20 Minuten Lesezeit 18 August 2020
Handflächen auf allen Seiten eines ausgeschnittenen Hausdiagramms mit untergehender Sonne

Warum neue Geschäftsfelder nur gemeinsam zu gewinnen sind

Autoren

Metin Fidan

Energy & Resources Sector Lead | Deutschland, Schweiz & Österreich

Sieht in der Digitalisierung, in der Dezentralisierung und in der Konvergenz vor allem Chancen für die Energiewirtschaft. Wandel ist für ihn kein Problem, sondern eine Gestaltungsaufgabe.

Mathias Timm

Verantwortet beim BDEW die gemeinsame Stadtwerkestudie von BDEW und EY

Leiter der KMU-Vertretung, BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V.

20 Minuten Lesezeit 18 August 2020

Eine engere Zusammenarbeit der Sektoren ist zukunftsweisend. Das bekräftigt die Stadtwerkestudie 2020, die der BDEW und EY durchgeführt haben.

Thema der EY & BDEW Stadtwerkestudie 2020 ist die zunehmende Konvergenz der Energiewirtschaft mit den Sektoren Technologie, Telekommunikation, Mobilität und Wohnungswirtschaft. Ein Trend, der schon seit mehreren Jahren anhält und sich bereits in früheren Stadtwerkestudien bestätigt hat. Die Schnittstellen zu diesen Branchen werden immer vielfältiger, es entstehen Ökosysteme gemeinsamer Produkte und Dienstleistungen, gemeinsamer Gesellschaften sowie von Start-ups und Dienstleistern, die branchenübergreifend agieren.

Für die diesjährige Studie hat EY mit dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) die Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer und Vorstände von 166 Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt – insbesondere über geschäftliche Chancen und Risiken an der Schnittstelle von Energie- und Wohnungswirtschaft.

Die Studie belegt auch in diesem Jahr die wachsende Bedeutung der Wohnungswirtschaft für die Energiewirtschaft: 72 Prozent der Befragten sehen ein hohes oder sehr hohes Synergiepotenzial zwischen den beiden Branchen, 85 Prozent der befragten Entscheider sehen in der Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft eine große Chance.

Es gibt viele Gründe für mehr Kooperation zwischen beiden Branchen: Für die Wohnungswirtschaft sind Kosten- und Wettbewerbsdruck ein wichtiger Treiber für Digitalisierung und Prozessoptimierung. Die Energiewirtschaft sucht nach einer Absicherung ihres Kerngeschäfts und aussichtsreichen neuen Geschäftsmodellen.

Über 75 Prozent der Befragten sehen die energienahen Geschäftsfelder wie Energielieferung, Energiedienstleistungen und Smart Metering im Zentrum einer Kooperation mit der Wohnungswirtschaft. Die Digitalisierung ist für mehr als 79 Prozent der Befragten der wesentliche Treiber, um Effizienz- und Wachstumspotenziale auszuschöpfen.

Die vier Leitthemen für die Zusammenarbeit der beiden Branchen sind Klimaneutralität, Elektromobilität, Smart Meter Services und Wärmewende.

Zwei Personen auf einer Baustelle
(Chapter breaker)
1

Kapitel 1

Warum Energie- und Wohnungswirtschaft zusammenwachsen

Von der Entwicklung neuer Geschäftsfelder bis hin zum Klimaschutz - zwei Sektoren mit großem Synergiepotenzial.

Die Wohnungswirtschaft ist aus mehreren Gründen von hoher Relevanz für die Energiewirtschaft:

  • Unternehmen der Wohnungswirtschaft gehören zu den großen Energiekunden – entweder direkt (z. B. für Energiedienstleistungen und Wärme) oder indirekt (z. B. Stromversorgung von Mietern).

  • Neben der reinen Energielieferung sind in den vergangenen Jahren aktuelle Themen hinzugekommen, die Energie- und Wohnungswirtschaft gemeinsam lösen sollten: Umsetzung der EU-Energieeffizienzrichtlinie, Mieterstromkonzepte, Bereitstellung von privaten Lademöglichkeiten für Mieter etc.

