Beleuchtete Chemieanlage mit Solarmodulen bei Nacht

Warum Energie zum strategischen Wettbewerbsfaktor wird

Energieintensive Unternehmen können ihre Energiekosten nicht länger nur über den Einkauf steuern.


Überblick:

  • Volatile Energiepreise machen Beschaffung, Netzentgelte, CO₂-Kosten und Regulierung für Unternehmen zu einer gemeinsamen strategischen Aufgabe.
  • Szenarien helfen Unternehmen, zentrale Kostentreiber zu bewerten und ihre Energieposition für unterschiedliche Marktentwicklungen robust aufzustellen.
  • Ein abgestimmtes Portfolio aus Absicherung, Eigenversorgung, Speichern und Lastmanagement stärkt Kostenposition und Wettbewerbsfähigkeit.

Energiekosten sind für energieintensive Unternehmen in Deutschland zu einem zentralen Wettbewerbs- und Standortfaktor geworden. Strom- und Gaspreise liegen weiterhin über dem Vorkrisenniveau und schwanken zugleich stärker als früher. Für Unternehmen entsteht die eigentliche Belastung jedoch nicht allein am Großhandelsmarkt. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Beschaffung, Netzentgelten, staatlich veranlassten Preisbestandteilen, CO2-Kosten und regulatorischen Entlastungen.

Diese Kostenlogik hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Der Wegfall russischer Pipelineimporte hat Europa stärker vom globalen LNG-Markt abhängig gemacht. Gleichzeitig reagieren Energiepreise empfindlicher auf geopolitische Entwicklungen, Speicherfüllstände, Wetterbedingungen und globale Marktverwerfungen. Im Strommarkt kommen strukturelle Faktoren hinzu: Der schnelle Ausbau erneuerbarer Energien trifft auf verzögerten Netzausbau, begrenzte Flexibilität und weiterhin preissetzende fossile Kraftwerke in Stunden hoher Residuallast. Die zunehmenden Ungleichgewichte zeigen sich besonders deutlich an der Entwicklung negativer Strompreisstunden.


Für Unternehmen stellt sich die Frage, wie belastbar die eigene Energiekostenposition insgesamt ist. Wer seine Kostenstruktur verstehen will, muss Beschaffung, Netzentgelte, CO2-Kosten, regulatorische Voraussetzungen und Investitionsentscheidungen gemeinsam betrachten.


Damit stellt sich für Unternehmen eine andere Frage als noch vor wenigen Jahren: Nicht mehr nur, zu welchem Preis Energie beschafft wird, sondern wie belastbar die eigene Energiekostenposition insgesamt ist. Wer seine Kostenstruktur verstehen will, muss Beschaffung, Netzentgelte, CO2-Kosten, regulatorische Voraussetzungen und Investitionsentscheidungen gemeinsam betrachten.
 

Energiepreise: Drei Entwicklungen prägen die neue Logik

  • Erstens wird Volatilität zur neuen Normalität. Energiepreise werden stärker von externen Schocks und strukturellen Veränderungen im Energiesystem geprägt. Globale Krisen, geopolitische Spannungen, Wetterbedingungen und Speicherfüllstände wirken insbesondere auf die Gaspreisentwicklung. Gleichzeitig verändert der Ausbau erneuerbarer Energien die Preisbildung im Strommarkt. In Zeiten hoher erneuerbarer Einspeisung entstehen häufiger sehr niedrige oder negative Preise, während in Stunden hoher Residuallast weiterhin fossile Kraftwerke preissetzend bleiben können.
  • Zweitens bleiben CO2-Kosten ein struktureller Kostentreiber. Der europäische Emissionshandel wirkt direkt auf emissionsintensive Produktionsprozesse und indirekt auf Strompreise. Damit beeinflussen CO2-Kosten nicht nur laufende Kosten, sondern auch Investitionsentscheidungen, Standortbewertungen und die wirtschaftliche Bewertung von Transformationsmaßnahmen.
  • Drittens wird Flexibilität zur Kosten- und Wettbewerbsfrage. Speicher, Lastmanagement, verschiebbare Lasten und Eigenversorgung gewinnen an Bedeutung, weil Unternehmen künftig stärker von dynamischen Preis- und Netzentgeltstrukturen betroffen sind. Die geplante Weiterentwicklung der Netzentgeltsystematik im Verfahren AgNes kann diese Entwicklung zusätzlich verstärken, wenn netzdienliches Verhalten stärker berücksichtigt wird.
     

