5 Minuten Lesezeit 24 März 2021
LKW-Fahrer kontrolliert seinen elektronischen Frachtbrief.

Digitale Frachtpapiere auf der Blockchain

Autoren
Michael Schramm

Leiter EY Blockchain-Kompetenzzentrum | Deutschland, Schweiz, Österreich

Leitet die Blockchain-Aktivitäten in der Region und berät Firmen dabei, Fallbeispiele zu finden, neue Geschäftsmodelle zu entdecken und Pilotprojekte zu implementieren.

Andrea Plöchl-Krejci

Leiterin Transport und Logistik, Technology Transformation

Ob Logistik oder öffentlicher Bereich – ein klarer Prozess und die aktive Einbindung der Menschen sind Voraussetzungen für ein erfolgreiches Digitalisierungsprojekt.

5 Minuten Lesezeit 24 März 2021

Die Digitalisierung von Frachtpapieren bietet sowohl in Hinblick auf Wirtschaftlichkeit als auch Nachhaltigkeit erhebliche Vorteile. Die Blockchain Initiative Logistik revolutioniert die Transportindustrie.

Frachtdokumente sind noch immer papierbasiert und werden oft noch unkontrolliert gehandhabt und übergeben. Die Verfügbarkeit von Daten und Unterschriften für Spediteure, Verlader, Frächter und Versicherungen sind oft nicht rechtzeitig gewährleistet. Irrtümern und Betrug ist Tür und Tor geöffnet. Trotz manchmal unprofessioneller Handhabung ist ein CMR-Frachtpapier ein sehr wichtiges Dokument für Steuer, Zoll und Rechnungslegung. Die Vorteile der Digitalisierung dieses Papiers liegen auf der Hand. Unser Projekt hält sich an den internationalen „eCMR“-Standard, der in vielen Ländern der EU bereits gilt oder gerade im Ratifizierungsprozess ist.

Der Nutzen des digitalen Frachtbriefs

Die Vorteile durch die Digitalisierung von Frachtdokumenten sind vielseitig. Insbesondere im Bereich der ökonomischen Effizienz wurden etliche identifiziert. 

Allein die direkte Kosteneinsparung durch den Wegfall manueller, repetitiver Tätigkeiten im Bereich des Dokumentenhandlings wurde durch verschiedene Institutionen auf mindestens 4,50 Euro je eCMR-Frachtpapier geschätzt.

Folgender Nutzen zeigt sich bei der Verwendung einer digitalen eCMR-Lösung:

  • Prozesskostensenkungen durch Automatisierungspotenzial wie eine direkte Anbindung in Transportmanagementsysteme
  •  Schneller “Realtime”-Zugriff auf Daten und Status durch alle Beteiligten (Absender, Empfänger, Frächter, Spediteur, Behörden und Versicherung im Schadensfall)
  • Exakte Protokollierung der Änderungen von Daten, die bisher nicht nachvollziehbar und handschriftlich auf einzelnen Durchschlägen vermerkt wurden
  • Elektronischer Liefernachweis (Proof-of-Delivery) zeitgleich mit der Unterschrift des Empfängers.
  • Leichte Archivierbarkeit und Auffindbarkeit, z. B. für Finanzprüfungen

Die Blockchain-Architektur von BIL gewährleistet sowohl die Integrität innerhalb der Plattform, als auch Datensicherheit für alle Teilnehmer. BIL verwendet die Ethereum-Technologie zur Notarisierung von Dokumenten.

Die Arbeitsgemeinschaft „Blockchain Initiative Logistik“

Frachtpapiere zu digitalisieren bietet für einzelne Firmen großen Nutzen, sowohl für Spediteure als auch für Verlader. Besonderes Potenzial sehen wir darin, wenn sich mehrere Marktteilnehmer auf einen Standard verständigen. Aus diesem Grund haben sich Branchenvertreter zusammengefunden, um gemeinsam eine Lösung für dieses Branchenproblem zu erarbeiten. In der Pilotentwicklung haben die Marktgrößen DB Schenker, LKW WALTER und VEROO fachlich mitgewirkt.

