Wie treiben regulatorische Entwicklungen die Digitalisierung von Kreditprozessen voran?
Aktuelle regulatorische Entwicklungen auf europäischer und nationaler Ebene schaffen wichtige Voraussetzungen für digitalisierte Kreditprozesse:
- Österreich
- Die KIM-Verordnung (Kreditinstitute-Immobilienfinanzierungsmaßnahmen-Verordnung) setzte in den vergangenen Jahren klare Leitplanken für die Wohnbaufinanzierung; ihr Auslaufen bringt mehr Spielraum, aber die Kreditvergabe bleibt durch FMA-Richtwerte und Prüfungen streng überwacht.
- OGH-Urteile zu Bearbeitungsgebühren erhöhen die Anforderungen an Transparenz, Nachvollziehbarkeit und präzise Vertragsgestaltung – ein Vorteil für strukturierte, digital unterstützte Prozesse.
- EU-Ebene
- Die Consumer Credit Directive II (CCD2) weitet Prüf- und Informationspflichten auf alle Konsument:innenkredite aus. Das stärkt standardisierte, automatisierte Kreditprozesse.
- Basel IV erhöht den Kapitaldruck auf Banken und beeinflusst damit Kreditkonditionen – effizientere, datenbasierte Modelle zur Kreditvergabe gewinnen an Bedeutung.
- Der EU Artificial Intelligence Act schafft erstmals einen verbindlichen Rechtsrahmen für den Einsatz von künstlicher Intelligenz, z. B. in der Kreditwürdigkeitsprüfung, und ermöglicht damit rechtssichere, skalierbare Automatisierungs- und Entscheidungsmodelle.
- Der Digital Operational Resilience Act (DORA) setzt neue Standards für IT-Sicherheit, Ausfallschutz und IKT-Risikomanagement und stärkt die digitale Resilienz von Finanzinstituten.
- PSD3/PSR sowie das geplante Open-Finance-Framework (FIDA) schaffen die Grundlage für sicheren, standardisierten Datenaustausch – z. B. für Einkommens- oder Kontoinformationen.
Diese Regelwerke bilden gemeinsam die Basis für rechtssichere, skalierbare und vollständig digitale Hypotheken- und Konsument:innenkredite. Damit schaffen sie einen stabilen Rahmen für Next-Generation-Lending-Modelle.
Wie weit ist Europa bei der Digitalisierung von Kreditprozessen?
Der europäische Vergleich zeigt deutliche Unterschiede im Reifegrad digitaler Kreditprozesse. Die nordischen europäischen Länder (Schweden, Finnland und Norwegen) sowie Island und Malta gelten seit den 1990er-Jahren als digitale Vorreiter: Dank früh etablierter, durchgehend digitalisierter Behördenwege und eng abgestimmter Prozesse zwischen Bürger:innen, Banken und staatlichen Stellen können heute selbst komplexe Kreditanliegen schnell, effizient und transparent abgewickelt werden. Österreich hat mit ID Austria eine zentrale Basis geschaffen und verfügt über eine hohe Nutzer:innenakzeptanz. Der nächste Schritt besteht darin, diese Grundlagen in flächendeckend digitale End-to-End-Kreditprozesse zu überführen und die Zusammenarbeit zwischen allen beteiligten Akteur:innen weiter zu optimieren. In den Benelux-Staaten zeigt sich ein gemischtes Bild: Trotz guter digitaler Datenverfügbarkeit fehlt eine zentrale Identitätsinfrastruktur, die nahtlose Kreditprozesse ermöglicht. Gleichzeitig liefern Beispiele aus dem Baltikum, insbesondere Litauen, bereits voll digitale Hypothekenprozesse und zeigen damit, was technologisch heute möglich ist.
