7 Minuten Lesezeit 26 April 2018
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Wie Steuerteams durch Innovationen mit dem Umbruch Schritt halten

Von

EY Global

Multidisciplinary professional services organization

7 Minuten Lesezeit 26 April 2018

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Damit Unternehmen in einer Zeit ständiger und tiefgreifender Veränderung weiterhin erfolgreich sein können, muss auch die Steuerabteilung bereit für Innovationen sein.

In allen Branchen und weltweit schlagen weitreichende Innovationen tiefe Schneisen, schaffen vollkommen neue Märkte und ändern die Arbeitswelt von Grund auf. Kein Wunder, dass auch die Steuerabteilungen Teil dieses Wandels sind.

Die Steuerfunktion muss mit den Geschäftsbereichen und den operativen Aktivitäten des eigenen Unternehmens Schritt halten, die in rasantem Tempo digitalisiert und globalisiert werden. Gleichzeitig sind Regierungen momentan dabei, ihre Steuerverwaltungen zu digitalisieren und ihre Steuerpolitik für eine immer virtuellere und nahezu grenzenlose Geschäftswelt auszurüsten.

„Die Steuerfunktion entwickelt sich zu einem Just-in-Time-Modell“, so Channing Flynn, EY Global Technology Industry Tax Leader. „Das Steuerwesen von heute ist entsetzlich ineffizient. Aber wenn sich das Ganze in den nächsten zehn Jahren erst einmal eingespielt hat, dann dürften wir es mit einem sehr viel kürzeren Steuerhorizont zu tun haben, mit mehr Klarheit und weniger Kontroversen.“

Neue Steuerrätsel

Innovation, die Digitalisierung von Geschäftsmodellen und der starke Wettbewerb auf den globalen Märkten verleihen der Geschäftswelt eine nie dagewesene Dynamik. Von Unternehmen der Sharing Economy über Start-ups aus dem Bereich der FinTech bis hin zu Autotech-Innovatoren walten disruptive Kräfte nicht nur schnell und flächendeckend, sondern sie setzen vielem ein Ende, was wir bisher getan haben.

Wenn sie im Wettbewerb bestehen wollen, dann müssen auch die etablierten Unternehmen sich zügig bewegen, um den Punkt zu erreichen, an dem kontinuierliche Innovation zur strategischen Priorität wird.

Dafür müssen die Steuerverwaltungen jetzt mit grenzenlosen, cloudbasierten Transaktionen oder global verwertetem geistigem Eigentum und seinen Auswirkungen auf die indirekte Besteuerung zurechtkommen.

Nehmen wir zum Beispiel die Umsatzsteuer: Die Lieferkette wird immer länger, immer komplexer, und es gelten sich ständig verändernde Steuersätze über zahlreiche Grenzen hinweg.

Wenn die Steuerverantwortlichen fertige Informationen für die Steuer erhalten, sind sie in der Lage, den Großteil ihrer Arbeitszeit strategischen Steueranalysen zu widmen.
Richard Suhr
EY Global Digital Leader of Advisory Services

Bei der Einkommensteuer kommen ähnliche Fragen auf wie in dem allseits bekannten Rätsel: Wo wird bei einer Telefonkonferenz mit mehreren Offshore-Software-Entwicklungszentren, der Marketing-Abteilung im Zielmarkt und einem Geschäftsführer auf einem anderen Kontinent der zu versteuernde Wert generiert?

Es steht viel auf dem Spiel, denn noch mehr disruptive Technologien und digitale Geschäftsmodelle zeichnen sich schon am Horizont ab.

Stellen Sie sich einmal die folgenden Szenarien vor:

  • In den führenden Unternehmen von heute kann ein Mitarbeiter seinen Laptop einschalten, eine Steuerungskonsole öffnen und sich in Echtzeit oder jedenfalls beinahe in Echtzeit ansehen, was sich in der globalen Lieferkette ereignet.
  • Die CFOs treiben Finanztransformationen in ihren Unternehmen voran. Dezentrale Funktionen werden jetzt häufig in regionalen Kompetenzzentren und mithilfe von Shared Services konsolidiert.
  • Enterprise-Resource-Planning(ERP)-Systeme erfassen Unmengen an Transaktionsdaten von den operativen Einheiten und Geschäftsbereichen ‒ die Quelldaten, die für die steuerliche Erfassung, Analyse und Meldung von Einkommen so wichtig sind.