Darüber hinaus wird das Projekt von GS1/Editel unterstützt, welcher als Treiber der internationalen Standardisierung wirkt sowie, gemeinsam mit EY Österreich die Moderation und Koordination der Plattformentwicklung übernimmt.

Die Wirtschaftsuniversität Wien begleitet das Projekt wissenschaftlich. Die Bundesvereinigung Logistik Österreich unterstützt die Verbreitung des Standards in der Branche.

Die Erfolgsstory

Im Jahr 2019 hat die „BIL“ als Gemeinschaftsprojekt eine Pilotimplementierung analysiert und implementiert. Diese Aktivitäten haben ein breites Medienecho ausgelöst. In großen österreichischen Tageszeitungen und einschlägigen Branchenmagazinen wurde über das Projekt berichtet und im Dezember 2019 ging der Future Zone Award für das beste Blockchain-Projekt des Jahres an das BIL-Team.

Anfang 2020 wurde die Pilotsoftware fertiggestellt und bei mehreren Industriepartnern während internationaler Transporte getestet. Für 2021 steht der Aufbau einer kommerziellen Plattform und die Aufnahme des Produktivbetriebs bei den einzelnen Teilnehmern im Fokus.

Das „Big Picture“

Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist es, zunächst ein Ökosystem für einen kollaborativen und voll integrierten Austausch von gemeinsamen Daten zu schaffen. Dieses auf einer Blockchain basierende dezentralisierten Plattform-Ökosystem soll sich dabei neuester technischer Standards bedienen sowie alle relevanten Regulatorien berücksichtigen.

Spezifiziert bestehen die wichtigsten Regulatorien aus dem eCMR-Protokoll der UNECE sowie der anstehenden EU-weiten eFTI Regulation ("electronic freight transport information"). Die eFTI Regulation wird 2024 in Kraft treten und gibt ein harmonisiertes Framework für digitalen Informationsaustausch im Logistiksektor vor.

Ein weiteres Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist die Schaffung einer kommerziellen eCMR-Software für eine vollständig digitalisierte CMR-Prozess Abwicklung. Künftig sollen Spediteure und Logistikdienstleister die Plattform betreiben und für viele kleine und große Industriebetriebe, Verlader, Spediteure etc. zur Verfügung stellen.

Potenzielle zukünftige Partner sind auch Unternehmen, die CMR-Dokumente in ihren Prozessen weiterverarbeiten müssen, beispielsweise im Rahmen einer Archivierungs-, Rechnungslegungs- oder Versicherungstätigkeit. Versicherungsunternehmen können beispielweise durch eine Anbindung an die Plattform Schadensfälle anhand des eCMR Status erkennen und ihre Folgeprozesse in der Schadensabwicklung automatisch auslösen.
Erweiterte Funktionalitäten erlauben den Teilnehmern und Kunden neben der klassischen Abarbeitung der Frachtpapiere auch Analysen für einen tieferen Einblick in Transporte und bieten die Möglichkeit der Erweiterung diverser technischer Schnittstellen und Anbindungen an bestehende Systeme.

Kernfunktionalitäten der BIL-Plattform

Die BIL-Plattform besteht aus einem Software-Package, welches eigenständig betrieben wird und die Logik für eine Abwicklung eines eCMR-Services ermöglicht. Der eCMR-Service besteht aus der Erstellung und dem Management von eCMR, der Abwicklung der eCMR im Transportverlauf und dem fälschungssicheren Notarisieren von eCMR-Prüfsummendaten auf der Blockchain.

Durch die Nutzung der Blockchain Technologie lässt sich die Sicherheit, Unverfälschbarkeit und Nachvollziehbarkeit der Daten rund um den CMR sicherstellen.

Hierzu hat die technische Universität Wien ein Validierungstool entwickelt und als Open-Source-Projekt zur Verfügung gestellt. Dieses Tool, ermöglicht eine einfache Überprüfung der Echtheit von eCMR-Dokumenten aus der BIL-Plattform.

