Breuer im Interview | Kurzüberblick
Niedermayr: Mathias, bei Lenzing jagt derzeit eine Ankündigung die nächste, zuletzt die außerordentliche Hauptversammlung. Was beschäftigt dich aktuell am meisten?
Breuer: Die letzten Monate waren geprägt von strategischen Diskussionen, der Formulierung unserer neuen Strategie und der Verhandlung der gesamten Refinanzierung. Mit der außerordentlichen Hauptversammlung haben wir sie samt Kapitalerhöhung beschließen können. Jetzt ist Implementierungszeit. Am meisten beschäftigt mich, wie wir das Ganze umsetzungsfähig machen und ins Tun kommen.
Niedermayr: Vor deiner Bestellung zum CFO hast du bereits das Performance-Programm bei Lenzing verantwortet. Was ist an der jetzigen Neuausrichtung anders?
Breuer: Ich habe mich die letzten drei Jahre intensiv mit der Struktur und den Kosten der Lenzing beschäftigt und weiß gut, was geht und was nicht. Jetzt machen wir den nächsten Schritt: eine umfassende Transformation, die über das Kostensparen hinausgeht. Sie hat eine starke strategische Komponente, nämlich die Neuausrichtung unseres Geschäftsmodells und die Neugewichtung unserer Umsatzanteile.
Niedermayr: Transformation und Finanzverantwortung ziehen sich wie ein roter Faden durch deine Laufbahn. War diese Verbindung Zufall?
Breuer: Gewissermaßen schon. Meinen ersten Schritt in die Transformation habe ich 2013/2014 tatsächlich bei Lenzing gemacht, bei einem der ersten Transformationsprogramme des Unternehmens. Damals habe ich gemerkt, dass mir das liegt. Bei Semperit habe ich dann als CFO das Medizinsegment über mehrere Jahre saniert, vom Finanztracking bis zu den Initiativen am Shopfloor, komplett in-house. Nach drei Jahren haben wir den Break-even geschafft, später wurde das Segment erfolgreich verkauft. Danach bin ich als CFO in der Verpackungsindustrie durch eine finanzielle Restrukturierung gegangen. Bei Lenzing kann ich nun Refinanzierung und operative Transformation vereinen, und für mich als Oberösterreicher schließt sich damit der Kreis.
Niedermayr: Ein Kernstück der neuen Strategie ist der Schwenk „Grow Nonwovens, Reset Textiles“. Was ändert sich damit konkret?
Breuer: Die DNA der Lenzing war das Textilgeschäft. Es ist aber stark zyklisch, die Zyklen werden immer kürzer, und gerade in diesem Segment haben wir in den Krisen der vergangenen Jahre stark gelitten. Wir steigen nicht aus, sondern machen einen Reset: Wir halbieren die Gewichtung in etwa und nehmen vor allem generische Segmente sowie Premiumprodukte aus kleineren Standorten heraus. Gleichzeitig bauen wir das Nonwoven-Geschäft aus, mit der Mission, Plastik zu eliminieren. So sind wir etwa der einzige europäische Lieferant einer vollständig biologisch abbaubaren, plastikfreien Faser für Damenhygieneprodukte. Mittelfristig wollen wir auf drei gleichberechtigten Säulen stehen: Textil, Nonwovens und das externe Zellstoffgeschäft.