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ESG in der Immobilienbewertung – vom theoretischen Rahmen zur Anwendung


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RICS 4th Edition schärft ESG in Bewertungen: weniger Datensammlung, mehr Nachweis, klare Trennung von Marktwert und Strategie.

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Überblick:

  • ESG bleibt Bestandteil der Bewertung, aber nur bei nachweisbarer Marktrelevanz. Der Fokus verschiebt sich auf Begründung und Transparenz.
  • Klare Trennung zwischen stichtagsbezogenem Marktwert und strategischer ESG-Perspektive als eigenständige Beratungsleistung.
  • Strengere Anforderungen an Daten, Capex-Ableitung und Dokumentation, bei unverändertem methodischem Bewertungssystem.

Die zunehmende Integration von ESG‑Überlegungen in Immobilienmärkte ist kein neues Phänomen. Bereits die RICS 3rd Edition (Dezember 2021, wirksam ab 31. Januar 2022) hat ESG als relevanten Einflussfaktor auf Wertentwicklung, Risiko und Marktverhalten etabliert. Darin wird festgestellt, dass ESG‑Anforderungen zunehmend Investitionsentscheidungen, Mietnachfrage und die langfristige Nutzbarkeit von Immobilien beeinflussen können, wenn auch in unterschiedlicher Intensität je nach Markt und Assetklasse.

Die 4th Edition (Januar 2026, wirksam ab 30. April 2026) setzt genau hier an, allerdings unter veränderten Rahmenbedingungen. RICS begründet das Update explizit damit, dass entsprechende Anpassungen insbesondere im Zuge der EU-Gesetzgebung von Seiten der Banken eingefordert wurden. Hinzu kommen gestiegene Marktanforderungen sowie die deutlich gewachsene Bedeutung von ESG im Bewertungsumfeld, was seit der letzten Ausgabe zu spürbaren Veränderungen in Prozessen und Bewertungspraktiken geführt hat.

Vor diesem Hintergrund ist das Update weniger als inhaltlicher Neubeginn zu verstehen, sondern vielmehr als Konsolidierung und Präzisierung bereits bestehender Prinzipien. Kurzum, die 4th Edition verändert nicht das "Ob" der ESG‑Berücksichtigung, sondern das "Wie" und "Wie nachvollziehbar".


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Kapitel 1

Der "alte" Standard: ESG als Bestandteil des Bewertungsdenkens

Die 3rd Edition integriert ESG in die Bewertung, jedoch konsequent entlang des beobachtbaren Marktverhaltens.

Die 3rd Edition zeichnet sich durch eine klare, aber bewusst analytisch offene Herangehensweise aus. ESG wird nicht als eigenständiger Bewertungsparameter verstanden, sondern als Bündel von Faktoren, die – sofern sie das Verhalten von Marktteilnehmern beeinflussen – Eingang in die Bewertung finden müssen.

Der Grundsatz ist dabei klar ausformuliert. Der Bewerter hat den Markt zu spiegeln und ihn nicht zu antizipieren oder zu steuern. ESG‑Faktoren sind somit nur dann wertrelevant, wenn sie sich im Verhalten von Käufern, Mietern oder Investoren niederschlagen.

Diese Logik zieht sich konsequent durch den gesamten Bewertungsprozess. ESG wird in der 3rd Edition entlang der klassischen Struktur der Bewertung verortet. Bereits bei der Beauftragung sind relevante ESG‑Aspekte, Datenquellen und Annahmen festzulegen. Während der Analysephase sind entsprechende Informationen, soweit verfügbar und relevant, zu berücksichtigen. Im Reporting ist transparent darzustellen, inwiefern ESG‑Überlegungen die Bewertung beeinflusst haben oder eben nicht. Entscheidend ist dabei, was unter diesen Informationen konkret zu verstehen ist. Dies sind in der Regel typische ESG-relevante Informationsquellen und -inhalte, wie beispielsweise:

  • Objektspezifische Daten, wie Energieeffizienz, CO₂‑Emissionen, Zustand der Gebäudetechnik oder vorhandene Zertifizierungen (z. B. LEED, BREEAM), die Rückschlüsse auf Performance, Betriebskosten und zukünftige Investitionsbedarfe erlauben.
  • Capex-relevante Informationen, etwa zum notwendigen Retrofit‑Aufwand, zum Erfüllungsgrad regulatorischer Anforderungen oder zur technischen Erneuerbarkeit von Bauteilen und Anlagen.
  • Standort- und Risikodaten, insbesondere zu physischen Risiken wie Hochwasser, Hitze oder anderen klimabedingten Einwirkungen, die die Nutzbarkeit und Versicherbarkeit beeinflussen können.
  • Marktinformationen, etwa zur Nachfrage nach nachhaltigen Flächen, zu Präferenzen institutioneller Investoren, regulatorischen Mindestanforderungen oder beobachtbaren Preis- bzw. Renditeunterschieden („green premium“ bzw. „brown discount“ – sofern nachweisbar).
  • Vergleichsdaten, soweit verfügbar, etwa in Form von Energiekennwerten, Zertifizierungen oder bekannten ESG‑Eigenschaften vergleichbarer Transaktionen.

Diese Informationen sind jedoch nicht als isolierte Inputgrössen zu verstehen. Vielmehr dienen sie als Grundlage für eine Bewertung der zentralen Wirkungsmechanismen, über die ESG in die Wertermittlung einfliessen kann.
 

Besonders wichtig ist dabei die methodische Offenheit. ESG kann innerhalb bestehender Bewertungsmodelle sowohl implizit als auch explizit verarbeitet werden. Während beispielsweise im Kapitalisierungsansatz ESG‑Risiken häufig über Renditen oder Marktannahmen indirekt einfliessen, erlaubt ein DCF‑Modell (sowie ein klassisches Ertragswertverfahren) eine deutlich präzisere Abbildung von Effekten wie Capex, regulatorischen Anforderungen oder Mietentwicklung. Konkret kann sich dies in der Bewertung unter anderem auf der Einnahmenseite (Unterschiede in Marktmieten, Vermietbarkeit oder Mietdynamik, wenn ESG-Kriterien die Nachfrage beeinflussen), Ausgabenseite (zusätzliche Investitionen für Instandhaltung, Dekarbonisierung oder regulatorische Anpassungen), Risikoseite (Anpassung Diskontsatz oder Exit-Rendite, wenn ESG-Defizite als erhöhtes Liquiditätsrisiko wahrgenommen werden) oder in der Haltedauer (längere Leerstandsrisiken oder steigende Incentives bei nicht marktkonformen Objekten).
 

Gleichzeitig bleibt eine grundlegende Einschränkung bestehen. Selbst in einem DCF dürfen Annahmen nicht losgelöst von Marktbeobachtungen erfolgen. Auch hier gilt der Stichtagsbezug. Das heisst, zukünftige Entwicklungen dürfen nur dann berücksichtigt werden, wenn sie bereits hinreichend im Markt verankert sind.
 

Inhaltlich adressiert die 3rd Edition bereits alle wesentlichen ESG‑Treiber: energetische Anforderungen, regulatorische Entwicklungen, physische Klimarisiken, Obsoleszenzrisiken sowie die Auswirkungen auf Investoren- und Nutzerverhalten. Das konzeptionelle Fundament der ESG‑Bewertung war bereits 2021 vollständig gelegt.

Two business partners are discussing business strategy while reviewing project data using a digital tablet in front of an office building
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Kapitel 2

Der "neue" Standard: Präzisierung statt Neudefinition

Die 4th Edition schärft die Anwendung von ESG durch stärkere Fokussierung auf Relevanz, Marktbezug und methodische Abgrenzung.

Die 4th Edition knüpft unmittelbar an die Logik der 3rd Edition an, entwickelt diese jedoch deutlich weiter, indem sie die einzelnen Schritte zwischen ESG‑Information, Marktbeobachtung und Bewertung systematischer strukturiert und klarer voneinander abgrenzt. Im Zentrum steht dabei nicht die Frage, welche ESG‑Faktoren relevant sein können (diese sind bereits bekannt), sondern vielmehr, unter welchen Bedingungen und auf welche Weise diese Informationen tatsächlich in die Wertermittlung einfliessen dürfen.

