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Kann die Schweiz ihre Rolle als Finanzinnovator zurückgewinnen?


Erfahren Sie, wie neue FINMA‑Bewilligungen das lange stagnierende regulierte Schweizer Fintech‑Ökosystem wiederbeleben könnten.


In brief

  • Die FINMA‑Lizenzvergabe im Schweizer Fintech‑Sektor stagniert, da das aktuelle Rahmenwerk viele Start-ups herausfiltert. 
  • Schwache, fragmentierte Beratung und Gründerunerfahrenheit führen zu ungenügenden Gesuchen, Verzögerungen und hohen Kosten, welche die Entwicklung eines regulierten Fintech‑Ökosystems ausbremsen. 
  • Neue Zahlungs- und Krypto‑Bewilligungen sollen die Regulierung modernisieren, Hürden abbauen und die Schweiz wieder wettbewerbsfähiger machen.

Die Schweiz beherbergt einen der renommiertesten Bankensektoren der Welt. Doch bei Fintech‑Innovation, gemessen an den regulierten Fintechs, zeigt sich ein deutlich weniger positives Bild. Trotz jahrelanger politischer Diskussionen und hoher Erwartungen operierten per April 2026 lediglich vier noch aktive Fintech‑Unternehmen mit einer Lizenz der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (FINMA). Zum Vergleich: In der Europäischen Union verfügen dutzende Fintechs über entsprechende Bewilligungen; allein Frankreich zählt 24 zugelassene E‑Geld‑Institute bei der ACPR, Deutschland elf bei der BaFin.

Der Gegensatz könnte kaum grösser sein. In der EU gelten E‑Geld‑ und Zahlungsinstitute als Standardbausteine für Fintech‑Skalierung. In der Schweiz hingegen bleiben Lizenzen selten, aufwendig und unattraktiv. Medien thematisieren das Problem regelmässig, wobei die Schuldzuweisungen zwischen Start‑ups und Aufsicht hin‑ und hergehen. Unabhängig davon ist das Ergebnis ein stagnierendes Ökosystem: Schweizer Innovation existiert, scheitert aber daran, in regulierte, skalierbare Geschäftsmodelle überzugehen. Will die Schweiz ein führender Finanzplatz bleiben, darf sie diese Lücke nicht ignorieren.

Unpassende Geschäftsmodelle und schwache Beratung

Branchenkenner nennen zwei Hauptgründe für den dürftigen Lizenzierungsstand: unpassende Geschäftsmodelle und unzureichende Beratung.

Die von jungen Fintechs eingereichten Geschäftsmodelle passen häufig nicht zum FINMA‑Lizenzrahmen. Erfolgreiche Konzepte aus anderen Märkten, insbesondere E‑Geld‑ und Zahlungsmodelle, lassen sich unter den aktuellen Schweizer Vorgaben kaum umsetzen. Die Schweiz kennt keine E‑Geld‑Lizenz; Anbieter dürfen weder Zinsen zahlen noch Kundengelder investieren. Dadurch entfallen zentrale Erlösmodelle, auf denen viele Fintechs sonst basieren.

Hinzu kommt fragmentierte, qualitativ schwache Beratung. Anstelle erfahrener Unternehmen engagieren viele Gründer günstige Einzelfachleute oder generieren Teile ihrer Unterlagen gar über GenAI‑Tools. Das Ergebnis: Gesuche voller Widersprüche und Fehler – für die FINMA ein sofortiges Warnsignal.

Auch der spezialisierte Beratungsmarkt trägt zur Problematik bei. Kleinere Anbieter bewerben sich als Start‑up‑Spezialisten, liefern aber Unterlagen, die den professionellen Anforderungen nicht genügen und damit das gesamte Ökosystem belasten. Gleichzeitig scheuen viele Gründer grössere Beratungsfirmen aus Kostengründen, obwohl diese die notwendige multidisziplinäre Expertise bieten könnten. Der Preis für die vermeintlich günstige Lösung: abgelehnte Anträge, Verzögerungen, ungeplante Kapitalverbrennung und ein zunehmender Innovationsstopp im regulierten Schweizer Fintech‑Bereich.

