7 Minuten Lesezeit 2 Mai 2019
Straßenszene Hongkong Fußgängerüberweg

Wie Open Banking die Beziehungen im Bankwesen verändert

Von

Christopher Schmitz

Partner, Transaktionsberatung für Finanzdienstleistungen | Deutschland

Gestaltet die Zukunft der Finanzdienstleistungsbranche. Familienvater, Hochzeits- und Porträtfotograf sowie passionierter Kaffeeröster und Tango-Argentino-Tänzer.

7 Minuten Lesezeit 2 Mai 2019

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Durch die Nutzung von Schnittstellen zum Datenaustausch können Banken und Fintechs sich in den Finanzmarktplätzen der Zukunft positionieren.

Durch die Digitalisierung entsteht eine Finanzwelt mit völlig neuen Marktplätzen. Der Kunde verlässt die eins-zu-eins-Beziehung zu seiner Bank und wählt aus verschiedenen Produkten und Dienstleistungen eines vielfältigen neuen Ökosystems die Angebote aus, die seinen individuellen Wünschen am besten entsprechen.

In diesen neu entstehenden digitalen Systemen mit den relevanten Produkten präsent zu sein und neue Kundenerwartungen und -bedürfnisse zu erfüllen, ist eine der wesentlichen Herausforderungen, vor der die Bankenbranche weltweit derzeit steht.

1. Kapitel: Banking der Zukunft. Auf dem Weg zu digitalen Ökosystemen

Open Banking ermöglicht Datenaustausch zwischen Banken und anderen Marktteilnehmern

2. Kapitel: Regulatorik als Treiber für Open Banking

Gesetzliche Vorgaben und einheitliche Standards sind wichtig, unterscheiden sich aber in den Ländern

3. Kapitel: Sicherheit und Vertrauen sind die Basis für Open Banking

Wie überzeugt man Kunden, sich auf Open Banking einzulassen? Und wer profitiert dann?

Mann mit Smartphone in London
(Chapter breaker)
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Kapitel 1

Banking der Zukunft – auf dem Weg zu digitalen Ökosystemen

Open Banking ermöglicht Datenaustausch zwischen Banken und anderen Marktteilnehmern.

Über eine Smartphone-App in wenigen Schritten die günstigste Finanzierung unter mehreren Anbietern finden, Rechnungen zahlen oder die eigenen Finanzen und Sparanlagen verwalten: Dank Digitalisierung ist Banking 4.0 längst keine Zukunftsmusik mehr. Zahlreiche etablierte Banken, Neo-Banken und Fintechs bieten ihren Kunden bereits innovative, auf neue Nutzerbedürfnisse abgestimmte Multibank-Applikationen.

Banken haben angefangen, Daten als ihr wesentliches Gut zu begreifen und die Daten von Dritten zu nutzen, um ihre Produkte weiterzuentwickeln. In der Branche hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass dies mittelfristig erforderlich ist, um sich erfolgreich in den Finanzmarktplätzen der Zukunft positionieren zu können.

Möglich wird dies durch Open Banking: Der Gesetzgeber schreibt vor, dass Banken in Europa die persönlichen Finanzdaten ihrer Kunden anderen Finanzinstituten oder -dienstleistern zugänglich machen müssen. Damit können Banken und Fintech-Unternehmen die Leistungen und Kundeninformationen anderer Institute auswerten, um effizient kundengerechte Produkte und Services zu entwickelt. Der Datenaustausch läuft über offene Programmier-Schnittstellen, den „Application Programming Interfaces“ (APIs).

Durch die Bereitstellung und Nutzung offener API-Schnittstellen werden Banken Teil von digitalen Ökosystemen: Sie bieten fremde Produkte und Leistungen an, die über eine eigene nutzerfreundliche App abrufbar sind, oder können sich mit ihrem Angebot auf branchenfremden Plattformen positionieren.

Digitale Ökosysteme sind das ‚New Normal‘. Banken gewinnen nicht durch Abschottung, sondern durch die Öffnung und Nutzung von Schnittstellen – auch bei Drittbanken. Diese Erkenntnis setzt sich zunehmend in den Führungsetagen durch.

Wesentlicher Treiber für diese tiefgreifenden Veränderungen im Bankgeschäft sind innovative Technologien, wie von Fintechs entwickelte Apps für den Zahlungsverkehr oder die Kundenauthentifizierung. Bei Banken sind rasche Innovationszyklen, ein nah am Kunden ausgerichtetes Geschäftsmodell sowie die Offenheit für digitale Innovationen notwendige Voraussetzung für eine nachhaltige Neuausrichtung hin zu einem digitalen Ökosystem. 

Open APIs beweisen sich bereits am Markt

Es existieren bereits zahlreiche erfolgreiche API-Systeme: Über Navigations-Apps können Besucher Tische in Restaurants oder Tickets für Veranstaltungen buchen. Social Media-APIs lassen sich in die Betriebssoftware von Unternehmen einbinden, Medien- und Reiseportale vermitteln neben ihrem Kern-Service bereits Reiseversicherungen, Mietwagen oder Hotels.

