6 Minuten Lesezeit 15 September 2020
Mann mit VR Brille auf

Warum der Technologiesektor Digitale Ethik braucht

Von Andreas Pyrcek

EY Global Forensics Integrity, Compliance & Ethics Leader; Global Forensics Sector Leader, Technology, Media & Entertainment and Telecommunications

Erfahrener Partner für proaktive Compliance-, Ethik- und Integritätsfragen. Darüber hinaus steht er bei der Reaktion auf Betrug, Bestechung und Korruption weltweit, beratend zur Seite.

6 Minuten Lesezeit 15 September 2020

Innovation in Verbindung mit gesellschaftlicher Integrität kann für Technologieunternehmen zum Erfolgsfaktor werden.

Überblick

  • Die Nutzung und Anwendung neuer Technologien bedarf – mindestens zum Teil – einer ethischen Einordnung.
  • Digitale Ethik ist nicht allein moralische Verpflichtung, sondern trägt auch entscheidend zum Erfolg bei.
  • Besonders der Compliance-Bereich ist hiervon betroffen: Der Aufbau einer Digital-Ethics-Agenda kann helfen.

Technologie und technologiebasierte Geschäftsmodelle entwickeln sich in beeindruckender Geschwindigkeit. Unternehmen finden immer neue Wege der Zusammenarbeit oder um auf dem Markt innovative Lösungen anzubieten. Technologieunternehmen begeistern Konsumenten mit ihren Produkten und unterstützen Industrieunternehmen verschiedenster Branchen bei ihren Zukunftsplänen. Diese digitale Transformation hat neue Produkte, Dienstleistungen und Lösungen hervorgebracht – schneller und mit enormen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft.

Damit steigen jedoch nicht nur das Potenzial und der Erfolg – auch Risiken spielen vermehrt eine Rolle. In den vergangenen Jahren wurden Unternehmen oftmals beschuldigt, Daten, Systeme und Lösungen nicht ordnungsgemäß oder nicht vertretbar verwendet zu haben. Als Konsequenz haben sie Mitarbeiter, Investoren und Geschäftspartner verloren und signifikante Reputationsschäden erlitten. Regulierungsbehörden führten umfassende Untersuchungen durch, die Unternehmenskultur, das Arbeitsumfeld und das Compliance-Gerüst wurden eingehenden Prüfungen unterzogen. Daraus entstanden neue Regulierungen. Neben klassischen Risikofeldern wie Datenschutz und Sicherheit bringen neue Technologien noch weitere, bisher nicht betrachtete Herausforderungen.

Mit neuen Ansätzen und Lösungen stellen sich auch neue Fragen: Wie weit sollte Technologie gehen? Oder andersherum: Wie wichtig ist Digitale Ethik für den Erfolg von Technologieunternehmen?

Der Technologiesektor als Plattform der neuen Industriellen Revolution

Technologieunternehmen stehen im Zentrum des digitalen Umbruchs. Nach der Verbreitung von Smartphones, der Vernetzung von Menschen, Unternehmen und Medien sowie der rasanten Entwicklung von IT-Systemen stehen sie nun vor dem nächsten Schritt: der Weiterentwicklung von Analytics und der Nutzung neuer Technologien und Künstlicher Intelligenz (KI) in breiterem Umfang.

Mit neuen Ansätzen und Lösungen stellen sich auch neue Fragen: Wie weit sollte Technologie gehen? Oder andersherum: Wie wichtig ist Digitale Ethik für den Erfolg von Technologieunternehmen?

Mit der Entwicklung innovativer technologischer Lösungen steigt auch die öffentliche Besorgtheit über die Sammlung, Verarbeitung, Analyse und die Monetarisierung von Daten. Die technische Entwicklung sollte deshalb eine zentrale Rolle bei der Beantwortung der daraus resultierenden ethischen Frage- und Problemstellungen spielen.

Dazu gehört die Frage nach sozialen Herausforderungen: Digitalisierung führt zur Verlagerung von physischen zu elektronischen Verkaufsorten und zum Verlust von Arbeitsplätzen. Außerdem werden Unternehmen zunehmend von Daten abhängig und damit anfällig für Cyberangriffe wie Datendiebstahl, Hacking, Malware und Viren. Gleichzeitig erhöhen sich die Strafen für Unternehmen, die gegen Datenschutzverordnungen verstoßen. 

