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Wie Aufsichtsräte KI sicher und sinnvoll einsetzen

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Künstliche Intelligenz revolutioniert auch die Arbeit der Kontrollgremien. Die Möglichkeiten sind breit gefächert.


Überblick

  • KI unterstützt Aufsichtsräte bei Analyse, Strukturierung und Bewertung großer Informationsmengen und schafft Zeit für strategische Diskussionen.
  • Sie hilft bei Protokollen, Medienmonitoring, Szenarioanalysen sowie M&A‑Bewertungen und stärkt die unabhängige Kontrollfunktion.
  • Als Sparringspartner prüft KI Vorstandsvorlagen, deckt Risiken auf und liefert datenbasierte Entscheidungsgrundlagen.
  • Voraussetzung sind hohe Sicherheitsstandards, klare KI‑Governance, rechtliche Compliance und gezielter Kompetenzaufbau im Gremium.

Die Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex (DCGK) leistet mit ihrem aktuellen Praxis-Impuls zum Thema „Künstliche Intelligenz im Aufsichtsrat" einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Governance-Praxis in deutschen Unternehmen. Die zentrale Frage lautet, wie Aufsichtsräte KI-Technologien sinnvoll in ihre Arbeit integrieren können. Das Spektrum reicht von der Effizienzsteigerung bei Routineaufgaben über die Unterstützung bei Datenanalyse und Risikomanagement bis hin zur strategischen Entscheidungsvorbereitung. Daneben sollte ein Aufsichtsrat in der Lage sein, dem Vorstand auch zum Thema KI als Kontrollorgan und Sparringspartner zur Verfügung zu stehen. Die DCGK empfiehlt ein schrittweises Vorgehen beim KI-Einsatz. Wir zeigen die jeweiligen Optionen.

Dokumentenanalyse und -aufbereitung

Der Arbeitsalltag von Aufsichtsratsmitgliedern ist geprägt von einer Flut von Informationen. Quartalsberichte, Strategiepapiere, Compliance-Dokumentationen und Protokolle konkurrieren um die begrenzte Aufmerksamkeit der einzelnen Aufsichtsratsmitglieder. KI-Systeme können umfangreiche Vorlagen in Sekundenschnelle analysieren und die Kernaussagen extrahieren. Dabei geht es nicht um bloße Textkürzung, sondern um intelligentes Herausarbeiten der entscheidungsrelevanten Informationen. So können sich Aufsichtsratsmitglieder beispielsweise vor Sitzungen einen strukturierten Überblick über ein 80-seitiges Strategiepapier verschaffen und gezielt jene Abschnitte vertiefen, die besondere Aufmerksamkeit erfordern.

Fokussieren auf das Wichtigste

Bekannte Board-Management-Plattformen haben bereits KI-Funktionen integriert, die kontextbezogene Zusammenfassungen erstellen. Durch das Erkennen von Mustern und Auffälligkeiten lassen sich vor einem Meeting sämtliche Board-Materialien durch ein KI-System analysieren und aufbereiten, um eine Liste kritischer Fragen und Diskussionspunkte zu generieren. Das ermöglicht eine fokussierte Diskussion, die im Resultat fundiertere Entscheidungen in höherer Qualität erlaubt.

Protokollierung

KI-gestützte Transkriptionssysteme können nicht nur in Video-Meetings, sondern auch in physischen Aufsichtsratssitzungen die Inhalte schriftlich festhalten, dokumentieren und Aufgaben, Beschlüsse und offene Fragen herausarbeiten. Auch ohne spezialisierte Tools gibt es zahlreiche Lösungen, die ein Transkript der Sitzung erstellen. Mit vergleichsweise wenig Aufwand und entsprechendem Prompting lassen sich hieraus in generalistischen KI-Tools fertige Protokollentwürfe erstellen. Eingebettet in einen Agenten lässt sich dies auch von weniger technikaffinen Personen umsetzen.

Informationsorganisation

Weiter können KI-gestützte Archivsysteme alle historischen Protokolle, Beschlussvorlagen und Berichte eines Aufsichtsrats vorhalten, finden und durchsuchen. Mit einer einfachen Anfrage lässt sich beispielsweise herausfinden, wann zuletzt über „Digitalisierungsinitiativen" diskutiert und welche Maßnahmen beschlossen wurden. Suchagenten mit Zugriff auf das interne Aufsichtsratsarchiv ermöglichen die Beantwortung von Ad-hoc-Fragen und beschleunigen die Informationsbeschaffung enorm. Während einerseits der Aufsichtsrat entlastet wird und somit mehr Zeit für die inhaltliche Diskussion verbleibt, kann zugleich die Qualität der Entscheidungen erheblich verbessert werden, da diese durch ein vollständiges Bild der Diskussions- und Entscheidungsgrundlagen gestützt werden.

Unabhängige Analysen

Ein besonders wichtiger Aspekt für die Corporate Governance ist, dass KI dem Aufsichtsrat ermöglicht, eigene, unabhängige Analysen durchzuführen, ohne auf vom Management aufbereitete Informationen angewiesen zu sein. Dies stärkt die unabhängige Kontrollfunktion des Gremiums erheblich. Ein Szenario aus der Praxis: Der Aufsichtsrat möchte sich ein eigenes Bild von der Wirksamkeit interner Kontrollsysteme machen. Statt nur die Berichte des Vorstands und der Internen Revision zu lesen, kann er eine KI beauftragen, verschiedene Datenquellen eigenständig auszuwerten, etwa Audit-Berichte der letzten drei Jahre, Compliance-Dokumentationen, Risikoregister und externe Prüfberichte – und das in einem Umfang, für den der Aufsichtsrat im Normalfall keine Ressourcen hätte. Die KI kann Muster identifizieren (z. B. wiederkehrende Schwachstellen in bestimmten Bereichen), Vollständigkeitsprüfungen durchführen (sind alle wesentlichen Risikobereiche abgedeckt?) und Vergleiche zu regulatorischen Anforderungen ziehen.

