Warum die IT-Strategie neu gedacht werden muss
Digitale Dienste und Konnektivität sind zur unverzichtbaren Grundlage nahezu aller Lebens- und Wirtschaftsbereiche geworden. Das resultierende Datenwachstum sowie deutlich gestiegene Erwartungen von Privat und Geschäftskunden an Qualität, Verfügbarkeit und Individualisierung von Services erhöhen den Druck auf Netze, IT und Betriebsmodelle erheblich.
Gleichzeitig verschärft sich das Marktumfeld durch neue dynamische Kräfte: Globale Technologie- und Plattformanbieter, alternative Infrastrukturanbieter sowie neue digitale Geschäftsmodelle greifen gezielt profitable Teile der Telko-Wertschöpfung ab und verschieben die Kundenschnittstelle. Parallel dazu führen hohe Investitionen in Netzausbau, Cloud-Transformation und neue Technologien bei stagnierenden Umsätzen im Kerngeschäft zu zunehmendem wirtschaftlichem Druck – begleitet von wachsenden regulatorischen Anforderungen im KRITIS-Umfeld.
1. Wettbewerb durch Branchenfremde
Der Wettbewerbsdruck im Telekommunikationsmarkt nimmt deutlich zu. Insbesondere globale Technologiekonzerne investieren massiv in eigene Infrastruktur und verschieben damit etablierte Marktgrenzen. Parallel dazu gewinnen weitere Akteure an Bedeutung. Satellitenanbieter mit großskaligen Satellitenkonstellationen erschließen neue Marktsegmente und verändern die Wettbewerbslogik insbesondere in schwer erschließbaren Regionen. Zudem gewinnen alternative Infrastrukturanbieter (AltNets) Marktanteile im Glasfasermarkt.
Besonders kritisch ist die Entwicklung an der Kundenschnittstelle. Digitale Plattformunternehmen integrieren Telekommunikationsleistungen zunehmend als Bestandteil ihrer eigenen Ökosysteme. So vertreibt das FinTech Revolut seit 2025 in Großbritannien und Deutschland eigene Mobilfunktarife vollständig digital über die eigene App und erweitert damit das Geschäftsmodell über klassische Finanzdienstleistungen hinaus. Solche Plattformmodelle verschieben die Kundenbeziehung zunehmend weg von Telekommunikations- hin zu Drittanbietern. Die Folge: Teile der Wertschöpfung wandern aus dem klassischen Telko-Geschäft ab, Margen geraten unter Druck und die strategischen Differenzierungsmöglichkeiten etablierter Anbieter schrumpfen. Damit wird es für Branchenunternehmen immer schwieriger, ihre Kundenschnittstelle nachhaltig zu schützen und sich gegenüber neuen Wettbewerbern klar zu positionieren.
Diese Entwicklung erhöht den Handlungsdruck auf die IT signifikant und verdeutlicht einen klaren Handlungsauftrag. Die IT muss Architekturen schaffen, die es ermöglichen, im Spannungsfeld von Kooperation und Wettbewerb handlungsfähig zu bleiben: Modulare, offene und skalierbare IT‑Plattformen, standardisierte Schnittstellen sowie ausgeprägte API‑Fähigkeiten werden zur Voraussetzung, um Partner schnell zu integrieren, eigene digitale Kundenerlebnisse zu stärken und Abhängigkeiten von externen Plattformen gezielt zu steuern.
2. Wirtschaftlicher Druck
Parallel zum zunehmenden Wettbewerb stehen Telekommunikationsunternehmen unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Hohe Investitionen in 5G-Ausbau, Glasfaser-Rollouts sowie Cloud-Transformation treffen auf stagnierende Umsätze im klassischen Kerngeschäft. Besonders in Deutschland bleibt die Rendite auf das eingesetzte Kapital angespannt: Zwar verfolgt die Bundesregierung das Ziel eines flächendeckenden Gigabit-Netzes bis 2030, die wirtschaftliche Monetarisierung dieser großvolumigen Infrastrukturprogramme erweist sich jedoch als herausfordernd. Diese hohen Vorabinvestitionen bei gleichzeitig verzögertem Payback verstärken den Margendruck zusätzlich.
Zur Diversifizierung werden zwar zunehmend über das klassische Connectivity-Geschäft hinausgehende Angebote wie Plattform- oder Sicherheitslösungen aufgebaut, diese erzielen jedoch tendenziell geringere Margen als das traditionelle Kerngeschäft. Um langfristig profitabel zu bleiben, ist es daher entscheidend, gleichzeitig die operative Effizienz signifikant zu steigern und neue, skalierbare Erlösquellen jenseits reiner Konnektivität zu erschließen.
