Aichwalder: Was ist für dich als CFO und für deine Führungskräfte die wichtigste Eigenschaft in der Zusammenarbeit?
Gailer: Vertrauen. Ohne Vertrauen kann man nicht zusammenarbeiten, und Vertrauen muss man sich erst erarbeiten. Das ist für mich das Entscheidende in jeder Zusammenarbeit.
Aichwalder: Viele kennen die Marke Baumit, die früher zu Wietersdorfer gehörte. Wie kam es 2017 zum Verkauf?
Gailer: Baumit war eine Markenpartnerschaft mit der Schmid Industrieholding. 2017 haben wir uns aus strategischen Überlegungen entschieden, Baumit ganz an sie zu verkaufen – im Nachhinein war das für beide Seiten eine Win-win-Situation. Wietersdorfer war mit Baumit auf Südosteuropa beschränkt und sah dort wenig strategisches Entwicklungspotenzial, gleichzeitig mussten wir entsprechende Zentralfunktionen vorhalten, obwohl das Geschäft stabil, aber margenschwach war. Schmid wiederum konnte die Marke sinnvoll in ihr Portfolio integrieren und ist heute alleiniger Markeninhaber. Wir haben die freigewordene Liquidität genutzt, um andere Geschäftsfelder strategisch weiterzuentwickeln.
Aichwalder: Wie habt ihr euch seit 2017 strategisch weiterentwickelt?
Gailer: 2016, nach schwierigen Jahren infolge der Finanzkrise, haben wir unser Portfolio neu sortiert: den Baumit-Verkauf, die Aufstockung unserer Anteile an Calcit um 25 Prozent und die Zusammenführung unserer europäischen Großrohraktivitäten – vormals unter der Marke Hobas – mit der Amiantit-Gruppe zur neuen Amiblu Holding. Damit haben wir bis dahin erbitterte Wettbewerber zusammengeführt. Nach dem Baumit-Verkauf waren wir zunächst auf einen Umsatz von rund 320 Millionen Euro zurückgefallen, mittlerweile liegen wir vollkonsolidiert wieder bei mehr als 650 Millionen Euro – zählt man unsere beiden Joint Ventures dazu, erzielen wir aktuell einen Umsatz jenseits der Milliarde.
Aichwalder: Ihr seid zuletzt auch in die Halbleiterbranche eingestiegen. Was steckt dahinter?
Gailer: Man steht auf drei Beinen besser als auf zwei. Neben Zement/Kalk und dem Rohrgeschäft sehen wir mit der Beteiligung an der Sico Technology, ebenfalls einem Kärntner Familienunternehmen, ein mögliches drittes Standbein. Sico produziert Werkzeuge für die Chip-Produktion – ein Markt, der noch stark fragmentiert ist. Da Materialveredelung unsere DNA ist, sehen wir hier gute Anknüpfungspunkte für zukünftiges Wachstum.
Aichwalder: Was macht für dich den Unterschied aus, in einem Familienunternehmen zu arbeiten?
Gailer: Man weiß, für wen man persönlich arbeitet, man kennt die Eigentümer. Und Familienunternehmen sind langfristig orientiert – Entscheidungen fallen bei uns nicht nach kurzfristigen Gewinnmaximierungsüberlegungen, sondern im Sinne der nachhaltigen, profitablen Entwicklung der Gruppe. Eine aktuelle Kulturanalyse hat übrigens gezeigt, dass unsere Mitarbeitenden die Wietersdorfer-Kultur vor allem über Performance, Joy und Purpose beschreiben – ein Ergebnis, auf das wir gut aufbauen können.
Aichwalder: 2014 wurde der HCB-Skandal bekannt. Was ist HCB, und wie hat euch diese Krise verändert?
Gailer: HCB steht für Hexachlorbenzol, das über unseren Schornstein in die Luft gelangte, weil wir belasteten Blaukalk als Ersatzrohstoff eingesetzt hatten. Das hat mich auch persönlich sehr getroffen. Wir haben sofort die Verantwortung übernommen, auch bevor die genaue Ursache geklärt war, uns zu unseren Fehlern bekannt und in der Folge unsere Compliance-Landschaft komplett neu aufgestellt – mit einem eigenen Umwelt-Compliance-Programm und einer lückenlosen Kontrolle aller ins Zementwerk eingehenden Materialien. Fünf Jahre später wurde genau dieses Werk von der Internationalen Zementvereinigung mit einem Spezialpreis für Environmental Excellence ausgezeichnet und gilt heute als eines der saubersten und effizientesten Europas.
Aichwalder: Was war die größte Lehre aus dieser Zeit?
Gailer: Verantwortung übernehmen, Fehler eingestehen, Maßnahmen setzen – und das konsequent kommunizieren, nach innen wie nach außen. Man kann noch so viel richtig machen: Wenn man es nicht kommuniziert, kommt es nicht an. Die externe Kommunikation war dabei die größere Herausforderung, weil es galt, allen Stakeholdern glaubhaft zu zeigen, dass wir Verantwortung wahrnehmen und zu unserem Wort stehen.
Aichwalder: Wie geht ihr aktuell mit der Unsicherheit durch Bauflaute, Zölle und geopolitische Krisen um?
Gailer: 2025 war extrem herausfordernd: Der Wohnungsneubau liegt am Boden, dazu kamen das Auf und Ab bei den Zöllen und zuletzt die Nahost-Krise, die uns vor allem im internationalen Projektgeschäft trifft – die Preise für Harz, das wir für unsere Großrohre brauchen, haben sich binnen zwei Monaten verdoppelt, dazu kommen Lieferengpässe und stark steigende Energiepreise. Das größte Thema ist aber die Unsicherheit selbst: Niemand kann heute sagen, was in einem Monat oder einem Jahr ist, deshalb müssen wir unser Tempo laufend an den Grad der Unsicherheit anpassen.