9 Minuten Lesezeit 1 März 2021
Luftansicht von zahlreichen LKWs, die an der Grenze zu Großbrittanien am Hafen warten

Brexit: Warum eine erste Bilanz großen Handlungsbedarf offenbart

Von Tax & Law Magazine

Das Kundenmagazin von EY Deutschland zu aktuellen Steuer- und Rechtsthemen.

Co-Autoren
9 Minuten Lesezeit 1 März 2021

Die ersten Wochen des Freihandelsabkommens zeigen: Unternehmen müssen sich nun auf Mehraufwand einstellen und vieles neu bedenken.

Überblick
  • Der nun vollzogene Brexit stellt die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU auf eine harte Probe.
  • Das Vereinigte Königreich ist seit Beginn dieses Jahres nicht mehr Mitglied der EU und somit als Drittland zu behandeln – das betrifft auch Zollformalitäten.
  • Der Drittlandstatus erfordert u.a. Anpassungen von Lieferketten oder Verträgen, um Zoll-, Steuer- und Exportkontrollabwicklung gerecht zu werden.

Fast wollte keiner mehr daran glauben, als sich die Emissäre aus Brüssel und London an Heiligabend 2020 – eine Woche vor dem endgültigen und vollständigen Austritt Großbritanniens aus der EU – doch noch auf ein Handels- und Kooperationsabkommen verständigten. Die Erleichterung war zunächst groß. Viele glaubten sogar an ein „business as usual“. Welch ein Irrtum! Mittlerweile häufen sich Meldungen über Lieferstopps, leere Regale und gnadenlose Zollformalitäten. Abgesehen von einigen innovativen Klauseln sowie Governance-Strukturen und Mechanismen zur Konfliktlösung handelt es sich bei dem geschlossenen Deal eben (nur) um ein klassisches Freihandelsabkommen. Folglich sind auch alle üblichen Formalia bei der Zollabwicklung wie auch die veterinär- und phytosanitärrechtlichen Bestimmungen anzuwenden. Ein Freihandelsabkommen, das ist die blanke Botschaft, kann keinesfalls den in vielen Jahren entwickelten EU-Binnenmarkt ersetzen. Möglicherweise liegt ein weit verbreitetes Missverständnis über die Konsequenzen des Brexits darin begründet, dass „Freihandel“ und „Zollfreiheit“ durch ein Abkommen gerade keinen gänzlich freien Handel mehr bedeuten, sondern eine Partnerschaft mit kompliziertem Regelwerk und allen Begleiterscheinungen, die mit einer Drittlandsgrenze einhergehen.

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Voraussehbare Zollbürokratie

Dass Großbritannien aus dem europäischen Binnenmarkt ausscheidet und damit die Regelungen für die zollrechtliche Ausfuhr- und Einfuhrabwicklung für Warenverkehr kommen, war eigentlich klar. Jedes in der EU bzw. im Vereinigten Königreich ansässige Unternehmen, das in der Vergangenheit bereits mit Drittländern wie der Schweiz, USA und China zu tun hatte, konnte hieraus vom Grundsatz her ableiten, wie Prozesse zur Zolldeklaration, Zollbewilligungen, Registrierungen, Produktkennzeichnungsanforderungen, Verträge, Prozesse und IT-Systeme für Geschäfte mit Drittlandslieferanten und -kunden anzupassen sind. Von unerwartet überbordender Zollbürokratie oder gar -schikane kann bei den nun geltenden Regelungen keine Rede sein. Mit Präferenzursprungsregeln, die für die Briten überwiegend deutlich vorteilhafter sind als die Konditionen, die die EU jemals einem anderen Handelspartner zugestanden hat, ist Großbritannien sogar gegenüber vielen langjährigen EU-Partnern wie der Schweiz und Norwegen begünstigt. Allerdings gelten die Präferenzregelungen und damit die Zollfreiheit ausschließlich für EU- bzw. UK-Ursprungswaren, was die Handelsbeziehungen angesichts globaler Verflechtungen wiederum komplizierter macht.

