4 Minuten Lesezeit 8 April 2019
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Zukunft der Energiewirtschaft - Das 3 × 3 der neuen Netze

Von

Metin Fidan

Leiter Energiewirtschaft | Deutschland, Österreich, Schweiz

Sieht in der Digitalisierung, in der Dezentralisierung und in der Konvergenz vor allem Chancen für die Energiewirtschaft. Wandel ist für ihn kein Problem, sondern eine Gestaltungsaufgabe.

4 Minuten Lesezeit 8 April 2019

Die Digitalisierung revolutioniert den Strommarkt- und eröffnet neue Geschäftsfelder, in denen Netzbetreiber eine Schlüsselrolle spielen.

Am Anfang war die Angst. Wird die Digitalisierung die alte Welt zerstören, in der einige wenige Betreiber über die Netze für Strom, Gas und Wärme wachten? Noch 2017 sah mehr als ein Viertel der Stadtwerke-Chefs die Digitalisierung als Bedrohung, nicht einmal die Hälfte von ihnen erkannte den Wandel als Chance.

Doch die Stimmung dreht sich: Schon ein Jahr später begreift eine Mehrheit der Macher die „neuen Netze“ als Chance. Auch die Angst schwindet, wie unsere „Stadtwerkestudie 2018 - Digitalisierung in der Energiewirtschaft – quo vadis?“ nahelegt. Unsere Befragung von Geschäftsführern und Vorständen aus 101 Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigt: Der Online-Lieferantenwechsel oder die datenbasierte Automatisierung von Geschäftsprozessen gehören bereits zum Alltag. Wie aber geht es weiter in einem Markt, in dem fast zwei Drittel der Mitspieler gute oder sehr gute Geschäfte erwarten? 

Der Kunde wird zum Prosumer, also gleichermaßen Produzent und Konsument. Energieversorger, die noch nach den alten Regeln funktionieren, müssen auf diese Entwicklungen reagieren.

Klar ist: Der Strommarkt der Zukunft wird dezentral sein. Statt weniger großer Kraftwerke gibt es schon heute immer mehr kleine Stromerzeuger, wie etwa Blockheizkraftwerke oder Photovoltaikanlagen. Der Kunde wird zum Prosumer, also gleichermaßen zum Produzenten und Konsumenten. Übersteigt seine Stromproduktion den Eigenbedarf, kann er den Überschuss sogar ins Netz einspeisen.

Energieversorger, die noch nach den alten Regeln funktionieren, müssen auf diese Entwicklungen reagieren. Die Digitalisierung wird aber auch weite Teile der Wertschöpfungskette revolutionieren, von der Zusammenarbeit mit Lieferanten über die Rechnungstellung beim Endverbraucher bis hin zu neuen Geschäftsmodellen im Vertrieb. Die Karten werden also neu gemischt. Inwiefern, das zeigt das „3 × 3 der neuen Netze“: 

Die 3 Trends

  1. Digitale Prozesse

    Computer übernehmen immer mehr Geschäftsvorgänge. Sie erreichen Effizienzsteigerungen von 10 bis 20 Prozent. Noch attraktiver ist es, manuelle Geschäftsprozesse durch Software-Roboter zu ersetzen. Diese „Robotic Process Automation“ (RPA) steigert die Effizienz um bis zu 30 Prozent. Ohne RPA wäre es beispielsweise gar nicht denkbar, die kommende Flotte von Millionen Elektroautos flexibel zu versorgen.
  2. Digitale Umsätze

    Je mehr digitale, fernauslesbare Messgeräte in Häusern und Unternehmen hängen, desto mehr Daten werden die Netzbetreiber sammeln können. Innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen ergibt sich damit die Möglichkeit, diese Daten zu vermarkten – und zwar nicht nur im Energiemarkt.
  3. Digitale Schnittstellen

    Papier war geduldig, seine Tage sind aber längst gezählt. Netzbetreiber kommunizieren heute mit Kunden, Partnern und Lieferanten über webbasierte Portale oder mobile Apps.

Die Energiewirtschaft wird ihre IT-Architektur grundlegend umstellen müssen.

