5 Minuten Lesezeit 18 August 2020
Gebäude aus Froschperspektive

Warum Wachstum in der Energiewirtschaft nur gemeinsam gelingt

Autoren
Metin Fidan

Energy & Resources Sector Lead | Deutschland, Schweiz & Österreich

Sieht in der Digitalisierung, in der Dezentralisierung und in der Konvergenz vor allem Chancen für die Energiewirtschaft. Wandel ist für ihn kein Problem, sondern eine Gestaltungsaufgabe.

Mathias Timm

Verantwortet beim BDEW die gemeinsame Stadtwerkestudie von BDEW und EY

Leiter der KMU-Vertretung, BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V.

5 Minuten Lesezeit 18 August 2020

Wo Dinge digital zusammenwachsen, gibt es keine Alleinanbieter mehr. Daraus ergeben sich für die Energieversorger ungeahnte Marktchancen.

Die Energiewirtschaft ist im Umbruch: Fossile Stromerzeugung wird schrittweise durch Erneuerbare Energien (EE) ersetzt, zentrale Erzeugung durch dezentrale. Dadurch treten zahlreiche Herausforderungen auf den Plan:

  • die Integration zahlreicher, neuer Erzeugungsanlagen ins Netz
  • eine intelligente Steuerung der Schwankungen der EE-Einspeisung 
  • der Anstieg flexibler Verbraucher, insbesondere durch den Ausbau der Elektromobilität 
  • neue Geschäftsmodelle im Messwesen zeichnen sich ab
  •  innovative Plattformen werden Daten und Informationen bereitstellen und verwerten

Neben dieser Dezentralisierung treiben auch die anderen „großen Ds“ den Wandel voran: die Dekarbonisierung, die Digitalisierung sowie die Degression der Energieerzeugungskosten.

Grenzen überwinden

Die Kunden werden zu Prosumern und aktiven Beteiligten der Energiewende: Sie verfügen zunehmend über Eigenerzeugung, Speichersysteme sowie auch flexible Lasten.

Der Kohleausstieg, die Dekarbonisierung des Gassektors und die langfristige Perspektive einer Wasserstoffwirtschaft führen zu massiven Veränderungen der Energiebranche: große Erzeugungsportfolien müssen mit Milliardeninvestitionen transformiert werden. Der Netzausbau wird forciert. Die Entwicklung neuer, klimafreundlicher Technologien wird mit Hochdruck vorangetrieben, die „Wärmewende“ kommt.

Bisherige Sektorengrenzen werden aufgebrochen – das eröffnet Chancen für neue Geschäftsmodelle und sektorübergreifende Ökosysteme. Das Zusammenwachsen und die Vernetzung unterschiedlicher Branchen fordern die traditionellen Wirtschaftsstrukturen heraus.

Wie die Energiewirtschaft mit anderen Branchen und Sektoren zusammenwächst

Stadtwerkstudie 2020

Welche Synergiepotenziale entstehen können

Warum sich Unternehmen für Veränderungen öffnen sollten

Unternehmen, die den digitalen Wandel nicht als Bedrohung sehen, sondern als Chance, neue Geschäftsfelder zu erschließen, werden wachsen. So ermöglichen neue Technologien wie Blockchain, Machine Learning und Cloud-basierte Anwendungen eine nie geahnte Zusammenarbeit von Energieversorgern untereinander, mit ihren Kunden und vor allem auch mit vormals „fachfremden“ Branchen. Die Bereitschaft der Kunden (B2C wie B2B) digitale Angebote zu nutzen, bestärkt dies. An diesen Schnittstellen wächst Neues: Ökosysteme, die durch das enge Zusammenspiel völlig unterschiedlicher Marktteilnehmer als neue Geschäftsmodelle erblühen. Viele dieser digitalen Schnittstellen werden Plattformen sein, die B2C und B2B vereinfachten Service und Zugang bieten.

Wohnungswirtschaft als idealer Wachstumspartner

Unter dem neuen Veränderungsdruck verweben sich Wertschöpfungsketten von Industrien, die bislang nebeneinander existierten. Die größten Synergiepotenziale sehen die für die EY & BDEW Stadtwerkestudie 2020 befragten Energieversorger dabei im sektorübergreifenden Zusammenspiel mit dem Telekommunikationsbereich, der Wärmeindustrie und der Wohnungswirtschaft.

Unverändert sehr hohe Potenziale sieht ein Großteil der 166 befragten Unternehmen dabei besonders in Synergien mit der Wohnungswirtschaft: 73 Prozent sehen hohes oder sehr hohes Synergiepotenzial zwischen den beiden Branchen, das ist noch einmal mehr als im Vorjahr.

Ein noch größerer Anteil (84 %) der befragten Entscheider sieht in der Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft „eine große Chance“. Für mehr Kooperation zwischen den beiden Branchen gibt es gute Gründe: Für die Wohnungswirtschaft sind Kosten- und Wettbewerbsdruck ein wichtiger Treiber für Digitalisierung und Prozessoptimierung; die Energiewirtschaft wiederum sucht nach einer Absicherung ihres Kerngeschäfts und zugleich nach aussichtsreichen neuen Geschäftsmodellen.

