Brücke nach Sommarøy und Mitternachtssonne in Tromsø, Norwegen.

Wie das Management geopolitischer Risiken die strategische Resilienz erhöht 

Geopolitische Spannungen beeinflussen zunehmend die Unternehmensstrategie. Richtig integriert in die ESG-Governance werden sie zur Stellschraube für die Zukunftsfähigkeit.


Überblick:

  • Reporting-Lücke: Viele DAX-Konzerne nennen geopolitische Risiken bereits, doch es fehlt oft an einer expliziten Kategorisierung und quantitativen Bewertung und Resilienz.
  • ESG als Resilienz-Faktor: Starke ESG-Strukturen wirken in Krisenzeiten als Schutzschild und stärken das Vertrauen der Stakeholder.
  • Proaktive Szenarioplanung: Nur wer geopolitische Entwicklungen systematisch in operative KPIs übersetzt, verwandelt Unsicherheit in einen Wettbewerbsvorteil.

Die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten haben die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen der Region spürbar verändert. Mehrere Staaten sind in unterschiedlichem Ausmaß betroffen, weitere könnten im Falle einer Ausweitung der Spannungen direkt oder indirekt durch die Entwicklungen betroffen sein. Angesichts der hohen geopolitischen Volatilität – sowohl in der Region als auch zunehmend global – bleibt der weitere Verlauf schwer vorhersehbar und das Maß an Unsicherheit damit außergewöhnlich hoch.

Die daraus resultierenden Auswirkungen betreffen mehrere kritische Bereiche der globalen Wirtschafts- und Sicherheitsarchitektur. Dazu zählen Störungen im Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus – einen zentralen Korridor für Energie- und Warenströme – sowie eine erhöhte Volatilität in politischen, ökonomischen und rohstoffbezogenen Indikatoren. Obwohl entsprechende Szenarien in unterschiedlichen Risikoanalysen bereits betrachtet wurden, zeigt sich, dass das tatsächliche Ausmaß der Entwicklungen in vielen Fällen über die ursprünglichen Annahmen hinausgeht.

Vor diesem Hintergrund rückt die systematische Bewertung geopolitischer Einflussfaktoren zunehmend in den Mittelpunkt strategischer Unternehmensplanung. Konflikte, handelspolitische Einschränkungen und divergierende regulatorische Rahmenbedingungen entwickeln sich zu relevanten Risikotreibern, die unmittelbare Auswirkungen auf Lieferketten, Marktzugänge und operative Stabilität haben können. Eine strukturierte und vorausschauende Betrachtung möglicher Szenariopfadentwicklungen wird damit zu einem integralen Bestandteil eines resilienten Risk Management Ansatzes.

Angesichts der Zunahme geopolitischer Risiken (GPR) und der Folgen für eine weltweit vernetzte Wirtschaft, wird das Durchspielen möglicher GPR-Szenarien zu einem zentralen Pfeiler für die Unternehmensstrategie. Bewaffnete Konflikte, Handelsbeschränkungen und regulatorische Fragmentierung sind keine Randerscheinungen mehr, sie können überall das Funktionieren von Märkten, reibungslose Lieferketten und die soziale Stabilität bedrohen.

Unternehmen sind von den Risiken nicht isoliert betroffen. Vielmehr sind sie eng verbunden mit Fragen rund um Umwelt, Soziales und Corporate Governance, den sogenannten ESG-Kriterien. In dem gemeinsam mit der Technischen Universität München (TUM) erstellten Whitepaper hat EY untersucht, wie diese Faktoren interagieren und wie Organisationen sie systematisch in ihre strategischen Planungsprozesse integrieren können.

Geopolitische Risiken verstehen: die neue Komplexität jenseits militärischer Konflikte

Militärische Auseinandersetzungen gehören zu den offensichtlichen geopolitischen Risiken. Doch die Kategorie GPR umfasst deutlich mehr. Ausgeprägte politische Spannungen zählen genauso dazu wie Versuche, die internationale Stabilität auszuhöhlen. Damit wirtschaftliche Konsequenzen spürbar werden, muss es gar nicht unbedingt zu konkreten Drohungen oder handfesten Konflikten kommen. Häufig genügt bereits die Erwartungen eines Zusammenstoßes, um Vorsorgemaßnahmen einzuleiten. Diese können wiederum zu Verwerfungen bei Handelsbeziehungen führen oder Lieferbeziehungen durcheinanderbringen. 