  • Die Energiewende im Gebäude (u. a. die „Wärmewende“ genannte Dekarbonisierung der Heizungssysteme) ist eine zentrale Herausforderung für die Wohnungswirtschaft, bei der die Energiewirtschaft einen wichtigen Beitrag leistet.

Inhaltlich gibt es drei mögliche Ebenen der Zusammenarbeit zwischen Energie- und Wohnungswirtschaft. Reifegrad und Komplexität der Zusammenarbeit reichen dabei von Connected Energy über Connected Building bis zu Connected Home. 

Entlang dieser drei Stufen sind Produkte und Dienstleistungen möglich. Sie reichen von einer einfachen Lieferbeziehung bis hin zu umfassenden Plattformengeschäftsmodellen. Wer Angebot und Nachfrage intelligent, einfach und kundenfreundlich zusammenbringt, kann seine Kunden besser binden und nachhaltig wachsen. Die Energieversorger bringen dazu beste Voraussetzungen mit: jahrzehntelange Erfahrung mit komplexen Infrastrukturthemen, regulatorischen Fragen und ein gewachsenes Kundenvertrauen im regionalen Umfeld.  

Aus Sicht der Energiewirtschaft liegen die größten Synergiepotenziale in Kooperationen und Partnerschaften mit der Wohnungswirtschaft, gleich hinter den Potenzialen im Zusammenspiel mit Telekommunikationsinfrastruktur und -dienstleistungen. 

Vier Fünftel der Befragten betrachten die Digitalisierung als wichtigsten Treiber der neuen Ökosysteme. Um ganze 14 Prozent gewachsen ist der Anteil der Energieversorger, die sich als künftigen Plattformbetreiber für dezentrale Stromerzeugung und -speicherung sehen. 84 Prozent der Unternehmen haben dieses Geschäftsfeld inzwischen im Visier.  

Die Möglichkeiten künftiger Kooperationen sind äußerst vielfältig. Welches Wachstumspotenzial an der Schnittstelle zwischen Energie- und Wohnungswirtschaft schlummert, macht die Stadtwerkestudie 2020 deutlich.

Kosten- und Wettbewerbsdruck erzwingen Digitalisierung und Prozessoptimierung

Die Wohnungswirtschaft war in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich. Der Boom am Immobilienmarkt hat wegen steigender Mieten zu steigenden Verkaufspreisen und steigenden Bewertungen der Immobilieneigentümer geführt. Das hat der Branche kräftige Gewinne beschert. Allerdings nimmt in Folge relativ geringer Neubautätigkeit die Wachstumsgeschwindigkeit ab, der Wettbewerbsdruck durch neu eintretende Marktteilnehmer rund um die Immobilie nimmt außerdem zu. Neue Wettbewerber sind unter anderem die Technologie-Giganten aus dem Silicon Valley sowie sogenannte PropTechs (Property Technology-Anbieter).

Um erfolgreich zu wirtschaften, müssen Wohnungseigentümer in den nächsten Jahren die digitale Transformation meistern. So können sie neue Geschäftsmodelle und innovative Produkte und Services entwickeln, außerdem sind so Innovationen zur wirksamen Reduktion des CO2-Ausstoßes machbar. Nicht zuletzt spielt der Übergang zu digitalisierten und automatisierten internen Verwaltungsprozessen eine wichtige Rolle bei der Steigerung der Effizienz wie der Wirtschaftlichkeit. 

Die größten Herausforderungen der Wohnungswirtschaft sind demnach:

  • CO2-Reduktion (Dekarbonisierung)
  • Digitalisierung der internen Prozesse und damit Reduktion der Verwaltungs- und Leerstandskosten
  • Identifizierung neuer Ertragsquellen durch Begleitung des Mieters mit Services außerhalb der Nettomieten unter Einsatz digitaler Technologien
  • Finanzierung notwendiger Maßnahmen

Ein Baustein zur Lösung kann die Energiewirtschaft sein. Die Wohnungswirtschaft zeigt zunehmendes Interesse an einer Zusammenarbeit, da der potenzielle Beitrag der Energieunternehmen zur Lösung der Herausforderungen mehr und mehr erkannt und anerkannt wird. Die Wohnungswirtschaft weiß: Energiewirtschaftliche Themen sind komplex, wie etwa die EEG- und KWK-Gesetzgebung oder das Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) zeigen. Kompetente Unterstützung wird demnach immer wichtiger. Es bietet sich an, Lösungen zunächst mit den großen Playern zu erarbeiten und dann bis hinunter zur Einzelperson, die eine Immobilie besitzt, zu skalieren.

