Wie können Führungskräfte Vertrauen stärken und inklusives Wachstum fördern?

Von

Mark Weinberger

EY Global Chairman and CEO

Leads 260,000 EY people, who work with businesses, entrepreneurs and governments to solve their most pressing challenges and help them take advantage of emerging opportunities. Married father of four.

5 Minuten Lesezeit 8 Juni 2017

Die Ereignisse von 2016 führten zu einer Vertrauenskrise, sagt CEO Mark Weinberger. Die Antwort darauf: mehr inklusives Wachstum schaffen.

Auf beiden Seiten des Atlantiks haben Millionen Menschen im Jahr 2016 deutlich gemacht, dass sie nicht länger daran glauben, dass ihre Interessen von Politik und Wirtschaft geachtet werden. Zu dieser Ernüchterung haben Wirtschaft und Politik noch beigetragen, indem sie sich bei den letzten Wahlen gegenseitig geißelten und permanent mit dem Finger auf den anderen zeigten, wenn es um wirtschaftliche Probleme ging. Das führte zu einer noch stärkeren Verwirrung und Verunsicherung der Bevölkerung – deren Vertrauen ist auf ein Rekordtief gesunken. In Anbetracht der Tatsache, dass immer mehr Menschen hinter der Globalisierung und der technologischen Revolution zurückbleiben, ist es kein Wunder, dass populistische Bewegungen unsere Welt umgestalten.

Es lässt sich sicher sagen, dass wir diese Nachricht laut und deutlich vernommen haben. Jetzt stellt sich die Frage: Wie können wir antworten?

Wirtschaft und Politik können das Vertrauen und den Wohlstand wiederherstellen – aber keiner von ihnen kann das allein.

Zunächst einmal müssen wir erkennen, dass wir alle eine Rolle bei der Lösung spielen müssen. Das beginnt damit, dass wir uns ansehen, wo wir versagt haben. Von politischer Seite kamen unzählige gutgemeinte Maßnahmen, die die Kosten für Unternehmensgründungen und Einstellung von Mitarbeitern erhöhten. Dazu nationale Richtlinien, die es globalen Unternehmen erschwerten, weltweite Lieferketten zu betreiben. All das hat die Kosten gesteigert und Investitionen gehemmt. Auf der anderen Seite fokussierte sich die Wirtschaft auf die Verbesserung der Quartalsgewinne und reduzierte dadurch Investitionen in Innovationen, die langfristigen Wert schaffen und der Wirtschaft allgemein zugutekommen.

Wir können das besser! Wirtschaft und Politik müssen zusammenarbeiten, um diesen Kreislauf zu beenden, um Arbeitsplätze und ein Wachstum zu schaffen, von dem alle profitieren. Regierungen müssen viele der bestehenden Richtlinien ändern, die uns behindern. Dazu gehören bürokratische Hürden bei der Gründung von Unternehmen und Genehmigungsverfahren sowie unnötige Kosten für Unternehmen, die die Schaffung von Arbeitsplätzen und Investitionen hemmen. Die Unternehmen wiederum müssen eine weitreichende Verpflichtung eingehen, ihre Stakeholder – Mitarbeiter, Lieferketten, Gemeinschaften und Kunden – in den Mittelpunkt ihres Interesses zu stellen, nicht nur den kurzfristigen Profit.

Die Unternehmen wiederum müssen eine weitreichende Verpflichtung eingehen, ihre Stakeholder – Mitarbeiter, Lieferketten, Gemeinschaften und Kunden – in den Mittelpunkt ihres Interesses zu stellen, nicht nur den kurzfristigen Profit.

Diese Ziele muss nicht nur jeder für sich erreichen, sondern alle müssen partnerschaftlich zusammenarbeiten. In den USA haben Unternehmen in Kooperation mit lokalen Behörden und Universitäten Innovationszentren aufgebaut, die Arbeitsplätze schaffen, Arbeitskräfte schulen und das Wachstum fördern. In Deutschland arbeiten Unternehmen mit der Regierung zusammen, um durch Ausbildungsplätze einen Weg zum Wohlstand zu gewährleisten.

Aus diesem Grund bin ich persönlich – wie viele meiner CEO-Kolleginnen und Kollegen - in Aufsichtsräten und Beratungsausschüssen auf der ganzen Welt tätig, um Regierungen darin zu beraten, wie sie Investitionen anziehen und das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Ich habe gelernt, dass diese Arbeit nur auf einer stabilen Vertrauensbasis möglich ist. Ohne Vertrauen ist Erfolg nahezu aussichtslos.

Wenn die Bevölkerung unser gemeinsames Engagement für inklusives Wachstum erkannt hat und daran glaubt, wird das Vertrauen wiederhergestellt werden.

Die bittere Wahrheit von Umbruch und Arbeitsplatzverlust

Bevor wir jedoch das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen können, müssen wir uns ehrlich mit einigen bitteren Wahrheiten auseinandersetzen, die wir der Globalisierung und dem Umbruch zu verdanken haben.

