraus die richtigen Schlüsse zieht, der entwickelt vollkommen neue Arbeits- und Denkweisen. Diese führen wiederum zur Entwicklung neuer Strategien und Geschäftsmodelle.

Unternehmensverantwortliche sollten diese Technologie nicht nur als Möglichkeit begreifen, um bestehende Prozesse zu optimieren. Sie sollten vielmehr ihre Geschäftsmodelle danach neu ausrichten.
Obreahny O’Brien

Gibt es Gefahren?

Doch ein solch einfaches und sicheres System, Daten- und Geld zu übertragen, birgt unweigerlich einige Risiken. So ist es riskant, seine Einfachheit als selbstverständlich anzusehen.

Wie bei vielen neuen Technologien suchen Aufsichtsbehörden permanent nach einem Ansatz, um IoT-Daten- und Zahlungstransfers zu regulieren. Dabei stellt sich zum Beispiel die Frage: Wie sollen länderübergreifende Zahlungen besteuert werden, wenn sie automatisch und nahezu in Echtzeit über Tausende von Maschinen in Dutzenden von Ländern gesteuert werden. „Angemessene Strukturen, sowohl auf regulatorischer als auch steuerlicher Ebene, sind unabdingbar, um jegliche Gefährdung auszuschließen“, warnt O’Brien.

Währenddessen stellt sich die Frage, wer die meisten Vorteile aus dem neuen Super-Netzwerk des monetarisierbaren Datentransfers zieht. Sind es die Menschen, die die Daten generieren – oder jene, die die Netzwerke betreiben?

Die Internet-basierte Blockchain-Software könnte sich als große Bedrohung für große Unternehmen in der Finanz- und Informationsdienstleistungsbranche herausstellen. Findet das eigene Geschäft traditionell offline statt, sind digitale Unternehmen mit ihren digitalen Netzwerken, Geschäftsmodellen und Kundenkreisen von Natur aus im Vorteil. Dank Blockchain könnten sich soziale Netzwerke zu Geldtransfer-Netzwerken wandeln. Braucht man dann eigentlich noch Banken?

Wie Sie richtig mit dem Wandel umgehen

Wie bei so vielen digitalen Umbrüchen kann Blockchain bestehende Unternehmen und Geschäftsmodelle zerstören. Das ist die größte Gefahr.

Wissen ist Macht, und Blockchain kann die verfügbare Menge an Informationen erheblich steigern. Neue Marktteilnehmer werden Wege finden, diese Informationen zu analysieren und daraus völlig neue Arbeitsweisen zu entwickeln. Dies haben wir bereits bei den bestehenden digitalen Technologien erlebt. Momentane Branchenführer könnten ihre Vormachtstellung verlieren. Wie bei jedem neuen Automatisierungssystem dürften sich einige Geschäftsaktivitäten, Arbeitsplätze und Karrierepfade erledigt haben – während gleichzeitig neue entstehen.

„Ob multinationaler Konzern, kleines Unternehmen oder Individuum – mit Blockchain haben Sie die Möglichkeit, Teil eines Ökosystems an Daten- und Zahlungstransfers zu werden, zu dem Sie vorher keinen Zugang hatten“, sagt O’Brien.

Deshalb „sollten Unternehmensverantwortliche diese Technologie nicht nur als Möglichkeit begreifen, um bestehende Prozesse zu optimieren. Sie sollten sie vielmehr dazu nutzen, ihre Geschäftsmodelle neu auszurichten. Wie können sie mit Blockchain in Bereiche vordringen, die ihnen bisher fremd waren? Wie können sie damit die Bedürfnisse ihrer Kunden erfassen und beantworten? Wie finden sie damit die richtigen Partner, die ihnen bei der Anpassung und dem Erfolg behilflich sein können?“

Fazit

Blockchain kann viele Geschäftsprozesse optimieren. Doch Unternehmen müssen sich auch darauf konzentrieren, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

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