4 Minuten Lesezeit 19 Februar 2020
Michael und Marc Grabher

Wie sich eine analoge Branche digital aufrollen lässt

Von

Thomas Lütkemeier

Leiter Business Development für die Industrielle Produktion | Deutschland, Schweiz, Österreich

Hat langjährige Erfahrung in der Unternehmensstrategie, im Business Development und im Sales Management. Ist dort spezialisiert auf die Bereiche Konsumgüter und Handel sowie Maschinen- und Anlagenbau.

4 Minuten Lesezeit 19 Februar 2020

Die zwei Brüder Michael und Marc Grabher zeigen, wie man mit viel Mut und hoher Digitalisierung neue Wege im Maschinenbau gehen kann.

Eine viel zu große Produktionshalle, keine Bankkredite und dann als Retter in der Not eine verkaufte Maschine, die es noch gar nicht gab: Die Swiss-Can-Machinery-Gründer Michael und Marc Grabher machten das scheinbar Unmögliche möglich und rollten mit viel unternehmerischem Mut, einer Geschäftsidee, die außerhalb der Norm liegt, und einem strategischen Bekenntnis zur Digitalisierung eine bis dato vorrangig analog ausgerichtete Branche neu auf.

Wie eine mutige Vision in die Tat umgesetzt wird

Die Idee schien eher absurd als vernünftig. Und jeder, dem sie von ihrem Plan erzählten, lächelte mitleidig oder zuckte verständnislos mit den Schultern: Die Gründung eines Maschinenbauunternehmens? War das nicht rückwärtsgewandt und „out of time“? Und dann noch in einem Hochlohnland wie der Schweiz?

Wir hatten ganz klar einen Nischenmarkt im Visier.
Marc Grabher
Gründer und Geschäftsführer der Swiss Can Machinery AG

Doch die Brüder waren von ihrer Geschäftsidee überzeugt – und sie hatten eine klare Vision. „Wir wollten Maschinen bauen, mit denen hochsensible Nahrungsmittel wie pharmazeutische, Krankenhaus- oder Babynahrung auf das Milligramm genau in Dosen gefüllt und dann unter höchsten Hygienestandards verschlossen werden“, erzählt Michael Grabher im pragmatisch eingerichteten Besprechungsraum des Swiss-Can-Machinery-Produktionsgebäudes im Industriegebiet des Städtchens Berneck im Kanton St. Gallen. Der alte Ortskern mit seinen Schindelfassaden ist nur einen Steinwurf entfernt, in der Umgebung hört man Kuhgeläut, und das Alpenpanorama scheint zum Greifen nah.

„Dabei sollten unsere Maschinen nicht damit punkten, dass sie möglichst viele Dosen pro Minute abfüllen und verschließen, sondern dadurch bestechen, dass sie extrem genau und hygienisch arbeiten und so flexibel sind, dass sie sich an die oft kleinen Chargen unserer Kunden schnell und unkompliziert anpassen lassen. Wir hatten ganz klar einen Nischenmarkt im Visier.“ Denn, so Marc Grabher, „Standardmaschinen können andere billiger als wir hier in der Schweiz bauen.“

Ein Unternehmen, von Grund auf digital

Darüber hinaus sollten die Maschinen ein höchstmögliches Maß an digitalen Schnittstellen haben, um sie optimal steuern, vernetzen und warten zu können. Also trafen die Brüder eine strategische Entscheidung: Sie wollten ihr Unternehmen um einen digitalen Kern bauen. Denn so konnten sie möglichst viel automatisieren und entscheidende Kosten sparen.

Jeder, dem wir von unserer Geschäftsidee erzählten, lächelte mitleidig oder zuckte verständnislos mit den Schultern: Die Gründung eines Maschinenbauunternehmens? War das nicht rückwärtsgewandt und out of time?
Michael Grabher
Gründer und Geschäftsführer der Swiss Can Machinery AG

Trotz eines fundierten Businessplans hielten auch die Banken die Idee der Brüder anfangs für eher verrückt und winkten ab. „Wir konnten keine Aufträge vorweisen“, erinnert sich Marc Grabher, der jüngere der Brüder, der damals gerade einmal 28 Jahre alt war. „Und wir waren in einer analogen Branche unterwegs. Mit unserer Idee konnten wir keinen Banker überzeugen.“

Gründung der Swiss Can Machinery AG

102.000

Schweizer Franken Startkapital hatten die Brüder, als sie 2013 die Swiss Can Machinery AG gründeten.