3. Regulatorische Komplexität
Die regulatorischen Rahmenbedingungen für Telekommunikationsunternehmen in Deutschland und Europa werden immer anspruchsvoller. Eine hohe Dichte an gesetzlichen Vorgaben sowie erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich zukünftiger Regulierungsentwicklungen erschweren die langfristige Planungs‑ und Investitionssicherheit. Während politische Zielbilder – wie der flächendeckende Ausbau von Gigabit‑Netzen bis 2030 – hohe Erwartungen an die Branche stellen, sind Netzbetreiber gleichzeitig verpflichtet, eine stetig steigende Zahl regulatorischer Anforderungen zu erfüllen. Besonders relevant sind die Einstufung von Telekommunikationsunternehmen als kritische Infrastruktur (KRITIS) und das Telekommunikationsgesetz (TKG). Die daraus resultierenden Anforderungen an Sicherheit, Verfügbarkeit, Datenschutz und Lieferantensteuerung – insbesondere rund um 5G und Cybersecurity – treiben Komplexität und Kosten über den gesamten Lebenszyklus und machen Technologie‑, Architektur‑ und Sourcing‑Entscheidungen deutlich anspruchsvoller.
Die IT übernimmt hier eine Schlüsselrolle: Regulatorische Anforderungen müssen frühzeitig in Architektur‑ und Designprinzipien übersetzt und konsequent „by design“ in Anwendungen und Plattformen verankert werden. Gleichzeitig sind flexible und modulare Architekturen erforderlich, um auf regulatorische Änderungen schnell und ohne kostenintensive Transformationen reagieren zu können.
4. Technologie- und Innovationsdruck
Der technologische Wandel ist für Telekommunikationsunternehmen Chance und Herausforderung zugleich. Zukunftstechnologien wie 5G, FTTx, Cloud, IoT und künstliche Intelligenz (KI) eröffnen neue Umsatzpotenziale, erfordern jedoch erhebliche Vorleistungen in Infrastruktur, IT‑Systemen und Fähigkeiten. Gleichzeitig befinden sich viele Telkos in einer langjährigen Übergangsphase mit Parallelbetrieb von Legacy- und Zieltechnologien. Um Kosten zu senken, Effizienzpotenziale zu heben und Frequenzen für 5G‑ und perspektivisch 6G‑Netze frei zu machen, planen viele Betreiber die schrittweise Abschaltung von Kupfer‑ und 3G‑Netzen bis 2030. Moderne Glasfaser‑ und Mobilfunktechnologien bieten dabei nicht nur höhere Leistungsfähigkeit, sondern auch substanzielle Effizienz‑ und Nachhaltigkeitsvorteile.
Parallel bleibt die Monetarisierung neuer Technologien unsicher. Geschäftsmodelle wie Network as a Service, Edge Computing oder IoT befinden sich vielfach noch in frühen Marktphasen, während Investitionen bereits heute erforderlich sind.
Damit wird die IT zum zentralen Steuerungshebel für Transformations‑ und Investitionsrisiken. Sie muss den Parallelbetrieb konsequent reduzieren und Modernisierung mit klaren Decommissioning‑ und Vereinfachungsstrategien verbinden. Gleichzeitig gilt es, Architekturen so zu gestalten, dass Innovation ermöglicht wird, ohne neue Komplexität und langfristige Kostenstrukturen aufzubauen. Dabei ist es entscheidend, neue Technologien schrittweise, skalierbar und wirtschaftlich belastbar in marktfähige Services zu überführen. Dies erfordert modulare Plattformen, eine flexible Integration und eine klare Priorisierung zwischen experimentellen Initiativen und strategischen Kerninvestitionen.
In dieser neuen Realität muss die IT teils widersprüchliche Anforderungen gleichzeitig erfüllen. Sie soll Kosten senken und die Effizienz steigern, während sie zugleich Innovation ermöglicht, neue Geschäftsmodelle unterstützt und die technologische Basis für Wachstum schafft. Gleichzeitig agiert sie zunehmend als Orchestrator komplexer Ökosysteme und muss Kooperation wie auch Wettbewerb insbesondere im Umgang mit Hyperscalern und Plattformanbietern aktiv steuern.
Klassische IT‑Strategien stoßen damit an ihre Grenzen. Eine inkrementelle Weiterentwicklung reicht nicht mehr aus: Gefordert ist eine ganzheitliche Neuausrichtung von Technologie, Organisation und Führungsmodellen. IT wird damit zum strategischen Hebel für Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und nachhaltigen Wertbeitrag. Hier setzt die neue Agenda der Telko‑CIOs an.