Die 3 Hürden

Mit innovativen Technologien tut sich die Branche oft noch schwer. Drei Haupthindernisse stehen den Netzbetreibern dabei im Weg und können die digitale Transformation bremsen:

  1. Es fehlen digitale Standards

    Bisher konnten intelligente Messsysteme noch nicht rechtssicher eingeführt werden. Stadtwerke können die Einführung des Smart Metering nicht planen, im Messwesen fehlen verlässliche Systeme für die Mehrtarifmessung und das Last- und Einspeisemanagement mit einer Steuerbox.
  2. Es herrscht Unklarheit in der IT

    Ganz gleich, ob Netzabrechnung, Cloud oder Blockchain: Die Energiewirtschaft wird ihre IT-Architektur grundlegend umstellen müssen. Doch der Markt wird zunehmend unüberschaubar: System- und Anwendungshäuser überbieten sich mit Entwicklungsversprechen und arbeiten mit völlig unterschiedlichen Designvorgaben.
  3. Es fehlt qualifiziertes Personal

    In Deutschland, Österreich und der Schweiz steigt die Sorge der Netzbetreiber, nicht genügend qualifiziertes Personal für den digitalen Wandel zu finden.

Die 3 Geschäftsmodelle

Aus den genannten Trends und Hürden ergeben sich drei neue Geschäftsfelder, in denen Netzbetreiber eine Schlüsselrolle spielen – und Wachstum erzielen können.

  1. Tarifinnovationen

    Die neuen Messprodukte werden zeit- und lastvariable Tarife für Strom und Gas ermöglichen. Der Vertrieb wird sich vom Wettbewerb absetzen, indem er Kundengruppen maßgeschneiderte Tarife liefert, etwa Mobilitätstarife für die Nutzer von Elektrofahrzeugen.
  2. Bündelangebote

    In wenigen Jahren werden Strom, Gas und Wärme immer häufiger gemeinsam abgelesen und abgerechnet. Spartenübergreifende Bündelangebote sind ein attraktives Wachstumsfeld sowohl für Messstellenbetreiber als auch für Submetering-Anbieter.
  3. Neue Dienstleistungen

    Die neue Welt der Netze bringt neue Services hervor. Dazu gehören die Netzplanung, Bereitstellung von Messprodukten oder Beratungsleistungen zur Integration der Ladeinfrastruktur für die E-Mobilität. Teile dieses Vorleistungsmarktes werden sich agile Netzbetreiber selbst erschließen und damit auch aus ihrem regulierten Kernmarkt ausbrechen. Weitere neue Erlösquellen für die Messstellenbetreiber ergeben sich aus den erhobenen Daten. Verbunden mit einer Visualisierung und Analyse von Big Data entstehen bei der Aufschlüsselung der Kundendaten nach bestimmten Merkmalen in Einzelgrößen Erkenntnisse, für die Gewerbekunden gerne zahlen.

Digitale Geschäftsmodelle erweitern die Energiewirtschaft und werden zukünftig einen immer höheren Stellenwert einnehmen. Grundlage hierfür bilden verschiedene Basistechnologien wie Smart Metering, IoT, RPA oder Blockchain.

Metin Fidan

Leiter Energiewirtschaft | Deutschland, Österreich, Schweiz

 

 

Fazit

Die Zukunft der neuen Netze hat bereits begonnen. In allen Wachstumsbereichen der Energiebranche spielen die Netzbetreiber mit ihrer zentralen Infrastruktur eine Schlüsselrolle. Noch sind einige Marktteilnehmer verunsichert. Die Verhandlungen mit den Regulierern hemmen den technischen Fortschritt und es fehlt an gutem Personal, vor allem in der IT. Dennoch kristallisieren sich vielversprechende Geschäftsfelder heraus. 

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Metin Fidan

Leiter Energiewirtschaft | Deutschland, Österreich, Schweiz

Sieht in der Digitalisierung, in der Dezentralisierung und in der Konvergenz vor allem Chancen für die Energiewirtschaft. Wandel ist für ihn kein Problem, sondern eine Gestaltungsaufgabe.