6 Minuten Lesezeit 29 April 2021
Drehende Spielzeugkreisel

„Biotechnologie steht am Beginn einer Boom-Phase“

COVID-19 katapultiert Biotech an einen Wendepunkt. Wie und wohin es von hier aus am besten weitergehen sollte, analysiert Alexander Nuyken.

Überblick
  • Mit 3,1 Milliarden Euro erreicht die Biotechfinanzierung in Deutschland einen neuen Höhepunkt. Der Sektor rückt ins Bewusstsein von Öffentlichkeit und Investoren. Dieses Momentum sollte ausgebaut werden.
  • Investoren haben Appetit auf Biotech. Doch damit sie sich nicht verschlucken, braucht es den richtigen Umgang mit den Risiken des Sektors.
  • Wird die Chance richtig genutzt, könnte Deutschland sich mindestens im Life-Sciences-Sektor als großer Biotech-Player etablieren.

„Biotech am Tipping Point – in welche Richtung entwickelt sich der Sektor nach der Pandemie?“: Diese Frage stellt der Deutsche Biotechnologie-Report 2021, den EY seit rund 20 Jahren herausgibt. COVID-19 hat Biotech eine exponierte Position verschafft, weil sie in der globalen Krise zum Teil der Problemlösung wurde. Dr. Alexander Nuyken, Leiter des Sektors Life Sciences im Bereich Strategy and Transactions EMEIA bei EY, plädiert im Interview für einen stärker unternehmerischen Ansatz des Staates und eine Aufklärung von Investoren und Öffentlichkeit, um das aktuelle Momentum zu nutzen und auszubauen.

EY: Herr Dr. Nuyken, was hat das erste Jahr der Corona-Pandemie gezeigt?

Alexander W. Nuyken: Eine der großen Lehren aus diesem Jahr ist, dass in einem Zusammenspiel und mit dem Fokus auf Lösungen Dinge gelingen, die vorher unvorstellbar waren. Normalerweise dauert es fünf Jahre oder mehr, bis ein Impfstoff zugelassen ist – sofern man überhaupt einen findet. Die Behörden haben schnell reagiert und die Zulassung betrieben, ohne die Voraussetzungen aufzuweichen, zum Beispiel hinsichtlich der Sicherheit für den Patienten. Gleichzeitig haben wir eine Produktion hochgezogen, die komplett umgestellt beziehungsweise neu geschaffen wurde. Das alles binnen eines Jahres. COVID-19 ist omnipräsent, die Pandemie hat alle Ressourcen mobilisiert und für das Commitment aller Beteiligten gesorgt. Ich würde mir wünschen, das gelänge ähnlich auch bei anderen schweren Krankheitsbildern wie bei Tumorerkrankungen oder neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer. Es wäre schön, wenn wir da das eine oder andere schneller entwickeln könnten.

Gibt COVID-19 dafür nicht den Anschub, weil Biotechnologie einen neuen Stellenwert hat?

Für die gesamte Biotechnologie-Industrie ist COVID-19 ein Riesenkatalysator. Sie ist Teil der Lösung eines Problems, das für die Menschheit eine Schicksalsfrage ist. Das ist ins Bewusstsein gerückt. Heute kennt nahezu jeder den Begriff mRNA, die Messenger Ribonukleinsäure. Das ist ein Paradigmenwechsel in der Öffentlichkeit, der auch Anreiz für die Politik sein sollte, hier ihren Einsatz zu verstärken.

Die große Frage des diesjährigen Deutschen Biotech-Reports ist nun: Was wird daraus resultieren?

Ich hoffe, dass die Politik mehr Willen zeigt, Rahmenbedingungen zu verbessern. Wir sehen auf der einen Seite, dass Biotech ein Lösungsanbieter für schwerwiegende und wichtige Themen ist – neben COVID-19 zum Beispiel auch hinsichtlich des Klimawandels, Plastikabbaus, der Welternährung. Auf der anderen Seite haben sich Rahmenbedingungen teilweise sogar verschärft, beispielsweise durch die Adelung des Life-Science-Sektors in der neuen Außenwirtschaftsverordnung. Dadurch wurden weitere Hürden aufgebaut, was Investitionen aus dem Ausland betrifft. Das Ziel ist zwar, den Ausverkauf von Know-how aus Deutschland in andere Länder der Welt zu vermeiden. Aber wenn wir dadurch Investitionen erschweren, erweisen wir der Biotech einen Bärendienst. Dann ist Forschung oder die Entwicklung von Produkten hier nur noch schwer möglich, weil die nötigen Mittel fehlen. Zumal wir feststellen, dass der Appetit, in diese Industrie zu investieren, deutlich gestiegen ist im Rahmen der Krise.

