- 2025 drittes Jahr mit Rückgang bei Umsatz und Beschäftigung in Deutschland
- Export chinesischer Chemieproduzenten nach Europa steigt stark – zunehmende Konkurrenz für deutsche Unternehmen
- Insolvenzen seit drei Jahren auf hohem Niveau
- Neue Energiekrise dürfte für zusätzlichen Kostendruck sorgen – weiter steigende Zahl an Insolvenzen befürchtet
Die deutsche Chemieindustrie steht vor einem weiteren Krisenjahr: Im vergangenen Jahr sank der Umsatz der deutschen Chemieindustrie bereits um 2,9 Prozent, seit dem Rekordjahr 2022 sogar um 22 Prozent. Auch bei der Beschäftigung zeigt die Kurve nach unten: Im Jahr 2025 schrumpfte die Zahl der Beschäftigten um zwei Prozent, seit 2022 um vier Prozent. Insgesamt gingen seit dem Jahr 2022 mehr als 13.000 Jobs in der Chemieindustrie verloren.
Einer der Gründe für die schwache Umsatzentwicklung der Chemiebranche ist der schrumpfende Export: Im vergangenen Jahr sank der Auslandsumsatz der deutschen Unternehmen um drei Prozent, seit 2022 sogar um 21 Prozent. Besonders schwach entwickelte sich der Export deutscher Chemieunternehmen nach China, der im Jahr 2025 um zehn Prozent zurückgingen – während gleichzeitig die Importe aus China um knapp sechs Prozent zulegten.
Angesichts aktuell stark steigender Energiepreise dürfte der wichtigste Standortnachteil Deutschlands – die hohen Energiekosten – im laufenden Jahr noch stärker ins Gewicht fallen und zu einer weiteren Verschärfung der Branchenkrise sorgen. Das sind Ergebnisse einer aktuellen Analyse von EY-Parthenon, der Strategie- und Transaktionsberatung von EY, zur Entwicklung der deutschen Chemieindustrie. Basis der Studie, die nur in Deutschland tätige Betriebe analysiert, sind aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts, der EU Statistikbehörde Eurostat und eigene Unternehmensrecherchen.
Die Gründe für die tiefe Krise der deutschen Chemieindustrie seien vielfältig, sagt Jan Kümmel, Partner bei EY-Parthenon: „Es gibt ein weltweites Überangebot bei wichtigen Grundchemikalien, insbesondere weil China in den vergangenen Jahren seine Produktionskapazitäten massiv ausgebaut hat. Chinesische Hersteller drängen verstärkt mit günstigen Exporten nach Europa und bedrohen damit die traditionellen Auslandsmärkte der deutschen Chemieindustrie.“ So importierte die EU im vergangenen Jahr aus China Chemieprodukte für knapp 55 Milliarden Euro – ein Anstieg um fast 23 Prozent gegenüber 2024. Das Handelsbilanzdefizit der EU mit China weitete sich damit deutlich aus: von 9,2 auf 22,5 Milliarden Euro. „Chinesische Anbieter treten in Europa immer stärker als Wettbewerber deutscher Produzenten in Erscheinung – mit Preisen, die für die Deutschen nicht machbar sind“, sagt Jan Kümmel.