Absicherung des Kerngeschäfts und Suche nach neuen Wachstumsfeldern

Die Energiewirtschaft befindet sich seit Jahren in der Transformation: Jahrzehntelang zuverlässige Ertragsbringer wie die konventionelle Erzeugung oder das Endkundengeschäft erodieren oder geraten stark unter Druck. Interne Optimierungsmaßnahmen, zum Beispiel Prozessverbesserungen, Einsatz neuer IT und agilere Organisationsmodelle, sollen dabei helfen, den wirtschaftlichen Erfolg abzusichern.

Neben strukturellen Anpassungsmaßnahmen und einer Optimierung der Kostenstruktur erschließt die Branche seit Jahren neue Geschäftsfelder. Viele der neuen Geschäftsfelder haben zwar weiterhin langfristig attraktive Renditeaussichten, bleiben aber aktuell noch weit unter den Erwartungen der Stadtwerke. Vor diesem Hintergrund wenden sich viele Energieversorger deutlich intensiver als zuvor der Wohnungswirtschaft zu, denn hier bieten sich interessante Synergien und Wachstumspotenziale.

Die Wohnungswirtschaft war mit ihren großen Wohnungsbeständen und der damit verbundenen Nachfrage nach Strom und Wärme immer schon eine gewichtige Kundengruppe. Der Trend zu dezentralen und klimafreundlichen Energielösungen erhöht dabei stetig die Bedeutung von Energiethemen für die Wohnungswirtschaft. Hieraus ergeben sich für die Energiewirtschaft mannigfaltige Chancen, einen stabilen Zugangskanal zu den Mietern zu erhalten, die eine wichtige Zielgruppe für die Belieferung von Strom und weitere Dienstleistungen (B2C) sind. So wird der Umsatzanteil, den das Geschäft mit der Wohnungswirtschaft ausmacht, in den nächsten fünf Jahren deutlich wachsen. 

Smart Meter-Einführung und Elektromobilität geben Impulse

Anfang 2020 ist der Startschuss für die Einführung intelligenter Messsysteme – sogenannter Smart Meter – gefallen. Dieser Meilenstein betrifft neben der Energiewirtschaft auch unmittelbar die Wohnungswirtschaft, da die Smart Meter-Installation direkt in den Liegenschaften erfolgt. Mittelfristig werden die Smart Meter als Datendrehscheibe zu zahlreichen neuen Anwendungen, Produkten und Geschäftsmodellen führen, die auch gemeinsam zwischen Energie- und Wohnungswirtschaft entwickelt werden können. Für 81 Prozent der befragten Energieversorger ist Smart Metering zurzeit die relevanteste Technologie der digitalen Transformation.

Mit der zunehmenden Digitalisierung von Immobilien kommt auch der Cybersecurity eine wachsende Bedeutung zu. So können Wohnungs- und Energiewirtschaft gemeinsam daran arbeiten, die IT-Sicherheit rund um Connected Building und Connected Home weiter zu verbessern.

Um die Maßnahmen der Bundesregierung zur Beschleunigung der Entwicklung der Elektromobilität zu unterstützen, kann die Wohnungswirtschaft mit der Installation von Ladeinfrastruktur in Mehrfamilienhäusern (und auch Gewerbeobjekten) einen großen Beitrag leisten und ebenso beim Vorstoß des Wohnungseigentumsgesetzes Position beziehen. So ist bei Umbauten am Gemeinschaftseigentum bisher die Zustimmung aller Miteigentümer vorgesehen. Die Elektromobilität betrifft also Energie- und Wohnungswirtschaft gleichermaßen – damit bietet sich auch hier eine Kooperation zum beiderseitigen Nutzen an.

