6 Minuten Lesezeit 25 September 2019
Frau mit blauen und roten Lichte

Welche Perspektiven Künstliche Intelligenz für die Steuerfunktion bietet

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EY Deutschland

Wegbereiter des Wandels

Co-Autoren
6 Minuten Lesezeit 25 September 2019

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Künstliche Intelligenz ist mehr als Siri und autonomes Fahren. Auch in Steuerabteilungen von Unternehmen kann ihr Einsatz wertvoll sein.

Sie denkt heute schon mit, ohne dass wir darüber nachdenken: Künstliche Intelligenz (KI) gehört bereits zum Alltag, zum Beispiel wenn sie das gesprochene Wort in geschriebenen Text umwandelt. In den Steuerabteilungen von Unternehmen wird KI bisher zurückhaltend eingebunden, wie die EY-Studie „Künstliche Intelligenz: Umdenken in der Steuerfunktion“ zeigt.

Dabei können KI-Systeme hier viel leisten, zum Beispiel Daten nach vorgegebenen Kriterien analysieren und bewerten, Simulationen erzeugen, Compliance-Vorgaben managen und manuelle Tätigkeiten übernehmen, was wiederum Kapazitäten bei den Mitarbeitern freisetzt. Florian Buschbacher, Partner und Tax Technology and Analytics Leader EMEIA bei EY, ist der Leiter der Studie und begründet im Interview Nutzen und Notwendigkeit von KI in der Steuerfunktion.

EY: Herr Buschbacher, gefühlt war „Künstliche Intelligenz“ bis vor kurzem noch ein ziemlich exotisches Thema, exklusiv für kalifornische Computerfreaks. Warum sollte sich jetzt gerade die Steuerabteilung eines Unternehmens dafür interessieren? 

Florian Buschbacher: Weil es in den Steuerabteilungen schon seit langem einen Bedarf an automatisierter Unterstützung gibt. Die Mitarbeiter stehen dort jeden Tag vor einem Berg an wichtigen Pflichten, Aufgaben, Erwartungen, Terminen und gesetzlichen Änderungen. Die Personaldecke ist meistens dünn, der Druck entsprechend hoch.

Warum sollten Routinearbeiten von einem Mitarbeiter übernommen werden, wenn es KI schneller, besser und billiger kann?

Mit der KI steht jetzt eine effiziente und effektive Verstärkung zur Verfügung, die auch noch hilft, steuerliche Risiken zu reduzieren. Zeit- und nervenraubende Tätigkeiten können mit ihrer Hilfe zuverlässig maschinell ausgeführt werden, zum Beispiel das Durchsuchen großer Datenmengen nach bestimmten Informationen oder Routinearbeiten aller Art. Warum sollten diese von einem gut bezahlten Angestellten übernommen werden, wenn es die KI schneller, besser und billiger kann? 

KI-Anwendungen beim Smartphone oder von Assistenzsystemen im Haushalt sind alltäglich. Wie sieht eine KI-Lösung in einer Steuerabteilung konkret aus? 

Die KI ist auch hier in einer Software verpackt, die ganz normal vom PC aus bedient werden kann. Für unterschiedliche Aufgaben gibt es unterschiedliche Module, die speziell auf den gewünschten Bereich programmiert und trainiert wurden. Die Module werden ins Netzwerk des Unternehmens eingebunden, sammeln Daten, übernehmen die Auswertung und zeigen die Ergebnisse oder den Arbeitsfortschritt auf sogenannten Dashboards an. Das sind grafische Benutzeroberflächen mit verschiedenen Anzeigen, an denen der Mitarbeiter die erforderlichen Informationen ablesen kann – wie auf einem Armaturenbrett, nur größer und ausführlicher.

Die oft webbasierten Module sind über Schnittstellen mit einer Vielzahl von Systemen verbunden, zum Beispiel mit dem GPS eines Mitarbeiters, wodurch sich per KI sehr leicht feststellen lässt, wo genau eine Leistung erbracht wurde und wie das steuerlich zu verbuchen ist. 

Bedeutet das nicht für viele einen Quantensprung? 

Nicht unbedingt, denn die Steuerabteilungen haben schon in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Dazu haben auch die wachsenden Anforderungen der Finanzbehörden beigetragen, die sich aufseiten der Steuerfunktion nur mit zeitgemäßer Technologie abbilden lassen, im Ausland häufig noch stärker als in Deutschland. Dazu kommt der Wunsch vieler Unternehmen, ihre Finanzfunktion stärker in unternehmerische Entscheidungen einzubinden. Diese Transformation ist bei vielen unserer Kunden schon auf einem guten Weg. Selbstverständlich bringt ein solcher Umbau auch höhere technische Anforderungen mit sich. Doch dadurch sind die Weichen für die KI quasi schon gestellt.

Wertschöpfung entsteht heute nicht mehr in der Lagerhalle, sondern in den Daten.

Was man auch sehen muss, ist, dass die IT eines Unternehmens heute stark vernetzt ist und viele Daten generiert, die einen echten Wert darstellen. Das sind wichtige Echtzeit-Informationen, die für unternehmerische Entscheidungen genutzt werden können. Von daher kann KI Prozesse nicht nur automatisieren und beschleunigen, sie kann auch zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil werden. Denn die Wertschöpfung entsteht heute nicht mehr in der Lagerhalle, sondern in den Daten. 