Biotechnologie

3,1 Mrd. €

Mit dieser Summe erreicht die Finanzierung von Biotech in Deutschland 2020 einen Rekord.

Das zeigt sich in der bisher höchsten Biotechfinanzierung in Deutschland in Höhe von 3,1 Milliarden Euro im Jahr 2020. Im Gegensatz zu fast 100 Milliarden in den USA wirkt das allerdings nahezu niedlich.

Die USA sind der weltgrößte, wichtigste Pharmamarkt und dort wird am meisten Kapital in diesen Sektor investiert. Wir haben wahnsinnig erfolgreiche Börsengänge gehabt und nicht nur in Bezug auf COVID-Therapien erfolgreiche Transaktionen gesehen. Unsere Zahlen sind im Vergleich zu den USA klein, aber im Vergleich zu dem, wo wir herkommen, war 2020 auf jeden Fall ein Schlüsseljahr.

Aus Deutschland kam der erste und bisher offenbar beste Impfstoff gegen COVID-19. Besser könnten die Vorzeichen zur Stärkung des Standortes kaum stehen, oder?

Absolut. Doch es fehlt an einem angemessenen Umgang mit dem Risiko und auch am Einsatz des Gesetzgebers, um die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Wo nötig, müsste der Staat stärker mit unternehmerischer Brille auf das Thema blicken und nicht nur als Verwalter auftreten. Ein gutes Beispiel dafür ist die US-Behörde BARDA, die pragmatisch und unternehmerisch in der Krise agieren konnte.

Wenn Investoren ohne Erfahrung mit Biotech glauben, hier jetzt eine schnelle Mark machen zu können, liegen sie falsch.
Dr. Alexander W. Nuyken
Leiter des Sektors Life Sciences im Bereich Strategy and Transactions | EMEIA

Stichwort Risiko: Das hat Investoren bisher von Biotech abgeschreckt. Ändert sich das jetzt?

Der Entwicklungszyklus für Biotech-Produkte ist extrem lang und mit extrem hohen Risiken verbunden. Meine Sorge ist daher die einer Überhitzung im Sinne von enttäuschten Erwartungen. Wenn Investoren ohne Erfahrung mit Biotech glauben, hier jetzt eine schnelle Mark machen zu können, liegen sie falsch. Vielmehr brauchen sie einen langen Atem. Sie müssen erhebliche Summen investieren, ohne die Gewissheit, dass sie einen anständigen Return on Investment sehen werden. Wenn überhaupt, stellen sich Erfolge meist erst nach vielen Jahren oder gar Jahrzehnten ein. Daher könnte nach dem Hype schnell Ernüchterung eintreten. Deswegen sollten Investoren eingehend über das Risikoprofil informiert und aufgeklärt werden.

Sie sprachen Klimawandel und Nahrungsmittel an. Was kann der Biotech-Sektor selbst tun, um sich abseits von COVID-19 noch transparenter darzustellen?

Biotechnologie ist über den Life-Sciences-Bereich hinaus an vielen anderen Stellen ebenfalls ein möglicher Lösungsgeber. Das ist noch nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert, weil sie stark mit dem Gesundheitswesen und der Pharmabranche assoziiert wird. Daher ist es wichtig, dass vor allem die positiven Beiträge jetzt weiterhin ins Rampenlicht gestellt werden. Ackerpflanzen resistenter zu machen gegen Hitze und Trockenheit – davon werden ganze Kontinente abhängen, wenn der Klimawandel fortschreitet. Solche Beispiele zeigen, dass es einen riesigen Bedarf gibt und worin der Nutzen besteht, wenn man in diese Richtung investiert – als Gemeinschaft, als Staat.

