Die Schweiz ist zudem von den indirekten Effekten der schwächeren Weltwirtschaft betroffen. Die Wachstumsverlangsamung im Euroraum und die geringere Nachfrage nach Zwischenprodukten belasten die Schweizer Hersteller, auch wenn sie nie direkt höhere Zölle bezahlen.
Zurückhaltung bei Investitionen und Abkühlung des Arbeitsmarkts
Aufgrund der vorherrschenden Unsicherheit werden Teile des Investitionszyklus auf Eis gelegt. Durch die Zölle ist ein schwer zu quantifizierendes Abwärtsrisiko entstanden, das Investitionen bremst, bis der politische Ausblick klarer wird. Nach unseren Schätzungen sind die Investitionen im Jahr 2025 um 1,3 Prozent zurückgegangen. Für 2026 erwarten wir einen weiteren Rückgang um 0,4 Prozent.
Die Beschäftigung wuchs in der ersten Jahreshälfte 2025 stetig, aber verhalten um 0,6 bis 0,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wobei diese Zahlen die Auswirkungen der Zölle noch nicht widerspiegeln. Umfragen signalisieren, dass eine Abschwächung der Neueinstellungen bevorsteht. Die registrierte Arbeitslosigkeit steigt seit Ende 2023 langsam an und dürfte sich bis ins Jahr 2026 weiter erhöhen. Erst wenn sich das BIP-Wachstum verbessert, dürfte sie allmählich wieder zurückgehen.
Die Lohninflation hat sich auf unter 1 Prozent abgeschwächt. Angesichts der Zollunsicherheit bei Exportaufträgen scheuen sich Unternehmen vor einer Erhöhung ihrer Fixkosten. Wir gehen davon aus, dass das Lohnwachstum bis Ende Jahr seine Talsohle erreicht und im Jahr 2026 in Richtung 1,4 Prozent ansteigt.
Tiefe Inflation, Geldpolitik im Wartemodus
Die Inflation verharrt im Jahresvergleich nahe null Prozent. Der starke Franken, die günstigeren Importe und die tiefen Energiepreise haben die Inflation ans untere Ende der Zielspanne der Schweizerischen Nationalbank (SNB) sinken lassen. Auch die Kerninflation hat nachgelassen. Eine langsame Rückkehr in Richtung 1 Prozent ist zu erwarten, da die Energieeffekte nachlassen.
Die SNB hat auf den verhaltenen Preisdruck reagiert: Sie hat die Zinsen im Juni 2025 auf null gesenkt und seither unverändert belassen. Negativzinsen sind weiter nicht ausgeschlossen, wenn der Schweizer Franken weiter aufwertet oder der Deflationsdruck zunimmt. Umgekehrt sind bei einem soliden BIP-Wachstum und einem Anstieg der Inflation über 1 Prozent in den Jahren 2027 und 2028 geringe Zinserhöhungen möglich.
Das breitere europäische Wirtschaftsumfeld
Parallel zu den Herausforderungen der Schweiz sieht sich die breitere europäische Wirtschaft mit vergleichbaren, aber weniger starken Auswirkungen der effektiven Zölle konfrontiert. Natürlich waren auch die Handelsströme im Euroraum von den US-Zöllen betroffen, doch der Schock war stärker gestreut und leichter aufzufangen.
Ähnlich wie in der Schweiz war das BIP-Wachstum im Euroraum aufgrund von vorgezogenen Exporten volatil. Dies gilt insbesondere für Irland, wo multinationale Unternehmen im zweiten Quartal 2025 zu einem kräftigen Anstieg des BIP-Wachstums um 18 Prozent beitrugen. Doch der Kern der europäischen Wirtschaft wächst weiter in moderatem Tempo.
Deutschland und Italien zeigen nach wie vor die schwächste Performance. Beide Länder werden durch strukturelle Probleme, eine verhaltene Investitionstätigkeit und eine starke Abhängigkeit vom globalen verarbeitenden Gewerbe belastet. Polen und Spanien verzeichnen unter den grössten europäischen Volkswirtschaften weiterhin das stärkste Wachstum. Insgesamt wird für den Euroraum ein Wachstum von 1,4 Prozent im Jahr 2025 und von 1,1 Prozent im Jahr 2026 erwartet. Schätzungen deuten darauf hin, dass die Zölle das BIP-Wachstum im Euroraum 2026 um ungefähr einen halben Prozentpunkt schmälern könnten. Die Wirkung dürfte also geringer ausfallen als in der Schweiz, wo für 2026 unter Annahme sektorspezifischer Zölle von 15 Prozent auf Pharmazeutika und Halbleiter ein Rückgang des BIP-Wachstums um 0,9 Prozentpunkte erwartet wird.
Das Abkommen zwischen den USA und der EU sieht wie jenes mit der Schweiz eine Zollobergrenze von 15 Prozent für die meisten Exporte vor. Doch im Euroraum schützt diese Obergrenze ein breiteres Spektrum von Branchen in einem deutlich grösseren Markt. Der Stahl- und Aluminiumsektor in der EU steht mit Zöllen von 50 Prozent immer noch unter Druck. Wichtige Kategorien wie Flugzeuge, Generika und natürliche Ressourcen sind jedoch von Zöllen befreit.
Die Aufwertung des Euro, unterstützt durch die geldpolitische Lockerung in den USA und einen strafferen Haushaltsausblick in Deutschland, trägt zusätzlich zum Wettbewerbsdruck auf europäische Exporteure bei. Gleichermassen erhöht der starke Schweizer Franken, der häufig positiv mit dem Euro korreliert, den Wettbewerbsdruck und verstärkt die Auswirkungen der Zölle.
Aus Schweizer Sicht stellen eine schwächere Nachfrage im Euroraum, ein flacheres Exportwachstum und anhaltende Handelsspannungen Risiken dar, insbesondere für Unternehmen, die eng mit europäischen Wertschöpfungsketten verflochten sind. Das breitere Handelsumfeld bleibt fragil. Allfällige Rückschläge in Europa würden die exportorientierten Sektoren der Schweiz und die Wachstumsaussichten des Landes insgesamt belasten.
Konjunkturaussichten der Schweiz: allmähliche Erholung
Die Wirtschaftstätigkeit in der Schweiz wird verhalten bleiben. Der Höhepunkt der Wachstumsbelastung durch Zölle wird für 2026 erwartet, insbesondere wenn sektorspezifische Zölle auf Pharmazeutika erhoben werden. Eine robustere Erholung im Euroraum, eine stabilere globale Nachfrage und tiefere Zinsen dürften eine Erholung ab 2027 unterstützen.