Was bei diesen Szenarien nicht stimmt: Das Steuerteam ist selten dabei. Ein bis zwei Silos trennen es noch von diesen Beinahe-Echtzeitdaten.

Zum Beispiel hat unserer Analyse zufolge gerade mal die Hälfte der Unternehmen, die zurzeit eine Transformation im Finanzbereich durchlaufen, die Steuerfunktion in diesen Prozess miteinbezogen.

Die Erfassung interner Daten und ihre steuerliche Zuordnung zu den Informationen für das Finanzamt und dritten Quellen erfolgt in den meisten Steuerabteilungen nach wie vor manuell.

„Im Moment verbringen die leitenden Mitarbeiter im Steuerbereich ihre meiste Zeit damit, Daten zu sammeln“, sagt Richard Suhr, EY Global Digital Leader of Advisory Services. Wenn sie in Zukunft fertige Informationen für die Steuer erhalten, sind sie in der Lage, den Großteil ihrer Arbeitszeit strategischen Steueranalysen zu widmen.“

Auch Steuerbehörden treiben Innovation voran.

Die globale Dynamik der Digitalisierung stellt die Steuerbehörden vor ein entscheidendes Problem: Wie sollen sie in dem neuen Umfeld Steuern erheben sowie einziehen und die nationalen Finanzen retten?

Es waren vielleicht eher politische Themen, die in den letzten fünf Jahren die Schlagzeilen beherrschten, als das Projekt Base Erosion and Profit Shifting (BEPS) der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die grenzüberschreitende Steuervermeidung ins Visier nahm und mehr Transparenz darüber forderte, wer genau wie viel Steuern in welchem Land zahlt.

Ein Steuerteam schreibt auf einem Whiteboard

Doch im Hintergrund digitalisierten gleichzeitig die Steuerbehörden ihre IT-Systeme auf eine Weise, die das Steuerwesen revolutionieren könnte.

Die Vorhut, bestehend unter anderem aus den Steuerverwaltungen von Brasilien, Mexiko und Russland, soll inzwischen selbst den größten globalen Unternehmen bei der operativen Digitalisierung einen guten Schritt voraus sein. Fast jede Regierung der Welt hat jedoch inzwischen zumindest einen gewissen Grad von Digitalisierung erreicht.

Die indirekten Steuern wie Umsatzsteuern und Zölle waren zuerst an der Reihe. Doch auch an den direkten Einkommensteuern wird diese Entwicklung im Laufe der Zeit nicht vorbeigehen.

„Fortschrittliche Regierungen betrachten inzwischen ihre Daten so, wie es 99 Prozent der Unternehmen nicht tun würden“, so Carolyn Bailey, EY Americas Digital Government Tax Transformation Leader. „Wenn die Steuerabteilungen zu lange warten, wird es schwer sein, noch aufzuholen, und die Steuerbehörden nehmen das Ruder in die Hand.“

Die Regierungen locken zum Beispiel höhere Steuereinnahmen. So meldete der russische föderale Steuerdienst, dass er durch Aktivitäten im Bereich der Digitalisierung 2015 um 12,2 Prozent höhere Umsatzsteuereinnahmen erzielen konnte.

Mit solchen Ergebnissen und in Anbetracht der Tatsache, dass die Steuerbehörden global nicht nur ihre Steuerdaten, sondern auch ihre besten Verfahren miteinander austauschen und so ihre Kapazitäten stärken, gewinnt die Entwicklung der digitalen Besteuerung weiter an Dynamik.

Viele Steuerbehörden sehen sich jedoch auch schwierigen Herausforderungen gegenüber. In etablierten Steuerverwaltungen wie den USA erweisen sich komplexe Legacy-Systeme und die fest verankerten bürokratischen Prozesse als hinderlich.