Informationsbasis: stärkere Fokussierung auf Relevanz und Nachvollziehbarkeit

Während die 3rd Edition eine breite Sammlung potenziell relevanter ESG‑Daten zulässt, präzisiert die 4th Edition, dass Informationen nur dann berücksichtigt werden sollen, wenn sie für die konkrete Bewertung signifikant und verhältnismässig sind. Diese scheinbar kleine Anpassung hat erhebliche praktische Konsequenzen. ESG‑Daten werden nicht mehr als möglichst umfassender Datensatz verstanden, sondern als gezielte Auswahl solcher Informationen, die tatsächlich Einfluss auf die Preisbildung haben könnten.

Im Detail konkretisiert die 4th Edition die relevanten Informationsarten weiter, insbesondere durch:

  • eine strukturierte Betrachtung ESG‑relevanter Merkmale auf Objektebene, etwa Spezifikation, Energieperformance oder technische Ausstattung, soweit diese wertrelevant sind,
  • eine stärkere Einbindung von Vergleichsdaten, wobei ESG‑Eigenschaften von Comparables (soweit verfügbar) bewusst in die Analyse einbezogen werden sollen,
  • eine klarere Erwartung, dass auch ohne Spezialgutachten verfügbare Informationen zu physischen Risiken (z. B. aus öffentlichen Quellen) berücksichtigt werden, sowie
  • die Einführung eines konsolidierten KPI‑Rahmens, der jedoch explizit nicht als Checkliste zu verstehen ist, sondern nur dort Anwendung findet, wo Daten tatsächlich zur Bewertung beitragen.

Die neuen Standards unterstreichen dabei, dass Datenverfügbarkeit, -qualität und
-verantwortung weiterhin eine Herausforderung darstellen und dass die Rolle des Bewerters primär in der Erhebung und Einordnung relevanter Informationen liegt, nicht aber in einer umfassenden ESG‑Datensammlung.

Wirkungsmechanismus: klare Trennung zwischen Marktwert und strategischer Perspektive

Der wohl wichtigste konzeptionelle Schritt der 4th Edition liegt in der systematischen Trennung zwischen zwei Ebenen:

  • Marktwert (Market Value) als stichtagsbezogene Betrachtung
  • Strategische ESG‑Analyse als zukunftsorientierte Betrachtung

Die 4th Edition stellt ausdrücklich klar, dass ESG‑Risiken, Chancen oder Transformationspfade nicht automatisch Bestandteil der Bewertung sind, sondern häufig in den Bereich der "strategic sustainability/ESG advice" fallen, die als separate Leistung zu behandeln ist.

Dieser Punkt adressiert ein zentrales Spannungsfeld, das bereits in der 3rd Edition angelegt war, nun aber explizit gemacht wird: Viele ESG‑Fragestellungen, etwa zur Dekarbonisierung oder zu langfristigen regulatorischen Entwicklungen, sind für Investoren hochrelevant, aber (noch) nicht notwendigerweise im Marktpreis reflektiert.

Die 4th Edition formuliert hierzu klar, dass ESG‑Faktoren nur dann in die Bewertung einfliessen dürfen, wenn sie:

  • signifikant für die Wertbildung sind,
  • messbar und nachvollziehbar abgebildet werden können, und
  • aus Sicht eines Marktteilnehmers vernünftigerweise berücksichtigt werden.

Gleichzeitig wird anerkannt, dass viele ESG‑Themen zwar bekannt, aber noch nicht vollständig im Markt verarbeitet sind. In solchen Fällen ist der Bewerter aufgefordert, diese Aspekte zu identifizieren und zu kommentieren, aber nicht zwingend in eine wertseitige Anpassung zu übersetzen.

Kurzum, die implizite Trennung zwischen Marktwert und Zukunftsperspektive wird zu einer expliziten methodischen Grenze.

Bewertungseffekt: höhere Anforderungen an die Ableitung und Dokumentation

Auf Ebene der konkreten Bewertung führt die 4th Edition keine neuen Mechanismen ein, verschärft jedoch die Anforderungen an deren Anwendung.

Die bekannten Übertragungswege bleiben bestehen:

  • Einfluss auf Cashflows (Miete, Leerstand, Incentives)
  • Einfluss auf Kosten (Capex, Betriebskosten)
  • Einfluss auf Risikoannahmen (Diskontsatz, Exit Yield)
  • Einfluss auf Marktfähigkeit und Obsoleszenz eines Objekts

Neu ist jedoch die Art und Weise, wie diese Effekte begründet werden müssen.

