Bergsteiger kletter eine Leiter vor Bergkulisse hinauf

Compliance-Management-System: Warum es mehr ist als ein „Nice-to-have“

Compliance-Management-Systeme (CMS) sind längst mehr als ein Trend: Sie sind ein zentraler Baustein verantwortungsvoller Unternehmensführung. Erfahren Sie, warum ein CMS nicht nur Risiken reduziert, sondern auch Vertrauen bei Investor:innen, Geschäftspartner:innen und Kund:innen schafft, und worauf bei der Implementierung zu achten ist.


Überblick

  • Ein Compliance-Management-System sorgt für die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben, interner Richtlinien und ethischer Standards und schafft dadurch Vertrauen bei Mitarbeitenden, Geschäftspartner:innen und Kund:innen.
  • Die Basis eines wirksamen CMS ist eine gelebte Compliance-Kultur, geprägt durch den „Tone from and at the Top“, sowie eine fundierte und regelmäßig aktualisierte Risikoanalyse.
  • Zertifizierungen sind nicht verpflichtend, können aber die Glaubwürdigkeit erhöhen und die Positionierung gegenüber Geschäftspartner:innen erleichtern.

Zuerst zur Begrifflichkeit: „Compliance“ bezeichnet im Unternehmenskontext alle Maßnahmen zur Einhaltung gesetzlicher Vorgaben, interner Richtlinien und ethischer Standards. Der Begriff leitet sich vom englischen „to comply with“ ab und bedeutet „befolgen“ oder „erfüllen“.

Was ist ein Compliance-Management-System?

Ein Compliance-Management-System (CMS) beinhaltet sämtliche strukturelle und organisatorische Maßnahmen, die sicherstellen, dass gesetzliche Vorgaben und interne Regeln eingehalten werden. Ziel ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen, Verstöße zu vermeiden und im Ernstfall angemessen zu reagieren. Ein wirksames CMS schafft somit Vertrauen: bei Mitarbeitenden, die sich auf klare Regeln verlassen können, bei Geschäftspartner:innen, die Verlässlichkeit erwarten, und bei Kund:innen, die Integrität zunehmend als Entscheidungskriterium wahrnehmen. Es zeigt nach innen und außen, dass verantwortungsvolles Handeln systematisch verankert ist und nicht dem Zufall überlassen wird.

Die Begriffe „CMS“ und „Compliance-Organisation“ werden in der Praxis oft miteinander verwechselt. Das Compliance-Management-System bildet den organisatorischen Rahmen. Es definiert Regeln und Prozesse und steuert die Aktivitäten. Die Compliance-Organisation setzt diese Vorgaben um und bezieht sich auf die Rollen und Verantwortlichkeiten innerhalb des Unternehmens. Die Organisation ist das „Wer“, das CMS das „Wie“.

Was sind die Grundelemente für ein Compliance-Management-System?

Die Grundelemente eines CMS sind universell, auch wenn unterschiedliche Standards, etwa ISO 37301 oder der Prüfungsstandard des Instituts für Wirtschaftsprüfer in Deutschland (IDW PS 980), teils verschiedene Begriffe oder Definitionen verwenden. Der Grundgehalt bleibt jedoch gleich: Es sind im Kern alles Risikomanagementsysteme.

Zum Beispiel besteht gemäß dem Prüfungsstandard IDW PS 980 ein CMS aus sieben Grundelementen:

  • Compliance-Kultur
  • Compliance-Ziele
  • Compliance-Organisation
  • Compliance-Risiken
  • Compliance-Programm
  • Compliance-Kommunikation
  • Compliance-Überwachung und -Verbesserung

Nur das Zusammenspiel dieser Komponenten gewährleistet ein wirksames und effizientes System. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Unternehmen häufig erst nach Vorfällen und internen Untersuchungen ein CMS implementieren. Dies geschieht oft mit dem Ziel, möglichst viele Risiken durch umfangreiche Richtlinien abzudecken. Doch ein CMS lebt nicht von Papier, sondern von Haltung. Ein 100-seitiger Verhaltenskodex mag gut gemeint sein, wird aber selten gelesen und verfehlt häufig sein Ziel. Entscheidend ist eine gelebte Compliance-Kultur, insbesondere der „Tone from and at the Top“.


