3 Minuten Lesezeit 3 Juni 2019
Arbeiter fotografiert mit seinem Tablet einen Windpark

Wie die digitale Energiewende schneller gelingen kann

Von

Metin Fidan

Leiter Energiewirtschaft | Deutschland, Österreich, Schweiz

Sieht in der Digitalisierung, in der Dezentralisierung und in der Konvergenz vor allem Chancen für die Energiewirtschaft. Wandel ist für ihn kein Problem, sondern eine Gestaltungsaufgabe.

3 Minuten Lesezeit 3 Juni 2019

Der Aufbau einer sicheren Kommunikationsplattform ist für die Digitalisierung der Energiewende entscheidend. Doch er kommt zu schleppend voran.

Trägheit ist der Zwilling des Wandels. Das gilt besonders für den Energiemarkt, der eine halbe Ewigkeit in den Händen weniger Anbieter lag. So ist es kaum verwunderlich, dass gerade die Energiewende mit der Digitalisierung ihre Schwierigkeiten hat. Und das trotz eines Gesetzes, das die Schaffung einer Plattform-Ökonomie vorschreibt.

Den aktuellen Stand der Entwicklung zeigt das erste „Barometer Digitalisierung der Energiewende“, das EY für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie erstellt. Seine Kernfrage lautet: Wie weit ist das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende (GDEW) umgesetzt?

Visionäres Gesetz – schwierige Umsetzung

Das GDEW gilt seit September 2016 und gibt einen ambitionierten Zeitplan vor: Ab 1. Januar 2020 soll eine direkte, vollautomatisierte Verteilung von Strom-, Gas-, Wärme- und Wasser-Messdaten zu jedem berechtigten externen Marktteilnehmer möglich sein. Doch so visionär das Paragraphenwerk, so ernüchternd die Wirklichkeit: Nachdem wir jede Zielsetzung des Gesetzes untersucht und nach Schlüsselfaktoren gewichtet haben, ergibt sich auf einer Umsetzungsskala von 1 bis 100 eine aktuelle Gesamtbewertung von 22 Punkten.

Gesamtbewertung der GDEW-Umsetzung

22

In der Summe ergibt sich bei Gleichgewichtung aller Schlüsselfaktoren eine Gesamtbewertung von 22 für den aktuellen Stand der Digitalisierung der Energiewende.

Behörden, Verwaltung und Unternehmen haben die Digitalisierung der Energiewende zwar vorangetrieben – allerdings bisher viel zu langsam, gemessen an dem Zeitrahmen, den das Gesetz vorgibt. 38 Prozent der Unternehmen gehen daher von einer Verzögerung von ein bis zwei Jahren aus, mehr als ein Viertel sogar von fünf oder mehr Jahren.

Trotz dieser Einschätzung stuft fast die Hälfte der Befragten in der Branche das grundsätzliche Verfahren als „bewährt“ ein und würde dies auch in Zukunft so fortführen – ein klares Indiz für die grundsätzliche Stärke des Gesetzes.

Es geht nicht nur um Smart Meters

Die Aufgabe, die das GDEW stellt, ist gewaltig. Dass es noch an der passenden Umsetzung hakt, liegt an seiner schieren Bandbreite. Denn im Gesetz geht es nicht nur um die flächendeckende Einführung intelligenter Messsysteme in Haushalt und Gewerbe (sogenannte „Smart Meters“). Das eigentliche Ziel des GDEW ist der Aufbau einer sicheren Kommunikationsplattform für die Digitalisierung der Energiewende. Diese heißt im Energienetz der Zukunft: Smart-Meter-Gateway (SMGW). Die Zertifizierung dieser zentralen Kommunikationseinheiten hat der Gesetzgeber daher genau geregelt. 

Schon bald sollen zertifizierte Smart-Meter-Gateways verschiedener Hersteller die hochsichere Drehscheibe für Datenströme im Energiemarkt sein.

Das Prinzip ist vergleichbar mit den Apps für das Betriebssystem eines Smartphones. Schon bald sollen zertifizierte SMGWs verschiedener Hersteller die hochsichere Drehscheibe für Datenströme im Energiemarkt sein. Der Clou: Smart-Meter-Gateways ermöglichen in Zukunft viel mehr als nur ein intelligentes Messwesen. Sie sollen dazu beitragen, die traditionell voneinander getrennten Sektoren der Energiegewinnung miteinander zu verkoppeln: Strom, Gas, Wärme und Wasser würden dann nicht mehr isoliert betrachtet. Auch die Einbindung von Elektromobilität, smarten Heimanwendungen und Gebäudetechnologie soll so über die regulierte Plattform möglich werden.

Wo es noch hakt

Der Gedanke offener, intelligenter Plattformen durchzieht das GDEW aus gutem Grund: Plattformen ermöglichen einer großen Anzahl von Anbietern, ihre Leistungen vielen Kunden anzubieten. Dadurch haben Innovationen eine größere Chance, sich durchzusetzen, Märkte werden schneller und umfassender erschlossen. Die Voraussetzungen dafür fehlen jedoch noch – fünf Beispiele aus einer langen Liste:

  • Bislang ist die Zertifizierung nur für ein Smart-Meter-Gateway abgeschlossen. Mindestens drei müssen noch zertifiziert werden, damit der flächendeckende Rollout von Smart Meters beginnen kann.
  • Die Marktakteure konzentrieren sich noch zu sehr auf den Stromsektor.
  • Etliche Hersteller verfolgen die Idee offener Standards nur zurückhaltend.
  • Die Verteilung der Daten zu den Marktteilnehmern wird vorerst noch nicht vollautomatisiert laufen, sondern über die Messstellenbetreiber gehen.
  • Die Messstellenbetreiber arbeiten meist noch an der Grundversorgung mit Messprodukten, statt sich mit Zusatzleistungen neu aufzustellen.

Woran aber liegt es, dass die digitale Energiewende im Großen und Ganzen nicht schnell genug vorankommt? Zum einen verändert die Digitalisierung bestehende Strukturen, Prozesse und Lösungsansätze fundamental. Dies erfordert ein neues Denken und Handeln von allen Beteiligten: ohne Kulturwandel keine Energiewende. Zweitens ist die Digitalisierung der Energiewende als Infrastrukturprojekt weitreichend und äußerst komplex; die Zahl von Berührungspunkten zwischen Technologien, Marktakteuren, Behörden und Interessengruppen groß. Das erfordert ein neues Zusammenspiel aller Beteiligten.

Fazit

Die Energiewende braucht mehr Struktur und Steuerung, Kooperation und Wandel statt Nabelschau und „Weiter so“. Ein übergreifendes Projektmanagement könnte Behörden besser koordinieren, die Digitalisierung effizienter steuern und den Plattformgedanken weiter verankern. So wird aus Trägheit Transformation – und die dringend erforderliche Energie- und Verkehrswende machbar.

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Metin Fidan

Leiter Energiewirtschaft | Deutschland, Österreich, Schweiz

Sieht in der Digitalisierung, in der Dezentralisierung und in der Konvergenz vor allem Chancen für die Energiewirtschaft. Wandel ist für ihn kein Problem, sondern eine Gestaltungsaufgabe.