- Mehr als acht von zehn Befragten (81 Prozent) sagen, dass Geldsorgen ihre Leistung beeinflussen
- 60 Prozent der Studentinnen und Studenten haben Verbindlichkeiten, fast jede und jeder Zehnte (9 Prozent) in Höhe von 5.000 Euro oder mehr
- Weniger als die Hälfte der Studierenden (43 Prozent) ist mit der eigenen Finanzsituation zufrieden
- Nur die Hälfte der angehenden Akademikerinnen und Akademiker (50 Prozent) blickt optimistisch in die Zukunft
Studieren bedeutet für viele junge Menschen in Deutschland nicht nur die (Hoch-)Schulbank zu drücken – sondern auch Schulden zu machen. Sechs von zehn Studierenden (60 Prozent) geben an, aktuell Verbindlichkeiten oder Kredite zu haben, dies beinhaltet auch überzogene Girokonten. Jeder elfte Befragte hat laut eigenen Angaben sogar Schulden von mehr als 5.000 Euro. Unter den Studierenden im Fachbereich Medizin ist der Anteil der verschuldeten Studentinnen und Studenten mit 74 Prozent am höchsten. Auf einem ähnlich hohen Niveau liegt der Wert bei den Befragten aus dem Bereich Geisteswissenschaften (73 Prozent). Auffällig ist darüber hinaus der Unterschied zwischen den Geschlechtern: Bei Männern liegt der Anteil der Befragten mit Verbindlichkeiten bei 64 Prozent – und damit um acht Prozentpunkte höher als bei Frauen (56 Prozent).
Die finanzielle Belastung der angehenden Akademikerinnen und Akademiker hat spürbare Folgen, auch für das Studium selbst: Mehr als acht von zehn Befragten (81 Prozent) sagen, dass finanzielle Engpässe oder notwendige Nebenjobs ihre Studienleistungen negativ beeinflussen. Fast ein Drittel (31 Prozent) spürt dabei starke bis sehr starke negative Auswirkungen. Überdurchschnittlich stark ausgeprägt sind diese bei angehenden Medizinerinnen und Medizinern sowie Studierenden der Rechts- und Kulturwissenschaften (je 39 Prozent). Umgekehrt sind angehende Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler (28 Prozent) unterdurchschnittlich stark von Folgen finanzieller Belastungen betroffen.
Entsprechend kritisch beurteilen die Befragten der aktuellen EY-Studie ihre monetäre Lage: Weniger als die Hälfte (43 Prozent) sagt, die eigene Finanzsituation sei sehr gut oder gut. Gleichzeitig blickt nur etwa jede und jeder Zweite (50 Prozent) optimistisch in die Zukunft – Frauen (46 Prozent) geben dies seltener an als Männer (54 Prozent). Das sind Ergebnisse einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Für die Studie wurden mehr als 2.000 Studentinnen und Studenten im Frühjahr 2026 befragt.
Finanzielle Unsicherheit prägt nicht nur den Alltag der angehenden Akademikerinnen und Akademiker, sondern zunehmend auch Entscheidungen rund um das Studium. Gute Verdienstmöglichkeiten waren für die große Mehrheit der Befragten bei der Wahl des Studienfachs wichtig: Insgesamt sagen das fast neun von zehn Befragten (87 Prozent) – davon bewerten 52 Prozent den Punkt als „sehr wichtig“ und 35 Prozent als „eher wichtig“. Jan-Rainer Hinz, Mitglied der Geschäftsführung und Leiter Personal und Unternehmenskultur bei EY, sagt: „Finanzielle Sicherheit – oder vielmehr Unsicherheit – wird immer deutlicher zum prägenden Faktor des Studiums. Wir sind weit entfernt von Verhältnissen wie beispielsweise in den USA, wo sich Hochschülerinnen und Hochschüler teilweise massiv für ihre akademische Ausbildung verschulden müssen. Aber die Verbindlichkeiten, die sich während des Studiums ansammeln, müssen auch hierzulande nach dem Studium durch einen gutbezahlten Job beglichen werden. Hinzu kommt, dass die Lebenshaltungskosten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind – während staatliche Unterstützung oft nicht in gleichem Maße nachgezogen ist.“
