Mehrere bunte Heißluftballons schweben über einem ruhigen See spiegeln sich im Wasser und erzeugen friedliche Szene.!

5 Prioritäten für Versicherer: Wie aus Unsicherheit Chancen entstehen

Angesichts anhaltender Unsicherheit und Volatilität im Markt sondieren Versicherer ein immer breiteres Spektrum an Wachstumschancen.


Überblick

  • Kosteneffizienz ist in schwächeren Märkten zentral – Versicherer sollten Einsparungen gezielt in Transformation und Wachstum fließen lassen.
  • Private Kapitalgeber und neue Wettbewerber verändern von Grund auf, wie Produkte strukturiert, Risiken übertragen und Kapital eingesetzt wird.
  • Top-Führungskräfte richten KI-Strategien neu aus, skalieren Pilotprojekte und steigern die Wertschöpfung für die Transformation.

Phasen der Ungewissheit bieten Versicherern die Chance, entschlossen neue Wege für Wachstum und Innovation zu beschreiten. Warum? Weil Menschen, Familien, Unternehmen und Gemeinschaften weltweit nach wirkungsvollen Lösungen suchen werden, die Prävention und Schutz vor zunehmenden Risiken bieten.

Eine Reihe von Megatrends treibt einen exponentiell beschleunigten, volatilen und vernetzten Wandel voran, der von Grund auf verändert, wie Menschen leben und arbeiten und die globale Wirtschaft funktioniert. Der Versicherungssektor befindet sich gerade in einer äußerst turbulenten Phase. Makroökonomische und geopolitische Ungewissheit, zunehmender Wettbewerb, neue Kapitalströme, disruptive Technologien und regulatorische Fragmentierung – ganz zu schweigen von den sich ändernden Kundenbedürfnissen – verändern die Branche auf unvorhersehbare Weise.

Global Insurance Outlook 2026

Wie zielführende Erkenntnisse und Maßnahmen in einem unsicheren und unbeständigen Markt Wachstum fördern können

Unser EY Global Insurance Outlook 2026 zeigt klar, dass Vorstände und Geschäftsführungen vor allem vor der Herausforderung stehen, die Zukunft neu zu denken. Mutige Innovationen, schwierige Entscheidungen über die Kapitalallokation, der kreative Einsatz von Technologien und die Transformation der Belegschaft und des Geschäftsmodells – all das ist nötig, um die aktuelle Komplexität des Marktes erfolgreich zu bewältigen und die vielen herausragenden Chancen zu nutzen, die dieser dynamische Markt bietet. In diesem Artikel analysieren wir fünf Prioritäten für den Versicherungssektor, um 2026 und darüber hinaus erfolgreich zu wachsen:

1. Den richtigen Wachstumspfad finden

Da die traditionellen Wege zu mehr Wachstum zunehmend verschwinden, erkunden Versicherer verschiedene neue Strategien, um ihr Geschäft auszubauen. Organisches Wachstum wird immer schwieriger, sodass es wahrscheinlich zu vermehrten Fusions- und Übernahmeaktivitäten kommen wird. Entsprechende Transaktionen können dabei unterschiedliche Ziele verfolgen:

  • Das Kerngeschäft ergänzende Akquisitionen können Zugang zu bestimmten Fähigkeiten oder Technologien bieten (zum Beispiel durch InsurTechs, Assekuradeure oder sogenannte „Acquihires“ zur Talentgewinnung).
  • Vertikale Integration verspricht mehr Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette (zum Beispiel kaufen Krankenversicherungen Kliniken und Behandlungseinrichtungen oder Kfz-Versicherer Werkstätten).
  • Das Ziel könnte auch sein, Skaleneffekte zu erreichen (zum Beispiel Konsolidierung unter Maklern und im Spezialversicherungsmarkt).

M&A-Aktivitäten ermöglichen darüber hinaus eine geografische Expansion, bei der Unternehmen versuchen, in politisch stabile Regionen mit relativ geringer Marktdurchdringung und einem transparenten regulatorischen Umfeld vorzudringen. Japanische Versicherer erschließen derzeit besonders aktiv neue internationale Märkte.

