4 Minuten Lesezeit 6 Mai 2019
Wissenschaftlerin analysiert Chemikalien in Petrischale

Warum Biotechnologie einen starken Kapitalmarkt braucht

Von

Gerd W. Stürz

Managing Partner, Leiter des Marktsegments Life Sciences, Gesundheitswesen und Chemie | Deutschland, Schweiz, Österreich

Ist Steuerberater und Wirtschaftsprüfer mit dem Blick fürs Detail. Hat eine fast so große Leidenschaft für Zahlen wie für das Kochen. Ist dauerhaft in der Welt unterwegs, aber in Köln zuhause.

4 Minuten Lesezeit 6 Mai 2019
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Umsatz, Zahl der Mitarbeiter und Ausgaben für F&E nehmen zu. Doch die Biotechnologie wird in Deutschland nach wie vor vernachlässigt. 

Die Biotechnologie ist ein spannendes Gebiet und weitet sich auf immer mehr Industriezweige aus. Sie schafft Verbindungen zu Schlüsseltechnologien wie Elektronik, Photonik oder Informations- und Kommunikationstechnologie. Neben der Medizintechnik interagiert sie auch mit Branchen wie dem Maschinenbau und der Energiespeicherung. Damit zählt Biotechnologie in Deutschland zu den wichtigsten Branchen, aus denen Innovation und Wachstum generiert werden können. Doch im Vergleich zu den USA hinkt Deutschland diesbezüglich hinterher, da hierzulande zu wenige Innovationen Marktreife erlangen.

Nur „solide Entwicklung“ verschenkt Potenzial

Biotechnologie-Unternehmen in Deutschland wachsen solide, ihr Umsatz stieg 2018 im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent. Auch das Finanzierungsvolumen der Branche nahm im vergangenen Jahr sprunghaft zu – die Investitionen stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 92 Prozent auf 385 Millionen Euro, die Kapitalerhöhungen kletterten sogar um 153 Prozent auf 850 Millionen Euro.

Ein genauer Blick jedoch zeigt: Das Volumen bewegt sich in einem engen Kreis, begrenzt auf nur wenige Transaktionen. Ein Beispiel: Bei den börsennotierten deutschen Biotechs entfielen 73 Prozent der gesamten Folgefinanzierungen auf nur zwei Unternehmen. 

Biotech-Neugründungen

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neue Biotech-Unternehmen wurden 2018 in Deutschland gegründet.

Auch die Zahl der Neugründungen sank im vergangenen Jahr. Während 2017 noch 27 Jungunternehmen an den Start gingen, waren es 2018 nur noch 15 – und das in einer Branche, die zu den zukunftsträchtigsten überhaupt gehört.

Vor allem das Fehlen eines funktionierenden Kapitalmarktökosystems ist eine Hürde für die Entwicklung einer zukunftsfähigen Biotechnologie. Welche Ursachen stecken dahinter – und vor allem: Welche möglichen Lösungen gibt es? 

Wissenschaftlerin untersucht Pflanzen
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Kapitel 1

Innovation als Triebfeder der Biotechnologie

Von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die nur in einer Publikation enden, profitiert keiner.

Obwohl viele Initiativen Innovation propagieren, fehlen in Deutschland bislang die wesentlichen Impulse für Rahmenbedingungen und vor allem zur Etablierung eines nachhaltigen Kapitalmarktökosystems.

Erfolgsfaktoren für Innovation

Doch nur Innovation führt zu neuen Produkten, Dienstleistungen, Branchen und damit zu wachsenden Unternehmen. Innovationskraft basiert auf relevanten Erfolgsfaktoren, die nicht nur für die Biotechnologie-Branche gelten: Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E), Zugang zu Risikokapital und das richtige Mindset.

Deutschland hat trotz der immer wieder herausgestellten Erfolge ein „Mindset“-Problem: Es mangelt an der Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse in Innovationen, die volkswirtschaftliche Relevanz haben und deren Wertschöpfung dem Standort Deutschland zugutekommt. Doch gerade Soft Skills wie Unternehmergeist und Risikobereitschaft gehören zu den wichtigsten Faktoren, um Wirtschaftswachstum nachhaltig zu sichern.

Innovationen aus der Forschung sind elementar. Genauso wichtig ist es, die Brücke vom Labor hin zum Markt zu schlagen. Diese Brücke wird nicht aus Fördermitteln gebaut, sondern von Investoren, deren Interesse eine kommerzielle Anwendung ist. Dafür müssen aber auch Forscher bereit sein, über ihr Reagenzglas hinauszuschauen und ihre Ergebnisse nicht nur auf wissenschaftliche, sondern auch wirtschaftliche Aspekte hin zu überprüfen.

Reichstagskuppel mit Besuchern
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Kapitel 2

Was die Politik tut

Lange Maßnahmenkataloge alleine reichen nicht aus. Erst deren Umsetzung führt zum Erfolg.

Als noch neuer Bundeswirtschaftsminister begeisterte Peter Altmaier mit seinem Bekenntnis zur „Biotechnologie-Agenda“. Alles deutete darauf hin, dass er sich des Themas „Innovation“ annehmen wolle – ein erstes Signal der Politik, dass Innovation in das Bundesministerium für Wirtschaft (BMWi) und nicht nur in das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gehört. Soweit die Hoffnung. Doch das Thema verblieb beim BMBF und noch hat sich kaum etwas getan. Es wurde zwar eine „Agentur für Sprunginnovationen“ gegründet, die in Deutschland die besten Ideen finden sollte. Aber ob eine derartige Agentur Innovation voranbringen kann, darf bezweifelt werden. 