Im Automobilsektor beispielsweise kann KI komplexe Verkehrssituationen beim autonomen Fahren beurteilen. In diesen Situationen nehmen im Endeffekt Roboter Einschätzungen vor und beurteilen, was richtig und was falsch ist. Das Spannungsfeld Digitale Ethik spielt in diesem Kontext eine besondere Rolle.

Künstliche Intelligenz, Advances Analytics und die Rolle von Compliance und Ethik

Die Einführung von KI birgt Chancen und Herausforderungen für Wirtschaft und Gesellschaft: Unternehmen, Behörden und andere Institutionen mit Datenzugriff können mithilfe von KI Bewegungs- und Präferenzprofile erstellen und Personen sowie Konsumenten tiefergehend analysieren.

KI hört hier nicht auf: Sie ermöglicht auch, individualisierte Nachrichten für Konsumenten zu erstellen und zu verbreiten – unabhängig vom Wahrheitsgehalt oder der Nachrichtenobjektivität. Zu guter Letzt strahlen die Entwicklungen technologiebasierter KI auch auf andere Sektoren aus. Im Automobilsektor beispielsweise kann sie komplexe Verkehrssituationen beim autonomen Fahren beurteilen. In diesen Situationen nehmen im Endeffekt Roboter Einschätzungen vor und beurteilen, was richtig und was falsch ist. Das Spannungsfeld Digitale Ethik spielt in diesem Kontext eine besondere Rolle, denn im Extremfall entscheidet hier nicht mehr der Mensch, sondern ein System über Leben und Tod. Typische Spannungsfelder, die sich aus technologisch-soziologischer Sicht ergeben und die im Kontext Digitaler Ethik diskutiert werden, sind unter anderem:

  • Filterung und Vorselektion von Nachrichten und Informationen auf der Basis identifizierter Präferenzen, Einstellungen etc.
  • Treffen von Entscheidungen, beispielsweise beim autonomen Fahren, bei medizinischen Diagnosen, der öffentlichen Sicherheit, beim Recruiting, bei Versicherungsberechnungen etc.
  • Ethisch vertretbare technische Lösungen, beispielsweise durch Pflegeroboter, Fake-Chatbots und digital agierende Robot-Profile, Ersatz von Mitarbeitern etc. (Moral Machine)
  • Sammeln von Informationen und Daten durch innovative Lösungen wie Spielzeuge, Smart Assistants, Smartphones etc.

Die Rolle der Compliance-Organisation in der Digitalen Ethik

Innovation und neue technische Lösungen setzen klassische Funktionen – insbesondere das Compliance Office – unter Druck und führen zum Umdenken. Denn das Fraud- und Compliance-Risiko erweitert sich von einer regulativen Betrachtungsweise hin zu technologisch-ethischen Komponenten: Was ist richtig und auch legitim? Hier sollten Unternehmen den Herausforderungen entschlossen begegnen und ein Gleichgewicht zwischen Innovation und Verantwortung, Chancen und Risiken, Unternehmertum und Zurückhaltung herstellen.

Dazu sollten sie das komplexe Rechts- und Compliance-Umfeld verstehen, sich mit den damit verbundenen Fragestellungen und Verantwortlichkeiten auseinandersetzen und aktiv Lösungen suchen, die Industrie und Gesellschaft gleichermaßen die Möglichkeit geben, gegenseitiges Vertrauen und Nutzen aufzubauen. Denn sowohl Potenziale als auch Risiken gehen mit der Entwicklung technischer Lösungen automatisch einher – teilweise beabsichtigt, teilweise auch durch Unwissen oder den vorherrschenden Ehrgeiz, neue technische Revolutionen zu schaffen. Für das Compliance Office der Zukunft ergeben sich somit folgende Herausforderungen:

  • Welche neuen regulatorischen Risiken gehen mit neuen technologischen Lösungen einher?
  • Welche ethischen Risiken sind mit der neuen Technologie verbunden?
  • Wie lassen sich Compliance- und Integrity-Herausforderungen im technischen Entwicklungsprozess identifizieren?
  • Welche Ausbildung brauchen Developer, Produktentwickler und andere Funktionen zu Themen wie Digitaler Ethik, Compliance und Integrität? Welche ist die richtige Sprache in der Vermittlung?
  • Wie versteht das Compliance Office die technischen Lösungen als Teil der Wertschöpfungskette des Unternehmens?

