Aichwalder: Standardisierung ist bei globalen Finanzorganisationen immer ein Thema. Wo steht Henkel heute?
Deußen: Wir haben viel erreicht: Standardprozesse in einem weltweit einheitlichen SAP System, harmonisierte Tools, einheitliche Dashboards. Gleichzeitig wissen wir, dass Standardisierung nie wirklich „fertig“ ist. Märkte ändern sich, Tools entwickeln sich, Organisationen verändern sich. Der Anspruch ist: So viel global wie möglich, so viel lokal wie sinnvoll.
Im Moment arbeiten wir stark an der Verzahnung von Datenstrukturen und End-to-End-Varianten, damit wir sowohl unsere Effizienz weiter steigern als auch Qualität verbessern. Das ist ein kontinuierlicher Weg.
Aichwalder: Welche Themen treiben Sie persönlich gerade am meisten?
Deußen: Drei Dinge: Erstens Datenqualität und Datenmodell – ohne beides funktioniert keine moderne Finanzorganisation. Zweitens: die Zusammenarbeit zwischen Regionen und Headquarter, damit Entscheidungen besser und schneller werden. Drittens: wie wir digitale Tools, Automatisierung und GenAI sinnvoll nutzen können. Wir experimentieren viel, vor allem in Reporting-Automatisierung, Wissensmanagement und Textzusammenfassungen. Die Frage ist: Wo schafft GenAI echten Mehrwert? Genau dort wollen wir investieren.
Aichwalder: Sie waren Teil von vielen Transformationsprogrammen. Was braucht es, damit Veränderung gelingt?
Deußen: Erstens ein klares Ziel. Zweitens ein gutes Team. Drittens Führung, die Entscheidungen unterstützt. Veränderung funktioniert nicht über Tools, sondern über Menschen. Wenn Teams verstehen, warum etwas passiert, und wenn sie wissen, was ihr Beitrag ist, entsteht Energie.
Aichwalder: Sie haben auch in sehr unterschiedlichen Regionen gearbeitet – von Lateinamerika über Osteuropa bis Westeuropa. Wo erleben Sie die größten kulturellen Unterschiede in der Zusammenarbeit, und was bedeutet das für Führung und Transformation?
Deußen: Die Unterschiede sind deutlich – und sie prägen, wie Transformation funktioniert. In Lateinamerika habe ich sehr viel Pragmatismus erlebt. Dinge werden ausprobiert, es wird lösungsorientiert gearbeitet. Das kann enorm kraftvoll sein, gerade in Veränderungsphasen. In Europa – insbesondere in Westeuropa – ist der Zugang strukturierter. Themen werden stärker abgestimmt, Prozesse detaillierter diskutiert, Risiken intensiver abgewogen. Das schafft Stabilität und garantiert hohe, nachhaltige Qualität, braucht aber manchmal mehr Zeit. Für mich heißt das: Wir brauchen für Veränderung eine gute Mischung aus globalen Leitplanken einerseits und regionaler/lokaler Führung andererseits mit einem tiefen Verständnis für kulturelle Unterschiede. Erfolgreich ist man dann, wenn man diese Unterschiede nicht als Hindernis sieht, sondern bewusst nutzt – etwa Fantasie aus Lateinamerika mit Struktur und Governance aus Europa verbindet.