Wie Finanzierungsstrategie und Digitalisierung verbindet.

Wie Energie Burgenland die Energiesysteme für die nächste Generation umbaut

Wie Reinhard Czerny, CFO von Burgenland Energie, Finanzierungsstrategie und Digitalisierung verbindet – und warum er die Energiewende als Wirtschaftsprojekt statt als reines Klimathema versteht.


Die Energiewirtschaft steht vor einer der größten Transformationen ihrer Geschichte: Digitalisierung und Dekarbonisierung treffen gleichzeitig aufeinander und verändern Geschäftsmodelle, Finanzierungsstrukturen und die Rolle des CFOs grundlegend. In der aktuellen Folge von CFO Insight spricht Kristina Aichwalder, Partnerin bei EY, mit Reinhard Czerny, CFO von Burgenland Energie, über diesen Wandel – und darüber, wie ein CFO diesen aktiv mitgestaltet, statt nur zu verwalten.

Czerny wechselte 2021 nach über 20 Jahren bei IBM in die Energiewirtschaft und verantwortet bei Burgenland Energie nicht nur die klassischen Finanzfunktionen, sondern auch IT und Transformation. Im Gespräch beschreibt er, wie sich die Rolle des CFOs vom reinen Zahlen-Berichterstatter zum „Navigator" wandelt, der Kapital – eine knappe Ressource – gezielt auf jene Projekte lenkt, die nachhaltig Mehrwert schaffen.

Diese Folge ist Teil unserer Podcast-Reihe CFO Insight. Hören Sie sich das Interview auch auf Spotify, YouTube, Apple Podcasts oder überall, wo es Podcasts gibt, an.

Das Wichtigste auf einen Blick: 

  • Burgenland Energie finanziert den Ausbau der Erzeugung (Wind, PV) off-balance-sheet mit einem Volumen von bis zu 1,3 Milliarden Euro, mitgetragen von der Europäischen Investitionsbank und institutionellen Investoren.
  • Für den Netzausbau verhandelt das Unternehmen derzeit eine Mezzanine-Finanzierung, deren Fremdkapitalanteil über die Österreichische Kontrollbank abgesichert werden soll.
  • Über die Bürgerenergiegemeinschaft „Fanclub Burgenland" profitieren Bürger:innen seit über 20 Jahren von stabilen Strompreisen ohne Valorisierung.
  • Mit der eigenen Tochtergesellschaft BE Technology GmbH treibt Burgenland Energie neue, KI-gestützte Geschäftsmodelle voran – von algorithmischem Stromhandel bis Predictive Maintenance.

 

Czerny im Interview | Kurzüberblick

Aichwalder: Reinhard, schön, dass du da bist. Woher kommst du gerade und was beschäftigt dich aktuell? 

Czerny: Ich komme gerade aus dem Büro in Eisenstadt, wo neben geplanten Terminen auch einige ungeplante Themen dazugekommen sind. Genau das macht die Aufgabe für mich reizvoll: Die Energiewende verläuft im Moment so dynamisch, dass jeder Tag etwas Neues bringt.

Aichwalder: Du bist 2021 von IBM zu Burgenland Energie gewechselt – von einem globalen Technologiekonzern zu einem regionalen Energieversorger. Was war der Beweggrund? 

Czerny: Bei IBM habe ich über 20 Jahre lang hautnah erlebt, wie Digitalisierung Unternehmen und ganze Branchen verändert. Irgendwann habe ich mich gefragt, wo ich diese Erfahrung mit dem größten Hebel einbringen kann – und die Antwort war klar die Energiewirtschaft, wo gerade zwei globale Megatrends zusammenkommen: Digitalisierung und Dekarbonisierung. Insofern war es für mich weniger ein Branchenwechsel als ein konsequenter nächster Schritt. 

Aichwalder: Als CFO verantwortest du nicht nur die klassischen Finanzfunktionen, sondern auch IT und Transformation. War das von Anfang an so vorgesehen? 

Czerny: Ja, das war so geplant und passt auch zu meinem Background aus großen IT- und Transformationsprojekten. Unser Ziel bei Burgenland Energie ist es, das Unternehmen von einem klassischen Energieversorger zu einem digital ausgerichteten Green-Tech-Unternehmen weiterzuentwickeln – mit Fokus auf Erzeugung, Netzausbau, Versorgungssicherheit und intelligente neue Angebote für unsere Kunden.

Aichwalder: Bleibt der CFO da eher Verwalter, oder schafft er wirklich Mehrwert? Was bedeutet das für den Finanzbereich?