  • Nachteile für Expats

    Dauer einer Entsendung oder einer Dienstreise von bis zu 24 Monaten das Sozialversicherungsrecht des Heimatlandes weiterhin Anwendung findet. Es besteht jedoch keine Möglichkeit, diesen Zeitraum zu verlängern. Vor allem in das Vereinigte Königreich entsandte Arbeitnehmer können nun nicht mehr im Sozialversicherungssystem ihres Heimatlandes verbleiben, sondern müssen direkt in das britische Sozialversicherungssystem wechseln. Um das zu vermeiden, könnte es verstärkt andere Formen der grenzüberschreitenden Tätigkeit geben. Eine Möglichkeit wäre eine regelmäßige Tätigkeit in mehreren EU-Mitgliedstaaten und dem Vereinigten Königreich, also z. B. ein Pendeln zwischen einer Tätigkeit in Deutschland und dem Vereinigten Königreich. Das Handels- und Kooperationsabkommen sieht weitere sozialversicherungsrechtliche Einschränkungen insbesondere für Arbeitnehmer vor. Beispielsweise ist ein Kindergeldanspruch bei nach UK entsandten Arbeitnehmern durch das neue Abkommen nicht mehr abgedeckt und dürfte ab Beginn einer Entsendung oftmals – vor allem bei Wohnsitzaufgabe in Deutschland – entfallen.

    Das neue Abkommen gilt nicht zwangsläufig für alle ab 1. Januar 2021 stattfindenden Entsendungen, Dienstreisen oder anderen Formen der grenzüberschreitenden Tätigkeiten ins oder aus dem Vereinigten Königreich. Vielmehr müssen Arbeitgeber schauen, ob möglicherweise doch noch die Regelungen des Austrittsabkommens und damit die günstigeren Regelungen aus der EG-Verordnung greifen oder wie etwa zwischen dem UK und der Schweiz eine andere bilaterale Grundlage besteht, die die Sozialversicherungspflicht regelt.

Mangelnde Vorbereitung mündet im Chaos …

Weil viele Unternehmen (und Behörden) die Auswirkungen des Brexits unterschätzt haben, kommt es derzeit zu Verzögerungen und Zurückweisungen von Transportern und Warensendungen an den EU-Außengrenzen. Hauptursache ist, dass die erforderlichen Informationen und Unterlagen für die Verzollung teilweise falsch sind bzw. nicht oder nicht vollständig vorliegen. Bei einigen Logistikdienstleistern brechen deshalb die Transportnetzwerke zusammen und die Lager laufen über, sodass temporär Warenlieferungen ausgesetzt oder nur noch ausgewählte Kunden bedient werden. Außerdem fehlt es an Zolldeklaranten, um das gestiegene Volumen an Aus- und Einfuhrerklärungen zu bewältigen. Durch die hohe Nachfrage finden Unternehmen teilweise keine Zollagenten und sehen sich mit erheblich gestiegenen Dienstleisterkosten konfrontiert – obwohl das Frachtvolumen in den ersten Wochen des neuen Jahres nur einen Bruchteil des regulären Warenverkehrsaufkommens umfasst hat.

… gute Vorbereitung leider auch

Auf der anderen Seite steht eine Gruppe von Unternehmen, die sich seit Monaten und Jahren umsichtig auf den Brexit vorbereitet, ihre Außenhandelserfahrungen mit Ein- und Ausfuhrprozessen, internationalen Lieferketten und vertraglichen Anforderungen bei Geschäften mit Lieferanten und Kunden in Drittländern auf den Warenverkehr über den Kanal übertragen und ihre Prozesse entsprechend angepasst haben. Natürlich sind aufgrund der erst kurz vor Inkrafttreten veröffentlichten Regelungen im Handelsabkommen weitere Prozessanpassungen erforderlich. Außerdem fanddas Abkommen bis zum 28. Februar 2021 zunächst nur vorläufige Anwendung, weil keine Ratifizierung durch das Europäische Parlament und den Rat mehr möglich war. Viele dieser gut vorbereiteten Unternehmen können nun in den ersten Wochen nach dem Brexit ohne nennenswerte Probleme ihren Warenverkehr zwischen der EU und Großbritannien bzw. Nordirland abwickeln. Probleme tauchen dennoch auf. Zum Beispiel dort, wo mehrere Versender ihre Güter auf demselben Lkw befördern, aber einige Sendungen anderer Exporteure oder Importeure nicht abgefertigt werden können, weil Informationen und Unterlagen fehlen oder falsch sind. Oder weil geladene Sendungen nicht ohne Weiteres verkehrsfähig sind, da z. B. Holzpaletten und Behälter nicht dem phytosanitären ISPM-15-Standard für Holzverpackungen entsprechen und deshalb entladen werden müssen. Oder auf einem Lkw sind besonders kontrollpflichtige Waren geladen, die nur an einer ganz bestimmten Zollstelle abgefertigt werden dürfen, was nun in der Übergangsphase hin und wieder erst bei Vorführung der Sendungen einer nicht zuständigen Zollstation auffällt. In diesen Fällen sind einwandfrei abgewickelte Sendungen mitbetroffen, weshalb auch bei bester Vorbereitung unverschuldet Verzögerungen in der Lieferkette eintreten können.

