Aichwalder: Wie läuft das in der Praxis? Trefft ihr euch dazu regelmäßig?
Hiesinger: Sogar alle zwei Wochen kommt die erweiterte Geschäftsleitung zusammen, um Ergebnisentwicklung und Maßnahmen zu besprechen und zu hinterfragen. Das hält den Druck auf dem Programm und rüttelt die ganze Organisation auf – es ist eben nicht nur Vorstandsthema.
Aichwalder: Was ist die größte Herausforderung, wenn du auf 2026 blickst?
Hiesinger: Wir haben inzwischen über 1.000 einzelne Maßnahmen im Programm und wollen damit nachhaltig einen hohen dreistelligen Ergebnisbeitrag erzielen, über mehrere Jahre hinweg. Die eigentliche Herausforderung liegt in der großflächigen Umsetzung über die gesamte Gruppe hinweg – von Vietnam bis Chile.
Aichwalder: Der amerikanische Markt ist euch wichtig. Wie schätzt du das US-Umfeld im Vergleich zu Europa ein?
Hiesinger: Beide Märkte sind derzeit leider recht schwach, das zeigen schon die BIP-Zahlen. In den USA sind wir aber in einem kleinen, attraktiven Nischensegment aktiv – der Pharma-Verpackung – und können dort vom Wachstum profitieren. Ein besonders starkes Produkt sind Verpackungen für GLP-1-Präparate, bei uns bekannt als Diabetes- oder Abnehmspritzen: Die Nachfrage wächst deutlich zweistellig, und wir sind für die weitere Entwicklung sehr zuversichtlich.
Aichwalder: Wenn man in die Finanzabteilung schaut – welche Kennzahlen steuern euch wirklich?
Hiesinger: Unabhängig von Fit for Future haben wir drei zentrale Financial KPIs: den Adjusted Operating Profit, also das bereinigte Betriebsergebnis, dazu ROCE und Top-Line Growth. Bereinigt werden Einmaleffekte über 5 Millionen Euro – meist Restrukturierungskosten, aber auch einmalige Erträge wie ein Unternehmensverkauf im dreistelligen Millionenbereich im vergangenen Jahr.
Aichwalder: Welche Risiken siehst du für 2026, speziell für die Mayr-Melnhof-Gruppe?
Hiesinger: Leider setzt sich der Trend der letzten Jahre fort: geopolitische Risiken und ihre wirtschaftlichen Folgen. Die Krise im Nahen Osten hat etwa die Energiekosten stark getrieben – Gas ist an einem Tag um 50 Prozent gestiegen und liegt trotz Erholung noch immer mehr als 30 Prozent über dem Vorkrisenniveau. Dazu kommen die Nachwirkungen der Ukraine-Krise und eine seit drei, vier Jahren spürbare Stagflation mit schwacher Nachfrage nach Verpackungen.
Aichwalder: Was war für dich die schwierigste Entscheidung als CFO in den letzten zwei Jahren?
Hiesinger: Die Kosten konsequent runterzubringen, auch mit teils harten Einschnitten, und gleichzeitig die gesamte Belegschaft auf diesen Weg mitzunehmen. Ich bin unseren Mitarbeitenden sehr dankbar, dass sie sich diesen unangenehmen Marktbedingungen gestellt haben – gemeinsam haben wir eine enorme Zahl an Einsparungs- und Verbesserungsinitiativen umgesetzt.
Aichwalder: Ihr wurdet 2026 von der Financial Times als „Europe's Climate Leader" ausgezeichnet. Wie schafft man das?
Hiesinger: Wir setzen seit Jahren konsequent auf Nachhaltigkeit – ausgezeichnet unter anderem vom Time Magazine als eines der weltweit nachhaltigsten Unternehmen und mit einem Triple-A-Rating von CDP. Unser Geschäftsmodell ist im Kern schon Kreislaufwirtschaft: Wir verarbeiten Altpapier zu einem wertvollen Produkt, das andere Produkte schützt, bis es im Idealfall wieder als Altpapier zu uns zurückkommt. Zusätzlich haben wir unseren CO2-Fußabdruck seit 2019 um mehr als 50 Prozent gesenkt und unser 2031-Ziel bereits übertroffen.