In der Finanzbranche bieten Banken und Sparkassen in Kooperation mit Fintechs ebenfalls erste eigene API-Schnittstellen, um Dritten Zugang zu Finanzdaten zu gewähren, Zahlungsaufträge für Technologie- und Handelskonzerne oder andere Finanzdienstleister und Banken abzuwickeln und Kontodeckungsanfragen zu beantworten. Häufig werden solche innovativen Lösungen oder Anbieter von Geldhäusern zugekauft.

Einige Banken positionieren sich zudem verstärkt über Schnittstellen mit eigenen Produktangeboten im Markt. Insgesamt arbeiten nahezu alle Banken gerade mit Nachdruck daran, neue API-Strukturen aufzubauen, große unstrukturierte Datenmengen auch jenseits eigentlicher Bankdaten zu verarbeiten und die eigenen Produkte fortzuentwickeln. Einige Fintechs engagieren sich ebenfalls und bieten eigene Open-Banking-Plattformen für Spareinlagen oder grenzüberschreitende Zahlungstransaktionen.

Digitale Wertschöpfung

60 %

ihrer Wertschöpfung werden Banken in den nächsten zehn Jahren über digitale Kanäle generieren.

Mit der Digitalisierung bewegen wir uns in einer völlig neuen Welt, in der auch neue Marktplätze entstehen. Sich dort mit relevanten Produkten zu präsentieren und neue Kundenwünsche zu erfüllen, wird für Banken die Herausforderung der Zukunft sein.

Traditionelle Wertschöpfungsketten im Retail Banking lösen sich zunehmend auf. Die Bedeutung der Filiale und der persönliche Kontakt zum Kundenberater gehen weiter zurück, die Markentreue dürfte ebenfalls abnehmen. Stattdessen treten beim Kunden die Themen Convenience und Pricing in den Vordergrund.

Junger Mann mit Smartphone in der Stadt
(Chapter breaker)
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Kapitel 2

Regulatorik als Treiber für Open Banking

Gesetzliche Vorgaben und einheitliche Standards sind wichtig, unterscheiden sich aber in den Ländern

Mit der überarbeiteten EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 will der Gesetzgeber den Wettbewerb im europäischen Retail Banking anfachen, die Nutzung innovativer Methoden im Zahlungsverkehr fördern und den Verbraucherschutz stärken.

  • Am 13. Januar 2018 trat europaweit die überarbeitete Zahlungsdiensterichtlinie (Payment Service Directive 2, PSD2) in Kraft. Diese Regulierung verpflichtet Banken, Schnittstellen für Drittanbieter zur Verfügung zu stellen, um Kontodaten einsehen und Zahlungen initiieren zu können. Zeitgleich wurden in Großbritannien die Open Banking Vorgaben der Wettbewerbsaufsicht CMA eingeführt.

    Die Open Banking Konzepte sehen vor, dass in einer ersten Phase zunächst die Kundenrechte gestärkt werden, etwa bei Haftungsregeln oder dem Informationsanspruch. In einem zweiten Schritt sollen Banken und Finanzdienstleister schärfere Vorgaben bei Sicherungsmaßnahmen, Risikoeinschätzung und Datenschutz umsetzen.

    Bis 14. September 2019 müssen die Institute offene APIs für Drittdienstleister (Third Party Providers, TPPs) einrichten, erste Tests laufen bereits. Die regulatorisch-technischen Standards (Regulatory Technical Standards, RTS) zur starken Kundenauthentifizierung und zu API-Schnittstellen gibt die europäische Bankenaufsicht EBA vor.

In Deutschland nutzen Banken bereits seit den 1990er Jahren den Schnittstellen-Standard FinTS (ehemals HBCI). Der Standard ermöglicht einen kontrollierten Zugriff auf Drittkonten (Multibankfunktion) und ist inhaltlich weitgehend PSD2-konform, allerdings befindet er sich unter Kontrolle der Banken und ist nicht ohne Weiteres mit den Vorgaben anderer Länder kompatibel. Demnach müssten Banken und Fintechs, die grenzübergreifend auf Daten zugreifen wollten, verschiedene Standards implementieren.

Die europäische Berlin Group Initiative, der zahlreiche Kreditinstitute und führende Akteure der europäischen Payment-Industrie angehören, entwickelt daher einen offenen, gemeinsamen und harmonisierten europäischen Standard für die Programmierschnittstellen.

Open Banking im Ländervergleich

Weltweit bestehen wesentliche Unterschiede im regulatorischen Umfeld und im Umsetzungsniveau von Open Banking. Das ergab der „Open Banking Opportunity Index“ von EY, der das Niveau von Open Banking in zehn Märkten weltweit anhand wesentlicher Erfolgsfaktoren wie Regulierung, Innovationsstand, Kundenbedürfnisse und Sicherheit analysiert.

Der Index-Spitzenreiter Großbritannien nimmt mit seinem Open Banking Standard eine Vorläuferposition ein. Die britische Competition and Markets Authority (CMA) veröffentlichte einen verpflichtenden API-Standard für Zahlungsanweisungen und Konteninformation. Darüber hinaus existieren standardisierte Formate und Kodierungen für APIs, während TPPs sich bei der Aufsicht registrieren lassen müssen. EY hat den britischen Standard in der Open Banking Working Group mitentwickelt.