In Bezug auf Mergers and Acquisitions (M&A) war das Jahr 2020 eher ruhig. Nun erwarten Sie hier künftig einen deutlichen Anstieg. Woraus schließen Sie den?

So lange die Börse so ein günstiges Fenster und so attraktive Rahmenbedingungen bietet, gehen Unternehmen eher dort hin, als dass sie nach einem Käufer suchen. Das ist ein Faktor, der das Gewicht zuletzt in Richtung Kapitalmarkt verlagert hat. Faktor zwei ist, dass wir weiterhin einen Growth Gap, eine Wachstumslücke bei den Big Pharmas sehen und gleichzeitig finanzielle Mittel für Zukäufe in Rekordhöhe. Das bedeutet in Kombination, dass die großen Pharmaunternehmen weiter auf Shopping-Tour gehen, um ihre Wachstumslücken zu schließen. Deren Strategie ist auf innovative Zukäufe ausgerichtet und Biotechs liefern genau diese Innovationen und haben vielversprechende Produkte in der Pipeline. 

Außerdem sehen wir auch einen erheblichen Kapitalzufluss in den Sektor. Private Equity ist wahnsinnig interessiert, wir haben große Finanzierungsrunden bei Venture Capital, die Fonds haben sozusagen den Kapitalstock gefüllt, den sie einsetzen können. Das wird sich in Transaktionen, in Finanzierungsrunden und aus denen heraus in Exits niederschlagen. Daraus ergeben sich dann M&A, insofern weisen alle Faktoren daraufhin, dass es ein paar starke M&A-Jahre geben wird.

Ich bin da äußerst bullisch und setze auf steigende Kurse, was den Biotech-Sektor und seine Möglichkeiten betrifft.
Dr. Alexander W. Nuyken
Leiter des Sektors Life Sciences im Bereich Strategy and Transactions | EMEIA

Wie beantworten Sie unter diesen gesamten Vorzeichen die Headline des Reports? In welche Richtung entwickelt sich also der Sektor nach der Pandemie?

Ich sehe die Biotech-Branche an einem Wendepunkt zu mehr Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, mehr Interesse auf der Investorenseite und damit am Übergang in eine Boom-Phase. Ich bin da äußerst bullisch und setze auf steigende Kurse, was den Biotech-Sektor und seine Möglichkeiten betrifft.

Was würde es für Deutschland und Europa bedeuten, wenn dieses womöglich einzigartige Momentum verpasst wird?

Nehmen wir die Analogie zum Tech-Sektor: Der Markt wird von den USA dominiert und wir haben in Europa diese Entwicklung ein Stück weit verschlafen. Für die Biotech-Szene besteht jetzt die Chance, hierzulande dauerhaft eine große oder in der Zukunft noch größere Rolle zu spielen. Alternativ wandert sie in die USA ab – über den Kapitalmarkt oder durch den Aufkauf durch große Pharmaunternehmen. Das kann auch ein Außenwirtschaftsgesetz nicht verhindern.

Diverse Beispiele von Fördermöglichkeiten wurden in der Vergangenheit schon diskutiert. Entweder schaffen wir jetzt Rahmenbedingungen und betreiben auch Aufklärungsarbeit in der Investoren-Community, um gemeinsam den Standort zu stärken und weiterzuentwickeln. Oder die Musik spielt weiter in den USA und wir bleiben als Ideengeber oder Pool für Innovationen zurück, aber das war’s dann auch. Dann wäre das Momentum verpufft.

Fazit

Durch die weltweite Corona-Pandemie wird Biotechnologie eine hohe Aufmerksamkeit zuteil, auch in der Gesellschaft: Ihr sind die COVID-19-Impfstoffe zu verdanken. Der erste kommt aus Deutschland, was einmal mehr zeigt, dass der herausragende Ruf als Standort für Wissenschaft berechtigt ist. Dieses Momentum sollte für den Sektor genutzt werden, weil Biotechnologie auch in Zukunft Antworten auf große Fragen der Menschheit geben wird. Jetzt ist die Gelegenheit, die Regulierung auf bessere Rahmenbedingungen auszurichten, um die richtigen Anreize für Investitionen zu schaffen.

Über diesen Artikel

Von EY Deutschland

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