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„Tone from and at the Top“: Was versteht man unter einer (guten) Compliance-Kultur?

Eine starke Compliance-Kultur unterstützt die Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen innerhalb einer Organisation, die die Einhaltung von Regeln und ethischen Grundsätzen fördern. Es geht darum, ein gemeinsames Verständnis für richtiges Handeln zu schaffen, und zwar unabhängig davon, ob jemand zusieht oder nicht.

Führungskräfte prägen diese Kultur maßgeblich. Wenn sie Integrität vorleben, dann wird sie Teil der Unternehmensidentität werden. Das Vorleben erfolgt dadurch, dass Integrität sichtbar praktiziert wird: in Entscheidungen, in der Kommunikation und im Umgang mit Fehlern. Praxistipp: Die Erreichung von Compliance-Zielen kann als Bestandteil der Leistungsbewertung von Führungskräften berücksichtigt werden.

Eine starke Kultur entsteht dort, wo Führungskräfte Haltung zeigen und Mitarbeitende befähigt werden, ethisch zu handeln – auch dann, wenn niemand zusieht. In der Praxis kann es hilfreich sein, mit erfahrenen Fachleuten zusammenzuarbeiten, um geeignete Wege für die Etablierung und das Vorleben von Integrität zu entwickeln und nachhaltig im Unternehmen zu verankern.

Warum ist eine Risikoanalyse beim Compliance-Management-System so wichtig?

Mit der Risikoanalyse steht und fällt jedes CMS. Sie bildet die Grundlage, um relevante Risiken aus Gesetzen, Richtlinien und dem Geschäftsumfeld zu erkennen und zu priorisieren.

In der Praxis definieren Unternehmen oft Risikobereiche, ohne ihre Geschäftsfelder genau zu analysieren. So wird zum Beispiel der Risikobereich „Korruption“ aufgenommen, obwohl das Unternehmen seit Jahren mit denselben drei Lieferanten zusammenarbeitet, keinen Kontakt zu Amtsträger:innen hat und ausschließlich im privaten Bereich tätig ist. Das heißt nicht, dass Korruption irrelevant ist, aber andere Themen wie Datenschutz oder Wettbewerbsrecht können aktuell wichtiger sein. Eine fundierte Risikoanalyse ist der erste Schritt hin zu einem treffsicheren CMS. Sie hilft, Ressourcen gezielt einzusetzen, statt nach Checkliste zu handeln. In komplexen Geschäftsfeldern kann externe Expertise die Analyse zusätzlich stärken.

Viele Unternehmen glauben fälschlicherweise, dass eine einmalige Risikoanalyse für mehrere Jahre ausreicht. Doch regulatorische Anforderungen und Risikoprofile verändern sich schnell, wie die verschobenen Fristen der EU-Lieferkettenrichtlinie durch die Omnibus-Verordnung zeigen. Wer seine Risikobewertung nicht regelmäßig anpasst, läuft Gefahr, dass sein CMS auf veralteten Annahmen basiert. Da Risikoanalysen stets Momentaufnahmen sind, sind regelmäßige Überprüfungen notwendig, um ein CMS aktuell und wirksam zu halten.

Was gehört unter anderem zu einem funktionierenden Compliance-Management-System?

  • Klare Verantwortlichkeiten: Benennung eines bzw. einer Compliance-Beauftragten und ein sichtbarer „Tone from the Top“
  • Risikoanalyse und Risikobewertung: Systematische Erfassung und Priorisierung relevanter Risiken
  • Richtlinien und Verhaltenskodex: Verständliche und zugängliche Regelwerke, die Orientierung bieten
  • Schulungen und Kommunikation: Regelmäßige Sensibilisierung und Befähigung von Mitarbeitenden
  • Hinweisgebersystem und Untersuchungen: Anonymes Meldesystem und klar definierte Verfahren zur Fallbearbeitung
  • Überwachung und Berichterstattung: Laufende Kontrolle und regelmäßige Berichte an die Unternehmensleitung
  • Kontinuierliche Verbesserung: Regelmäßige Überprüfung und Anpassung des CMS an neue Anforderungen

Brauchen auch KMUs ein Compliance-Management-System?