Größtes Investment: Hard- und Software

Aber die Entrepreneure ließen sich nicht beirren. Mit einem beinahe unwirklich anmutenden Startkapital von 102.000 Franken gründeten sie 2013 die Swiss Can Machinery AG. Das Geld investierten sie in Hard- und Software, um ihr Geschäftsmodell von Anfang an auf eine digitale Basis zu stellen – von der Maschinenentwicklung über die Datenspeicherung bis hin zur Kundenbetreuung. Das Herz des Unternehmens schlug von Beginn an digital. Die Produktionshalle mieteten sie, „da wir ja Maschinen bauen und nicht mit Immobilien handeln wollten“, so Michael Grabher. An diesem Grundsatz halten die beiden bis heute fest. Gewinne werden ins Unternehmen gesteckt, nicht in Gebäude.

Unternehmensgründung: Was tun, wenn die Aufträge ausbleiben?

Im Juni 2013 besitzt Swiss Can Machinery eine große gemietete Halle in einem ehemaligen Kleiderlager, einen überdimensionierten Server der neuesten Generation, State-of-the-Art-CAD-Software und eine Handvoll hochqualifizierter Software-Entwickler und Ingenieure – aber keine Aufträge. „Die Rettung kam in letzter Minute“, erzählt Michael Grabher rückblickend. „Unsere erste Maschine verkauften wir an einen deutschen Lebensmittelproduzenten – obwohl es diese Maschine noch gar nicht gab und sie bislang nur auf dem Bildschirm existierte. Aber der Kunde vertraute uns und bezahlte die Anlage im Voraus. Das hat uns gerettet. Wir konnten weitermachen.“

Unser Startkapital investierten wir in Hard- und Software, um von Anfang an unser Geschäftsmodell auf eine digitale Basis zu stellen.
Marc Grabher

Die Fokussierung auf individuelle Produktionen führte zum Erfolg

Bald folgte der zweite Auftrag – der so groß ausfiel, dass die Maschinenbauer in eine zweite Halle ausweichen und ein Loch in die Wand schlagen mussten, um die Anlage überhaupt heraustransportieren zu können. „Von da an ging es aufwärts“, erzählt Marc Grabher. „Heute sind wir ein echter Nischenplayer.“ Die Strategie, das Geschäftsmodell um einen digitalen Kern zu bauen, keine Massenware herzustellen und nicht auf Geschwindigkeit zu setzen, sondern Einzelstücke zu bauen, die durch extreme Flexibilität, einfache Wartung und hohe Hygiene bestechen, hat sich ausgezahlt. „Das eröffnet uns die Chance, neue Services wie beispielsweise Software-Updates zur Effizienzsteigerung oder Wartungsverträge an die verkauften Maschinen zu knüpfen“, sagt Michael Grabher.

Wir hatten eine klare Vision. Und wir setzen alles auf die digitale Karte. Damit lässt sich auch in einer analogen Branche viel bewegen.
Michael Grabher

Was sehen die beiden Unternehmer als den entscheidenden Grund für ihren Erfolg? „Wir hatten eine klare Vision, einen unbelehrbaren Optimismus und einfach jugendlichen Mut“, sagt Michael Grabher. „Wir waren von unserer Geschäftsidee restlos überzeugt.“ Von Anfang an konzentrierten sie sich allein auf die Entwicklung und Montage von Maschinen; alles andere wäre nur unnötiger Ballast gewesen. „Und wir setzen alles auf die digitale Karte“, so die beiden Brüder wie aus einem Mund. „Damit lässt sich auch in einer analogen Branche viel bewegen. Das zeigt unser Unternehmen und das zeigen unsere Maschinen.“

Fazit

Erfolgreiches unternehmerisches Handeln hat viele Facetten: Visionskraft, Mut, eine Geschäftsidee, die außerhalb der Norm liegt, und der optimale Einsatz der neuen digitalen Technologien. Michael und Marc Grabher haben all das vereint und damit das scheinbar Unmögliche möglich gemacht: Sie haben im Hochlohnland Schweiz ein Maschinenbauunternehmen gegründet – mit Erfolg. „Wir waren von unserer Geschäftsidee überzeugt und haben alles auf die digitale Karte gesetzt.“

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Thomas Lütkemeier

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