Wohnungswirtschaft steht hoch im Kurs

Für rund drei Viertel der Befragten ist die Wohnungswirtschaft bereits eine relevante Kundengruppe, über die Hälfte der Stadtwerke arbeitet bereits sehr aktiv mit der Wohnungswirtschaft zusammen.

Die Relevanz der Wohnungswirtschaft als Zielgruppe wird aus Sicht der Energiewirtschaft in den kommenden fünf Jahren deutlich steigen (hier ausgedrückt in Prozent des Gesamtumsatzes der Energiewirtschaft mit dieser Kundengruppe).

Relevanz der Wohnungswirtschaft

Der Wohnungswirtschaft wird aus Sicht der befragten Energieunternehmen ein steigendes Umsatzpotential beigemessen. Der Anteil der Energieunternehmen, die zwischen 5 und 50 Prozent ihres Gesamtumsatzes mit der Wohnungswirtschaft generieren, steigt demnach von 43 aktuell auf 55 Prozent in fünf Jahren.

Die deutliche Mehrheit der Energieversorger sieht die Zusammenarbeit als Chance:

Wohnungswirtschaft als Chance oder Risiko

Die Zusammenarbeit zwischen Energie- und Wohnungswirtschaft steht demnach unter positiven Vorzeichen. Doch wie sieht die Zusammenarbeit in der Praxis aus? Welche Kooperationsfelder gibt es und worauf kommt es an?

Mann vor Haus im Garten
(Chapter breaker)
2

Kapitel 2

Aussichtsreich: energienahe Dienstleistungen und Digitalisierung

Um künftige Kooperationen umzusetzen, braucht die digitale Transformation noch einen Schub.

Die Energiewirtschaft bietet zahlreiche Geschäftsmodelle, Produkte und Services, die für die Wohnungswirtschaft relevant sind.

Die Befragung zeigt, dass Energieversorger das größte Potenzial in energienahen Geschäftsfeldern sehen. So haben Energielieferung, Energiedienstleistungen und digitales Messwesen die höchste Bedeutung. Danach folgen Elektromobilität, Smart Cities und digitale Services. Gebäudesteuerung/Sicherheit und Vernetzung/Entertainment/Daten werden überwiegend als weniger relevant eingeschätzt.

Die Studie zeigt, dass die Energieversorger ihr Kerngeschäft als wichtigstes Kooperationsfeld für die Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft sehen. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass mit Blick auf die Verwaltung oder das Endkundengeschäft für die Energie- und Wohnungswirtschaft bei der Digitalisierung von Prozessen und Schnittstellen noch deutliches Steigerungspotenzial besteht. Genau das bietet jedoch Chancen in den Bereichen der digitalen Transformation, die es in der Auswertung nicht auf die vorderen Plätze geschafft haben. Einige dieser Chancen sind angesichts der ambitionierten Klimaziele 2050 inzwischen längst notwendig geworden. Sie sind nicht nur für die beiden betrachteten Sektoren wichtig. Sie öffnen auch ein Einfallstor für in den Markt eintretende Protagonisten: Technologie-Giganten und PropTechs entfalten bereits entsprechende Aktivitäten.

Digitalisierung: Taktgeber des Wandels

Die Digitalisierung hat sich zum wichtigsten Instrument für die Gestaltung interner Prozesse (Automatisierung von Prozessen) und als Katalysator für neue Geschäftsmodelle entwickelt, um Kostensenkungs- und Wachstumspotenziale auszuschöpfen

Damit einher gehen die Suche nach qualifiziertem Personal und die Weiterbildung der Mitarbeiter in Zeiten des Umbruchs. Die COVID-19-Pandemie zeigt und bestärkt die Notwendigkeit, Organisationen agiler aufzubauen und Prozesse weiter zu automatisieren. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Optimierung der internen Prozesse weiterhin hohe Priorität genießt. Vor allem soll die Digitalisierung helfen, zukünftig flexibler auf Veränderungen zu reagieren. 

Die Ergebnisse in den Tiefeninterviews zeigen, dass digitale Basistechnologien die Grundlage für neue Geschäftsfelder bilden. Dieser Aspekt der Digitalisierung gewinnt bei den Entscheidern an Bedeutung – die Analysen zeigen, dass Digitalisierung als unternehmerische Aufgabe zunehmend in die Gesamtstrategie eines Energieversorgers oder Stadtwerkeunternehmens eingebettet wird: 79 Prozent der Entscheider messen dem eine sehr hohe Bedeutung zu.