Der FINMA‑Lizenzleitfaden

Ein praktischer Leitfaden für Finanzmarktteilnehmer in der Schweiz.

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Gründernaivität oder regulatorische Überregulierung?

In den Medien wird häufig behauptet, die Schweizer Regulierung sei überzogen. Viele Gründer und Investoren argumentieren, die FINMA verlange Strukturen auf Bankniveau, Governance, Kapital, Risikomanagement, welche kleine Teams kaum stemmen können. Der Vorwurf: Die Behörde verstehe moderne Fintech‑ Geschäftsmodelle nicht und wende Massstäbe an, die für digitale Geschäftsmodelle unpassend seien. Was dabei herausschaue, sei ein Bewilligungsprozess, der zu lange dauert und im Verhältnis zu den Geschäftsmöglichkeiten, die er eröffnet, zu teuer ist.

Die FINMA – denke ich – widerspricht: Start‑ups fehlt oftmals das Know‑how für einen regulierten Markt. Viele Gründer stammen aus der Technologieentwicklung und unterschätzen Compliance, Risikomanagement und aufsichtsrechtliche Anforderungen. Die FINMA sieht den Bewilligungsprozess nicht als Hürde, sondern als notwendigen Prüfstein: Er trennt tragfähige Geschäftsmodelle von solchen, die keine Marktstabilität gewährleisten könnten.

Die politische Reaktion

Diese Blockade könnte sich nun lösen. Im Entwurf zur Revision des Finanzinstitutsgesetzes (FINIG) stehen neue Bewilligungskategorien zur Diskussion. Damit würde sich die Schweizer Regulierung in Richtung eines flexibleren, zukunftsorientierten Systems bewegen. Die Entwicklung von der FINMA-„Banklizenz light“ zu den beiden neuen vom Bundesrat vorgeschlagenen Bewilligungskategorien widerspiegelt das wachsende Bewusstsein, dass Innovation und Kundenschutz sich nicht gegenseitig ausschliessen, sondern gemeinsam fortschreiten müssen.

Eine bescheidene Bilanz: Die FINMA-„Banklizenz light“

Die 2019 von der FINMA im Rahmen des revidierten Bankengesetzes eingeführte Fintech-Bewilligung (oder „Banklizenz light“) erlaubt das Halten von Kundengeldern bis zu CHF 100 Millionen. Allerdings ist sie an zwei strikte Auflagen geknüpft, die potenzielle Fintech-Geschäftsmodelle stark einschränken:

  • Keine Kreditvergabe oder Investition von Einlagen.
  • Keine Verzinsung von Kundengeldern.

Obwohl die Fintech-Lizenz eigentlich Markteintrittsbarrieren für Start-ups senken und Innovation fördern sollte, haben die genannten Einschränkungen die Lizenz für die meisten modernen Fintech-Modelle unattraktiv gemacht – insbesondere für solche, die auf Zahlungsdienstleistungen, Krypto-Wallets oder Neobanking basieren. Viele betrachten die Lizenz vielmehr als Zwischenschritt auf dem Weg zu einer vollwertigen Banklizenz, nicht als eigenständiges, tragfähiges Regelwerk.

Ein Wendepunkt: Der Bundesrat macht Fortschritte bei Stablecoins und Krypto

Um der Diskrepanz zwischen der aktuellen Regulierung und der Realität der Fintech-Branche zu begegnen und um aufkommende internationale Standards für die Aufsicht über Stablecoins und Dienstleistungen mit Kryptowerten abzubilden, hat der Bundesrat ein Vernehmlassungsverfahren zur Änderung des Finanzinstitutsgesetzes eingeleitet. Der Gesetzesentwurf sieht das Ende der Bewilligung nach Art. 1b Bankgengesetz («Fintech-Lizenz») vor und ersetzt sie durch zwei neue Bewilligungskategorien: eine für Zahlungsinstitute und eine für Krypto-Institute.