Grundstruktur der „BIL-Plattform“:

  • unabhängiges Software-Package für jeden Kernteilnehmer
  • User Interface für manuelle Interaktionen
    (Bearbeitungsschritte des eCMR im Transportverlauf)
  • API für eine einfache Anbindung von externen Systemen
  • Schutz der Unternehmensdaten

Für Teilnehmer stehen folgende zwei Implementierungsmodelle zur Verfügung:

  • eigenständiges Betreiben des Technologie-Stacks im eigenen Unternehmen
  • Bezug des BIL-Service von einem Hosting-Partner als Software-as-a-Service-Modell

Organisation der BIL-Plattform

Neben den Nutzern der BIL-Plattform gibt es Teilnehmer, welche im Rahmen einer Koordinationsrolle die Weiterentwicklung der Plattform vorantreiben. Hierbei werden folgende Ziele verfolgt:

  • Klärung der rechtlichen Rahmenbedingungen für eine Umsetzung
  • Standardisierung zwecks der Interaktion mit anderen Plattformen
  • Weiterentwicklung der Funktionalitäten unter Einbindung der Teilnehmer auf Basis eines „Co-Creation“-Ansatzes

Die Orchestrierung dieser Plattform wird von neutralen Moderatoren angeleitet.

Werden Sie Teil der Blockchain Initiative Logistik!

Die BIL-Plattform sucht laufend nach neuen Teilnehmern und Kooperationspartnern.

Das können einerseits Unternehmen sein, die selbst Frachtbriefe erstellen bzw. verwenden, aber auch Dienstleister in diesem Umfeld, die von Logistikdaten profitieren können.

Für neue Teilnehmer gibt es derzeit mehrere Einstiegsmöglichkeiten. Für die aktive Nutzung der eCMR-Software:

  • Der Einstieg als Cloud-Teilnehmer ermöglicht die einfache Nutzung der BIL-eCMR-Software als SaaS mit optionaler API-Anbindung. Des Weiteren besteht die Möglichkeit in den Feedbackprozess der laufenden Entwicklungsprozesse eingebunden zu werden.
  • Der Einstieg als Kernteilnehmer ermöglicht das Betreiben einer eigenen Instanz der BIL-Software, die vollen Quellcoderechte auf die Software zu erhalten sowie die strategische und laufende Entwicklung maßgeblich zu prägen.
  • Der Einstieg als Plattformpartner richtet sich an Drittdienstleister wie Versicherungen und Banken, welche im Rahmen ihrer betrieblichen Tätigkeit einzelne eCMR-Daten in Folgeprozessen benötigen.

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, im Rahmen der BIL-Arbeitsgemeinschaft an der Ausarbeitung von Fragestellungen und Konzepten im Zusammenhang mit der Schaffung eines gemeinsamen, digitalen Ökosystems innerhalb der Logistik und damit verbundener Bereiche aktiv mitzuwirken.

Förderung

Dieses Projekt wurde aus Mitteln des Bundesministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) gefördert und im Rahmen des Programms – Logistikförderung– durch die Schieneninfrastruktur-DienstleistungsgesellschaftmbH (SCHIGmbH) abgewickelt. 

Fazit

Mit BIL wurde eine vernetzte, sichere und flexible Plattform zur Digitalisierung der Transportlogistik geschaffen, die innovative Technologien und neu entstehende Regulatorien in Einklang bringt. Die BIL-Plattform wird bereits aktiv von Organisationen für die Abwicklung von eCMR-Dokumenten genutzt.

Sehen auch Sie die Vorteile vom digitalisierten CMR?

Wollen Sie von der BIL-Community profitieren und zur Weiterentwicklung beitragen?

Dann werden Sie Teil der BIL-Gemeinschaft!

Über diesen Artikel

Autoren
Michael Schramm

Leiter EY Blockchain-Kompetenzzentrum | Deutschland, Schweiz, Österreich

Leitet die Blockchain-Aktivitäten in der Region und berät Firmen dabei, Fallbeispiele zu finden, neue Geschäftsmodelle zu entdecken und Pilotprojekte zu implementieren.

Andrea Plöchl-Krejci

Leiterin Transport und Logistik, Technology Transformation

Ob Logistik oder öffentlicher Bereich – ein klarer Prozess und die aktive Einbindung der Menschen sind Voraussetzungen für ein erfolgreiches Digitalisierungsprojekt.