Wenn die Steuerabteilungen zu lange warten, wird es schwer sein, noch aufzuholen, und die Steuerbehörden nehmen das Ruder in die Hand.
Carolyn Bailey
EY Americas Digital Government Tax Transformation Leader

Smart in die Zukunft

Ein weiterer großer Störfaktor in der Steuerabteilung ist durch einen unserer Megatrends für 2016 und darüber hinaus gekennzeichnet: „Smart in die Zukunft.“ Nach der Definition von EY „übernehmen smarte Technologien eine Transaktion, überprüfen die Verbindung, analysieren die Daten und machen sie autonomer und effektiver.“

Völlig neu daran ist, dass smarte Besteuerung in Echtzeit und sogar vorausschauend erfolgt ‒ auch dort, wo Steuern immer historisch betrachtet wurden.

Zahlreiche smarte Technologien treffen aufeinander und erreichen gleichzeitig einen kritischen Wendepunkt:

  • Robotergesteuerte Geschäftsprozesse helfen dabei, die Datensammlung zu automatisieren.
  • Das Internet der Dinge minimiert den Dokumentationsbedarf auf Papier.
  • Künstliche Intelligenz (KI), die in so Alltäglichem wie Websuche, Wettervorhersagen und Spracherkennung immer präsenter wird, ermöglicht Data Mining und Deep Learning.
  • Blockchain, am einfachsten beschrieben als ein sicheres, verteiltes Kontenbuch, wird nicht nur die Geschäfts- und Finanzwelt erobern, sondern ihre transaktionalen Kapazitäten auch mit den kognitiven Fähigkeiten der KI verbinden. Das Ergebnis sind autonome Transaktionen, die sich selbst initiieren, selbst verwalten und selbst beenden.
  • Big Data Analytics ermöglicht schon jetzt bessere Entscheidungen durch die Speicherung, Aufschlüsselung, Bereinigung, Integration, Konsolidierung und auch vorausschauende Analyse von Daten inklusive Predictive Analytics.

Die digitale Regierung als Disruptor

In Zukunft werden traditionelle Buchführungs-, Finanz- und Steueraufgaben von robotergesteuerter Prozessautomatisierung und neuen Systemen revolutioniert, die Instrumente für Echtzeit-Kooperationen, Szenario-Planungen, Kostenmodellierungen und Risikosimulation bieten.

Wiederholende Aufgaben mit hohem Volumen werden durch eine virtuelle Belegschaft von Software-Robotern erledigt, die schneller, billiger und genauer arbeiten als Menschen.

Die KI wird mit Informationen wie Steuergesetzen, Rechtsprechung und Verwaltungsrichtlinien gefüttert. So kann sie auf dieser Grundlage bestimmte Entscheidungen selbst treffen.

„Steuerexperten werden für höherwertige Aktivitäten eingesetzt, bei denen subjektives Urteilsvermögen und strategische Entscheidungen gefragt sind“, so Richard Suhr. Unterstützt werden sie durch Datenaggregation, Datenvisualisierung und vorausschauende Prognosen in Echtzeit. So kann der Mensch wertschöpfend in der Buchhaltung, im Finanz- und Steuerwesen tätig sein, ohne zusätzlich noch eine Compliance- oder Berichtsfunktion übernehmen zu müssen.

Es steht außer Frage, dass die Steuerwelt zurzeit eine geradezu beängstigende Transformation durchläuft. Aber Channing Flynn von EY fasst es in wenigen Worten zusammen: „Die Technologie befähigt die Steuerverwaltungen, die Steuern effizienter und konsequenter zu erheben. Aber sie kann auch die Unternehmen dabei unterstützen, sich genau darauf vorzubereiten.“

 

Eine Fassung dieses Artikels wurde ursprünglich veröffentlicht unter dem Titel Disruption puts corporate tax on an uncertain path in Tax Insights.

Fazit

Wenn sie offen für Innovation sind, können Steuerexperten ihren Unternehmen helfen, Chancen zu ergreifen, die sich in einer zunehmend digitalen und grenzenlosen Welt bieten.

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