Besteht nicht die Gefahr, dass wichtige Entscheidungen von Maschinen und nicht mehr von Menschen getroffen werden? 

Diese Ängste gibt es. Sie sind allerdings unbegründet. Die KI-Anwendungen analysieren, sie assistieren, sie lernen, sie empfehlen, aber sie treffen keine bedeutsamen Entscheidungen. Dafür ist das Steuersystem auch viel zu komplex. Die KI bleibt ein Werkzeug, das von Menschen kontrolliert wird. Der Mensch hat das letzte Wort und entscheidet, was gemacht wird. Er kann die Maschine jederzeit „overrulen“. Darüber hinaus muss die Einhaltung ethischer Standards natürlich stets gewährleistet sein. 

Wie stark wird sich KI Ihrer Einschätzung nach in den Steuerabteilungen verbreiten? 

Ganz wichtig zu sehen ist, dass die KI eine zentrale Schlüsseltechnologie der Zukunft ist. Sie wird mit Sicherheit Geschäftsmodelle verändern, viele Bereiche spürbar beeinflussen und unser Leben erleichtern und verbessern. Und wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, deren Potenzial vermutlich noch viel größer ist, als wir es uns vorstellen können. Von daher bin ich ganz sicher, dass auch die Steuerabteilungen der Unternehmen schon bald nicht mehr auf KI verzichten wollen. 

Ein Blick in die Zukunft in drei Szenarien

Florian Buschbacher sieht KI als „zentrale Schlüsseltechnologie der Zukunft“. Welche konkrete Rolle sie in den Steuerabteilungen der Unternehmen spielen kann, beleuchtet die EY-Studie anhand dreier möglicher Szenarien.

  • Szenario 1: KI wird im Steuerbereich kaum Verwendung finden

    Aus unserer Sicht werden die Steuerfunktionen die Potenziale der KI in Zukunft nicht ausblenden und zum großen Teil ungenutzt lassen. Zu groß ist der mögliche Nutzen, zu attraktiv die potenziellen Vorteile im Wettbewerb. Die verbreitete Personalknappheit dürfte die Steuerfunktionen auch dazu zwingen, einfache und hochrepetitive Aufgaben zu automatisieren, damit sich gut ausgebildete Mitarbeiter um anspruchsvollere Aufgaben kümmern können. Steuerabteilungen, die auf den Einsatz von KI verzichten, werden im Vergleich deutlich weniger effizient arbeiten und ein höheres Risiko eingehen.

  • Szenario 2: KI-Systeme werden für ausgewählte Aufgaben eingesetzt

    Dieses Szenario erscheint uns wahrscheinlich. Sollte sich diese Annahme bewahrheiten, werden KI-Anwendungen primär für repetitive Aufgaben verwendet, die durchaus auch einen höheren Schwierigkeitsgrad aufweisen dürfen. In jedem Fall müssen spezifische Fälle nach wie vor von Steuerspezialisten überprüft und bewertet werden – insbesondere in großen Unternehmen, deren Organisationsstruktur in der Regel schon ausgesprochen komplex ist.

    Darüber hinaus dürften KI-Systeme zur Unterstützung von Entscheidungen eine immer größere Rolle spielen, etwa Simulationssysteme für Was-wäre-wenn-Szenarien. Mit diesen Systemen lässt sich zum Beispiel ermitteln, wie sich eine Veränderung der Verrechnungspreise oder der dahinterliegenden Methodik auswirken wird. Als Ergebnis der Simulation gibt das System anschließend eine Empfehlung ab.

  • Szenario 3: KI löst den Steuerbereich vollständig ab

    Dass die Steuerfunktion vollständig abgelöst wird, halten wir eher für unwahrscheinlich. Dazu sind die Aufgaben der Steuerabteilung einfach zu komplex. Dazu kommen die vielen Änderungen, Ausnahmen und Sonderfälle, deren präzise Bewertung durch Algorithmen nicht vollständig möglich ist.

    Davon abgesehen ist die Logik des Steuerrechts häufig nicht oder nur sehr schwer mithilfe von Daten abzubilden, da sich bestimmte Tatbestandsmerkmale unterschiedlich auslegen lassen. In diesen Fällen eignet sich KI nur für Annäherungen bzw. als Entscheidungsunterstützungssystem, das allerdings schon einen erheblichen Mehrwert bietet.

    Gegen einen flächendeckenden Einsatz von KI in der Steuerpraxis dürfte zudem die Tatsache sprechen, dass nicht alle Daten erhebbar oder messbar sind oder die Datenquellen sehr heterogen oder nicht digital verfügbar sind, was ihre Erfassung und Auswertung schwierig macht.

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Gerne senden wir Ihnen die vierte EY-Studie zur Digitalisierung in der Steuerabteilung „Künstliche Intelligenz: Umdenken in der Steuerfunktion“ zu. Schreiben Sie uns.

Fazit

Künstliche Intelligenz ist der menschlichen in mancher Hinsicht überlegen: Sie kann große Datenmengen bedeutend schneller analysieren und daraus belastbare Grundlagen für wichtige Entscheidungen schaffen. Auch Steuerfunktionen sollten sich KI zunutze machen, findet Florian Buschbacher, Partner und Tax Technology and Analytics Leader EMEIA bei EY. Er ist der Leiter der vierten Studie zur Digitalisierung in der Steuerabteilung, für die 132 Führungskräfte aus dem Bereich Steuern und Finanzen zum Thema KI befragt wurden.

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