Dies zeigt sich besonders deutlich beim Umgang mit Capex‑Annahmen. Während die 3rd Edition noch relativ offen formuliert, dass Bewerter unter bestimmten Umständen solche Einschätzungen vornehmen können, stellt die 4th Edition strengere Anforderungen:

  • Kostenannahmen sollen möglichst auf qualifizierter Drittinformation basieren,
  • ihre Herkunft und Belastbarkeit sind im Bericht transparent zu machen, und
  • die Rolle des Bewerters ist klar von jener eines Kosten- oder ESG‑Spezialisten abzugrenzen.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Berücksichtigung physischer Risiken. Diese sollen nicht nur qualitativ beschrieben, sondern (soweit möglich) im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf Marktfähigkeit, Nutzung und Wert eingeordnet werden.

Darüber hinaus verlangt die 4th Edition eine stärkere Integration von ESG‑Überlegungen in die Analyse von Comparables. Unterschiede in ESG‑Merkmalen sind, sofern relevant und beobachtbar, bei der Ableitung von Vergleichswerten zu berücksichtigen.

Der zentrale Unterschied zur 3rd Edition ist, dass nicht die Bewertung selbst komplexer wird, sondern neben dem entsprechenden Dokumentationsaufwand auch die Herleitung und Begründung der verwendeten Annahmen.

Aerial view of a serpentine road carving through a dense forest, the asphalt a stark grey ribbon amidst the vibrant green canopy, Giau Pass, Veneto, Italy.
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Kapitel 3

Gesamteinordnung: Was sich wirklich verändert hat

Aufbauend auf der 3rd Edition schafft die 4th Edition mehr Klarheit und Struktur in der methodischen Umsetzung von ESG.

Setzt man beide Editionen systematisch in Bezug, ergibt sich ein konsistentes Bild.

Die 3rd Edition etabliert ESG als integralen Bestandteil der Bewertung und beschreibt die relevanten Einflussfaktoren umfassend. Die 4th Edition knüpft daran an, reduziert jedoch Interpretationsspielräume und überführt die Prinzipien in einen klareren methodischen Rahmen.

Die wesentliche Entwicklung lässt sich dabei wie folgt zusammenfassen:

  • Die Informationsbasis wird nicht breiter, sondern selektiver und stärker auf Relevanz ausgerichtet.
  • Der Wirkungsmechanismus wird klar zwischen Marktwert und strategischer Perspektive getrennt.
  • Der Bewertungseffekt bleibt gleich, wird jedoch strenger begründet und dokumentiert.

Schlussfolgerung für die Praxis

Für Bewerter wie auch für institutionelle Nutzer bedeutet das Update vor allem eines: Die Diskussion verschiebt sich von der Fragestellung, welche ESG-Faktoren relevant sind, zur deutlich anspruchsvolleren Frage, ob diese Faktoren am Bewertungsstichtag bereits im Marktpreis reflektiert sind und wie sich diese belegen lassen.

Die 4th Edition zwingt damit zu einer höheren Disziplin in der Argumentation. ESG‑Überlegungen können nicht mehr lediglich identifiziert werden, sondern müssen präzise in die Logik von Markt, Modell und Bericht eingeordnet werden.

Die Entwicklung der RICS‑Standards zeigt, dass ESG nicht mehr das eigentliche Problem der Bewertung ist. Die wirkliche Herausforderung liegt darin, sauber zu trennen, was bereits Marktrealität ist und was noch strategische Erwartung und diese Unterscheidung nachvollziehbar zu dokumentieren.


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Fazit

Die RICS 4th Edition baut auf der 3rd Edition auf und präzisiert den Umgang mit ESG in der Immobilienbewertung. Neu ist weniger die Methodik als die Disziplin in Anwendung und Dokumentation. ESG-Faktoren dürfen nur berücksichtigt werden, wenn sie nachweislich die Marktpreisbildung beeinflussen. Gleichzeitig erfolgt eine klare Trennung zwischen Marktwert und langfristiger ESG-Strategie. Daten werden selektiver verwendet und müssen nachvollziehbar begründet sein. Insgesamt verschiebt sich der Fokus von der Identifikation von ESG-Faktoren hin zur Frage, ob und wie diese am Bewertungsstichtag im Markt reflektiert sind.

Danksagung

Wir danken Karen Mittermaier und Annabell Nachbaur für ihre wertvollen Beiträge zu diesem Artikel.


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