Bestimmte Versicherungssegmente (insbesondere Spezialversicherungen) bieten vielversprechende Wachstumsaussichten. Auch Produktinnovationen, die sich an sich verändernden Kundenbedürfnissen und Marktsegmenten orientieren, können das Wachstum ankurbeln, sofern Versicherer ihre Entwicklungszyklen beschleunigen können. Einige Versicherer konzentrieren sich auf modular aufgebaute Lebens- und Rentenversicherungsprodukte, die flexibel in der Anspar- und Auszahlungsphase angepasst werden können. Industrie-, Gewerbe- und Gruppenversicherer binden ihre Kunden aktiv ein, um gemeinsam maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln (zum Beispiel Präventions- und Analysedienstleistungen für Captives oder individuell zugeschnittene Pakete für betriebliche Leistungen).

Getreu dem Motto „Weniger ist mehr“ trennen sich einige Unternehmen von nicht zum Kerngeschäft gehörenden Portfolios, um Kapital für Investitionen in wachstumsstärkere Sparten und gezielte geografische Expansionen freizusetzen. In den Führungsetagen der gesamten Branche herrscht mehr Disziplin als in den letzten Jahren. Versicherer prüfen rigoros, wo sie die besten Chancen haben, sich im Wettbewerb zu behaupten und zu gewinnen, anstatt nach Umsatzwachstum in vielen Märkten und verschiedenen Produktkategorien zu streben.

2. KI in der Versicherung: Strategie auf langfristige Wertschöpfung ausrichten

Versicherer setzen massiv auf künstliche Intelligenz (KI), aber deutliche, über inkrementelle Effizienzgewinne hinausgehende Erlöszuwächse sind noch nicht zu verzeichnen. Vorstände und Geschäftsführungen überdenken ihre zentralen KI-Strategien, je mehr ihnen bewusst wird, wie viel Wandel nötig ist, um ihr transformatives Potenzial tatsächlich auszuschöpfen. Um auf Unternehmensebene einen echten Mehrwert zu schaffen, sollten Versicherer zentrale Kundenerlebnisse neu gestalten, dynamische Underwriting-Ansätze nutzen und Entscheidungen schneller und agiler treffen. Die umfassende Einführung agentischer KI (Agentic AI) wird Anforderungen weiter erhöhen und neue Prozesse und Arbeitsabläufe, neue Fähigkeiten, ja sogar völlig neue Betriebsmodelle erforderlich machen, die alle darauf ausgerichtet sind, die Bedürfnisse der Kund:innen effektiver zu erfüllen. Für die Transformation von Versicherungsunternehmen ist es entscheidend, KI über Pilotprojekte hinaus zu skalieren und konsequent in Kernprozesse zu integrieren.

Die wichtigsten Herausforderungen für CEOs
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Die größten Herausforderungen für das Erreichen finanzieller Zielvorgaben in den nächsten zwölf Monaten sind nach Ansicht von CEOs die technologische Disruption und die Integration von KI. (Quelle: EY-Parthenon CEO Outlook Survey)

Die KI-Revolution ist gerade erst gestartet und nimmt Fahrt auf. Es wird dabei immer dringlicher, Probleme der Datenqualität, Sicherheit und Zugänglichkeit anzugehen, die nach wie vor die größten Hindernisse für die Skalierung von KI darstellen. Pläne müssen flexibel gestaltet werden, um abrupten künftigen Richtungswechseln, seien sie strategischer, operativer oder technologischer Natur, im Zuge des Vormarsches der KI Rechnung zu tragen. Führen Sie sich vor Augen, dass Technologielandschaften künftig standardisierte KI-Tools, bereits in Plattformen integrierte KI-Funktionen (zum Beispiel Software as a Service) und unternehmenseigene Tools vereinen werden.

Schließlich wird uns die neurosymbolische KI neue Möglichkeiten eröffnen und weitere Anreize schaffen, mit denen Versicherer Wertschöpfung, Kundenservice und Wachstum neu denken können. Die Bedeutung von Produktivität und Mehrwert, aber auch die wesentlichen Leistungskennzahlen werden sich grundlegend ändern. Wir sind der Ansicht, dass sich vor allem solche KI-Einsatzszenarien durchsetzen werden, die den Faktor Mensch im Unternehmen stärken und die Effektivität der Mitarbeitenden erhöhen.

3. Das Unternehmen auf schrumpfende Märkte und anhaltende Ungewissheit vorbereiten

Analysten und Interessengruppen sind sich weitgehend einig, dass ein herausforderndes Marktumfeld bevorsteht. Es wird erwartet, dass das Prämienwachstum ins Stocken gerät, während steigende Kosten und schwankende Zinssätze auf die Margen drücken. Geopolitische Spannungen, Zölle, unter Druck geratene Handelsbündnisse und die regulatorische Fragmentierung über verschiedene Länder hinweg erhöhen die Unsicherheit und untergraben das Vertrauen in die Entscheidungsfindung. 


Versicherer setzen in solchen Situationen gerne auf Kosteneinsparungen. Strategisch und korrekt implementiert, setzen Kostenoptimierungsmaßnahmen Kapital für notwendige Investitionen frei (zum Beispiel in Produktinnovation oder digitale Transformation). Aber Unternehmen, die über das Ziel hinausschießen und wahllos kürzen, schränken ihre künftigen Möglichkeiten ein, wenn der Markt wieder Fahrt aufnimmt. Die konsequente Umsetzung von Cycle‑Management‑Playbooks – einschließlich Portfolio‑Steuerung sowie erhöhter strategischer und operativer Disziplin – wird Top‑Führungskräfte in den Mittelpunkt rücken. Schwierige Entscheidungen (zum Beispiel der Ausstieg aus bestimmten Geschäftsbereichen oder die Ablehnung risikoreicher Partnerschaften) erfordern Mut und Führungsstärke.

Um den steigenden Kosten entgegenzuwirken, werden Versicherer versuchen, mehr Funktionen zu automatisieren, und strategische Sourcing‑Optionen wie Managed Services und Global Capability Centers in Betracht ziehen. Auch hier sind niedrigere Kosten nicht das einzige Maß für den Erfolg: Die richtigen Sourcing‑Modelle können den Zugang zu neuen Fähigkeiten, Tools und Talenten eröffnen und die operative Flexibilität erhöhen. Das kann in angespannten Märkten die entscheidende Rolle spielen.

4. Sich mit Private-Capital-Akteuren auseinandersetzen – als Partner, Konkurrent oder in beiden Rollen

Die dramatische Expansion von Private Equity (PE), Private Credit und anderen „alternativen“ Kapitalgebern im Versicherungswesen gehört sicher zu den bemerkenswertesten aktuellen Entwicklungen der Branche. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass sie das Versicherungsgeschäft neu definieren und Innovationen in den Bereichen Produktgestaltung und -vertrieb, Risikotransfer und Kapitalmanagement vorantreiben. Ihre Präsenz im Lebens- und Rentenversicherungsgeschäft in Verbindung mit der wachsenden Rückversicherungskapazität und Brokerkonsolidierung hat das Wettbewerbsgefüge grundlegend verändert. Im breiteren Sach- und Unfallversicherungsmarkt zeigt sich ihr Einfluss vor allem im Wachstum von Katastrophenanleihen und der zunehmenden Bedeutung von Assekuradeuren.

Für etablierte Versicherer gab es noch nie bessere Gründe, mit privaten Kapitalgebern zusammenzuarbeiten. Von ihren Fähigkeiten und ihrer Professionalität, unter anderem in den Bereichen Bilanzsteuerung, Asset-Liability-Matching, Geschäftsanbahnung und -Strukturierung sowie Analytics, können Versicherer viel lernen. Gut gewählte Partnerschaften bieten hier enormes Wertschöpfungspotenzial. Die Auswirkungen auf den Wettbewerb dürfen natürlich weder übersehen noch unterschätzt werden.

Private Capital wird auch langfristig eine zentrale Rolle spielen. Die Frage ist nicht mehr, ob man mit diesen Unternehmen kooperiert, sondern wie. Versicherer sollten also auf der Basis komplementärer Fähigkeiten und gemeinsamer Ziele die richtigen Partner – einschließlich PE-Managern und traditionellen Vermögensverwaltern – für kreative Kooperationen und für beide Seiten vorteilhafte Investitionen finden.

Wachstum von PE-kontrollierten Versicherern in den USA, 2018–2024
50%iger
Anstieg der Anzahl der PE-kontrollierten Versicherer von 90 auf 137 (Quelle: NAIC)
704 Mrd.
US-Dollar an Zahlungsmittelbeständen und investierten Vermögenswerten werden in den USA von PE-kontrollierten Versicherern gehalten, eine Verdopplung gegenüber 2018. (Quelle: NAIC)

5. Die Belegschaft neu ausrüsten und die Unternehmenskultur neu definieren

Trotz aller technologiegetriebenen Umwälzungen hat sich in der obersten Führungsebene weitgehend die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch die Belegschaft fit für die Zukunft gemacht werden muss. Das Hauptaugenmerk liegt dabei darauf, die Mitarbeitenden für eine vollständig digitalisierte Gegenwart und eine KI-gestützte Zukunft auszurüsten. Dabei geht es um mehr als den Erwerb neuer Kompetenzen. Entscheidend ist nicht allein, was Menschen arbeiten, sondern wie sie arbeiten und wie ihre Arbeit strukturiert ist. Neben kontinuierlicher Weiterbildung und individuell zugeschnittenen Entwicklungsplänen können Unternehmen kreatives Denken, eine agile, funktionsübergreifende Zusammenarbeit und neue Formen des Arbeitens mithilfe passender Anreizsysteme und moderner Arbeitsmodelle fördern. 

Im Angesicht der bevorstehenden Pensionierung zahlreicher qualifizierter Mitarbeitender (vor allem im Underwriting, dem traditionellen Kerngeschäft im Versicherungswesen) haben die meisten Versicherer immer noch Schwierigkeiten, die Mitarbeitenden und Fähigkeiten zu finden, die sie brauchen, um in den kommenden Jahren erfolgreich zu sein. Die größten Engpässe bestehen in den Bereichen Data Science, KI-Engineering, Experience Design, spezialisiertem Underwriting und Cyber Risk. Der Handlungsdruck und die hohen Kosten, um diese Lücken zu schließen, werden flexiblen Sourcing‑Modellen zusätzliche Bedeutung verleihen. Zu den langfristigen Lösungsansätzen dürften Programme für die schnelle Entwicklung und Skalierung von Tech-Talenten, der Aufbau von Innovationshubs und Centers of Excellence sowie die verstärkte Kollaboration mit Dritten gehören. Veraltete Organisationsstrukturen, überholte Qualifikationsprofile und eine restriktive Unternehmenskultur – allesamt innovationshemmende Faktoren – müssen überwunden werden. Sie finden sich in der gesamten Branche noch viel zu häufig. Diese Erkenntnis setzt sich in den Führungsetagen zunehmend durch. Das Vertrauen der Mitarbeitenden zu bewahren, wird dabei genauso wichtig und wertvoll, wie das Vertrauen der Kund:innen zu stärken.

Auch die Denkmuster und Führungsstile in den Chefetagen müssen auf den Prüfstand. Das offene Eingeständnis, wie herausfordernd Veränderung in turbulenten Zeiten ist, und ein transparenter Umgang mit der Angst der Mitarbeitenden vor Arbeitsplatzverlusten durch KI können helfen, Unsicherheit abzubauen, und zugleich das Engagement der Belegschaft aufrechterhalten.

Dass das Versicherungsgeschäft im Kern ein Geschäft von Menschen für Menschen ist, mag wie ein Klischee klingen, aber es ist auch eine Tatsache – und daran wird sich im Zeitalter der KI nichts ändern. Eine klare Vision, wie Mensch und Technologie Hand in Hand zusammenarbeiten, kann für das gesamte Unternehmen inspirierend sein.

So wird die Versicherungsbranche zukunftsfit

Die Versicherungsbranche befindet sich an einem entscheidenden Wendepunkt. Unternehmen, die ihre digitalen Transformationsbemühungen beschleunigen und mutig neue Innovationshorizonte erkunden, werden bestens positioniert sein, um die bestehende Unsicherheit und die andauernden Turbulenzen zu bewältigen. Die Konzentration auf langfristige Prioritäten – operative Effizienz, Kundenorientierung und die Einhaltung regulatorischer Vorschriften – kann Unternehmen als Anker dienen, während sie gleichzeitig nach Wachstum durch neue Produkte, neue Kapital- und Risikotransferstrategien, neue Technologien und neue Geschäftsmodelle streben. Obwohl die komplexen Herausforderungen von heute nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollten, sind wir zuversichtlich, dass die Branche ihre besten Tage noch vor sich hat.

Fazit

In diesen ungewissen Zeiten müssen Führungskräfte in der Versicherungsbranche bewährte Innovations- und Wachstumspfade verlassen, um die anstehenden Herausforderungen effektiv zu bewältigen. Überarbeitete KI-Strategien, die Einbindung von Private Capital und eine Belegschaft, die die Innovationsinitiative mitträgt, werden Versicherern helfen, ihre Entwicklungspläne zu verwirklichen.

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