  • Was sich im Umsatzsteuerrecht ändert

    Lieferungen von und nach Großbritannien waren bisher als innergemeinschaftliche Warenlieferungen steuerfrei und konnten im Zielland als Cashflow-neutraler Erwerb abgewickelt werden. Durch den Brexit fällt bei Lieferungen aus Großbritannien nunmehr grundsätzlich Einfuhrumsatzsteuer an, die Umsatzsteuer-Cashflow erfordert. Umgekehrt bleiben die Ausfuhren nach Großbritannien oftmals steuerfrei, hierfür sind jedoch andere Voraussetzungen und Nachweispflichten maßgeblich.

    Wie auch im Zollrecht nimmt Nordirland eine besondere Rolle ein. Für umsatzsteuerliche Zwecke im Warenverkehr gilt Nordirland weiterhin als EU-Gemeinschaftsgebiet. Im Dienstleistungsverkehr hingegen gilt es wie der Rest des Vereinigten Königreichs als Drittland.

    Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Mit dem Wechsel zum Drittlandsstatus ändert sich darüber hinaus in manchen Fällen der Ort der Besteuerung für bestimmte Dienstleistungen, EU-weite Vereinfachungsregeln wie die für innergemeinschaftliche Dreiecksgeschäfte sind passé. Positiv ist allerdings, dass bestimmte umsatzsteuerfreie Leistungen, die innerhalb der EU vorsteuerabzugsschädlich sind, nunmehr unter Umständen doch den Vorsteuerabzug ermöglichen; diese Regelungen haben wir z. B. bei bestimmten Finanzdienstleistungen.

    Unternehmen müssen sich die einzelnen Leistungsbeziehungen ansehen und ggf. Änderungen in den ERP-Systemen, in den anderen Steuersystemen oder auch für die Steuererklärung umsetzen. Dabei sind selbstverständlich auch die neu anwendbaren Regelungen im Vereinigten Königreich zu berücksichtigen.

Umwälzungen im Online-Handel

Besonders spürbar ist das Ausscheiden von Großbritannien aus dem EU-Binnenmarkt für E-Commerce-Unternehmen, die nunmehr grenzüberschreitend liefern wollen. Kunden mit dem gewohnten Service einer verzollten und versteuerten Inlandslieferung bedienen zu können wird zur Herausforderung. Durch Zollformalien, Einfuhrabgaben und Prozesskosten funktioniert das Geschäftsmodell vieler Online-Händler nicht mehr. Es bedarf grundlegender Anpassungen von Lieferketten, Lagerhaltung, Logistik- und Zollprozessen sowie ggf. Vertriebskonditionen, um das Geschäft erfolgreich fortführen zu können.

Ein typisches Beispiel

Folgende Fallgestaltung ist exemplarisch: Ein britischer Modehändler vertreibt Textilien und Schuhe, die er bislang aus Asien bezog, in Großbritannien verzollte, bei einem Drittdienstleister einlagerte und via Online-Shop an Kunden in ganz Europa verkaufte, wonach der Lagerdienstleister mittels Systemschnittstelle informiert und die Ware schließlich direkt von diesem gepackt und an die Endkunden versandt wurde. Die Interaktion mit dem Kunden, die Abrechnung, die umsatzsteuerliche Abwicklung und – hoffentlich – der korrekte Beitrag zu den unterschiedlichen Verpackungsabgaben und Recycling-Systemen in den EU-Mitgliedstaaten wurden vom Verkäufer übernommen. Im EU-Binnenmarkt war das einfach. Durch die neue Zollgrenze sind nun eine Ausfuhranmeldung in Großbritannien und korrespondierend eine Einfuhranmeldung in der EU erforderlich. Jeder Sendung müssen die Handelsrechnung bzw. eine Zollrechnung beigelegt oder die Daten über Systemschnittstellen an die Dienstleister geschickt werden.

Zoll und Einfuhrumsatzsteuer

Der Online-Handel ist typischerweise ein margenschwaches Geschäft mit hohem Wettbewerbsdruck. Anfallende Kosten für (Zoll-)Dienstleistungen übersteigen schnell die schmalen Gewinnmargen und führen allein aufgrund der Prozess- und Dienstleisterkosten zur Verteuerung der Sendung. Da ist noch gar nicht eingerechnet, dass bei der Einfuhr in die EU zusätzliche Zollabgaben anfallen, bei Textilien oftmals 10 Prozent – zumindest wenn die Freigrenze von 150 Euro überschritten ist. Bei der Einfuhrumsatzsteuer gilt noch eine Freigrenze von 22 Euro pro Sendung, die ab Juli 2021 ohnehin auf „Null“ reduziert wird; jede Lieferung aus Drittländern ist dann einfuhrumsatzsteuerpflichtig. Aber selbst wenn bei der zollrechtlichen Einfuhr die 22-Euro-Freigrenze noch greift, handelt es sich umsatzsteuerlich oft um eine lokal steuerpflichtige Transaktion.

  • Datenschutz & Datenflüsse

    Das Vereinigte Königreich gilt seit Beginn des Jahres als Drittland im Sinne der EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Das Brexit-Abkommen sieht noch eine viermonatige Karenzzeit vor, bevor die datenschutzrechtlichen Drittlandseinschränkungen voll greifen. Zwar soll zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich ein angemessenes Schutzniveau angestrebt werden, auf einen rechtzeitigen Abschluss eines entsprechenden Angemessenheitsbeschlusses der EU-Kommission sollte man sich jedoch nicht verlassen. Datenexportierende Unternehmen (etwa durch Nutzung britischer IT-Dienstleister) sollten alternative Maßnahmen als sogenannte geeignete Garantien treffen, um Datenübermittlungen in das Vereinigte Königreich als Drittland datenschutzkonform abzusichern; hierzu zählen der Abschluss von Standardvertragsklauseln oder Corporate Binding Rules (für unternehmensinterne Datentransfers), wobei Letztere mit erhöhtem Implementierungsaufwand verbunden sind. Neben einer datenschutzrechtlichen Absicherung der Datenflüsse müssen Unternehmen auch für eine Reihe von Compliance-Maßnahmen nach dem Brexit sorgen:

    • Anpassung der relevanten, dokumentierten Verarbeitungstätigkeiten im Verfahrensverzeichnis (Dokumentation und Darstellung des UK als Drittland)
    • erweiterte Aufklärungspflichten mittels Datenschutzerklärungen zu Verarbeitungsvorgängen im UK gegenüber Betroffenen
    • Überprüfung und Anpassung datenschutzvertraglicher Vereinbarungen zwischen EU-Datenexporteuren und UK-Datenimporteuren
    • Prüfung von Standardvertragsklauseln zur Gewährleistung eines angemessenen Schutzniveaus im datenimportierenden Drittland
    • für Unternehmen aus dem Vereinigten Königreich ohne Sitz oder Niederlassung in einem EU-Mitgliedstaat: Bestellung eines Vertreters in der EU, wenn sie personenbezogene Daten von betroffenen Personen aus der Union im Zusammenhang mit dem Angebot von Waren oder Dienstleistungen verarbeiten

Kompliziert, kompliziert

Um die Verzollung zu besorgen, braucht es eine im jeweiligen Zollgebiet ansässige Partei, die alle mit der Anmeldung einhergehenden Pflichten übernimmt. Dienstleister wollen aufgrund der damit einhergehenden Pflichtenstellung oftmals keine indirekte Zollvertretung anbieten. Viele Online-Händler prüfen daher entweder die Einbeziehung lokaler Vertriebspartner, die Gründung einer lokalen Tochtergesellschaft samt Lagern oder die Verlagerung der Zollformalitäten und Pflichten auf den Endkunden. Schwierig umzusetzen ist auch die Abwicklung von Retouren, da dann erneut Informationen und Unterlagen zur Sendung zolltauglich aufzubereiten sind und auch die Ausfuhr- und die Einfuhrzollabwicklung wieder anfallen.