Damit träten die strukturellen Nachteile der deutschen Chemieindustrie immer stärker zutage, ergänzt Max Dressler, Partner bei EY-Parthenon: „Vor allem die hierzulande hohen Energiekosten stellen einen immensen Wettbewerbsnachteil dar. Hinzu kommt, dass wichtige Abnehmer der Chemieindustrie selbst in einer tiefen Krise stecken – allen voran die Automobilindustrie. Entsprechend dünn ist die Auftragslage.“ Die infolge des Iran-Krieges wieder stark gestiegenen Energiepreise sorgen für eine weitere Zuspitzung die Lage, so Dressler: „Die Luft für die deutsche Chemieindustrie wird immer dünner.“
Zahl der Insolvenzen seit 2023 auf hohem Niveau
Vor allem mittelständische Betriebe ringen bereits ums Überleben, so Dressler: „Viele versuchen zwar gegenzusteuern – etwa durch Kostensenkungen, Personalabbau oder Spezialisierung – stoßen dabei aber an Grenzen. Die Gefahr besteht, dass eine Welle von Betriebsschließungen durch die Branche rollt, falls die Nachfrage nicht anzieht und keine Entlastungen bei Kosten oder Abgaben kommen.“
Im vergangenen Jahr wurden 45 Insolvenzverfahren von Unternehmen aus der Chemieindustrie beantragt, im Vorjahr waren es 44, im Jahr 2023 wurden 48 Insolvenzverfahren beantragt. In den drei Vorjahren lag die Zahl hingegen bei durchschnittlich 30 Insolvenzverfahren im Jahr. „Insolvenzen sind längst keine abstrakte Gefahr mehr, sondern Branchenalltag – und in kaum einer Industriebranche sind Insolvenzen so problematisch wie in der Chemie“, beobachtet Dressler: „Denn fällt ein Chemiebetrieb aus, reißt dies oft eine Lücke in bestehende Lieferketten, Dominoeffekte drohen. Abnehmern fehlen essenzielle Vorprodukte, während bei Zulieferern plötzliche Absatzlöcher entstehen. Chemieprodukte sind oft systemkritisch, die Versorgung der Kunden funktioniert meist just-in-time, also ohne große Lagerhaltung. Bricht ein Lieferant weg, können Kunden in Automobil-, Bau- oder Pharmaindustrie nicht ohne Weiteres auf Alternativen ausweichen. Zudem: Kein anderer Industriezweig trägt ein so großes Umweltrisiko bei einer Betriebsaufgabe wie die Chemie. Chemieanlagen arbeiten mit gefährlichen Stoffen und hinterlassen häufig kontaminierte Anlagen und Böden. Entsprechend intensiv sind die Bemühungen aller Beteiligten, Insolvenzen zu verhindern. Dass trotzdem die Zahl der Insolvenzen aktuell besonders hoch ist, zeigt, wie schwierig die Lage ist.“
Beschäftigung: Fachkräfte halten vs. Kostendruck
Trotz der anhaltenden Krise war die Beschäftigungsentwicklung in der chemischen Industrie in den vergangenen Jahren vergleichsweise stabil: Trotz eines deutlich zweistelligen Umsatzrückgangs in den vergangenen drei Jahren schrumpfte die Zahl der Beschäftigten nur um vier Prozent, und damit weniger stark als in anderen Industriebranchen. „Die Firmen scheuen bisher größere Entlassungswellen – vor allem, um ihre qualifizierten Fachkräfte nicht zu verlieren“, sagt Jan Kümmel. „Gut ausgebildetes Personal ist weiterhin knapp und ein wichtiger Trumpf des Industriestandorts Deutschland. Viele Unternehmen betrachten ihre Fachleute als kritische Ressource, die man für den Aufschwung in besseren Zeiten dringend braucht. Allerdings lässt die Hoffnung auf bessere Zeiten nach – und damit werden Sparprogramme, die auch Stellenstreichungen beinhalten, immer wahrscheinlicher.“
Ausblick: Branche gerät tiefer in die Krise
Eine positive Trendwende sei nicht derzeit zu erwarten, sagt Kümmel. Im Gegenteil: „Der Umsatz der Branche dürfte 2026 weiter sinken – damit wäre 2026 das vierte Krisenjahr in Folge. Konjunkturbelebende Effekte – etwa durch das deutsche Infrastrukturpaket – sind zu schwach und zu langsam, um kurzfristig eine Wende herbeizuführen. Die aktuell stark steigenden Energiepreise dürften die Wirtschaftsentwicklung belasten, zu einer sinkenden Nachfrage führen und zudem die Kostennachteile weiter verstärken.“
Die Chemieindustrie müsse Kosten senken und effizienter werden, ohne ihre Substanz zu verlieren, betont Dressler. „Die Branche steht vor der Aufgabe, Überkapazitäten abzubauen oder neue Absatzmärkte zu erschließen, um die Auslastung wieder zu verbessern. Unternehmen werden sich spezialisieren müssen, um sich vom reinen Massenbasisgeschäft, wo der Preisdruck am größten ist, unabhängiger zu machen.“ Zugleich dürfte die Konsolidierung der Branche weitergehen. „Weniger rentable Standorte und Firmen werden vom Markt verschwinden oder in stärkere Einheiten integriert werden. Verheerend wäre ein weiterer Anstieg der Insolvenzen – das würde den Industriestandort Deutschland insgesamt erheblich schwächen.“