4 Minuten Lesezeit 14 Oktober 2020
Techniker, der einen Laborkittel trägt und das Werkstück untersucht

„Unternehmerisches Handeln braucht Visionen und Freiräume“

Von EY Deutschland

Wegbereiter des Wandels

4 Minuten Lesezeit 14 Oktober 2020

Mut und Innovationsgeist, Eigenverantwortung und Freude an der Arbeit sind die Hebel der Erfolgsgeschichte von Rentschler Biopharma. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Nikolaus F. Rentschler, Vorsitzender des Aufsichtsrats, und Dr. Frank Mathias, CEO der Rentschler Biopharma SE, Laupheim.

Überblick
  • Rentschler Biopharma hat sich innerhalb von 150 Jahren von einer kleinen Apotheke hin zu einem international führenden Biopharma-Dienstleister entwickelt.
  • Der Erfolg des Unternehmens basiert auf seiner starken Vision, dem Mut zur Innovation und einer Unternehmenskultur, die auf Eigenverantwortung setzt.
  • Rentschler Biopharma versteht sich als ein Familienunternehmen, das Verantwortung übernimmt. 

Wie ist Rentschler Biopharma zu dem Unternehmen geworden, das es heute ist? Was waren die wichtigsten Schritte auf Ihrem doch ungewöhnlichen Wachstumspfad?

Prof. Dr. Nikolaus F. Rentschler: Ab 1850 wurde die Schwäbische Eisenbahn in Betrieb genommen, an deren Streckenführung viele kleine Unternehmen gegründet wurden, so auch 1872 die Sieben-Schwaben-Apotheke in Laupheim, die die Keimzelle unseres heutigen Unternehmen ist. Ihren Gründer Gottlob Müller, seinen Schwiegersohn Erwin Rentschler und ihre Nachfolger haben die gleiche Vision angetrieben wie uns heute: Sie und wir wollen mit dem, was wir tun, einen echten Nutzen für andere stiften und den Menschen helfen – sei dies mit dem 1924 entwickelten Schmerzmittel Melabon, mit dem von uns 1947 auf den Markt gebrachten Veterinärimpfstoff, um damit die Ernährung der Menschen nach dem Krieg sicherzustellen, oder mit dem von uns 1983 produzierten Interferon-Beta-Medikament zur Behandlung der schweren Virus-Encephalitis: Immer sind wir von dem Gedanken geleitet, wie wir unseren Teil dazu beitragen können, dass es den Menschen besser geht. Diese Vision treibt uns auch heute an, wo wir uns darauf spezialisiert haben, für andere Unternehmen Biopharmazeutika zu entwickeln und zu produzieren.

Die Geschichte von Rentschler Biopharma ist ebenso von Kontinuität wie von Disruption gekennzeichnet. Ist das ein Zufall oder ist es eine geglückte Balance, die zeigt, wie man eine wirkliche Erfolgsgeschichte schreibt?

Dr. Frank Mathias: Nein, das ist kein Zufall. Es ist das Resultat unseres Anspruchs, den Menschen in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen und mit dem, was wir tun, für andere den größtmöglichen Nutzen zu stiften – sei dies für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder unsere Kunden. Selbstverständlich gehören auch Glück und Mut dazu, also die Bereitschaft, im richtigen Moment das Richtige zu tun und die Gelegenheit beim Schopf zu fassen. 

Mittelstandsbarometer 2020

Prof. Dr. Nikolaus F. Rentschler (links) und Dr. Frank Mathias (rechts)

Es ist unser Anspruch, den Menschen in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen. Diese Vision treibt uns an.
Dr. Frank Mathias
CEO der Rentschler Biopharma SE, Laupheim

Rentschler Biopharma versteht sich nach wie vor als Familienunternehmen. Wie wirkt sich dies auf Ihre Strategie und Ihre Investitionsentscheidungen aus?

Rentschler: Wir sind unabhängig und fühlen uns unabhängig, und das gibt uns viele Freiräume. Wir können langfristig planen und schnell entscheiden. Dies zeigt sich auch an unserer Strategie 2025, in der wir festgeschrieben haben, wie wir in fünf Jahren aussehen und wie wir mit neuen Services und neuen Märkten in den USA unsere führende Position ausbauen wollen. Finanzkennzahlen haben wir nicht festgelegt, weil wir sicher sind, dass unsere Strategie zum Erfolg führt. Unser Selbstverständnis als Familienunternehmen hängt dabei ganz stark von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ab. Wir erwarten von ihnen Leistung und Einsatz, geben dafür aber jedem Einzelnen viel Eigenverantwortung zurück. Ich bin überzeugt, dass dies ganz wesentlich zu unserer Stärke beiträgt. 