KI als Sparringspartner und Souffleur

Ein weiteres Beispiel: Bei der Vorbereitung auf Strategiediskussionen kann der Aufsichtsrat KI nutzen, um die Plausibilität von Vorstandsannahmen eigenständig zu überprüfen. Die KI als Sparringspartner prüft Vorstandsvorlagen auf logische Konsistenz und schlägt dem Aufsichtsrat konkrete Rückfragen vor. Prognostiziert der Vorstand ein Umsatzwachstum von 15 Prozent in einem stagnierenden Markt, kann die KI externe Marktdaten, Analystenschätzungen und historische Wachstumsraten auswerten, diese Prognose mit vorhandenen Unternehmensdaten abgleichen und dem Aufsichtsrat eine datenbasierte Einschätzung liefern. Zugleich kann sie die Nachfrage vorschlagen, welche spezifischen Marktanteilsgewinne erforderlich sind, um dieses Wachstum zu erreichen, und wie realistisch die Prognose angesichts der Wettbewerbssituation wirklich ist.

Medienmonitoring

In Zeiten immer schnellerer dezentraler Informationsflüsse wird die Beobachtung und Analyse von Medienberichterstattung, Social-Media-Diskussionen und Analystenmeinungen wichtiger. Die KI ermöglicht es dem Aufsichtsrat, ein Echtzeitbild der öffentlichen Wahrnehmung des Unternehmens zu erhalten. Insbesondere in Krisensituationen oder bei strategischen Weichenstellungen, die öffentliche Aufmerksamkeit erregen, erweist sich dies als sinnvoll. Jedes Aufsichtsratsmitglied kann mit einer einfachen Lizenz für eines der großen Large Language Models in Kombination mit den verfügbaren Research-Modellen eine automatisierte Internetrecherche erstellen (lassen) – selbstverständlich auch fokussiert auf gewisse Themenkomplexe, branchenspezifische Internetseiten oder geografische Tätigkeitsbereiche.

Szenario-Planung und „Was-wäre-wenn-Analysen“

Am fortgeschrittenen Ende des Spektrums fungiert KI als strategischer Berater und Sparringspartner des Aufsichtsrats. Komplexe Zukunftsfragen und Entscheidungen können mit KI analysiert und erarbeitet werden. „Was-wäre-wenn-Analysen“ können in Sekundenbruchteilen verschiedene Szenarien durchspielen, Vor- und Nachteile aufzeigen und die Ergebnisse basierend auf verfügbaren Unternehmensdaten einordnen. Schlägt der Vorstand beispielsweise eine Expansion in einen neuen geografischen Markt vor, simuliert die KI auf der Basis historischer Daten und Marktanalysen – die der KI natürlich zur Verfügung gestellt werden müssen – verschiedene Szenarien, vom Best Case bis zum Worst Case. Wenngleich die Einschätzung weiterhin beim Aufsichtsrat selbst liegt, helfen die Simulationen, gegebenenfalls vorgefestigte Meinungsbilder zu durchbrechen und neue Perspektiven durch eine unvoreingenommene Datenanalyse zu erhalten.

M&A-Bewertung und Due Diligence

Bei nahezu jedem M&A-Projekt und jeder Due Diligence leistet KI heute schon wertvolle Hilfe durch eine schnelle Analyse umfangreicher Datenräume, die Extraktion benötigter Datensätze oder eine Risikoeinschätzung. Auch wenn die Anwaltskanzleien und M&A-Teams solche Analysen und Risikoeinschätzungen auf- und vorbereiten, bietet den Aufsichtsratsmitgliedern eine auf den Datenraum aufgeschaltete KI die Möglichkeit, individuelle Rückfragen zu spezifischen Sachverhalten oder Verträgen zu stellen, um sich ein Bild für eine eigene Chancen-Risiko-Einschätzung machen zu können. 

KI als Aufsichtsratsmitglied

Führt man die Idee einer überwachenden und analysierenden KI fort, so scheint der nächste Schritt gar nicht mehr so abwegig: ein virtuelles KI-Aufsichtsratsmitglied. Selbstverständlich soll ein solches KI-Mitglied (noch) nicht gleichwertig neben den Aufsichtsratsmitgliedern aus Fleisch und Blut agieren. Unternehmen experimentieren aber bereits mit Systemen, die als nicht stimmberechtigte Beobachter an Board-Diskussionen teilnehmen. Die Systeme analysieren die laufende Debatte in Echtzeit, fassen Argumente zusammen, haben Zugriff auf die Berichte der vergangenen Sitzungen und können gezielt und nahezu in Echtzeit, noch während des Meetings, auf Lücken oder Widersprüche hinweisen. Auch wenn diese Pilotprojekte noch experimentell und zukunftsorientiert sind, zeigen sie einen klaren Trend: KI entwickelt sich vom reinen Analysetool zum aktiven Mitdenker und künftig vielleicht sogar zu einem Kollegen.


Fazit

KI wird kurzfristig die Aufsichtsratsarbeit nicht revolutionieren, aber substanziell verbessern. Aufsichtsratsmitglieder gewinnen Zeit für das Wesentliche: strategische Diskussionen, kritisches Hinterfragen und verantwortungsvolle Entscheidungen. Sie erweitern ihren Analysehorizont, erkennen Muster früher und können dem Vorstand auf Augenhöhe begegnen. KI ist aber nur ein Werkzeug und kein Ersatz für menschliches Urteilsvermögen. Die Verantwortung für Entscheidungen liegt und bleibt beim Aufsichtsrat.




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