Technologien wie Smart Meter, Internet of Things (IoT), Machine Learning und Blockchain sind keine abgeschotteten und eigenständigen Technologiefelder, sondern eröffnen neue Potenziale und Möglichkeiten, vor allem in der Kombination untereinander und mit neuen Innovationen in der Energiebranche.

Mit der Digitalisierung nehmen aber auch die Risiken zu: Cybersecurity ist nach der Digitalisierung das dominante Thema für mehr als 78 Prozent der Entscheider. Mit der zunehmenden Vernetzung in allen Lebensbereichen steigen die Risiken durch Cyber-Angriffe. Immer wieder kommt es bereits heute zu Angriffen aus dem Netz. Durch die Arbeit im Homeoffice sind die Risiken noch gestiegen, da viel öfter von außen auf sensible Unternehmensdaten zugegriffen werden muss.

EY Stadtwerkstudie 2020 - Telekommunikation Infrastruktur und Dienste

Energielieferung: Angebote an die Wohnungswirtschaft

Dreiviertel der Befragten, die Energielieferung als wichtiges Kooperationsfeld sehen, bieten individualisierte Angebote für die Wohnungswirtschaft. Dazu zählen insbesondere spezielle Stromtarife, Vermarktungskooperationen oder Dienstleistungen für leerstehende Wohneinheiten. Hinzu kommen weitere Dienstleistungen etwa im Bereich Contracting oder Elektromobilität (z.B. Ladesäulen).

Überraschend ist die gering eingeschätzte Relevanz des Submetering. Angesichts des Roll-outs der Smart Meter in den nächsten Jahren und den Möglichkeiten der Mehrspartenmessung (etwa Strom, Gas, Wärme kombiniert) entsteht hier ein neues Geschäftsfeld, das Energieversorger auch im Zusammenspiel mit der Wohnungswirtschaft nutzen können.

Energiedienstleistungen: ein vielversprechender Zukunftsmarkt

Wie steht es um die verschiedenen Angebote innerhalb des Felds „Energiedienstleistungen“? Die Direktvermarktung und Mieterstrommodelle oder auch Quartierskonzepte bieten rund 40 Prozent der Befragten bereits an. Hervorzuheben ist, dass insbesondere Mieterstrommodelle und Quartierskonzepte in den nächsten Jahren stark ausgebaut werden sollen. Quartierskonzepte gehören zu den interessantesten Kooperationsmöglichkeiten zwischen Energie- und Wohnungswirtschaft. Innovative Quartierskonzepte verfolgen das Ziel, bestmöglich auf die Bedürfnisse der Nutzer einzugehen (Komfort, digitale und persönliche Services, Image) und zugleich neueste Technologien zu nutzen (z. B. moderne, klimafreundliche Energietechnik, Elektromobilität). Energieversorger, die durch eine aktive Marktbearbeitung frühzeitig Zugang zu Projektentwicklungen erhalten, sind in einer guten Situation, an derartigen Projekten beteiligt zu werden.

Energieautarkielösungen für den gewerblichen oder privaten Bereich werden zwar von einigen Stadtwerken angeboten, die Wachstumsperspektiven werden jedoch als moderat eingeschätzt. Eine sehr geringe aktuelle und zukünftige Bedeutung messen die Befragten den sogenannten „Prosumer Communities“ zu, also Gemeinschaften aus selbst Strom produzierenden Konsumenten. Das liegt vor allem an der noch restriktiven Regulierung. Zudem ist aus heutiger Sicht die Zielgruppe der interessierten Kunden begrenzt.

Als wesentliche Motivation für den Ausbau von Energiedienstleistungen sehen die Befragten insbesondere die Bedeutung als Zukunftsmarkt und die Möglichkeit, klima- und umweltfreundliche Angebote zu fördern.