Von unseren Mitarbeitern erwarten wir Leistung und Einsatz, geben dafür aber jedem Einzelnen viel Eigenverantwortung zurück. Das trägt zu unserer Stärke bei.
Prof. Dr. Nikolaus F. Rentschler
Vorsitzender des Aufsichtsrats der Rentschler Biopharma SE, Laupheim

Frauen in Führungspositionen werden im Mittelstand immer wichtiger. Welche Rolle spielen sie bei Rentschler Biopharma?

Rentschler: Insgesamt überwiegt bei uns mit 60 Prozent der Frauenanteil im Unternehmen, wobei wir im Labor mehr Frauen, in der Produktion mehr Männer haben; das ist historisch bedingt. In den Führungsetagen haben wir allerdings mit 65 Prozent Anteil mehr Männer; hier wollen und müssen wir etwas ändern – allerdings nicht aus Quotengründen, sondern allein deshalb, weil weibliche und männliche Logik verschieden sind und sich gegenseitig inspirieren. Unser Wunsch nach mehr Frauen in Top-Positionen ist also egoistisch: Wir wollen vielfältiger werden, damit wir erfolgreicher sind. Nach wie vor ist es so, dass die Karriere von Frauen durch Familie und Kinder gebremst wird. Deshalb haben wir seit 2010 eine eigene Kita hier im Unternehmen, in der die Eltern ihre Kleinen abgeben können und damit Familie, Beruf und Karriere besser unter einen Hut bekommen. 

Unser Ziel sind mehr Frauen in Top-Positionen – und dies nicht aus Quoten-, sondern aus egoistischen Gründen: Wir wollen vielfältiger werden, damit wir erfolgreicher sind.
Dr. Frank Mathias

Der Unternehmenserfolg bemisst sich heute nicht mehr allein an ökonomischen Kennziffern, sondern auch an ökologischer Verantwortung. Welche Rolle spielt die Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen?

Rentschler: Die Frage nach der ökologischen Verantwortung ist zu kurz gegriffen. Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Insofern sehen wir uns in einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, zu der auch die ökologische Komponente gehört. So betreiben wir beispielsweise seit 2013 ein eigenes Blockheizkraftwerk, mit dem wir 75 Prozent des kompletten Strombedarfs selbst produzieren. Neben dem Strom liefert unsere Anlage zusätzlich Dampf und Wärme für Heizung und Produktionsanlagen. Den jährlichen CO2-Ausstoß konnten wir damit um 2500 Tonnen senken – um ein Beispiel für unser Nachhaltigkeitsmanagement zu geben. Mit unserem Handeln wollen wir immer einen positiven Nutzen für den Menschen und die Gesellschaft stiften. Das beginnt bei unseren Mitarbeitern, geht über unser Engagement hier in der Gemeinde und reicht hin bis zu unseren Kunden. 

Wir sehen uns in einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung. Mit unserem Handeln wollen wir immer einen positiven Nutzen für den Menschen und die Gesellschaft stiften.
Prof. Dr. Nikolaus F. Rentschler

Was erwarten Sie von der Politik, um die Ambitionen des deutschen Mittelstands und seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu fördern?

Rentschler: Weniger Regularien und Verordnungen, dafür aber mehr Freiräume, in denen sich unternehmerisches Handeln kreativ entfalten kann. Die Politik sollte mehr in die Ausbildung der jungen Menschen investieren und damit den Standort Deutschland schon rein bildungsmäßig stärker und wettbewerbsfähiger machen. Im Grunde fordern wir von der Politik das Gleiche, was wir in unserem Unternehmen leben und was aus unserer Sicht für das eigenverantwortliche menschliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Handeln essenziell ist: Freiräume zu schaffen und zu schützen, Verantwortung zu geben und Vielfalt zu fördern, damit sich Neues und Besseres entwickeln kann. 

Fazit

Von einer kleinen Apotheke hin zu einem international erfolgreichen biopharmazeutischen Dienstleister: Die Unternehmensgeschichte der Rentschler Biopharma SE zeigt eindrucksvoll, welche Eigenschaften ein mittelständisches Unternehmen groß machen: eine starke Vision, der Mut, sich immer wieder neu zu erfinden, Innovationsgeist und eine Unternehmenskultur, in der Eigenverantwortung eine ebenso große Rolle spielt wie Lachen und Freude an der Arbeit. 

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