Stadtwerkstudie 2020

Über 75 Prozent der Befragten sehen die energienahen Geschäftsfelder wie Energielieferung, Energiedienstleistungen und Smart Metering im Zentrum einer Kooperation mit der Wohnungswirtschaft. Für die Hälfte der Energieversorger ist oder wird die Wohnungswirtschaft eine zentrale Kundengruppe.

Das macht auch aus Sicht der Wohnungswirtschaft Sinn, die möglichst viele Gebäude klimaneutral machen will. Was im Neubau noch möglich ist, ende jedoch im weitaus größeren Altbestand zurzeit noch bei der Energieeffizienzklasse B, erläutert Rolf Buch, Vorstandsvorsitzender der Vonovia, im Interview mit EY: „Die Emissionen, die dann noch entstehen, müssen also regenerativ erzeugt werden.“ Das funktioniere nur, wenn man Strom- und Wärmeerzeugung zusammendenkt, wie etwa bei der Fernwärme: „Und an dieser Stelle wachsen die Geschäfte zusammen.“

Wo alles zusammenwächst: Plattformen

Der ideale Weg, Technologien und Innovationen gemeinsam zu kombinieren, sind Plattformmodelle. Als Plattformbetreiber können sich Energieversorger zum Dienstleister und Lösungspartner für Unternehmen, Städte, Kommunen und Verbraucher entwickeln. Unternehmen mit traditionellen Geschäftsmodellen wachsen durch die Verbesserung ihrer linearen Wertschöpfung.

Plattformbetriebene Geschäftsmodelle ermöglichen ein exponentielles Wachstum durch Erleichterung des Zugangs und Innovation durch Nutzung von Netzwerkeffekten zwischen vielen unabhängigen Parteien. Dies ermöglicht nicht nur die Schaffung neuer, zwei- oder mehrseitiger Märkte; durch das Aufbrechen von Industrie-Silos können Plattformen auch die traditionelle lineare Wertschöpfung ersetzen.

Stadtwerkstudie 2020
Stadtwerkstudie 2020

Durch Plattformen entstehen:

  1. neue Verbindungen von Kundengruppen,
  2. neue attraktive Märkte,
  3. neue Wettbewerbsvorteile durch eine bessere Markterschließung und durch innovative Ressourcenallokation sowie
  4. neue Einnahmequellen.

Eine Plattform erzeugt Mehrwert, indem ihr Betreiber Konsumenten und Produzenten zusammenführt und so Innovationen und Austausch fördert. Die Rolle einer Plattform gleicht der eines Dirigenten.

The winner takes it all: Gewinngemeinschaften gründen

Einzelnen Energieversorgern wird es in einem digitalisierten Umfeld kaum gelingen, die gesamte Wertschöpfungskette im eigenen Unternehmen zu halten oder die Nachfrage eines „Prosumers“ aus eigener Kraft zu bedienen. Zu komplex sind die neuen Fragestellungen, zu rasant ist der Wandel und Innovationen zum Teil zu disruptiv.

Um die neuen Geschäftsfelder früh erschließen zu können, sind unterschiedliche Modelle möglich: von der zeitweisen Zusammenarbeit mit einem oder wenigen Partnern, bis hin zu einem zeitlich unbegrenzten, umspannenden Netzwerk aus Partnerschaften. Plattformen werden dabei eine Schlüsselrolle spielen. Gemeinsam haben diese Partnerschaften und Gemeinschaftsunternehmen eines: sie sind Gewinngemeinschaften. Die Energieversorger können heute die treibende Kraft sein, solche Win-win-Situationen zu schaffen.

Entscheidend ist, dass Sektorkonvergenz nur dann erfolgreich ist, wenn eine echte Gewinngemeinschaft für alle entsteht – zeitlich begrenzt oder vorerst auf unbefristete Zeit. Das Zusammenspiel muss immer ein Ergebnis haben: Win-win.

Fazit

Dezentralisierung, Dekarbonisierung, Digitalisierung und die Degression der Energieerzeugungskosten bei den Erneuerbaren Energien treiben den Wandel in der Energiewirtschaft voran. Die Herausforderungen für die Energieversorger sind groß: Kunden werden zu „Prosumern“, Branchen und Sektoren wachsen weiter zusammen. Gerade diese Sektorkonvergenz bietet Energieversorgern erhebliche Chancen.

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Metin Fidan

Energy & Resources Sector Lead | Deutschland, Schweiz & Österreich

Sieht in der Digitalisierung, in der Dezentralisierung und in der Konvergenz vor allem Chancen für die Energiewirtschaft. Wandel ist für ihn kein Problem, sondern eine Gestaltungsaufgabe.

Mathias Timm

Verantwortet beim BDEW die gemeinsame Stadtwerkestudie von BDEW und EY

Leiter der KMU-Vertretung, BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V.