In den CEE-Märkten wie Ungarn, Tschechien und der Slowakei lassen sich zudem starke Aufholbewegungen beobachten, häufig nach dem Prinzip „digital first“. Ungarn etwa hat in kurzer Zeit eine volldigitale Wohnkreditplattform aufgebaut – ein Beleg dafür, dass selbst in regulierten Bankenumfeldern rasche und tiefgreifende Transformationen möglich sind. Demgegenüber bleibt die DACH-Region, geprägt von strenger Regulierung, komplexen IT-Landschaften und konservativen Prozessen, im europäischen Mittelfeld. Insbesondere im Hypothekenbereich bremsen fragmentierte Systeme die Digitalisierung.
Der Blick auf europäische Märkte zeigt also klar: Ein schnellerer und vollständig digitaler Kreditprozess ist realisierbar, wenn regulatorische Rahmenbedingungen modernisiert, technische Standards vereinheitlicht und organisatorische Hürden konsequent abgebaut werden.
Wie digital sind Kreditprozesse in Österreich?
Im österreichischen Bankenmarkt sind Digitalisierungsfortschritte erkennbar, doch vollständig medienbruchfreie Kreditprozesse bleiben die Ausnahme. Viele Institute bieten digitale Elemente wie Kreditrechner oder teilweise online geführte Antragsstrecken an. Im Hintergrund müssen jedoch häufig manuelle Schritte wie Bonitätsprüfungen oder Dokumentenabgleiche durchgeführt werden – für Kund:innen unsichtbar, aber prozessverlängernd und conversionmindernd. Heterogene Kernbanksysteme und konservative Prozesslandschaften bremsen die flächendeckende Digitalisierung von Kreditprozessen – insbesondere im Hypothekenbereich.
Typisch für Österreich ist zudem die hohe Bedeutung persönlicher Beratung – auch bei jüngeren Kund:innengruppen. Daher eröffnen hybride Modelle, die digitale Abläufe mit individueller Beratung verbinden, besonderes Potenzial. Sie ermöglichen:
- höhere Abschlussquoten,
- verbesserte Kund:innenzufriedenheit,
- effizientere Abläufe durch Automatisierung im Hintergrund.
Eine durchgängige Customer-Journey über alle Kanäle hinweg wird damit zum entscheidenden Erfolgsfaktor.
EY-Marktrecherche: Digitalisierungsgrad im österreichischen Bankensektor
Um ein präzises Bild vom aktuellen Digitalisierungsgrad des österreichischen Bankenmarktes zu erhalten, hat EY von Oktober bis November 2025 eine umfassende Marktrecherche durchgeführt. Dabei wurden zahlreiche österreichische (Filial-)Banken detailliert analysiert, um zu beurteilen, wie digital die Antragsstrecken für Endkund:innen heute tatsächlich ausgestaltet sind. Untersucht wurden die drei zentralen Kreditsegmente – Konsumkredit, Kommerzkredit und Wohnraumfinanzierung – jeweils bis zum tatsächlichen Endpunkt des Antragsprozesses.
Zur Bewertung kamen fünf Digitalisierungsstufen zum Einsatz, die aufzeigen, in welchem Ausmaß Kund:innen den Antrag vollständig online durchlaufen können und an welchen Stellen Medienbrüche, manuelle Eingriffe oder analoge Prozessschritte bestehen:
- Keine Online-Strecke: Es existiert kein digitaler Zugang; Anträge und Beratungen erfolgen vollständig offline.
- Kreditrechner/Terminvereinbarung: Digitale Tools wie Online-Rechner oder Terminbuchungen sind vorhanden, eine vollständige Antragstellung ist jedoch nicht möglich.
- Online-Angebot (Vorprüfung): Banken bieten digitale Vorprüfungen oder Pre-Checks an, die jedoch noch nicht zur verbindlichen Kreditentscheidung führen.
- Online-Antrag: Kund:innen können den Kreditantrag vollständig online einreichen, manuelle Prüfungen durch die Bank bleiben jedoch erforderlich.
- Online-Abschluss (voll digital): Der gesamte Prozess, von Antrag über Prüfung bis zur Vertragsunterzeichnung, erfolgt medienbruchfrei digital.
Die Analyse der österreichischen Kreditlandschaft zeigt deutlich, dass der Digitalisierungsgrad der Kreditstrecken stark variiert und von der jeweiligen Produktkategorie abhängt: