Die sicherheitspolitische Debatte über Wehrpflicht und Miliz ist längst keine rein militärische Frage mehr. Sie berührt zentrale Aspekte staatlicher Resilienz, wirtschaftlicher Stabilität und gesellschaftlichen Zusammenhalts – und damit Rahmenbedingungen, die auch für Unternehmen von unmittelbarer Bedeutung sind. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, die Empfehlungen der Wehrdienstkommission nicht nur politisch, sondern auch aus Sicht des Wirtschaftsstandorts Österreich einzuordnen und aktiv mitzugestalten.
Was sind die Empfehlungen der Wehrdienstkommission?
Die Wehrdienstkommission bestand aus 23 Expert:innen aus verschiedenen Ministerien und Bereichen unter dem Vorsitz des Milizbeauftragten des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH), Generalmajor Erwin Hameseder. Es wurden drei Modelle von der Kommission ausgearbeitet und am 20.01.2026 der Öffentlichkeit präsentiert:
- „Österreich PLUS“-Modell: Dieser Entwurf sieht vor, den Grundwehrdienst auf acht Monate zu verlängern und verpflichtende Milizübungen regelmäßig abzuhalten. Geplant ist, dass Soldat:innen etwa fünfmal für jeweils zwölf Tage zusammenkommen. Gleichzeitig soll der Zivildienst auf zwölf Monate ausgedehnt werden.
- Schweizer Modell: Hier wird der Grundwehrdienst auf vier Monate verkürzt, während die Milizübungen insgesamt 140 Tage umfassen. Auch hier soll der Zivildienst mindestens zwölf Monate dauern.
- Stufenmodell: Kombiniert einen sechsmonatigen Grundwehrdienst mit einer anschließenden Truppenausbildung von 60 Tagen, die innerhalb von 18 Monaten nach dem Grundwehrdienst absolviert werden soll. Zusätzlich sind 40 Tage verpflichtende Milizübungen vorgesehen. Der Zivildienst soll auch hier mindestens ein Jahr betragen.
Von den drei ausgearbeiteten Modellen empfiehlt die Kommission die „Österreich PLUS“ genannte Variante. Die Empfehlung lautet, das Modell bereits ab 2027 einzuführen.
Status quo: Wie steht es um die Miliz in Österreich?
Die verpflichtenden Milizübungen wurden mit Hinblick auf die friedlichen Zeiten in Europa 2006 abgeschafft. Dieser Schritt bedeutete de facto das Aus für das Milizsystem, weil seither nicht mehr mit der Volltruppe geübt werden konnte. Lediglich Personen, die sich freiwillig verpflichteten, konnten zumeist im Rahmen von Stabsübungen (z. B. theoretischen Planspielen) und mit Fülltruppen aus Grundwehrdiener:innen, circa alle zwei Jahre für fünf bis zehn Tage mit geliehenen Geräten und Fahrzeugen von aktiven Verbänden üben.
Eine weitere Folge für die Miliz war, dass nicht mehr die klassischen militärischen Einsatzarten „Angriff“, „Verteidigung“ und „Verzögerung“ trainiert wurden, sondern der Schutz kritischer Infrastruktur im Vordergrund stand. So lagen in den Folgejahren die Aufgaben sehr stark in Richtung der Assistenz der Polizei zur Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung, der Hilfeleistung bei Naturkatastrophen sowie der Hilfeleistung im Ausland. Das Österreichische Bundesheer als strategische Handlungsreserve der Republik verlor viele seiner Fähigkeiten in der eigentlichen Kernaufgabe. Essenzielle militärische Fähigkeiten und Waffensysteme wie die Artillerie, mechanisierte Truppen und die Luftabwehr wurden auf einen minimalen Fähigkeitserhalt reduziert, sodass es keine Verbände mehr gab, die in diesen Waffengattungen eingesetzt werden konnten. Zum Beispiel verfügt das ÖBH nur über ein Panzerbataillon. Das bedeutet, dass Österreich mit seiner Fläche von 83.000 Quadratkilometern mit 56 Kampfpanzern einer überholten Generation verteidigt werden sollte.
„Bürger in Uniform“: Wie die Gesellschaft von Milizsystemen und Wehrpflicht profitiert
Ein weiterer zentraler Punkt in der Debatte um Wehrdienst und Miliz: das Modell des „Bürgers in Uniform“ – also Soldat:innen, die im Alltag einem regulären Beruf nachgehen und erst bei Übungen oder Einsätzen ins Heer zurückkehren. Dieses bietet gleich mehrere Vorteile: Es schafft Austausch zwischen Bürger:innen unterschiedlicher sozialer sowie regionaler Herkunft und stärkt damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Verständnis füreinander – ein Faktor, der gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, geopolitischen Umbrüchen und volatilen sozialen Veränderungen an Bedeutung gewinnt.
In einer Streitkräfteorganisation, die nach den Grundsätzen eines Milizsystems eingerichtet ist, spielt die Wehrpflicht hierbei eine zentrale Rolle.
Der gesellschaftliche Nutzen beginnt bereits bei der Stellungskommission, wo eine systematische, umfassende, lückenlose medizinische Untersuchung aller Wehrpflichtigen erfolgt und somit eine Bestandsaufnahme über die Gesundheit der jungen Österreicher:innen eines Jahrgangs geliefert wird. Die Wehrdienstkommission empfiehlt hier auch Frauen miteinzubeziehen, um ein umfassendes, repräsentatives Bild eines Jahrgangs zu erhalten.
Die Stellungskommission stellt den wichtigsten Rekrutierungsweg für das Bundesheer dar – und damit die Basis für ein verlässliches sicherheitspolitisches Umfeld, das nicht nur für Unternehmen, sondern für die gesamte österreichische Gesellschaft essenziell ist. Bislang umfasst die Wehrpflicht nur Männer. Auch Frauen können seit 2023 den freiwilligen Grundwehrdienst leisten, was den Zugang zu Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten des ÖBH erweitert. So konnten zum Weltfrauentag 2026 Rekordzahlen präsentiert werden. Mit Generalmajor Sylvia Sperandio leitet erstmals eine Frau das militärische Gesundheitswesen.
Zudem leistet die Stellungskommission einen oftmals unterschätzten Beitrag für die öffentliche Gesundheit der Österreicher:innen. Bis dahin nicht diagnostizierte gesundheitliche Probleme in jungen Jahren können frühzeitig erkannt und effektiv behandelt werden, was in Folge tendenziell zu einer Entlastung der Finanzierung des öffentlichen Gesundheitswesens führt.