Mit einer klaren digitalen Integritätsagenda, die auf Sensibilisierung, Kommunikation, Interaktion und Engagement aller Stakeholder setzt, können Unternehmen die Digitalisierung erfolgreich angehen.

Eine zentrale Rolle in der digitalen Transformation nimmt das Compliance Management ein. Es muss mit der Innovationsgeschwindigkeit Schritt halten und Regeln, Verfahren und Arbeitsweisen anpassen. Das gilt für die Interaktion mit Stakeholdern innerhalb der Organisation wie auch für die Prävention und Aufdeckung möglicher Compliance-Verstöße und die Reaktion darauf. Zudem wandeln sich Compliance-Systeme von regelbasierten zu verhaltensbasierten Ansätzen, die durch digitale Integritätsstrategien unterstützt werden – denn oftmals ist anfangs nicht klar, dass eine technische Lösung zu Compliance-, Integritäts- und letztendlich zu Reputationsrisiken für Unternehmen führen kann.

Worauf es bei der Entwicklung einer digitalen Integritätsagenda ankommt

Um eine digitale Integritätsagenda zu entwickeln, kommen verschiedene Faktoren zusammen. Folgende Komponenten helfen Organisationen, aktiv an ihrer Integritätskultur zu arbeiten: Governance – Culture – Data Insights – Controls.

Eine klare digitale Integritätsagenda setzt auf Sensibilisierung, Kommunikation, Interaktion und das Engagement aller Stakeholder. So können Unternehmen die Digitalisierung erfolgreich angehen, ethische Innovation und Dynamik fördern und dabei Gesetze und ethische Normen einhalten. Eine digitale Integritätsstrategie ermöglicht es Mitarbeitern, innovativ zu sein und gleichzeitig soziale und ethische Auswirkungen der technischen, wissenschaftlichen und finanziellen Entscheidungen zu berücksichtigen.

In der Praxis setzt sich die digitale Integritätsstrategie eines Unternehmens aus verschiedenen, komplexen Bausteinen individuell zusammen. So sollten beispielsweise Themen wie Due Diligence, Kultur, Verantwortung und Transparenz neu betrachtet werden. Außerdem wird eine enge, multifunktionale Zusammenarbeit zwischen Bereichen wie IT, Entwicklung, Personalwesen, Recht und Compliance erforderlich. Und durch die Entwicklung neuer Fähigkeiten und Strukturen werden Unternehmen den sich ändernden Marktanforderungen gerecht.

Für die technischen Entwicklungen und Innovationen selbst lassen sich Chancen und Risiken im Digital Integrity Strategy Triangle analysieren: 

Digital Integrity Stragtegy

Große Technologieunternehmen agieren weltweit, haben enorme finanzielle Möglichkeiten und einen technologischen Vorsprung. Deshalb kommt ihnen eine wichtige Verantwortung zu, gemeinsam mit der Gesellschaft Lösungen zu finden.

Die Aufstellung einer Digital-Ethics-Agenda ist ein guter Anfang. Mit einer solchen Strategie, die Überlegungen zu Integrität ganzheitlich und harmonisch in das Kerngeschäft, die strategischen Entscheidungen und die technologischen Prozesse integriert, kann sich ein Unternehmen auf seine Wettbewerbsvorteile fokussieren, ohne Werte zu vernachlässigen oder der Gesellschaft zu schaden.

Unternehmen, denen es gelingt, Unternehmergeist und Technologie mit Integrität und gesellschaftlichem Engagement zu verbinden, werden von Aktionären, Verbrauchern und der breiten Öffentlichkeit großzügig belohnt werden. Heute und in Zukunft.

Fazit

Die rasante Entwicklung der Technologie kann ebenso begeisternd wie besorgniserregend sein. Letzteres vor allem, wenn die Gesellschaft sich überrannt und überfordert fühlt. Für Technologieunternehmen bedeutet das, Leitplanken digitaler Ethik festzulegen, zwischen denen sich alle sicher und damit erfolgreich bewegen können. 

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Von Andreas Pyrcek

EY Global Forensics Integrity, Compliance & Ethics Leader; Global Forensics Sector Leader, Technology, Media & Entertainment and Telecommunications

Erfahrener Partner für proaktive Compliance-, Ethik- und Integritätsfragen. Darüber hinaus steht er bei der Reaktion auf Betrug, Bestechung und Korruption weltweit, beratend zur Seite.