Umgang mit geopolitischen Turbulenzen – die Rolle von ESG bei der Risikominderung

Geopolitische Spannungen, regulatorische Fragmentierung und fragile Lieferketten erhöhen den Handlungsdruck für Unternehmen. Die Studie zeigt, wie ESG hilft, Risiken systematisch zu identifizieren und Resilienz zu stärken.

Folgende Kategorien geopolitischer Risiken sollten Unternehmen im Blick haben:

  • Direkte militärische Auseinandersetzungen und territoriale Streitigkeiten.
  • Wirtschaftliche und politische Maßnahmen: Sanktionen, Exportkontrollen und zunehmender Protektionismus erschweren den freien Marktzugang.
  • Cyber- und hybride Bedrohungen: Staatlich gesponserte Cyberangriffe und digitale Fragmentierung greifen immer weiter um sich. Unterstützt werden sie nach wie vor durch klassische Spionage.
  • Politische Einflussnahme und institutionelle Volatilität: Mit unterschiedlichen Maßnahmen versuchen ausländische Akteure, Wahlen zu beeinflussen, politische Schwerpunkte zu verschieben oder institutionelle Stabilität zu untergraben.
  • Regulatorische Fragmentierung: Divergierende Compliance-Regime, Embargos und unterschiedliche Zollregime erhöhen die Komplexität der Rechtsnormen weltweit.

Status Quo im DAX: Zwischen Risikobewusstsein und methodischen Defiziten

Eine Analyse der DAX-40-Unternehmen zeigt ein gemischtes Bild: Zwar berichten 36 der 40 Konzerne über mindestens ein geopolitisches Risiko mit ESG-Bezug, doch die Tiefe der Analyse variiert stark. Die Berichterstattung konzentriert sich auf den Management-Report, vor allem auf Rubriken wie Prognose, Chancen und Risiken. Eine Kategorisierung als explizites geopolitisches Risiko, das unabhängig von verbundenen Problemen eine Nennung wert ist, bleibt die Ausnahme. Im Detail sind von 87 genannten Risiken, die unter Geopolitik fallen, nur 15 ausdrücklich als solche ausgewiesen. Mehr als vier Fünftel finden sich integriert in allgemeine Kategorien.

Der Umfang der Bewertung fällt ebenfalls ganz unterschiedlich aus. In 34 Fällen werden die Risiken quantitativ bestimmt. 21 Risiken werden rein qualitativ bewertet. Die verbleibenden 32 Nennungen werden keiner tiefergehenden Bewertung unterzogen. Die Themen, auf die die Unternehmen verweisen, sind breit gefasst. Sie reichen von der möglichen Unterbrechung von Lieferketten über Energie- und Rohstoffversorgung, Cyberangriffe und regulatorische Risiken bis hin zum Reputationsverlust im Zusammenhang mit Sanktionen.  

ESG als strategischer Anker: Warum Nachhaltigkeit die Widerstandsfähigkeit stärkt

Empirische Befunde zeigen, dass die Wirksamkeit strategischer Governance maßgeblich davon abhängt, inwieweit geopolitische Risikoindikatoren systematisch in bestehende Steuerungs-und Berichtsprozesse integriert werden. Unternehmen, die geopolitische Entwicklungen nicht als externe Störgrößen, sondern als strukturelle Determinanten ihrer Risikolandschaft behandeln, verfügen über präzisere Monitoringsysteme, robustere Szenarioanalysen und einen höheren Reifegrad in der quantitativen Risikobewertung. Dies führt zu einer nachweislich höheren organisatorischen Anpassungsfähigkeit. Besonders deutlich wird dieser Effekt in globalen Lieferketten, in denen eine integrierte ESG-Governance Risiken wie Ressourcenunsicherheit, institutionelle Volatilität oder regulatorische Fragmentierung frühzeitig sichtbar macht und operative Resilienzmechanismen aktiviert.
 

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Gerade hier zeigt sich die Relevanz von ESG als Governance-Rahmen: Ähnliche Mechanismen, die geopolitische Risiken systematisch erfassen und bewerten, bilden auch die Grundlage für eine wirkungsvolle ESG-Steuerung. Gleichzeitig belegt die Evidenz, dass eine konsequent implementierte ESG-Strategie das Vertrauen zentraler Stakeholder stärkt und damit als stabilisierende Variable in geopolitisch volatilen Kontexten wirkt. Dieses Vertrauen reduziert Informationsasymmetrien, erleichtert Investitionsentscheidungen und erhöht die Legitimität schneller strategischer Anpassungen. Unternehmen mit ausgereiften ESG- und CSR- Strukturen zeigen in komparativen Analysen eine höhere Leistungsfähigkeit unter Stressbedingungen als Wettbewerber ohne entsprechende Governance-Mechanismen. Die Daten deuten darauf hin, dass nicht isolierte Einzelmaßnahmen, sondern die kohärente Verknüpfung von ESG-Governance, Stakeholder-Einbindung und adaptiven Risikostrukturen den größten Beitrag zur Resilienz gegenüber geopolitischen Schocks leistet.
 

Das Zusammenspiel von geopolitischen Risiken und der ESG-Performance ist komplex: Zwar können geopolitische Risiken die Bewertung von ESG-Indikatoren beeinträchtigen, gleichzeitig wirkt jedoch die Aufmerksamkeit von Investoren, gelegentlich auch staatliche Unterstützung, einer Herabstufung in vielen Fällen entgegen.
 

Entscheidend sind für Unternehmen proaktive Monitoringsysteme. Sind sie etabliert, lassen sich geopolitische Schocks frühzeitig erkennen. Zur effektiven Risikominderung gehört eine systematische Identifizierung geopolitischer und ESG-bezogener Risiken. Diese sollten im nächsten Schritt strukturiert bewertet werden. Dabei hilft der Einsatz von Quantifizierungsmethoden wie medienbasierten Indizes, Unsicherheitsindizes oder Machine-Learning-Modellen. Die verschiedenen Stakeholder sollten in diesen Prozess ebenfalls eingebunden werden.
 

Lieferketten neu denken: operative Exzellenz in einem volatilen Umfeld

Ein entscheidender Hebel, um geopolitische Schocks besser unter Kontrolle zu halten, ist eine Neugestaltung oder zumindest die umfängliche Anpassung, der Lieferketten. Doch trotz des Bewusstseins für zunehmende geopolitische Unsicherheit handeln viele Unternehmen bisher nur reaktiv.
 

Eine Untersuchung von 18 multinationalen Konzernen in Industriezweigen mit hoher Risikoexposition verdeutlicht: Sie erkennen die geopolitische Unsicherheit an, doch nur eine kleine Gruppe integriert diese Entwicklungen in ihre Szenarioanalysen. Eine Mehrzahl überträgt die Veränderungen bisher gar nicht oder bestenfalls unzureichend in konkrete operative Maßnahmen, KPIs oder Szenarioplanungen.
 

Wenn sie ESG-Erwägungen in operative Entscheidungen integrieren, müssen Manager:innen im Kopf behalten, dass die Resilienz der Lieferkette nicht nur von internen Strukturen abhängt. Eine entscheidende Rolle spielt auch die Stabilität und Ausrichtung der Staaten, in denen sie tätig sind – einschließlich Allianzen, diplomatischer Isolation und der Exposition gegenüber Sanktionen.
 

Geopolitik als strategischer Vorteil

Geopolitische Risiken sind kein „Nice-to-have“-Thema für die Compliance. Vielmehr müssen sie strukturiert identifiziert und systematisch in das Enterprise Risk Management (ERM) eingebunden werden. Transparentes Reporting sowie die Integration von GPR in Governance und Risikomodelle sind wichtige Bausteine. Mithilfe von Methoden zur Quantifizierung über multidimensionale Ansätze und Unsicherheitsindizes sowie Szenarioanalysen lassen sich aus geopolitischer Unsicherheit sogar strategische Wettbewerbsvorteile ziehen. 
 

Unternehmen, denen es gelingt, geopolitische Risiken in ihre ESG-Strategie zu integrieren, stärken damit nicht nur die Resilienz ihrer Lieferkette; sie legen einen wichtigen Grundstein für langfristige Wertschöpfung. Wer geopolitische Entwicklungen regelmäßig proaktiv durchspielt, verwandelt Unsicherheit in einen strategischen Wettbewerbsvorteil.


Fazit

Die Verknüpfung von Geopolitik und ESG‑Kriterien dient heute als strategisches Orientierungs‑ und Steuerungsinstrument. Risikobewusstsein allein reicht nicht mehr aus. Um in einer fragmentierten Weltwirtschaft zu bestehen, müssen Organisationen zu proaktiver Governance übergehen. Durch den Einsatz moderner Quantifizierungsmethoden integrieren sie globale Unsicherheiten in die Entscheidungsprozesse und sichern so nicht nur ihre Lieferketten ab, sondern schaffen die Basis für langfristige Resilienz und messbare Wettbewerbsvorteile.


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