Tücken für die Supply Chain

Was beispielhaft für den Online-Handel gilt, betrifft grundsätzlich jede Form des Warenverkehrs über den Kanal. Im Automobilsektor und anderen zulieferintensiven Branchen ist deshalb zu erwarten, dass britische Vorlieferanten Marktanteile an kontinentale Unternehmen abgeben müssen bzw. ihre Produktion in die EU verlagern. Insbesondere die Automobilproduktionsstätten sind für die Just-in-Time-Belieferung konzipiert, sodass Liefertreue und Zuverlässigkeit maßgeblich sind. Die mit dem Brexit einhergehenden Zollformalitäten und Anfälligkeiten sind daher Gift für diese Lieferketten. Das ließe sich möglicherweise durch den Auf- und Ausbau lokaler Lagerbestände abfedern, allerdings nur um den Preis zusätzlicher Kosten.

Folgen für weltweite Präferenzabkommen

Für Global Player kommt ein wichtiges und vermutlich bislang unterschätztes Detail des Brexits hinzu. Es geht um „Made in EU“, genauer gesagt um den europäischen Wertschöpfungsanteil. Für europäische Unternehmen mit britischen Zulieferern wird es bei Zollpräferenzabkommen schwieriger, den erforderlichen heimischen Wertschöpfungsanteil zu erlangen, um damit in Mexiko, Südafrika, Japan und anderen Ländern reduzierte Zölle oder Zollfreiheit in Anspruch nehmen zu können. Viele Unternehmen werden sich daher in Zukunft genau überlegen müssen, ob sie weiterhin Vormaterialien aus dem Drittland UK verbauen.

Registrierungspflichten und abweichende Rechtsvorschriften

Mittelfristige Konsequenzen haben Registrierungspflichten und sonstige Regularien, die sich durch den Austritt aus dem Binnenmarkt beiderseits des Kanals ergeben. Beispielsweise sind britische Chemikalien in der REACH-Datenbank und im UK-Pendant UK-REACH zu registrieren bzw. die Prozesspflichten im Rahmen der Übergangsvorschriften zu erfüllen. Erheblicher Mehraufwand wird letztlich in allen Rechtsbereichen entstehen, wenn sich die britische Gesetzgebung und Rechtsprechung immer weiter von der EU entfernt. Einzelne Unternehmen, z. B. aus der Lackindustrie, haben bereits angekündigt, in Großbritannien nicht mehr die komplette Produktpalette anzubieten, weil der bürokratische Aufwand in Anbetracht des vergleichsweise kleinen UK-Marktes zu teuer ist. Der Katalog an regulatorischen Pflichten bzw. betroffenen Industrie- und Produktkategorien ist vielfältig und fordert von fast allen Einführern bzw. Inverkehrbringern, sich intensiv mit regulatorischen Anforderungen auseinanderzusetzen.

Lieferungen nach Nordirland

Lieferungen zwischen der EU und Nordirland sind weiterhin entsprechend den EU-Vorschriften zu behandeln. Hier herrscht „business as usual“. Anders verhält es sich bei Lieferungen aus Großbritannien (England, Schottland, Wales) nach Nordirland – die Medienberichte über leere Regale in (einigen britischen) Supermarktketten stehen sinnbildlich dafür. Der Grund: Nordirland ist zwar weiter Teil des Vereinigten Königreichs, es gelten jedoch die zoll- und gesundheitspolizeilichen wie auch die phytosanitären Regularien der EU. So müssen britische „Exporteure“ bei Lieferungen nach Nordirland nunmehr für Agrarwaren und Nahrungsmittel u. a. Genusstauglichkeitsbescheinigungen und Gesundheitszeugnisse beantragen – ein Prozess, der viele Unternehmen überfordert. Vielen Briten schaudert es bei der Vorstellung, dass derzeit noch bestehende Vereinfachungen im Warenverkehr mit Nordirland Mitte 2021 auslaufen.