Smart Metering: Der Zug kommt ins Rollen

Der Smart Meter Rollout kommt seit der Zertifizierung der notwendigen Anzahl an Smart Meter Gateways Anfang 2020 langsam in Gang. Die Befragung zeigt, dass der Ausbau der Angebote im Messwesen bei den Energieversorgern bereits beginnt und dass insbesondere in den nächsten Jahren deutliche Fortschritte zu erwarten sind.

Die kombinierte Energielieferung und Ablesung sowie Verbrauchsvisualisierung und Energiemanagement werden als wichtigste Anwendungsfelder genannt. Sobald die Smart-Meter-Infrastruktur ausgerollt ist und die nächste Generation der Smart Meter Gateways über mehr Funktionalität verfügt, lassen sich spannende neue Angebote auf den Markt bringen: Abrechnung der tatsächlichen Verbräuche zum Monatsende ohne Abschlagszahlungen, zeitvariable Tarife, kombinierte Tarife für Strom, Speichernutzung, Elektromobilität sowie Anomalieerkennung (Seniorenbetreuung, leerstehende Wohneinheiten) und viele mehr.

Die Geschäftsmodelle beziehungsweise Dienstleistungen rund um Smart Metering haben ein hohes Zukunftspotenzial: rund 30 Prozent der Befragten sind hier bereits aktiv, weitere 30 bis 38 Prozent planen in den nächsten ein bis zwei Jahren deutlich aktiver zu werden.

Doch auch hier stehen die energienahen Anwendungen im Fokus, zusätzliche Mehrwertdienste oder Datenvermarktung an Dritte sind derzeit nicht oben auf der Agenda der Energieversorger.

Elektromobilität: ein wichtiger Baustein für die klimaneutrale Stadt

Der Ausbau lokaler emissionsfreier Mobilität rangiert weit oben auf der Agenda vieler Kommunen. Weit über die Hälfte der Befragten sind in diesem Feld laut EY & BDEW Stadtwerkestudie 2020 bereits tätig: Je nach Dienstleistung haben 60 bis 80 Prozent der Befragten bereits Angebote am Markt. Der Schwerpunkt für die meisten Befragten liegt bei der Errichtung von Ladeinfrastruktur sowie der Vermarktung und Abrechnung von Ladestrom. In ein bis zwei Jahren wollen mindestens drei Viertel aller Befragten in diesen Bereichen aktiv sein.

Die Stadtwerke, meist mit enger Verbindung zur Kommune, haben bereits in den vergangenen Jahren den Auftrag übernommen, die öffentliche Ladeinfrastruktur auszubauen. 79 Prozent der Befragten betreiben Ladesäulen, in der Praxis ist die Anzahl noch sehr gering. Mit den ersten Ladesäulen sammeln die Versorger aber wichtige Erfahrung und Daten für den weiteren Ausbau, das Betreiben der Ladesäulen und die Implementierung neuer Geschäftsmodelle, die über das Laden hinausgehen.

Andere Dienstleistungen rund um die Elektromobilität (z.B. digitale Mobilitätsplattformen, Flottenmanagement) werden derzeit noch deutlich seltener angeboten, längerfristig wird in diesem Bereich jedoch deutliches Wachstum erwartet. Hier stehen die Energieversorger in starkem Wettbewerb zu Automobilindustrie und privaten Dienstleistern. 

Smart City: viele Hemmnisse

Der Entwicklungsstand der Smart-City-Aktivitäten befindet sich noch in einem sehr frühen Stadium. Insbesondere praktische Anwendungen wie Smart Lighting, Smart Parking oder digitale Plattformen sollen ausgebaut werden. Der aktuelle Umsetzungsstand ist bei den befragten Unternehmen jedoch noch sehr gering. Viele Energieversorger arbeiten an Produktentwicklungen und Pilotprojekten. Rund ein Drittel der befragten Unternehmen plant in diesem Bereich in den nächsten Jahren mehr Aktivitäten. Die Ambitionen zum Ausbau dieses Geschäftsfelds sind allerdings deutlich geringer als in den oben genannten Geschäftsfeldern.