Nicole Dietl, Partnerin Assurance und Talent Leaderin bei EY, sagt: „Gerade für junge Menschen aus weniger privilegierten Verhältnissen wird ein Studium zunehmend zur Herausforderung. Wenn ein großer Teil der Zeit in Nebenjobs fließt, leidet zwangsläufig die Konzentration auf die Ausbildung. Unsere Daten zeigen: Viele bewältigen ihren Studienalltag derzeit noch gut, blicken aber auch mit wachsender Unsicherheit auf ihre finanzielle Situation und ihre Zukunft. Gleichzeitig beobachten wir, dass alternative Bildungswege – etwa im Handwerk – früher finanzielle Stabilität bieten und in vielen Fällen auch langfristig konkurrenzfähige Einkommen ermöglichen. Vor dem Hintergrund eines anhaltenden Fachkräftebedarfs, insbesondere in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen, braucht es deshalb eine ehrlichere Debatte über Bildungswege: Nicht jede akademische Laufbahn führt automatisch zu besseren Perspektiven – und nicht jeder Verzicht auf ein Studium ist ein Verlust.“
Eigene Finanzlage: Männer deutlich häufiger zufrieden als Frauen
Deutlich weniger als die Hälfte der Studierenden (43 Prozent) beurteilt die eigene Finanzsituation als gut. Gleichzeitig ist die Gruppe, deren monetäre Situation weder gut noch schlecht ist, mit 39 Prozent fast ebenso groß. Knapp ein Fünftel (18 Prozent) bewertet die eigene Finanzlage als schlecht. Auch hier zeigt sich ein klarer Unterschied zwischen den Geschlechtern: Während bei den Männern mehr als die Hälfte (52 Prozent) mit den eigenen Finanzen zufrieden ist, ist es bei den Frauen nur gut jede Dritte (34 Prozent). Dietl: „Dass Studentinnen ihre finanzielle Situation deutlich seltener als gut bewerten als ihre Kommilitonen, lässt sich nicht allein durch Unterschiede bei Einkommen oder Erwerbstätigkeit erklären. Trotz vergleichbarer Ausgangslage schätzen Frauen häufig finanzielle Risiken vorsichtiger ein, achten stärker auf langfristige Absicherung und bewerten ihre Situation insgesamt kritischer. Hinzu kommt: Viele gehen schon im Studium davon aus, dass sie es beim Berufseinstieg und im weiteren Karriereverlauf schwerer haben werden als ihre männlichen Kollegen. Diese Unterschiede setzen sich am Arbeitsmarkt fort: Verdienstlücken, unterschiedliche Erwerbsverläufe und eingeschränkter Zugang zu gut bezahlten Positionen prägen die Erwartungen früh.“
Die angespannte finanzielle Lage wirkt sich dabei nicht nur auf Studium und Karriereplanung aus, sondern zunehmend auch auf das persönliche Wohlbefinden der Studierenden. Zwar geben insgesamt acht von zehn Befragten (80 Prozent) an, mit ihrer aktuellen persönlichen Situation zufrieden zu sein, gleichzeitig berichtet jedoch jede und jeder Fünfte (20 Prozent) von einer eher oder sehr unzufriedenen Lebenssituation. Auffällig ist auch hier wieder der Blick auf die Geschlechter: Während 84 Prozent der männlichen Studierenden ihre persönliche Situation insgesamt als zufriedenstellend beschreiben, liegt dieser Wert bei den Frauen mit 77 Prozent deutlich niedriger. Hinzu kommt der Blick nach vorn: Nur jede und jeder zweite Befragte (50 Prozent) blickt aktuell (sehr oder eher) optimistisch in die Zukunft. Ein Drittel (33 Prozent) bewertet die eigene Zukunft neutral, während fast jede und jeder Sechste (17 Prozent) pessimistisch auf die kommenden Jahre schaut.
Hinz analysiert: „Der wirtschaftliche Druck, den Studierende heute spüren, geht weit über finanzielle Fragen hinaus – weil viele Studierende heute nicht nur sparen müssen, sondern gleichzeitig mit unsicheren Berufsperspektiven und steigenden Anforderungen beim Berufseinstieg konfrontiert sind. Ein Studienabschluss allein garantiert längst keinen nahtlosen Berufseinstieg mehr. In vielen Branchen gehen die Jobangebote – gerade für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger – deutlich zurück, Unternehmen agieren vorsichtiger und stellen selektiver ein. Für Studierende bedeutet das: Die Anforderungen steigen, ebenso wie der Wettbewerbsdruck – und damit auch die Verunsicherung.“