Pressemitteilung

18 Februar 2020 Stuttgart, DE

Zahl der Gewinnwarnungen auf Rekordniveau – Autoindustrie am stärksten betroffen

Stuttgart, 18. Februar 2020. Die Zahl der Gewinn- und Umsatzwarnungen hat in Deutschland im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht: Die 306 im Prime Standard gelisteten Unternehmen veröffentlichten insgesamt 171 Gewinn- oder Umsatzwarnungen – ein Anstieg um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

  • 171 negative Prognosekorrekturen im Jahr 2019
  • Gewinnprognosen um durchschnittlich 37 abgesenkt
  • Warnungen lassen Kurse um sieben Prozent sinken
  • Neue Welle an Gewinnwarnungen wegen Coronavirus befürchtet

Die Zahl der Gewinn- und Umsatzwarnungen hat in Deutschland im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht: Die 306 im Prime Standard gelisteten Unternehmen veröffentlichten insgesamt 171 Gewinn- oder Umsatzwarnungen – ein Anstieg um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Nur im DAX ging die Zahl der Warnungen zurück: von 16 auf 11. In den übrigen Indizes wurde hingegen deutlich häufiger vor schlechten Zahlen gewarnt als im Vorjahr.

Erstmals seit dem Jahr 2014 lag die Zahl der Unternehmen, die ihre eigenen Ziele verfehlten, zudem höher als die Zahl derer, die sich besser als angekündigt entwickelten: Insgesamt 125 positive Gewinn- oder Umsatzerwartungen wurden veröffentlicht – weniger als im Vorjahr, als noch 137 Mal die Prognosen nach oben korrigiert wurden.

Das sind Ergebnisse einer aktuellen Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, die veröffentlichungspflichtige Korrekturen an Gewinn- und Umsatzprognosen seit dem Jahr 2011 untersucht.

„2019 war ein sehr schwieriges Jahr für viele deutsche Unternehmen. Die Aussichten waren zwar ohnehin nicht übermäßig positiv – tatsächlich entwickelten sich die Geschäfte aber vielfach noch schlechter als erwartet“, beobachtet Dr. Martin Steinbach, Partner und Leiter des Bereichs IPO and Listing Services bei EY. „Die weltweite Konjunktur hat deutlich an Kraft verloren, der amerikanisch-chinesische Handelskonflikt sorgte an den Börsen für zusätzliche Unsicherheit.“

Bemerkenswert sei allerdings die immer noch recht hohe Zahl an Aufwärtskorrekturen, betont Dr. Marc Förstemann, Partner bei EY in der operativen Restrukturierungsberatung: „Die Industrie steht zwar enorm unter Druck – auf der anderen Seite machen aber beispielsweise Immobilienunternehmen, Pharmakonzerne und spezialisierte Technologieunternehmen nach wie vor gute Geschäfte – und übertreffen sogar ihre eigenen Prognosen. Wir sehen also nach wie vor keine flächendeckende Krise.“

Autobranche leidet am stärksten

Die meisten Warnungen kamen im vergangenen Jahr aus der Automobilbranche: Zehn der zwölf börsennotierten Autokonzerne bzw. -zulieferer mussten ihre Prognosen nach unten korrigieren. „Die weltweite Autokonjunktur entwickelt sich schwach, die technologischen Herausforderungen sind enorm“, sagt Förstemann. Besonders die Jahre 2020 und 2021 werden eine erhebliche Herausforderung für die Branche darstellen, da die ambitionierten CO2-Vorgaben der EU-Kommission erreicht werden müssen – sonst drohen hohe Strafzahlungen. Förstemann: „Das Hochfahren der Elektromobilität kostet die Autokonzerne Milliarden. Gleichzeitig führen die Nachwehen der Diesel-Krise zu anhaltenden finanziellen Belastungen.“ Neben der Automobilindustrie erwiesen sich Branchen mit engen Verbindungen zur Automobilbranche im vergangenen Jahr als besonders anfällig – so musste gut jedes zweite Chemieunternehmen seine Erwartungen nach unten korrigieren.

Obwohl die Märkte angesichts der konjunkturellen Eintrübung eigentlich auf schlechte Zahlen vorbereitet waren, wirkten sich die Gewinnwarnungen erheblich auf die Kurse aus: Im Durchschnitt sanken die Kurse am Tag der Warnung um sieben Prozent, die Gewinnziele wurden dabei um durchschnittlich 37 Prozent nach unten korrigiert.

Wenn hingegen Unternehmen ein Übertreffen ihrer Prognosen ankündigten, führte das am Tag der ad-hoc-Meldung im Schnitt zu einem Anstieg des Aktienkurses um vier Prozent – was allerdings auch mit einer deutlich geringeren durchschnittlichen Anhebung des Gewinnziels um 18 Prozent korrespondierte.

Ausblick: Neue Risiken drohen

Trotz der Entspannung im chinesisch-amerikanischen Handelskonflikt rechnet Steinbach mit einer schwachen weltweiten Konjunkturentwicklung im ersten Quartal. „Die Ausbreitung des Coronavirus wird neben den humanitären auch erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. Der chinesische Markt ist inzwischen sowohl als Produktionsstandort als auch als Absatzmarkt enorm wichtig. Die massiven Maßnahmen der chinesischen Behörden zur Eindämmung der Krise bremsen die chinesische Wirtschaft und unterbrechen weltweite Lieferketten.“ Viele Unternehmen haben die Werksferien verlängert, der Rohstoffbedarf der chinesischen Industrie lässt nach, der Ölpreis sinkt. „Dies wird Folgen haben“, sagt Förstemann, „China dürfte als Wachstumslokomotive im ersten Quartal ausfallen – das werden wir auch in Europa zu spüren bekommen. Neben dem Transport- und dem Rohstoffsektor stehen auch Unternehmen, für die China ein wichtiger Absatzmarkt ist, vor Problemen – also z. B. viele Konsumgüterhersteller und die Autobranche.“

„Derartige Ereignisse können Unternehmen im Erwartungsmanagement gegenüber Analysten und Investoren nur schwer vorhersehen“, sagt Steinbach. „Im Lauf des Jahres dürften wir daher – je nach weiterer Ausbreitung des Coronavirus – weitere Prognosekorrekturen bei börsennotierten Unternehmen sehen.“ Nicht nur die vergangenen Wochen zeigten, wie globalisiert die weltweiten Lieferketten inzwischen sind – und wie anfällig, ergänzt Förstemann: „Weltweite Lieferketten funktionieren nur, wenn alle Rädchen ineinandergreifen. Wenn aber mit China ein wichtiger Produktionsstandort ausfällt, sind die Folgen rasch auch in Europa und Amerika zu spüren – die Teileversorgung stockt, erste Werke auch außerhalb Chinas drosseln die Produktion. Nun wird hektisch nach alternativen Lieferanten gesucht – sofern es überhaupt welche gibt. Nach dem Brexit ist dies ein weiterer Fall, der zu denken geben sollte: Weltweite Lieferketten sollten nicht nur auf Kostenminimierung, sondern auch auf Flexibilität und Belastbarkeit ausgerichtet sein.“

 

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