Städte haben in der heutigen Welt eine zentrale Bedeutung für Wirtschaft, Infrastruktur und Administration– und ihre Bedeutung wird weiter wachsen. Den Städten kommt eine enorme Bedeutung bei der Lösung der anstehenden globalen Herausforderungen zu. Entscheidend auf dem Weg zur Smart City wird es sein, wie gut Kommunalpolitik und -verwaltung mit der Privatwirtschaft und den Bürgern zusammenarbeiten, um Themen wie Energie, Wohnraum, Umwelt, Mobilität und Gesundheitswesen mithilfe von digitalen Technologien, Infrastrukturen und Netzen voranzubringen. Überlegungen zu Finanzierungsmodellen und zur Fähigkeit der Generierung, Auswertung und Monetarisierung von Daten kommt eine entscheidende Bedeutung zu. 

Die Anzahl möglicher Hemmnisse ist groß:

  • Kommunale Budgets sind in der Regel sehr limitiert. Die Investitionserfordernisse sind jedoch hoch, daher wird das Thema Finanzierung ganz oben auf der Agenda stehen. Durch die Corona-Krise sind Gewerbesteuereinnahmen weggebrochen. Das wird dazu führen, dass neue Geschäftsmodelle für kommunale Betriebe wichtiger werden.
  • Neue Technologien sind wichtig, bedeuten aber immer auch ein Risiko. Risikominimierung wird daher eine zentrale Herausforderung sein. Außerdem sind Konzepte für Widerstandsfähigkeit und Datensicherheit notwendig. 
  • Die Bundesregierung hat Klimaneutralität als Ziel festgelegt. Je früher Städte das Problem angehen und lösen, desto besser.

  • Mit zunehmender Verdichtung in den städtischen Ballungsräumen wird der intelligente Umgang mit Verkehrsströmen und Flächen an Bedeutung gewinnen. Durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Anforderungen an Abstände und Hygiene wird dieser Trend bestärkt. Digitale Angebote sind hier eine wichtige Unterstützung, ein Beispiel sind Mobilitäts-Apps, welche die Auslastung in Bussen und Bahnen anzeigen.

  • Gerade in Zeiten des Klimawandels sind auch Naturkatastrophen ein Thema, auf das sich Städte einstellen sollten. Klimaanpassungsmaßnahmen können digital unterstützt werden.

Smart-City-Konzepte sind eine mögliche Antwort auf die anstehende Transformation der Städte. Energieunternehmen kann und wird eine zentrale Bedeutung zukommen, sowohl bei der Finanzierung als auch in der Umsetzung. 

  • Exkurs: Der Funkstandard LoRaWan hilft bei der Datenauslese

    Der offene Funkstandard LoRaWAN (long range wide area network) gilt als wichtige Schlüsseltechnologie für die Digitalisierung von Infrastruktur, Gebäuden und im industriellen Umfeld. Er ermöglicht eine Datenübertragung über weite Distanzen (mehr als zehn Kilometer unter idealen Bedingungen) und eine gute Durchdringung in Gebäuden oder unterirdisch, etwa im Kanalnetz.

    Die Bandbreite der Übertragung ist zwar deutlich geringer als bei Mobilfunk oder WLAN (bis ca. 50 Kbit/s), dafür ist der Energieverbrauch der Sender deutlich niedriger. Das macht einen Batteriebetrieb über längere Zeiträume möglich (ein Vorteil bei Sendern an schwer zugänglichen Stellen in der Immobilie oder im Unternehmen).

  • Wie Energieversorger LoRaWAN-Netze nutzen

    Viele Energieversorger bauen derzeit LoRaWAN-Netze auf und erproben die Technologie.

    Die Fernauslesung von Energieverbräuchen gilt als wichtigstes Anwendungsfeld. Für die Ablesung von Stromzählern ist die Technologie derzeit nicht freigegeben, aber andere Energieverbräuche wie Gas, Wasser oder der Wasser- und Wärmeverbrauch in Wohneinheiten sind über die Technologie abrufbar (Submetering).

    Die zweitwichtigste Anwendung ist die Erfassung von Umwelt- und Wetterdaten. Sie können im Zusammenspiel mit Wetterdiensten vermarktet oder selbst für Prognosen verwendet werden.