Die britische Open Banking Implementation Entity (OBIE) begleitet Banken bei der Implementierung der Open APIs. Nach Einschätzung der Institution wird Open Banking das Kundenverhalten nachhaltig verändern und zur Entstehung neuer Anbieter beitragen. Im Vereinigten Königreich tauschen Fintechs bereits über Finanz-Apps Daten mit Großbanken aus. Mehrere britische Großbanken wollen im laufenden Jahr mobile Open-Banking-Anwendungen an den Start bringen.

Deutschland rangiert in dem EY-Opportunity Index auf Platz 9. In dieser Bewertung wurde der 1996 eingeführte Schnittstellen-Standard HBCI und seine Weiterentwicklung FinTS nicht berücksichtigt. 

Vater und Tochter bezahlen kontaktlos
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Kapitel 3

Sicherheit und Vertrauen sind die Basis für Open Banking

Wie überzeugt man Kunden, sich auf Open Banking einzulassen? Und wer profitiert dann?

Das Bankgeschäft befindet sich im Umbruch. Bislang findet diese Revolution hinter den Kulissen und weitgehend vom Kunden unbemerkt statt. Kommen weitere Produkte und Services auf den Markt, wird das Vertrauen der Kunden zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor für die Entwicklung von digitalen Banking-Ökosystemen. Ob die Kunden die Anwendungen nutzen, wird stark von deren jeweiligen Mehrwert und den Sicherheitsvorkehrungen abhängen. 

Angesichts der wachsenden Anzahl von Schadsoftware sollten Banken ihre Maßnahmen für Cybersecurity verstärken, um bei der Öffnung ihrer Datensysteme einen möglichst sicheren Umgang mit sensiblen Kundeninformationen zu gewährleisten. Regulatorische Vorgaben wie PSD2 und die seit Mai 2018 geltende EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) tragen dazu bei, den Schutz und die Weitergabe persönlicher Daten sicherer zu gestalten. 

So können Banken, Fintechs und Kunden das Potenzial von Open Banking nutzen

Durch Open Banking können Banken und Fintechs einen Mehrwert für ihre jeweiligen Kunden generieren. Während Banken ihre Effizienz steigern und die Kundenbindung stärken können, erhalten Bankkunden die Möglichkeit, ihre auf verschiedene Anbieter verteilten Finanzen und Daten besser zu managen.

Fintechs können durch Auswertung von Daten neue Produkte und Services nach individuellen Kundenwünschen gestalten. Start-ups gewinnen dadurch Kunden und generieren Neugeschäft. Neue Wettbewerber entstehen und das Digitalisierungstempo der Branche zieht an.

Wenn Finanzdienstleister Open Banking zeitnah in ihre Transformationsstrategie integrieren, können sie das Potenzial des Trends voll ausschöpfen.

Partnerschaften und Kooperationen mit Fintechs beschleunigen die bankeigenen Innovationszyklen. Netzwerke mit anderen Ökosystemen helfen den Instituten dabei, sich auch in zukunftsträchtigen Absatzmärkten jenseits der eigenen Branchengrenzen zu positionieren. Smart Cities, Smart Home, digitales Gesundheitswesen und Mobilität sind nur einige Beispiele, in denen eine branchenübergreifende Konsolidierung stattfindet.

Die Veränderungen der Kundenbeziehung und Wertschöpfungsketten im europäischen Zahlungsverkehr durch PSD2 sind ein erster Schritt hin zu digitalen API-Ökosystemen, etwa im Geschäft mit Firmenkunden oder für grenzüberschreitende Fremdwährungstransaktionen. Langfristig könnte sich Open Banking auch zu einem globalen Phänomen entwickeln. Ähnliche Konzepte wie in Europa werden derzeit in den USA oder Australien eingeführt. 

Fazit

Die Öffnung digitaler Ökosysteme für den Datenaustausch mit Dritten und die Integration externer Anbieter verändert das Bankgeschäft zunehmend. Beschleunigt durch die Regulierung werden Wertschöpfungsketten weltweit dekomponiert und über neue technische Schnittstellen wieder zusammengesetzt. Es entstehen Produkte und Marktplätze mit einem enormen Geschäftspotenzial und Mehrwert – für Banken, Fintechs und Kunden.

Banken sollten die Entwicklung ihrer API-Schnittstellen und die Öffnung ihrer Ökosysteme vorantreiben, um die Chancen von Open Banking voll ausschöpfen zu können. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für den Austausch sensibler Informationen ist Cybersecurity: Bankkunden wollen auch weiterhin auf den sicheren Umgang mit ihren Daten vertrauen können. 

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Christopher Schmitz

Partner, Transaktionsberatung für Finanzdienstleistungen | Deutschland

Gestaltet die Zukunft der Finanzdienstleistungsbranche. Familienvater, Hochzeits- und Porträtfotograf sowie passionierter Kaffeeröster und Tango-Argentino-Tänzer.