Damit stellt sich für Unternehmen eine andere Frage als noch vor wenigen Jahren: Nicht mehr nur, zu welchem Preis Energie beschafft wird, sondern wie belastbar die eigene Energiekostenposition insgesamt ist. Wer seine Kostenstruktur verstehen will, muss Beschaffung, Netzentgelte, CO2-Kosten, regulatorische Voraussetzungen und Investitionsentscheidungen gemeinsam betrachten.
Energiepreise: Drei Entwicklungen prägen die neue Logik
- Erstens wird Volatilität zur neuen Normalität. Energiepreise werden stärker von externen Schocks und strukturellen Veränderungen im Energiesystem geprägt. Globale Krisen, geopolitische Spannungen, Wetterbedingungen und Speicherfüllstände wirken insbesondere auf die Gaspreisentwicklung. Gleichzeitig verändert der Ausbau erneuerbarer Energien die Preisbildung im Strommarkt. In Zeiten hoher erneuerbarer Einspeisung entstehen häufiger sehr niedrige oder negative Preise, während in Stunden hoher Residuallast weiterhin fossile Kraftwerke preissetzend bleiben können.
- Zweitens bleiben CO2-Kosten ein struktureller Kostentreiber. Der europäische Emissionshandel wirkt direkt auf emissionsintensive Produktionsprozesse und indirekt auf Strompreise. Damit beeinflussen CO2-Kosten nicht nur laufende Kosten, sondern auch Investitionsentscheidungen, Standortbewertungen und die wirtschaftliche Bewertung von Transformationsmaßnahmen.
- Drittens wird Flexibilität zur Kosten- und Wettbewerbsfrage. Speicher, Lastmanagement, verschiebbare Lasten und Eigenversorgung gewinnen an Bedeutung, weil Unternehmen künftig stärker von dynamischen Preis- und Netzentgeltstrukturen betroffen sind. Die geplante Weiterentwicklung der Netzentgeltsystematik im Verfahren AgNes kann diese Entwicklung zusätzlich verstärken, wenn netzdienliches Verhalten stärker berücksichtigt wird.
Warum Szenarien helfen, aber keine einfache Antwort liefern
Wie sich Strom-, Gas- und CO2-Preise bis 2036 entwickeln, hängt von mehreren Treibern ab: der Geschwindigkeit von Elektrifizierung und Nachfragewachstum, dem Ausbau erneuerbarer Energien, der Verfügbarkeit von Flexibilitäten und gesicherter Leistung sowie dem Preisniveau an den europäischen Gas- und CO2-Märkten. Deshalb betrachten wir drei Entwicklungspfade, die unterschiedliche Marktbedingungen abbilden.
Der Referenzpfad beschreibt eine Entwicklung mit moderatem Nachfragewachstum, mittleren Gas- und CO2-Preisen sowie einem gegenüber den Zielpfaden verzögerten Ausbau erneuerbarer Energien. Ein angespannter Entwicklungspfad zeigt, wie sich höhere Nachfrage, langsamere Ausbaufortschritte und höhere Gas- und CO2-Preise auf industrielle Energiekosten auswirken können. Ein entlasteter Entwicklungspfad unterstellt dagegen einen schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien und Speicher, moderateres Nachfragewachstum sowie niedrigere Gas- und CO2-Preise.