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Verzögerungen auf EU-Seite

Vereinzelt berichten Unternehmen auch über Verzögerungen, die Brexit-bedingt durch fehlendes Personal bei den europäischen Zollbehörden verursacht sind. Allerdings wird bislang kein strukturiertes Problembild sichtbar, sodass die EU-Zollabwicklung in der Außenansicht im Großen und Ganzen funktioniert. Ebenso wie auf britischer Seite bleibt jedoch auch in der EU abzuwarten, wie sich die Lage entwickelt, wenn die Warenströme wieder ihr Normalvolumen erreichen.

  • Das Ende der Freizügigkeit

    Seit Anfang 2021 benötigen Briten eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, wenn sie in der EU arbeiten wollen. Nur für diejenigen, die bis zum Jahreswechsel von der Freizügigkeit des Binnenmarktes profitierten, gilt diese weiterhin fort. Sie bekommen eine entsprechende Bescheinigung und können unbefristet und unbeschränkt weiterarbeiten. Ansonsten muss sich die Wirtschaft damit zurechtfinden, dass der Transfer von Arbeitnehmern zwischen der EU und Großbritannien schwerer und langwieriger wird. Die Entsendung von Arbeitnehmern aus Großbritannien nach

    Deutschland kann nunmehr sechs bis acht Wochen Vorlauf benötigen, pandemiebedingt derzeit noch länger. Auch umgekehrt müssen EU-Bürger die normalen Voraussetzungen eines Drittstaatsangehörigen erfüllen und eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für Großbritannien beantragen.

    Die positive Nachricht ist, dass die Briten aufgrund der engen Beziehungen zu den besonders bevorzugten Nationalitäten gezählt werden. Sie können damit, neben Staatsbürgern weiterer sieben Nationen (Australien, Kanada, Israel, Japan, Neuseeland, Südkorea und USA), nicht nur visumsfrei in Deutschland einreisen, sondern auch einen Arbeitserlaubnisantrag hier vor Ort stellen. Insofern bleibt Großbritannien dann doch weiterhin enger mit Deutschland und der EU verbunden.

Zollformalitäten genau prüfen

Es werden Wochen und Monate vergehen, bis alle Prozessbeteiligten ihre Abwicklung so angepasst haben, dass der Warenverkehr wieder einigermaßen reibungslos abläuft. Bei den aktuellen Verzollungen besteht ein erhöhtes Fehlerrisiko, sodass Zollbeteiligte gehalten sind, noch sorgsamer als ohnehin ihre Dienstleister zu instruieren, Belege zu kontrollieren und Korrekturpflichten nachzukommen. Da das Handelsabkommen erst kurz vor Inkrafttreten veröffentlicht wurde, muss gerade die Zollpräferenzabwicklung in den kommenden Wochen und Monaten aufgesetzt bzw. überprüft werden. Insoweit Waren zwischenzeitlich regelverzollt wurden, besteht dann möglicherweise Erstattungspotenzial. Zur Präferenzerklärung wurde den Unternehmen zur Vereinfachung eine Übergangsfrist eingeräumt. Danach dürfen bis zum 31. Dezember 2021 auch Präferenznachweise ausgestellt werden, wenn die Vornachweise (Lieferantenerklärungen) im Unternehmen noch nicht vorliegen. Erweist sich ein Präferenznachweis im Nachhinein als unrichtig, weil Lieferantenerklärungen bis zum 1. Januar 2022 nicht bzw. mit einer so nicht erwarteten Präferenzaussage eingegangen sind, müssen die Präferenznachweise unverzüglich, bei Nichtvorliegen spätestens zum 31. Januar 2022 widerrufen werden. 

Fazit

Vielen Unternehmen wird erst in den kommenden Monaten klar werden, wie sie Lieferketten, Produktionsstandorte, Verträge etc. anpassen müssen. Oft steckt der Teufel im Detail, ploppen Brexit-Auswirkungen an unerwarteter Stelle hoch. Hierdurch ergibt sich ein fortlaufender Anpassungsbedarf, um eine regeltreue Zoll-, Steuer- und Exportkontrollabwicklung umzusetzen. Insbesondere in Großbritannien laufen über die Zeit hin diverse Übergangsregelungen und Vereinfachungen aus. Bei einigen Regelungen im Abkommen ist noch unklar, wie diese in der Praxis und im Rahmen der bestehenden rechtlichen Grundlagen umgesetzt werden sollen. Folglich sind die Hinweise der Zollbehörden und Änderungen am Handels- und Kooperationsabkommen unbedingt weiter zu beobachten. 

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