4 Minuten Lesezeit 2 Mai 2019
Vater und Sohn freuen sich über Energie

Wie die Energiewelt revolutioniert wird - Die Stunde der Prosumer

Von

Metin Fidan

Leiter Energiewirtschaft | Deutschland, Österreich, Schweiz

Sieht in der Digitalisierung, in der Dezentralisierung und in der Konvergenz vor allem Chancen für die Energiewirtschaft. Wandel ist für ihn kein Problem, sondern eine Gestaltungsaufgabe.

4 Minuten Lesezeit 2 Mai 2019

Die Energiewelt von morgen ist digital und dezentral. Der Verbraucher produziert und bezieht Strom und Wärme- wie können die Versorger reagieren?

Der Strommarkt der Zukunft ist dezentral: Statt weniger großer Kraftwerke gibt es heute immer mehr kleine, dezentrale Stromerzeuger, wie beispielsweise Photovoltaikanlagen oder Blockheizkraftwerke. Die Rolle des Verbrauchers ändert sich fundamental. Er wird zum Prosumer, der gleichzeitig Wärme und Strom produzieren kann. Übersteigt etwa seine Stromproduktion den Eigenbedarf, kann er den Überschuss ins Netz einspeisen. Auf diese Entwicklungen müssen die Energieversorger ihre Geschäftsmodelle ausrichten – doch die funktionieren noch weitgehend nach den alten Regeln.

Klar ist: Die dezentrale Energiewelt erfordert ein erhebliches Maß an Digitalisierung, um effizient und effektiv arbeiten zu können. Denn sie ist auf eine Vielzahl von Transaktionen zwischen zahlreichen Marktteilnehmern angewiesen. Die Unternehmen müssen eine leistungsstarke digitale Infrastruktur aufbauen, die alle Beteiligten einbindet: Millionen Photovoltaikanlagen, Zehntausende Windkraftanlagen, Batterien und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Ob Energieerzeuger oder -speicher, intelligenter Stromzähler oder Elektrofahrzeug: Es fallen künftig riesige Mengen unstrukturierter Daten an. Technologien wie künstliche Intelligenz (KI) fungieren dann als „Gehirn“, um das digitale Netz zu steuern.

Ob Energieerzeuger oder -speicher, intelligenter Stromzähler oder Elektrofahrzeug: Es fallen künftig riesige Mengen unstrukturierter Daten an.

Größte Unbekannte: die Zeit

Eine Dimension, die bei der Bewertung technologischer Neuerungen oft fehlt, ist die Zeit. Wie schnell wird sich der Markt verändern? Genauer: Was wird wann und in welcher zeitlichen Abfolge passieren? Gibt es kritische Wendepunkte, die eine unumkehrbare Veränderung der Marktdynamik signalisieren könnten? Und welche Technologien werden nebeneinander existieren?

Stromversorgung

2022

Ab 2022 wird in Deutschland der Strombezug vom Energieversorger voraussichtlich teurer als die Selbstversorgung durch kombinierte Photovoltaik- und Speichersysteme.

Diesen Fragen sind wir gemeinsam mit einem global führenden Analyseunternehmen nachgegangen. Dazu haben wir eine Reihe konvergenter technologischer Trends und deren Zusammenwirken berechnet, einschließlich Batteriespeichern, Photovoltaikanlagen, Elektromobilität und KI. Mit unserer Analyse konnten wir drei „Tipping Points“ identifizieren, die signalisieren, wann diese Technologien die Marktdynamik verändern werden. Wir sprechen also von Zeitpunkten, an denen zentrale Geschäftsmodelle von Energieversorgern ihre wirtschaftliche Grundlage verlieren.

Tipping Point 1: Netzkostenparität

Ab diesem Zeitpunkt gleichen sich die Stromgestehungskosten für die Installation von kombinierten Photovoltaik- und Speichersystemen und die Strombezugskosten an. Das heißt, der Strombezug vom Energieversorger ist nun teurer als die Selbstversorgung. Dem klassischen Vertriebsgeschäft für Stromtarife wird damit die Basis entzogen. In Deutschland wird dieser Wendepunkt um das Jahr 2022 erreicht.

Tipping Point 2: E-Mobilität

Gegen 2025 erreichen wir den Punkt, an dem Kosten und Reichweite von Elektrofahrzeugen das Niveau von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren erreichen. Nicht zuletzt aufgrund regulatorischer Initiativen wie etwa der Verschärfung von Feinstaub-Richtlinien wächst der Bestand an Elektroautos in Deutschland exponentiell. Zudem werden die Speicherkapazitäten von Elektroautos in den Strommarkt integriert, wodurch neue Geschäftsmodelle entstehen.

Tipping Point 3: Digitaler Energiemarkt

Der Zeitpunkt, an dem die reinen Kosten für den Transport von Strom die Kosten für die lokale Erzeugung und Speicherung in dezentralen Energiesystemen übersteigen, wird gegen 2042 erreicht. Der zentralisierte Markt für Stromhandel und -transport wird weitgehend durch die Abwicklung von Transaktionen innerhalb von Mikronetzen über Peer-to-peer-Handel abgelöst. Blockchain-basierte Verschlüsselungssysteme übernehmen dabei möglicherweise sämtliche Validierungs- und Abrechnungsfunktionen. Dieser Tipping Point erfordert neue Finanz- und Regulierungsmodelle.

Was können die Energieversorger tun?

Der grundlegende Wandel in der Energiebranche vollzieht sich rasanter als bisher erwartet. Für Verbraucher, Energieunternehmen, Regulierungsbehörden und Regierungen bedeutet das: Sie müssen jetzt Entscheidungen treffen. Der Handlungsbedarf steigt, doch der von uns prognostizierte Umbruch deutet darauf hin, dass es für etliche Entscheidungen bald zu spät sein könnte.

Für Energieversorger ist die Zeit gekommen, ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand stellen und sich mit folgenden Fragen beschäftigen:

  • Wie stark wirken sich neue Technologien auf das bisherige Geschäft aus?
  • Inwieweit können sie bestehende Kundenlösungen noch verbessern?
  • Was ist ihr Unternehmenszweck im digitalen Energiemarkt?
  • Wie wirkt sich die Konvergenz auf einzelne Wertschöpfungsstufen aus?
  • Wo können Partnerschaften in welcher Ausgestaltung zukünftig neue Ertragsquellen schaffen?

Fazit

Die Art und Weise, wie wir künftig Elektrizität erzeugen und verbrauchen, wird die Energiewelt revolutionieren. Die Zukunft unseres Energiesystems ist dezentralisiert, digitalisiert und demokratisiert. Und dieser Wandel kommt schneller, als wir alle denken.

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Metin Fidan

Leiter Energiewirtschaft | Deutschland, Österreich, Schweiz

Sieht in der Digitalisierung, in der Dezentralisierung und in der Konvergenz vor allem Chancen für die Energiewirtschaft. Wandel ist für ihn kein Problem, sondern eine Gestaltungsaufgabe.