Im Maßnahmenkatalog finden sich Absichtserklärungen, die wieder nur auf neue Fördermaßnahmen zielen.

Eines hat die Bundesregierung in ihrer Hightech-Strategie 2025 immerhin festgehalten: „Wir brauchen mehr und wirkungsvollere Innovationen, damit wir Wohlstand, Wachstum und Lebensqualität in Deutschland mehren und international unsere Position stärken können. Ohne Innovationen werden wir den Herausforderungen der Zukunft und der globalen Konkurrenz nicht standhalten können.“

Die Ansätze dafür klingen einleuchtend: Zusammenarbeit der Ministerien, Mitnahme der Gesellschaft und ein beschleunigter Übergang von der Forschung in die Anwendung. Jungen Menschen soll ein besseres Verständnis von Unternehmertum nahegebracht, ja sogar eine offene „Innovations- und Wagniskultur“ vorangetrieben werden. Alles sicherlich sinnvoll und notwendig, doch die konkrete Ausgestaltung bleibt weiter offen. Im Maßnahmenkatalog finden sich Absichtserklärungen, die wieder nur auf neue Fördermaßnahmen zielen – das allein wird kaum etwas bewegen, schon gar keine Sprünge.

Laborantin untersucht Inhalt von Petrischale
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Kapitel 3

Biotechnologie und der „amerikanische Traum“

In den USA funktioniert das Kapitalmarktökosystem der Biotechnologie. Was Deutschland daraus lernen kann.

Der Höhenflug der US-amerikanischen Biotechnologie-Branche ging auch 2018 ungebremst weiter. Die Finanzierungszahlen lagen bei 46,17 Milliarden US-Dollar an Eigenkapital – ein weiteres „Allzeit-Hoch“ und sogar eine erneute Steigerung um 34 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Kapitalmarktinvestoren in den USA haben ein extrem hohes Interesse am Biotech-Sektor, ebenso an Initial Public Offerings (IPOs), den ersten öffentlichen Angeboten von Aktien eines Unternehmens. Eine Steigerung des Venture Capitals wurde kaum für möglich gehalten – doch das Niveau vom Vorjahr wurde um 56 Prozent übertroffen und lag 2018 bei 17,71 Milliarden US-Dollar. Das untermauert nicht nur die technologische und innovative Stärke der Branche, sondern auch die enge Einbindung des privaten Sektors in das Kapitalmarktökosystem.

Deutschland liegt seit 20 Jahren im Rückstand – und die Unterschiede werden größer. Schlimmer noch: Durch Übernahmen deutscher Biotech-Assets greifen die USA die Wertschöpfung deutscher Entwicklungen ab, mittlerweile in Höhe dreistelliger Milliarden US-Dollar.

Bodenständigkeit als Tugend

Die Kapitalmarktsituation in den USA ist schon aufgrund der Banken, Pensionskassen und Versicherungsakteure eine andere. Mit dem Aufbau einer IT-Industrie hat sich in den USA ein einzigartiges Kapitalmarktökosystem mit spezialisierten Akteuren herausgebildet. Die Anzahl der einzelnen Finanzierungsereignisse, die täglichen Handelsvolumina und auch die Bewertungen sind enorm. Entscheidend ist aber auch die unterschiedliche Mentalität: In den USA herrschen mehr Mut, eine andere Kultur des Scheiterns sowie mehr Fortschrittsgedanken.

Eine Kopie des US-Ökosystems wird sich in Deutschland nicht aufbauen lassen. Sinnvoll wäre eine auf nationale Besonderheiten zugeschnittene Aktivierung des Kapitalmarktes: Kleinere Volumina, ein breiterer Branchenfokus, starke Ingenieursthemen, grüne (Effizienz-) Technologien, die stärkere Einbindung von Privatinvestoren, eine Bündelung in Small-Cap-Fonds sowie die Einbeziehung des breit verankerten Bewusstseins für Effizienz und Sparsamkeit – eben des deutschen Mindsets – könnten Merkmale eines innovationsorientierten Kapitalmarktes sein, der sich vom US-amerikanischen abhebt. Womöglich wäre er sogar international für bestimmte Anlegerklassen attraktiv, weil er weniger spekulativ und bodenständiger ist.

Chance auf Erneuerung

Der Umbau der fossilen Wirtschaft, Fragen der gesunden Ernährung, Gesundheit im Alter – das sind gesellschaftlich große Themen, die an diesem Kapitalmarkt abgebildet werden könnten und sollten. Das Vertrauen, dass der Staat oder die vor 150 Jahren gegründeten Konzerne diese Herausforderungen meistern, ist geschwunden. Das birgt wiederum die Chance auf Erneuerung, auf Biotechnologie als neuen Wachstumszweig. Denn die Kapitaleffizienz und die Flexibilität deutscher Biotechnologieunternehmen bleiben beeindruckend.

Fazit

Der Umsatz, die Zahl der Mitarbeiter und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) steigen: Die Biotechnologie ist eine der zukunftsfähigsten Branchen in Deutschland. Doch die Branche wird hierzulande nach wie vor häufig vernachlässigt. Vor allem das Fehlen eines funktionierenden Kapitalmarktökosystems ist eine Hürde für die Entwicklung einer zukunftsfähigen Biotechnologie. Politik, Wissenschaft und Unternehmen müssen mehr Innovation wagen. 

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Gerd W. Stürz

Managing Partner, Leiter des Marktsegments Life Sciences, Gesundheitswesen und Chemie | Deutschland, Schweiz, Österreich

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