Immer wieder wird gefragt, ob kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) ein CMS benötigen. Die Antwort lautet eindeutig: Ja. Die Pflicht zur Einhaltung gesetzlicher und interner Vorgaben gilt unabhängig von der Unternehmensgröße.

 

Die entscheidende Frage lautet: Wie muss ein CMS im Mittelstand ausgestaltet sein? Auch hier ist ein risikobasierter Ansatz unerlässlich. Der erste Schritt ist eine fundierte Geschäftsfeldanalyse, gefolgt von einer Compliance-Risikoanalyse. So lässt sich ermitteln, welche Risiken tatsächlich relevant sind und welche konkreten Maßnahmen bereits bestehen und gezielt ausgebaut werden können. Beispiel: Bietet ein KMU bereits Schulungen für Mitarbeitende an, so lassen sich diese gezielt um Inhalte wie Datenschutz oder Interessenkonflikte ergänzen, ohne zusätzlichen Ressourcenaufwand.

 

Wie groß soll eine Compliance-Abteilung sein?

Auch bei der personellen Ausstattung zählt Qualität vor Quantität. Einzelne Fachkräfte mit fundierter Erfahrung können bereits erheblichen Mehrwert schaffen. Zusätzlich kann die Auslagerung einzelner Aufgaben an spezialisierte externe Partner:innen, etwa im Rahmen von Managed Services, helfen, Ressourcen zu schonen und Know-how gezielt einzubinden. Letztlich kommt es nicht auf die Größe der Compliance-Abteilung oder die Anzahl der Richtlinien an, sondern auf die Passgenauigkeit und Wirksamkeit der Maßnahmen im Verhältnis zu den tatsächlichen Risiken.

Muss ein Compliance-Management-System zertifiziert sein?

Ob ein vorhandenes CMS zertifiziert werden muss, hängt von der Zielsetzung, den Erwartungen der Stakeholder:innen und den unternehmensspezifischen Rahmenbedingungen ab. Die Nachfrage nach Zertifizierungen ist nachvollziehbar. Unternehmen wünschen sich häufig externes Feedback zur Wirksamkeit ihres CMS. Gleichzeitig fordern Geschäftspartner:innen und Investor:innen zunehmend einen formellen Nachweis für ein funktionierendes System. Eine Zertifizierung, etwa nach ISO 37301, bewertet vor allem Struktur und Dokumentation. Ob ein Unternehmen tatsächlich integer handelt, lässt sich durch Prüfprozesse jedoch nicht abschließend beurteilen: Integrität zeigt sich im gelebten Alltag, nicht nur in einem Bericht. Eine Alternative zur ISO-Zertifizierung ist die Bestätigung nach IDW PS 980, die stärker auf den deutschsprachigen Rechts- und Unternehmenskontext ausgerichtet ist.

Zertifizierungen oder Bestätigungen sind kein Muss, sie können aber strategisch sinnvoll sein. Sie stärken die Glaubwürdigkeit, erleichtern die Positionierung gegenüber Geschäftspartner:innen und helfen, steigende Anforderungen im Rahmen von Due-Diligence-Prozessen zu erfüllen. Für die Vorbereitung und Umsetzung kann die Zusammenarbeit mit erfahrenen Fachleuten hilfreich sein.

Fazit: Ein CMS lebt von Haltung, nicht von Papier

Ein CMS funktioniert nur, wenn es praxisnah ist. Statt Papier-berge zu produzieren, sollten Unternehmen Risiken realistisch bewerten, Prozesse schlank halten und Führungskräfte als Vorbilder einsetzen. Wer Compliance lebt, macht sie zum Teil der DNA und nicht zur Pflichtübung.

FAQ – Häufige Fragen zu Compliance-Management-Systemen

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