Warum Szenarien helfen, aber keine einfache Antwort liefern

Wie sich Strom-, Gas- und CO2-Preise bis 2036 entwickeln, hängt von mehreren Treibern ab: der Geschwindigkeit von Elektrifizierung und Nachfragewachstum, dem Ausbau erneuerbarer Energien, der Verfügbarkeit von Flexibilitäten und gesicherter Leistung sowie dem Preisniveau an den europäischen Gas- und CO2-Märkten. Deshalb betrachten wir drei Entwicklungspfade, die unterschiedliche Marktbedingungen abbilden.

Der Referenzpfad beschreibt eine Entwicklung mit moderatem Nachfragewachstum, mittleren Gas- und CO2-Preisen sowie einem gegenüber den Zielpfaden verzögerten Ausbau erneuerbarer Energien. Ein angespannter Entwicklungspfad zeigt, wie sich höhere Nachfrage, langsamere Ausbaufortschritte und höhere Gas- und CO2-Preise auf industrielle Energiekosten auswirken können. Ein entlasteter Entwicklungspfad unterstellt dagegen einen schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien und Speicher, moderateres Nachfragewachstum sowie niedrigere Gas- und CO2-Preise.


Entscheidend ist es für energieintensive Unternehmen, die eigene Kostenposition nicht nur für ein erwartetes Marktumfeld zu optimieren, sondern über mehrere mögliche Entwicklungen hinweg belastbar aufzustellen.


Der Wert der Szenarien liegt nicht darin, eine eindeutige Preisprognose zu liefern. Sie zeigen vielmehr, welche Kostentreiber unter unterschiedlichen Marktbedingungen besonders relevant werden und wie stark sich Belastungen zwischen Unternehmen unterscheiden können. Für energieintensive Unternehmen ist deshalb entscheidend, die eigene Kostenposition nicht nur für ein erwartetes Marktumfeld zu optimieren, sondern über mehrere mögliche Entwicklungen hinweg belastbar aufzustellen.

Was daraus für Unternehmen folgt

Kurzfristig reicht es nicht, einzelne Entlastungsinstrumente oder Beschaffungsentscheidungen isoliert zu betrachten. Staatliche Entlastungen können Belastungen zwar teilweise abfedern, sind aber ungleich verteilt, beihilferechtlich begrenzt und nicht für jedes Unternehmensprofil gleichermaßen zugänglich. Unternehmen müssen daher verstehen, welche regulatorischen Voraussetzungen für sie relevant sind und wie diese mit Beschaffung, Netzentgelten und CO2-Kosten zusammenspielen.


Energie im Wandel

Energie wird für energieintensive Unternehmen immer mehr zum strategischen Erfolgsfaktor. Welche Voraussetzungen dafür entscheidend sind, zeigt die EY-Perspektive „Energie im Wandel“.


Mittelfristig rückt der Aufbau eines robusten Energiekostenportfolios in den Vordergrund. Dazu gehören strukturierte Beschaffung und Preisabsicherung, Eigenversorgung, Speicherlösungen sowie Flexibilitätsoptionen wie Lastmanagement oder verschiebbare Lasten. Der strategische Wert entsteht nicht durch eine einzelne Maßnahme, sondern durch die Kombination dieser Optionen unter Berücksichtigung des jeweiligen Standort-, Last- und Regulierungsprofils.

Langfristig wird Energie damit stärker Teil der Produktions- und Standortstrategie. Unternehmen, die Energie nur als laufenden Kostenblock behandeln, bleiben reaktiv. Wer Beschaffung, Eigenversorgung, Flexibilität, CO2-Kosten und regulatorische Anforderungen integriert steuert, kann Risiken begrenzen, Investitionen gezielter bewerten und die eigene Wettbewerbsfähigkeit im Energiesystem der Zukunft stärken.


Fazit

Energie wird für energieintensive Unternehmen zur strategischen Steuerungsfrage. Wer Beschaffung, Regulierung und Flexibilität zusammendenkt, verbessert nicht nur seine Kostenposition, sondern stärkt auch seine Handlungsfähigkeit in einem volatileren Energiesystem. Damit wird die integrierte Steuerung von Energiekosten zu einem wichtigen Baustein industrieller Wettbewerbsfähigkeit.

 

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