Die vorgeschlagene Änderung erlaubt es Zahlungsinstituten, eine spezielle Art von Stablecoin auszugeben – vorbehaltlich bestimmter Pflichten und Anforderungen, die den Konsumentenschutz und die Geldwäschereiprävention stärken sollen. Zudem fällt für Zahlungsinstitute die Begrenzung der Einlagen auf CHF 100 Millionen weg. Die Lizenz für Krypto-Institute soll auf der Bewilligung für Effektenhändler basieren, jedoch in reduzierter Form, da Krypto-Institute keine Dienstleistungen mit Finanzinstrumenten erbringen. Gleichzeitig sollen strenge Anforderungen gelten, um Interessenkonflikte zu vermeiden.

Diese Massnahmen könnten einen Wandel von statischen, restriktiven Lizenzmodellen hin zu einer technologieneutralen Regulierung signalisieren – und damit die Schweizer Fintech-Landschaft endlich wettbewerbsfähig machen. Durch die Angleichung an internationale Standards und die Schaffung von Wachstumsspielräumen könnten die Reformen den Sektor beleben und internationale Innovatoren anziehen.

Das mehrstufige Lizenzsystem der Europäischen Union, kombiniert mit den PSD2-basierten Zahlungsrahmen und MiCA, hat sich als starker Wachstumsmotor für Fintechs erwiesen. Die Schweizer Entscheidungsträger scheinen sich von diesem Ansatz inspirieren zu lassen: Die vorgeschlagene Zulassung für Zahlungsinstitute würde endlich einen Weg schaffen, der der E‑Geld-Lizenz der EU ähnelt – einen Weg, der Skalierung ermöglicht, ohne dass eine vollwertige Banklizenz erforderlich ist.

Ermutigung zu lizenzierter Innovation: Was sich ändern muss

Auf politischer Ebene

  • Neue Lizenzkategorien finalisieren und implementieren
  • Aufsichtserwartungen und Prozesse transparent machen
  • Dialog zwischen Regulatoren und Start‑ups stärken

Auf Ökosystem‑Ebene

  • Gründer für Anforderungen regulierter Märkte sensibilisieren
  • Professionelle Beratungsstrukturen stärken
  • Hochschulen, Accelerators und Inkubatoren besser ausstatten

Auf Unternehmensebene

  • Governance‑, Compliance‑ und Risikorahmen früh aufbauen
  • Geschäftsmodelle an die neuen Rahmenbedingungen anpassen
  • Prüfen, ob bestehende Lizenzen transformiert oder neue Einheiten geschaffen werden müssen
  • Beratung wählen, die sowohl regulierte Märkte wie auch Start‑up‑Realitäten versteht

Wenn die Reformen wie geplant umgesetzt werden, könnten sie die Lücke zwischen der traditionellen Schweizer Bankenstärke und einem innovationsgetriebenen Finanzökosystem endlich schliessen.

Zusammenfassung 

Der regulierte Schweizer Fintech‑Sektor hinkt anderen Ländern hinterher, da FINMA‑ Bewilligungen selten vergeben werden. Anders als die flexiblen EU‑Regime für E-Geld- und Zahlungsinstitute blockiert der Schweizer Rahmen zentrale Geschäftsmodelle. Während Kritiker Überregulierung bemängeln, betont die FINMA die mangelnde Businessmodell-Reife vieler Start‑ups. Neue Zahlungs- und Krypto‑Lizenzen sollen strukturelle Hürden abbauen, die Regulierung modernisieren und die Schweiz international anschlussfähig machen. Gelingt die Umsetzung, könnten die Reformen ab 2027 das Ökosystem beleben und Schweizer Fintechs zu wachstumsfähigen, regulierten Anbietern machen.


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