    Drittwichtigste Anwendung ist die Übermittlung von Füllstands- und Zustandsdaten. Hier sind bereits viele Anwendungen in Erprobung, beispielsweise die Füllgraderfassung bei Müllcontainern („Smart Waste“), die Meldung von Einbruchsversuchen an Verteilerkästen oder die Übermittlung von Feuchtigkeitsdaten bei Trafostationen.

    Die Ortungsfunktion bei LoRaWAN ist weniger leistungsstark als die von GPS, daher wird ihre Relevanz in der Studie zu Recht als vergleichsweise gering eingestuft.

    LoRaWAN hat zahlreiche Vorteile und wird – sofern nicht eine weiterentwickelte Technologie auf den Markt kommt – in den nächsten Jahren deutlich intensiver genutzt werden. Dieser kostengünstige und zuverlässige Kommunikationskanal kann den Energieversorgern deutlich bei der Digitalisierung ihrer Abläufe helfen.

Familie nutzt Technology zuhause
(Chapter breaker)
3

Kapitel 3

Wie die Kooperation zwischen Energie- und Wohnungswirtschaft gelingt

Energieversorger agieren künftig nicht mehr nur als Lieferanten, sondern als Service-Partner.

Die EY & BDEW Stadtwerkestudie 2020 zeigt, dass die Energieversorger die Digitalisierung als strategisches Instrument nutzen, um den Wandel zu gestalten und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Die Studie zeigt auch, dass Stadtwerke ein Engagement in Geschäftsfeldern nahe ihres Kerngeschäfts bevorzugen: Dezentrale Stromerzeugung, Smart Metering und Elektromobilität belegen hier vordere Ränge. Aber auch über das angestammte Kerngeschäft hinausgehende Aktivitäten wie Telekommunikations-Dienstleistungen, Smart Home und Smart-City-Angebote gewinnen an Bedeutung.

In der Annäherung an andere Sektoren sehen die Entscheider eine große Chance, neue Wertschöpfungspotenziale zu erschließen. Als Plattformbetreiber können sich Energieversorger zum Dienstleister und Lösungspartner für Unternehmen, Städte, Kommunen und die Verbraucher entwickeln. 

Unternehmen mit traditionellen Geschäftsmodellen wachsen durch die Verbesserung ihrer linearen Wertschöpfung. Plattformbetriebene Geschäftsmodelle hingegen ermöglichen ein exponentielles Wachstum. Sie erleichtern zum einen den Zugang für die Partner. Zum anderen machen sie Innovation möglich, da sie Netzwerkeffekte mehrerer Parteien nutzen. Dies ermöglicht neue Märkte und die Disruption traditioneller linearer Wertschöpfung durch Aufbrechen alter Industrie-Silos.

Es entstehen

  1. neue Verbindungen von Kundengruppen,
  2. neue attraktive Märkte,
  3. neue Wettbewerbsvorteile durch bessere Markterschließung und innovative Ressourcenallokation sowie
  4. neue Einnahmequellen.

Wenn Energieversorger auf diesem Weg zum Service-Partner für Unternehmen, Kommunen und Verbraucher werden, rücken Schwerpunkte in den Fokus. Für die Zusammenarbeit beider Branchen wurden in der Studie deshalb vier Leitthemen definiert. Sie zeigen, wie Energieversorger Plattformgeschäftsmodelle in Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft entwickeln können:

Fazit

Die EY & BDEW Stadtwerkestudie 2020 zeigt das hohe Synergiepotenzial zwischen Energie- und Wohnungswirtschaft, das noch lange nicht ausgeschöpft ist. Zentrale Erkenntnis: Beide Seiten sollten sich stärker digital transformieren, um effizienter zu werden und Kunden bessere Angebote machen zu können. Nur so können auch die klimapolitischen Ziele beider Branchen erreicht werden.

Über diesen Artikel

Autoren

Metin Fidan

Energy & Resources Sector Lead | Deutschland, Schweiz & Österreich

Sieht in der Digitalisierung, in der Dezentralisierung und in der Konvergenz vor allem Chancen für die Energiewirtschaft. Wandel ist für ihn kein Problem, sondern eine Gestaltungsaufgabe.

Mathias Timm

Verantwortet beim BDEW die gemeinsame Stadtwerkestudie von BDEW und EY

Leiter der KMU-Vertretung, BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V.