Tatsache ist: Wir werden nicht zur Mitte des 20. Jahrhunderts zurückkehren. Die Weltwirtschaft verändert sich schnell und die Unternehmen von heute, die großen wie die kleinen, hängen von globalen Lieferketten und Märkten ab. Wenn die Geschäftswelt sich von der Weltgemeinschaft abwendet, bedeutet das weniger Effizienz, weniger Wirtschaftswachstum und ein erhöhtes globales Sicherheitsrisiko. Wir müssen stattdessen einen Weg finden, weiter gemeinsam Handel zu betreiben und zu wachsen.

Gleichzeitig sollten wir diejenigen unterstützen, die zurückbleiben, was bedeutet, dass einige Teile unserer Wirtschaft niemals gleich(berechtigt) sein werden. Zum Beispiel wird die große Mehrheit der verlorenen Arbeitsplätze in der Fertigung nicht zurückkehren. Mehr als 85 Prozent der jüngsten Arbeitsplatzverluste in Amerika wurden nicht durch Outsourcing oder Handel verursacht, sondern waren die Folge technologischer Innovationen, die den Fertigungsprozess effizienter machen. Im Vergleich zur Situation vor dreißig Jahren produzieren amerikanische Hersteller heute doppelt so viel mit nur einem Drittel der Belegschaft.

Deshalb ist die Bewegung zu inklusivem Wachstum so wichtig: Im vergangenen Jahrzehnt verzeichnete das oberste Prozent der Verdiener eine überproportionale Anhäufung von Vermögen. Das ist nicht nachhaltig. Da Wirtschaftswachstum überwiegend durch Konsum angetrieben wird, könnten wir ein weitaus stabileres globales Wachstum verzeichnen, wenn wir die Einkommen und die Chancen der Allgemeinbevölkerung verbessern. Es ist zwingend notwendig, dass Wirtschaft und Politik zusammenarbeiten, um das inklusive Wachstum zu beschleunigen und die wirtschaftliche Sicherheit für eine breite Bevölkerung zu verbessern – auch wenn sich die Weltwirtschaft weiter verändert.

Da Wirtschaftswachstum überwiegend durch Konsum angetrieben wird, könnten wir ein weitaus stabileres globales Wachstum verzeichnen, wenn wir die Einkommen und die Chancen der Allgemeinbevölkerung verbessern.

So könnten zum Beispiel diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, für neue, bedarfsgerechte Arbeitsplätze geschult werden. Arbeitsplätze in der Produktion verschwinden zwar, Jobs in mittleren Positionen, für die zusätzliche Schulungen oder Referenzen, aber kein Bachelor-Abschluss nötig sind, jedoch nicht. In den nächsten sieben Jahren werden 16 Millionen dieser Jobs für Elektriker, Dentalhygieniker, Lehrerassistenten und eine lange Liste weiterer Berufe allein in den USA verfügbar sein. Es sind die Arbeitsplätze, die jeden an der Wirtschaft teilhaben lassen, allerdings nur, wenn die Arbeiter Zugang zu den Schulungsprogrammen erhalten, die sie brauchen.

Als Reaktion darauf könnte die Privatwirtschaft dem Ganzen mit mehr Investitionen in Aus- und Weiterbildung einen kräftigen Schub verleihen. Das würde entlassenen Beschäftigten helfen, in der heutigen Wirtschaft erfolgreich zu sein und gleichzeitig das Personal der Zukunft aufbauen. Darüber hinaus könnten Unternehmen mit Schulen und Berufsausbildungsprogrammen zusammenarbeiten, um öffentlich-private Ausbildungspartnerschaften zu schaffen. Solche Programme sind eine öffentliche Leistung und außerdem gut fürs Geschäft: Für jeden Dollar, den ein Unternehmen in Ausbildungsplätze steckt, erhält es fast eineinhalb Dollar zurück.

Natürlich ist Ausbildung nur eine von vielen Lösungen, die wir brauchen. Vor allem müssen wir das Misstrauen überwinden, das zwischen der Geschäftswelt und Politik herrscht. Wir müssen miteinander zurechtkommen, weil wir uns letztlich gegenseitig brauchen. Die Wirtschaft braucht eine Regierung, um eine starke und wachstumsorientierte Politik umzusetzen; die Regierung braucht Unternehmen, damit neue Arbeitsplätze schaffen, investieren und das Wachstum vorantreiben. Wenn wir einander vertrauen und Ergebnisse vorweisen, werden wir auch das Vertrauen unserer Stakeholder und Wahlkreise zurückgewinnen.

Diese Partnerschaft sollte an erster Stelle stehen. Wir müssen weiter nach Lösungen suchen und der Teufel steckt nach wie vor im Detail – aber echte Führung und Inklusion bedeuten, dass wir diese Details gemeinsam klären.

 

Dieser Artikel wurde ursprünglich vom Weltwirtschaftsforum im Januar 2017 unter dem Titel „Business has been part of the problem. Now it must be part of the solution“ veröffentlicht.

Fazit

Wenn sie zusammenarbeiten, können Wirtschaft und Politik Strategien, Programme und Richtlinien entwickeln, die ein Wachstum für alle fördern.

Über diesen Artikel

Von

Mark Weinberger

EY Global Chairman and CEO

Leads 260,000 EY people, who work with businesses, entrepreneurs and governments to solve their most pressing challenges and help them take advantage of emerging opportunities. Married father of four.