Czerny: Die Rolle des CFOs hat sich massiv gewandelt. Klassische Aufgaben wie Buchhaltung und Reporting werden zunehmend automatisiert – das bleibt Teil der Rolle, aber der eigentliche Mehrwert entsteht, wenn der CFO zum Navigator wird: den Blick nicht in den Rückspiegel, sondern nach vorne richtet und das knappe Kapital gezielt auf jene Projekte lenkt, die nachhaltig Mehrwert schaffen. Das ist aus meiner Sicht der Kern der neuen CFO-Agenda. 

Aichwalder: Du sprichst oft über Positive Leadership. Was bedeutet das konkret in deinem Alltag? 

Czerny: Positive Leadership wird oft mit Harmonie oder Nachgiebigkeit verwechselt – das Gegenteil ist der Fall. Es geht darum, klare Richtung vorzugeben und auch unbequeme Entscheidungen zu treffen, aber so, dass Menschen sie verstehen und mittragen. Menschen wehren sich nicht gegen Veränderung, sondern gegen Unsicherheit. Mit Vertrauensvorschuss und einer positiven Fehlerkultur werden Teams nachweislich erfolgreicher und innovativer – das versuche ich täglich zu leben.

Aichwalder: Ihr habt hohe Investitionsvolumina vor euch – wie finanziert ihr die Energiezukunft?  
 
Czerny: Wir haben eine dreigliedrige Finanzierungsstruktur aufgebaut: klassische Corporate-Finanzierung über den europäischen Schuldscheinmarkt, eine große Projektfinanzierung für die Erzeugung – Wind- und PV-Projekte off-balance-sheet, mit Unterstützung der Europäischen Investitionsbank und institutioneller Investoren, in Höhe von bis zu 1,3 Milliarden Euro – und aktuell arbeiten wir an einer spezifischen Finanzierung für den Netzausbau bestehend aus Mezzanin- und klassischem Fremdkapital, das teilweise über die Österreichische Kontrollbank garantiert werden soll.

Aichwalder: Ihr nutzt KI bereits im Stromhandel – wo seht ihr weitere Anwendungsfelder? 

Czerny: KI ist für uns einer der größten Werttreiber. Wir sehen zwei Stoßrichtungen: intern geht es um Effizienz und bessere Entscheidungsgrundlagen, extern um neue Geschäftsmodelle – dafür haben wir eigens die BE Technology GmbH gegründet. Konkret setzen wir KI im algorithmischen Stromhandel ein, gemeinsam mit einem österreichischen Startup im Smart Metering zur Optimierung des Netzausbaus, bei Predictive Maintenance in der Erzeugung und in einer App, die Kund:innen hilft, selbst produzierten PV-Strom im Haushalt intelligent zu nutzen.

Aichwalder: Ihr seid auch bei den Produktnamen sehr kreativ – wie kommt es zu Namen wie der Speicher-Sisi?  

Czerny: Die Energiewende muss einfach sein und Spaß machen. Deshalb bieten wir Produkte wie die SonnenMarie (PV-Anlage), die SpeicherSisi oder PumpenPeter (Wärmepumpe) als Abo-Modell an, bei dem wir uns um Förderungen und Genehmigungen kümmern. Wichtig ist uns dabei besonders die junge Generation: Bei einem Malwettbewerb mit Volksschulkindern aus dem ganzen Burgenland haben wir rund 5.000 Einsendungen bekommen – fast alle zeigten Windräder, PV-Anlagen und eine intakte Landschaft. Das ist der Auftrag, den uns die Kinder mitgeben.

Aichwalder: Was würdest du anderen Regionen mitgeben, damit die Energiewende dort ähnlich gut gelingt? 

Czerny: Wichtig ist zu verstehen, dass die Energiewende kein reines Klimaprojekt, sondern vor allem ein Wirtschafts- und Infrastrukturprojekt ist, das man systemisch betrachten muss. Und entscheidend ist die Akzeptanz in der Bevölkerung. Wir hatten den Vorteil, schon um die Jahrtausendwende in die Windkraft eingestiegen zu sein. Aber der eigentliche Erfolgsfaktor ist die wirtschaftliche Beteiligung: Über unsere Bürgerenergiegemeinschaft „Fanclub Burgenland" profitieren die Menschen in den nächsten 20 Jahren von stabilen Strompreisen ohne Valorisierung – und das schafft echte Zustimmung.

Aichwalder: Was gibt dir in diesen volatilen, geopolitisch unsicheren Zeiten Zuversicht? 

Czerny: Ich sehe das Glas halb voll, nicht halb leer – ich bin Berufsoptimist. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Menschen eine hohe Resilienz haben und auch in unvorstellbaren Situationen Lösungen finden. Für mich ist Zuversicht keine Frage der Umstände, sondern eine Haltungsfrage: Verantwortung übernehmen und Wandel gestalten, statt den Kopf in den Sand zu stecken.

Podcast

Folge 14

Dauer

13m 43s

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